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Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen

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Gebet - Eduard Mörike



Herr! schicke, was du willt, Ein Liebes oder Leides; Ich bin vergnügt, daß beides Aus deinen Händen quillt.
      5 Wollest mit Freuden Und wollest mit Leiden Mich nicht überschütten! Doch in der Mitten Liegt holdes Bescheiden.
      Literarische Analyse:
Das Gedicht gehört in den Bereich der Gedankenlyrik. Abgesehen von

V.

4 finden sich keine Bilder und Symbole. Die Aussage scheint schlicht und direkt, der liturgischen Form des »Gebets« entsprechend, gebrochen freilich durch die lyrische, nicht rein gedankliche Struktur. In 9 lyrisch durchgeformten Versen wird eine Bitte vorgetragen, wobei auf den ersten Blick die 2. Strophe das in der 1. Strophe Ausgesagte lediglich zu paraphrasieren scheint: »Liebes« und »Freuden« , bzw. »Leides« und »Leiden« meinen offensichtlich dasselbe. — Dennoch ist ein bezeichnender Unterschied festzustellen. Die /. Strophe bezeugt Einverständnis mit dem Willen Gottes, wobei die Einfachheit der Formulierung die Schwierigkeit dieses »Vergnügt«-seins fast vergessen läßt. Durch subtile Formmittel freilich wird diese Schwierigkeit unterschwellig spürbar. »Leides« ist nachgestellt, steht betont am Versende, ist Reimwort — allein dadurch ist ausgedrückt, daß keine freudige, sondern leidvolle Erfahrung dem »Gebet« zugrundeliegt. Das Wort »vergnügt« aber hat gerade dann, wenn auf das Leiden der Akzent fällt, etwas leise Unwirkliches, fast Euphorisches — es klingt, als spräche es einer, der so sehr Schmerzen leidet, daß er sie nicht mehr empfindet und das Schmerz-mit dem Glücksgefühl verwechselt. Das archaische »willt« in

V.

1 ist nicht nur durch die Rücksicht auf den reinen Reim zu

V.

4 zu erklären: es klingt, als stimmte der Sprechende in uralte Gebetsformeln ein oder als spräche er so leise, daß im Murmeln die präzise Wortgestalt sich verwischt — jedenfalls nicht mit seiner natürlichen Stimme. Dennoch ist der Entschluß, das Leiden aus den Händen Gottes anzunehmen, für die 1. Strophe bestimmend. In

V.

1 wird der »Herr« angeredet, und in

V.

4 wendet die Aussage auf ihn sich zurück; beide Verse sind durch den umarmenden Reim miteinander verbunden. — Erst in der 2. Strophe treten die unterschwelligen Spannungen der 1. Strophe offener hervor. In deutlichem Rückbezug auf die 1. Strophe formuliert die 2. Strophe eine Bitte. Diese modifiziert die in der 1. Strophe getroffene Feststellung insofern, als die Furcht vor einem Zuviel spürbar wird. Die Bitte zielt auf die ausgewogene »Mitte« , d. h. auf das erträgliche Maß: Dann wird dem Sprechenden das »holde Bescheiden« möglich sein. Die irreguläre Fünfzeiligkeit der 2. Strophe wirkt gegenüber dem Vierzeiler der 1. Strophe unruhig, fast aufbegehrend. Der eingeschobene 6. Vers überblendet dabei gewissermaßen

V.

5; abermals fällt dadurch der Akzent auf »Leiden«. Der erste, 3zeilige, eben dad urch zart-eruptive Teil der Strophe endet mit dem Wunsch:»... nicht überschütten!«; der zweite, 2zeilige, sozusagen einlenkende Teil der Strophe mit der Möglichkeit des »holden Bescheidens«, wenn der »Herr« in der Zuteilung zumal der Leiden die erträgliche »Mitte« einhält. Das Gedicht ist mehr als die Verifizierung eines religiösen »Gebets«: nicht betet einfach der Dichter, sondern das lyrische Ich drückt die Erfahrung dessen aus. der betet — alles Leiden, allen leisen Zweifel, alle durchbrechenden Wünsche eingeschlossen.
      Didaktische Hinweise: Der Lehrer wird sich zu entscheiden haben, ob er Mörikes Gedicht, dem Wortlaut folgend, als direkte religiöse Aussage den Schülern nahebringen oder ob er gerade die Brechungen, die das »Gebet« durch die lyrische Form erfährt, erkennbar machen will. Für die zweite Möglichkeit spricht, daß manche Schüler dem Titel »Gebet« und der direkten relidiösen Aussage einen gewissen Widerstand entgegensetzen werden. Dann muß den Schülern die Grunderfahrung des Gedichts vermittelt werden: die Erfahrung großen Leidens, das aus den Händen Gottes anzunehmen der Sprechende sich durchringt — im Unterschied zur Erfahrung dessen, der mit seinem Schicksal zufrieden ist. — Der Wechsel von freudiger und leidvoller Erfahrung ist den Schülern vertraut: hier liegt für sie der Ansatzpunkt zum Verstehen.
      Methodische Vorschläge: Um unaufdringlich die Brechungen, welche das einfache »Gebet« durch die lyrische Form erfährt — und damit den eigentlichen »Ton« des Gedichts — erfahrbar zu machen, empfiehlt sich die Methode des Erlesens. Dabei werden auffällig: der unterschiedliche Charakter der beiden Strophen ; der Akzent, der auf »Leides« bzw. »Leiden« fallt ; die Tatsache, daß das »vergnügt« gerade nicht vergnügt, sondern sehr leise, fast ausdruckslos zu sprechen ist. Das »willt« in

V.

1 kann damit erläutert werden, daß diese Form in sehr alten Gebeten vorkommt: der Dichter nimmt also bei einem alten Gebet seine Zuflucht. Der Erklärung bedarf vielleicht das Wort »Bescheiden« in

V.

9 . — Nach diesen durch das Erlesen gewonnenen Einsichten werden die Schüler die Erfahrung und die Haltung des Sprechenden in diesem Gedicht benennen können. — Evtl. könnte die Komposition von Hugo Wolf herangezogen werden, die den »Ton« des Gedichts genau trifft.
     

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