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Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen

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Kriegslied - Matthias Claudius



's ist Krieg! 's ist Krieg! O Gottes Engel wehre,

Und rede Du darein!
's ist leider Krieg - und ich begehre

Nicht schuld daran zu sein!
5 Was sollt' ich machen, wenn im Schlaf mit Grämen Und blutig, bleich und blaß, Die Geister der Erschlagnen zu mir kämen, Und vor mir weinten, was?

Wenn wackre Männer, die sich Ehre suchten, 10 Verstümmelt und halb tot
Im Staub sich vor mir wälzten und mir fluchten In ihrer Todesnot?
Wenn tausend tausend Väter, Mütter, Bräute, So glücklich vor dem Krieg, 15 Nun alle elend, alle arme Leute, Wehklagten über mich?
Wenn Hunger, böse Seuch' und ihre Nöten Freund, Freund und Feind ins Grab Versammleten, und mir zu Ehren krähten 20 Von einer Leich' herab?

Was hülf mir Krön' und Land und Gold und Ehre?
Die könnten mich nicht freun!
's ist leider Krieg - und ich begehre

Nicht schuld daran zu sein!
Matthias Claudius' Kriegslied glorifiziert den Krieg nicht. Es stellt ihn so dar, wieer wirklich ist: blutig, grausam und leidvoll.
      Die Sprache ist nüchtern und unpathetisch. Uns begegnen Wendungen, die an die

Alltagssprache erinnernjedoch nicht abgegriffen wirken .
      Der Zusammenhang, in dem sie erscheinen, gibt ihnen wieder ihre urprüngliche
Aussagekraft. Die Wendung »'s ist leider Krieg« zum Beispiel empfinden wir nichtals Floskel unverbindlichen Bedauerns. Sie ist Ausdruck echter Bekümmertheit und
Seelennot.
      Der im Gedicht Sprechende fragt, welche Entscheidung sein Gewissen im Krieg vonihm fordere. Ihm geht es nicht darum, den Krieg als politisches Mittel zu verteidigenoder zu kritisieren. Es geht ihm vielmehr um das Heil der eigenen Seele in einer

Situation, in der vom Menschen verlangt wird, den Menschen zu töten. Mit seiner Aussage »ich begehre nicht schuld daran zu sein« gibt er eine eindeutige Antwort. Dieser Satz steht am Schluß der beiden Randstrophen . Er bezieht sich auf den vorausgehenden Ausruf »'s ist leider Krieg«, dessen schmerzvoll-klagende Geste um so eindringlicher wirkt, als in ihm der Ausruf »'s ist Krieg! 's ist Krieg!« am Anfang des Gedichtes wiederholt und durch ein Adverb erweitert wird. Was in der ersten Strophe und in der zweiten Hälfte der letzten Strophe unmittelbar ausgedrückt wird, vermitteln die Strophen 2 — 5 mit der bildhaften Darstellung einer brutalen Kriegswirklichkeit. Die Verse in diesen Strophen bilden ein einziges Satzgefüge mit vier Nebensätzen, die, alle durch ein konditionales »Wenn« eingeleitet, von der Frage »Was sollt ich machen« abhängig sind. Gleichartig wie die Form der Nebensätze ist auch ihr Inhalt. Ohnmächtig kreisen die Gedanken um die gleiche Frage, und jedes »Wenn« ist nur der Auftakt zu einem neuen Schreckensbild des Krieges, der in der Metapher der vierten Strophe zur grausigen Vision verdichtet wird. In den Strophen 2 — 5 ist nacheinander die Rede von »Erschlagenen«, »wackren Männern«, von »Vätern, Müttern, Bräuten« und schließlich von »Freund und Feind«. Das durch den Krieg verursachte Unglück dieser Menschen demaskiert die Hohlheit der Begriffe, um deret-willen üblicherweise Krieg geführt wird: »Krön und Land und Gold und Ehre« . Sie, die Güter der Welt, helfen — dem Gedicht zufolge — dem Menschen nicht, wenn er sein Heil verliert. Das Bibelwort Markus 8, 36 klingt an: »Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme an seiner Seele Schaden?« Die Gewissensentscheidung des einzelnen bewahrt zwar ihn vor der Schuld, nicht aber die Welt vor dem Krieg. Das kann nur Gott tun. an dessen Engel sich die Bitte in den Versen 1 und 2 wendet.
     

 Tags:
Kriegslied  -  Matthias  Claudius    





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