Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen

Index
» Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen
» Letzte Fahrt - Peter Huchel

Letzte Fahrt - Peter Huchel



Mein Vater kam im Weidengrau und schritt hinab zum See, das Haar gebleicht vom kalten Tau, die Hände rauh vom Schnee.
      5 Er schritt vorbei am Grabgebüsch, er nahm den Binsenweg. Hell hinterm Röhricht sprang der Fisch, das Netz hing naß am Steg.

      Sein altes Netz, es hing beschwert, 10 er stieß die Stange ein.
      Der schwarze Kahn, von Nacht geteert, glitt in den See hinein.
      Das Wasser seufzte unterm Kiel, er stakte langsam vor. 15 Ein bleicher Streif vom Himmel fiel weithin durch Schilf und Rohr.
      Die Reuse glänzte unterm Pfahl, der Hecht schlug hart und laut. Der letzte Fang war schwarz und kahl, 20 das Netz zerriß im Kraut.
      Die nasse Stange auf den Knien, die Hand vom Staken wund, er sah die toten Träume ziehn als Fische auf dem Grund.
      25 Er sah hinab an Korb und Schnur, was grau als Wasser schwand, sein Traum und auch sein Leben fuhr durch Binsen hin und Sand.
      Die Algen kamen kühl gerauscht, 30 er sprach dem Wind ein Wort. Der tote Hall, dem niemand lauscht, sagt es noch immerfort.
      Ich lausch dem Hall am Grabgebüsch, der Tote sitzt am Steg. 35 In meiner Kanne springt der Fisch. Ich geh den Binsenweg.
     
Das Gedicht bestätigt die literaturgeschichtliche Einordnung Huchels als reiner Naturlyriker. Die realistisch gezeichnete Natur ist nicht Kulisse für menschliches Tun. Sie ist die Welt, in der der Mensch aufgeht und vergeht. Dabei ist das Tun des Menschen — hier eines Fischers — auf ein Minimum beschränkt, auf einige notwendige Bewegungen , die alle zur Natur hinführen, ohne Kampf, in organischem Ineinanderfließen. Das passive Verhalten des Fischers geht bis zur Resignation . Die dynamischen Verben sind der Natur und ihren Lebensäußerungen zugeordnet. Die Natur prägt auch das Bild des Fischers und seiner Dingwelt: Der Tau bleichte sein Haar, der Schnee rauhte seine Hände, die Nacht teerte den Kahn mit ihrer Schwärze. In vielen Bildern wird die Natur unmittelbar beschworen. Sie ist nicht nur da im See und im Wasser, in Binsen und Röhricht, in Wind, Himmel und Sand. Sie lebt im Fisch, der springt, im Hecht, der schlägt, in den Algen, die kühl anrauschen. Und sie zieht das Menschenwerk in sich hinein. Das Netz, zum Dienste für den Menschen bestimmt, das eben noch naß am Steg gehangen hatte, »zerriß im Kraut«; das Leben versinkt als davonziehender Traum im Wasser. Die Atmosphäre hat etwas Schweres, Undurchsichtiges. Die abwechselnd vierfüßigen und dreifüßigen jambischen Verse bilden fast durchweg eine in sich geschlossene Sinneinheit. Das ergibt einen schwer schleppenden Schritt. Nur dreimal werden die letzten zwei Verse durch Enjambement verbunden. Jedesmal leitet dabei ein Bewegungsverb vom dritten zum vierten Vers über , und jedesmal entsteht eine Impression der Todesnähe . In diesen Versen schwingt der sonst durch die einsilbigen Wörter stak-katohafte Rhythmus in sanften Wellen aus. Das rhythmische Gefüge des Gedichts wird auch durch die Alliterationen gestützt. Der Stabreim gibt den Versen beim Sprechen einen gestauten, schleppenden Rhythmus; er verleiht den Aussagen besonderes Gewicht, setzt schicksalhafte, verhängnisvolle Akzente. Hart wirken auch die durchweg männlichen Reime, sie lassen Unvermeidliches ahnen. Von reicher Fülle aber ist das Spiel der Vokale — reich und voll wie das bunte Leben.
      Der Eindruck des Unwiderruflichen, Bündigen, fast dämonisch Zwingenden der Sprachkultur wird bestätigt durch den Wortschatz. Das Todesmotiv klingt früh an. Das Weidengrau des ersten Verses koppelt den Begriff des Morgengrauens mit dem des im Dämmerlicht unheimlich wirkenden Weidenbaumes . Er tritt später zweimal als »Grabgebüsch« auf. Das gebleichte Haar, der schwarze Kahn, das Wasser, das unterm Kiel seufzt, der bleiche Streif, der letzte Fang, der »schwarz und kahl« war, führen stufenweise hin zum erwarteten Wort »tot«, das abgewandelt nunmehr dreimal ausgesprochen wird bis zum bündigen Nomen »der Tote« in der letzten Strophe. Das Verrinnen des Lebens wird immer wieder bildhaft deutlich im Rinnen und Gleiten von Naturerscheinungen und Dingen. Der schwarze Kahn »glittin den See hinein«, der Alte sah seine »Träume ziehn als Fische auf dem Grund«, Träume und Leben fuhren hin. Das Flüchtige, Bewegte wird durch Wiederholung intensiviert , ebenso das Unsichere, Trügerische . In diese Welt ist der Mensch eingeordnet. Sein alltägliches Tun wird zum Sinnbild des Vergehens. Die vertrauten Weiden erscheinen als Grabgebüsch, als Totenbäume. Das Wasser seufzt unter dem Kiel, der Himmel wirkt als bleicher Streif. Der kapitale Fang — ein Hecht — »war schwarz und kahl« in der hell glänzenden Reuse, »schlug hart und laut« gegen das Schicksal an und entkam, weil das Netz am Kraut zerriß. Das ist Vorbedeutung. Der müde Fischer sieht mit dem Fang gleichnishaft seine Träume und sein Leben verrinnen. Korb und Schnur, das Vertraute, Sichere, das ihm den Lebensunterhalt gab, werden wesenlos und schwinden »grau als Wasser«. Was er als letztes zu sagen hatte, trug der Wind fort; der sagt es noch heute im sinnlos gewordenen »toten Hall, dem niemand lauscht«. Der Mensch gibt sich auch geistig der Natur hin, scheint im Wesenlosen zu vergehen, unbeweint, unbelauscht.
      Und doch lauscht jemand. In diesem Rollengedicht spricht der Sohn des Fischers! Er erzählt — in der Erzählzeit — von seinem Vater, der für ihn nicht tot ist, sondern als Teil der Natur lebt. Er hört ihn im »Hall am Grabgebüsch«, er sieht ihn im Geist am Steg sitzen, er geht denselben Weg, er erlebt — wie der Vater — das Springen der Fische. Das alles ist gegenwärtig, in der Gegenwart berichtet. Es ist zeitlos und immer gültig, das Präsens in der zweiten Hälfte der vorletzten Strophe zeigt es ebenso wie der gleiche Weg von Vater und Sohn. Und doch ist ein Unterschied zwischen dem Erzählbericht und seinem Rahmen. In der zweiten Strophe sprang der Fisch hinterm Röhricht, in die lebendige Natur eingeordnet, dem Zugriff des Menschen entzogen. Das adverbial gebrauchte Adjektiv »hell« trägt — entgegen dem jambischen Versmaß â€” den Ton, wie später auch die in der metrischen Senkung stehenden Wörter »glitt« und »weithin«. Darin liegt etwas Lockendes, wie Glockenklang, der den Wegmüden heimruft. Die Natur dient dem Fischer nicht mehr, sie fordert sein Wesen. Anders in der letzten Strophe. Der Sohn hat den Fisch gefangen, der springt jetzt in seiner Kanne. Noch dient die Natur dem Menschen, noch ruft sie nicht zur Heimkehr. Aber auch in dieser Wiederholung des Bildes zeigt sich der ewige Kreislauf des Stirb und Werde.
      Das Gedicht erzählt von einer heilen Welt, in der der Mensch nach harter Arbeit zur letzten Fahrt abgerufen wird. Aber sein Werk geht weiter, sein Tun findet einen Nachfolger. Heil wie der Lebensrhythmus ist auch die Form des Gedichts mit ihren regelmäßig wechselnden Verslängen, intakt ist auch der Reim, der, ohne banal zu wirken, durchaus der Alltagssprache entnommen ist. Von einer intakten Welt kündet auch das Wissen von der organischen Ganzheit der Natur, in der der Mensch schließlich aufgeht.
      Das Gedicht erzählt im tradierten Balladenton, fern jeder Artistik, ohne jede Ãœbersteigerung und ohne Naturschwärmerei in sachlich kühler Weise von der letzten Fahrt, die der Fischer mit seinem Kahn zur Fangstelle zurücklegt und dieauch seine letzte Lebensfahrt ist. Konzentrisch führt die Atmosphäre des Gedichts auf die Mitte und Wende hin , die zugleich das Ende dieses müde und unergiebig gewordenen Lebens ankündigt. Wie ein Schleier legt es sich allmählich über diesen verbrauchten Mann . Die Farbwerte verdüstern und erhellen sich in wechselnden Schüben . So zieht sich der Schleier der Nacht, des Todes über das Leben. Das letzte Wort »Binsenweg« aber ist ein neuer Anfang, ist neue Arbeit und, in der Verbindung mit dem toten Vater, ein Sich-Einfügen in den ewigen Kreislauf des Lebens.
      Man muß diese Ballade vom erfüllten Leben laut lesen. Dann enthüllt sie ihre Schönheit. Dann klingen die reichen Vokale, schwingen die einsilbigen Wörter und fügen sich die spröden Reime zu einem sprachlich verdichteten und seelisch vertieften Lied von der Einheit von Mensch und Natur.
     

 Tags:
Letzte  Fahrt  -  Peter  Huchel    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com