Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt

Referat Projekt, Charakterisierung, Interpretation, Papier, Essay
Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen

Index
» Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen
» Herbstbild - Friedrich Hebbel

Herbstbild - Friedrich Hebbel



Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah! Die Luft ist still, als atmete man kaum, Und dennoch fallen raschelnd, fern und nah, Die schönsten Früchte ab von jedem Baum.
      O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dies ist die Lese, die sie selber hält, Denn heute löst sich von den Zweigen nur, Was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.
      Dies ist ein hochberühmtes Herbstgedicht unserer Literatur. Vielleicht ist es das berühmteste. Der erste Vers darf geradezu beanspruchen, sprichwörtlich oder geflügelt zu sein, was nun im Bereich der absoluten Lyrik durchaus zu den Ausnahmen rechnet.
      Es fällt auf, beim Lesen oder Wiederlesen, wie dieses Gedicht für seinen Ruhm eher bescheidene denn auffällige Voraussetzungen mitbringt: ganze zwei Strophen zu jeweils vier Versen, Kreuzreim, keine prunkenden Metaphern und keine ausufernd dargetane Schicksalhaftigkeit, die sich zu Zitaten plündern läßt. Beschrieben ist auch nicht die Totalität der vorgegebenen Jahreszeit. Beschrieben ist ein einziger und winziger Augenblick.
      Es ist jener eines Umschlags. Gezeigt werden soll der zeitliche Schnittpunkt zwischen dem Ende des Wachstums und dem Anfang der Vergänglichkeit. Gezeigt werden soll er an einem Vorgang, mit welchem jeder vertraut ist, der schon einmal in einem herbstlichen Obstgarten gestanden hat. Ein paar Früchte brechen unvermutet aus den Zweigen. Sie fahren geräuschvoll durchs Laub und schlagen auf. Die Sonne streut jene letzte und melancholische Wärme aus, die dem Einbruch von Nebel und November vorangeht.
      Der Vorgang ist derart einfach, daß er fast banal anmuten könnte. Die Einfachheit der Form scheint dem auch zu entsprechen, aber jedenfalls dieser Eindruck ist falsch. Denn die, auf den ersten Blick, Lied-Gestalt der zwei vierzeiligen Strophen wird deutlich unterlaufen. Herkömmlich gemacht, will sagen im Geschmack der auslaufenden Eichendorff-Romantik, hätten die Verse nämlich bloß jeweils vier Hebungen, und bei den Reimen würden weibliche und männliche Kadenzen miteinander wechseln.
      Es ist aber hier der Vers der fünffüßige Jambus, und das ist der seit Shakespeare und den Weimarer Klassikern geheiligte Vers der großen szenischen Bedeutsamkeit. Die Reime sind durchweg männliche, was eine eingeübte Erwartungshaltung in Sachen Rhythmik irritieren muß. Dafür stellt sich ein beinahe priesterlicher Ton ein. Mit einem Wort wie »Feier«, mit den beiden gebieterischen Mitteilungen, jeweils eine am Anfang einer Strophe, wird er auch bedient.
     
Das Gedicht steckt voller kleiner, feiner Bezüglichkeiten. In der ersten Strophe ist dem Eindruck, es werde nicht geatmet, mit dem Geräusch des Rascheins widersprochen; raschelnder Atem ist fast schon röchelnder Atem, er ist jedenfalls kein gesundes Geräusch und in einem Zeitalter, da die Lungenschwindsucht eine Volksseuche war, auch kein ungewohntes Geräusch.
      Die zweite Strophe spielt dann mit den Worten »lesen« und »lösen« so eindringlich, daß man an deren klanglicher Ã"hnlichkeit schwerlich vorbeikommt. Ernten, wofür hier Lese steht, ist Ablösen und Fortnehmen. Es ist eine Handlung, zielgerichtet auf Entblößen und Verlust. Auch das Wort Verlust gehört in den Zirkel der Worte »lesen« und »lösen« und klingt in ihnen heimlich mit.
      Wir wissen, wann und wo das Gedicht geschrieben wurde: Oktober 1852 in Wien. Der Verfasser stand damals im neununddreißigsten Jahr; er war nicht mehr jung, wie er noch nicht alt war. Der Schauplatz Wien aber lieferte nicht nur die äußerliche Topographie, jene der in Ãoberfülle schwelgenden Gärten und Weinhänge. Sie stellte auch eine zweihundertjährige Einübung auf das barocke Thema der Vergänglichkeit, mit unübersehbaren und mühelos zitierbaren Zeugnissen. Der vom Dichter beschriebene Augenblick ist der des österreichischen Barock. Es gibt keinen anderen. Das Gedicht hält ihn fest mit einer Gebärde aus gänzlich barockem Geist: heitere Festlichkeit, die bloß inszenierter Vorwand ist für Fatalität und Trauer.
     

 Tags:
Herbstbild  -  Friedrich  Hebbel    

. Das höfische gesellschaftsideal
. Die abwesenheit der kindheit
. Sturm und drang (1770-1785)
. Kontextualisierung von literatur
. Ideologie und theorie
. Horst ehbauer unterrichtsversuch an einer kleinstadtschule

 

 

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com