Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen

Index
» Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen
» Herbsttag - Rainer Maria Rilke

Herbsttag - Rainer Maria Rilke



Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, und auf den Fluren laß die Winde los.
      Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;gib ihnen noch zwei südlichere Tage, dränge sie zur Vollendung hin und jagedie letzte Süße in den schweren Wein.

      Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben

   und wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.
      Leitfragen: Wie sieht und erlebt Rilke den Herbst? Welchen Sinn hat die Einteilung der Strophen? Wie erscheint das Verhältnis Welt — Mensch? Rhythmus. I und II: ruhiges, fast gebethaft-feierliches Schreiten der fünfhebigen Jamben. Kraftvoll gespannte Tonbogen, die meist mit der Verszeile zusammenfallen. Der versetzte Akzent bzw. die schwebende Betonung in I 1/2, II 2/3 verstärkt den beschwörend-bittenden Ton. III: Bei gleichem Metrum*völlig veränderter Ton: langsam, zögernd, besinnlich, fast ängstlich. 3: abruptes Sprechen; 4: Unruhe , rascher, resigniert fallender Schluß. Ergebnis: zwei verschiedene Bewegungsabläufe, die auf zwei wesenhaft verschiedene Weisen des Sehens und Erlebens schließen lassen. Welche? I/II: Ein Herbsttag gibt Anlaß zu einer gebethaften Bitte: Wunsch der natürlichen Vollendung im Sinne der Schöpfungsordnung. Das Naturgeschehen ist »in der Ordnung« und soll sich der Ordnung gemäß vollziehen . Einverständnis mit dem zeitlichen Ablauf. Zeit als zentraler Begriff. Herbst als Gegenwart, eingespannt zwischen Präteritum und Futur . Zeit als göttliches Gebot, zugleich als natürliches Gesetz. III: Blick auf den Menschen. Nicht Ordnung und Vollendung, sondern mögliche Heimatlosigkeit und Einsamkeit. Man spürt die innere Unruhe ; man spürt hinter dem unpersönlichen Wer und den Wiederholungen den ganz persönlichen Bezug: Hier spricht der einsame, heimatlose Mensch. Herbsttag heißt nicht: zeitlicher Ablauf eines herbstlichen Tages; auch nicht: Beschwörung eines heiter-verklärten Bildes , vielmehr: ein Herbsttag als Anlaß zu spannungsreichem Erleben. Herbst als ein dem göttlichen Ordnungsplan entsprechender zeitlicher Ablauf im Hinblick auf die menschliche Existenz . Dualismus Welt — Mensch. Sinnbilder solcher Gegensätzlichkeit: die Sonnenuhren — die treibenden Blätter [...]. K. Wolffu. a.
     

 Tags:
Herbsttag    -  Rainer  Maria  Rilke    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com