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Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen

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Im Nebel - Hermann Hesse



Seltsam, im Nebel zu wandern! Einsam ist jeder Busch und Stein, Kein Baum sieht den andern, Jeder ist allein.
      5 Voll von Freunden war mir die Welt, Als noch mein Leben licht war; Nun, da der Nebel fällt, Ist keiner mehr sichtbar.
      Wahrlich, keiner ist weise, 10 Der nicht das Dunkel kennt, Das unentrinnbar und leise Von allen ihn trennt.

      Seltsam, im Nebel zu wandern! Leben ist Einsamsein. 15 Kein Mensch kennt den andern, Jeder ist allein.
      Hermann Hesse hat mehr als die Hälfte seines Lebens in selbstgewählter Zurückgezogenheit verbracht . Hesse gelangte im Laufe seines Lebens immer stärker zu der Ãœberzeugung, daß es um das Vernehmen der menschlichen Eigen- und Innenwelt gehe. Besonders eindringlich zeigt das seine Lyrik.
      Dem Schlüsselwort »Nebel« hat unser Hauptaugenmerk zu gelten. Es schwankt zwischen dem üblichen Begriff, der für die bekannte Naturerscheinung gilt, und einem »Dunkel« von hauptsächlich psychischem Inhalt. Ein Naturbild dient einleitend dem Verständnis menschlichen Seins: Dieses wird gegensätzlich gesehen mit übrigens bedeutsamer innerer Umkehrung, so daß die beiden äußeren Verse zugleich die Vereinsamung heraufbeschwören bzw. feststellen . Zur vollen Verwirklichung menschlichen Seins gehört aber offenbar solches Verlieren der »Freunde«, solche notwendige Entfernung auch des Ichs von ihnen, denn:
»Wahrlich, keiner ist weise, Der nicht das Dunkel kennt,. . .«
So wird deutlicher, daß sinnendes Erkennen tiefster Wahrheiten nur möglich ist in eben diesem »Dunkel«. »Nebel« würde so zur Voraussetzung für »Licht«, die äußere »Finsternis« Bedingung für das Aufleuchten der eigenen Erkenntnis . Nun erst kann ganz sinnvoll behauptet werden:
»Leben ist Einsamsein.«

Dieses »Einsamsein« hat nichts mehr mit jenem »Einsam« aus der 1. Strophe gemein: Jenes war Teil eines vorausklärenden Naturbildes, weder notwendig noch überflüssig, einfach so; dieses »ist« Wesensmerkmal des auch und gerade geistig zu sich selbst kommenden Menschen, des Lebens aus dem, durch den und im Geist - freilich um den hohen Preis eines Verlustes äußerer wie innerer »Gemeinschaft«:

»Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.« Auffällig sind die Parallelen zwischen Strophe 1 und 4 — freilich solche, deren jeweils zweite Linie wesentlich vertieften Sinn erhält: »Nebel« wird beim zweiten Male zur Metapher für »Einsamkeit«; »Busch und Stein« werden zu menschlichem, also letztlich geistigem, »Leben«; »Baum« wird zu »Mensch«; »allein« wird zu Für-sich-sein-Müssen, nämlich um der Selbstverwirklichung willen. — Vergleicht man einmal das Verhältnis von Syntax und Vers, ergeben sich für die Strophen 1 und 4 wiederum Gemeinsamkeiten: Es herrscht jeweils die Parataxe, ein Satz füllt einen Vers. Umgekehrt überwiegt in den beiden inneren Strophen die Hypotaxe. Sie zeigt das Hindurchmüssen an: von der »Gemeinschaft« durch den »Nebel« und durchs »Dunkel« — das aber eben gerade persönliche Klarheit bringt. Erst auf einer viel höheren als der Naturebene, der des Geistes, wird es wieder »licht« — wenngleich »einsam«. — Der Kreuzreim unterstreicht abermals das Hin zu sich selbst. In Verbindung mit Versverkürzung und Wiederholung wird das Ziel endgültig deutlich: Einsamkeit um der Weisheit willen.
     

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