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Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen

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Juni - Marie Luise Kaschnitz



Schön wie niemals sah ich jüngst die Erde. Einer Insel gleich trieb sie im Winde. Prangend trug sie durch den reinen Himmel Ihrer Jugend wunderbaren Glanz.
      5 Funkelnd lagen ihre blauen Seen, Ihre Ströme zwischen Wiesenufern. Rauschen ging durch ihre lichten Wälder, Große Vögel folgten ihrem Flug.
      Voll von jungen Tieren war die Erde. 10 Fohlen jagten auf den grellen Weiden, Vögel reckten schreiend sich im Neste, Gurrend rührte sich im Schilf die Brut.
      Bei den roten Häusern im Holunder Trieben Kinder lärmend ihre Kreisel. 15 Singend flochten sie auf gelben Wiesen Ketten sich aus Halm und Löwenzahn.
      Unaufhörlich neigten sich die grünen Jungen Felder in des Windes Atem, Drehten sich der Mühlen schwere Flügel, 20 Neigten sich die Segel auf dem Haff.
      Unaufhörlich trieb die junge Erde Durch das siebenfache Licht des Himmels. Flüchtig nur wie einer Wolke Schatten Lag auf ihrem Angesicht die Nacht.
      Das Gedicht reiht seine Aussagen und schließt sie in den Strophen zu Einheitenzusammen.
      Thema: Die Welt des Sommers; die schöne, die ungetrübte Welt.
      Aufbau: sehr ausgewogen. I und VI rahmen das Gedicht ; II und V entsprechen sich ebenfalls: das Landschaftsbild . Die Mitte gehört den Lebewesen, den jungen Tierenund den Kindern.
      Anfangs- und Schlußstrophe setzen das Thema und geben eine Schau aus einergroßen Weite. I bleibt in Zeile 2 schwer deutbar, ist aber von VI 1/2 her zu erklären:
In einem großen kosmischen Bild klingt das Gedicht aus; von diesem Schluß herläßt sich auch I 2 schon als die Bewegung des Gestirns Erde verstehen.

     
In I: Vergleich der sommerlichen Erde mit dem Bild einer Insel, die in Wasser und Wind zu treiben scheint und die dem Sommerhimmel ihr frisches Wachstum darbietet.
      In VI 1/2 ist kein Vergleich mehr gesetzt. Die Erde mit ihrer sommerlichen Kraft, »dahintreibend« durch das siebenfache Licht des Himmels, wird als Gestirn empfunden. Der Eindruck verstärkt sich noch durch VI 3/4: Schnell und leicht wie der Schatten einer Wolke vergeht der sich drehenden Erde die sommerliche Nacht. Dies Moment des Dunkels ist nur leise angedeutet. I und VI nehmen also den Blick aus der Weite und erfassen die Erde als Insel im Weltall, in der Bewegung ihres Flugs. II—V dagegen sehen ganz aus der Nähe; kleinste Einzelheiten dieser großen Lebenseinheit werden sichtbar und bedeutend.
Klangbild: Ständig volle, starke Trochäen-Einsätze; schwere, gleichbleibende Fünf-hebigkeit . In der 4. Verszeile immer stumpfer männlicher Versausgang . Trotz dieser Elemente der Schwere hat das Gedicht Glanz und sogar eine gewisse Anmut, die es aus der Musikalität des streng durchgehaltenen, dem Metrum sich anschmiegenden alternierenden Rhythmus gewinnt. In vielen Zeilen klangvolles Spiel mit wechselnden Vokalfolgen in den Tonsilben.
      Die Satzführung unterliegt nicht dem Aufbaugesetz der Symmetrie, das die Strophenanordnung zeigt, sondern dem der Steigerung. In I —III entsprechen sich Kurzsätze und Verszeilen. Mit Ausnahme des herausgehobenen Satzes I 3/4, der das Thema des Gedichts setzt, eine Reihung von einfach gebauten parallel liegenden Sätzen . — In IV und VI schwingen die Sätze weiter aus . In V geht ein ganzer Satz durch alle vier Zeilen der Strophe; drei Prädikate stehen parallel zueinander , was dieser Strophe eine tänzerische Bewegtheit gibt.
      Wortbestand: Das Gedicht gestaltet eine helle, leuchtende, junge, frische Welt . Das Schlüsselwort Schön ist das erste Wort der 1. Zeile. Wenige, oft recht allgemeine, aber helle Attribute: blauen Seen, lichten Wälder, großer Vögeljungen Tieren, grellen Weiden, roten Häusern, gelben Wiesen, grünen, jungen Felder.
      Verschiedene Stufen der Bewegung gehen in die Sprache ein: Funkelnd lagen ihre blauen Seen .. . Rauschen ging durch ihre lichten Wälder... Fohlen jagten .. . Vögel reckten sich . .., rührte sich die Brut... In V: neigten ... drehten . .. neigten, wodurch eine starke Bindung zwischen den Strophen V und VI entsteht. Die kleinen Bewegungen auf der Erde und die großen der Erde selbst entsprechen einander. Im ganzen Text ist das Verhältnis von Substantiven und Verben sehr ausgewogen: Dinge und Bewegungen sind gleichmäßig stark in die Sprachgestalt des Gedichts eingewoben.
     

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