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Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen

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Hoffnung - Friedrich Schüler



Es reden und träumen die Menschen viel

Von bessern künftigen Tagen,
Nach einem glücklichen goldenen Ziel

Sieht man sie rennen und jagen.
      Die Welt wird alt und wird wieder jung,

Doch der Mensch hofft immer Verbesserung.
      Die Hoffnung führt ihn ins Leben ein,

Sie umflattert den fröhlichen Knaben,
Den Jüngling locket ihr Zauberschein,

Sie wird mit dem Greis nicht begraben,

   Denn beschließt er im Grabe den müden Lauf,
Noch am Grabe pflanzt er - die Hoffnung auf.
      Es ist kein leerer schmeichelnder Wahn,
Erzeugt im Gehirne des Toren,

Im Herzen kündet es laut sich an:

   Zu was Besserm sind wir geboren!
Und was die innere Stimme spricht,

Das täuscht die hoffende Seele nicht.
      Schillers Lehrgedicht beginnt als Kritik und endet als Rechtfertigung menschlichen Hoffens. Die Hoffnung hat eine bedenkliche Ã"hnlichkeit mit Illusion und Wirklichkeitsflucht. Sie lähmt die Tatkraft, denn die Menschen »reden und träumen« nur von besseren Tagen. Sie verleitet zur Unbesonnenheit, denn die Menschen »rennen und jagen« nach dem Glück. Sie gebärdet sich als Verführerin, denn sie »umflattert und lockt«. Ihr »Zauberschein« wirkt substanzlos, ihr Ziel allzu erdenschwer, wenn wir das Attribut »golden«, das an das goldene Zeitalter erinnert, auch wörtlich verstehen dürfen. In so fragwürdiger Gestalt erscheint die Hoffnung in den beiden ersten Strophen. Genauer: in den kreuzweise gereimten, abwechselnd vier- und dreihebigen Versen 1 bis 4 und 7 bis 10. Die jeweils strophenabschließenden vierhebigen Verspaare formulieren den Wiederspruch zwischen dem Erwünschten und dem Erreichbaren: dem Gedanken einer gradlinigen Weltverbesserung widerspricht der zyklische Weltlauf ; und wei 1 diese Welt unsere Hoffnung nicht erfüllt, vertrösten wir uns auf die jenseitige .
      Die dritte Strophe, metrisch und in der Reimanordnung den vorhergehenden gleich, bringt die Wende in der Gedankenführung. Vom Sterben ist nicht mehr die Rede. »Zu was Besserm sind wir geboren!« Aber wir selbst sind dazu bestimmt, nicht die Welt; von uns, nicht von den Umständen hängt die Verbesserung ab. Statt des »wir«,das den Sprechenden und die Hörenden einschließt, an jeden einzelnen von uns appelliert, stehen in den vorhergehenden Strophen distanzierende Ausdrücke, die nur unsere Fähigkeit zu kritischer Beobachtung voraussetzen: die Menschen, der Mensch, der Knabe, der Jüngling, der Greis. Zur Menschennatur, zu dieser Natur überhaupt wie zu ihren Besonderungen je nach Lebenslage und Lebensalter, gehört die Neigung, sich falsche Hoffnungen zu machen, vom glücklichen Zufall das Glück zu erwarten. Aber das falsche ist nur eine korrumpierte Form des rechten Hoffens, und wie eine Idee auch noch in ihrer verzerrten Verwirklichung spürbar bleibt, so die Hoffnung, die kein Wahn ist, in ihren wahnhaften Entstellungen. Deshalb die schonende Form der Kritik, die eher andeutet als ausspricht und an keiner Stelle schroff verurteilt. Nicht Kritik, sondern Rechtfertigung ist die Absicht des Gedichtes. Als gerechtfertigt preist es unsere Hoffnung auf Selbstvervollkommnung. Im Innersten unseres Wesens, »im Herzen«, kündigt diese Hoffnung sich an, durchaus nicht im Lauf der Welt. Als »innere Stimme«, dem Gewissen verwandt, nicht der Illusion, erinnert sie uns daran, daß die unzulängliche menschliche Wirklichkeit nicht identisch ist mit unserer noch immer unerfüllten menschlichen Bestimmung.
     

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