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Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen

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Frische Fahrt - Joseph von Eichendorff



Laue Luft kommt blau geflossen, Frühling, Frühling soll es sein! Waldwärts Hörnerklang geschossen, Mut'ger Augen lichter Schein; 5 Und das Wirren bunt und bunter Wird ein magisch wilder Fluß, In die schöne Welt hinunter Lockt dich dieses Stromes Gruß.
      Und ich mag mich nicht bewahren! 10 Weit von euch treibt mich der Wind,
Auf dem Strome will ich fahren,

Von dem Glänze selig blind!
Tausend Stimmen lockend schlagen,
Hoch Aurora flammend weht, 15 Fahre zu! ich mag nicht fragen,
Wo die Fahrt zu Ende geht!
Eichendorffs Gedicht, das seine Gedichtsammlung von 1837 eröffnet, ist eigentlich ein Rollengedicht und will denn auch zunächst einmal so gelesen werden. Die Gräfin Romana aus seinem Roman Ahnung und Gegenwart singt es, als sie ihrer Freundin Rosa weitläufig aus ihrer Jugend erzählt. Im Grunde genommen ist es ein Protestlied: Denn die wilde Gräfin befreit sich damit zumindest intentional von dem, was ihr in ihrer Kindheit von ihrer Mutter als Lebensmaxime auferlegt worden ist. Romana berichtet nämlich, daß sie damals nie allein aus dem schönen Garten des Schlosses, wo sie aufgewachsen sei, herausgedurft habe, und noch im Tode habe die Mutter ihr auferlegt: »Springe nicht aus dem Garten! Er ist fromm und zierlich umsäumt mit Rosen, Lilien und Rosmarin«, und dann noch einmal, dringlich wiederholt: »Und eben, weil du oft fröhlich und kühn sein wirst und Flügel haben, so bitte ich dich: Springe niemals aus dem stillen Garten!« Als Rosa die Gräfin Romana fragt, was die Mutter damit wohl habe sagen wollen, und »Verstehst du's?« - da erwidert die Gräfin: »Manchmal«, und dann singt sie das Lied, das Eichendorff später gleichsam als Prolog-Gedicht in seine Gedichtsammlung aufgenommen hat. Romana hat vorher berichtet, daß sie ein einziges Mal aus der vertrauten, beschützenden Gartenwelt ausgebrochen sei, und dieser Ausbruch, der damals freilich wieder ins Schloß zurückführte, ist für die Gräfin »eigentlich mein Lebenslaufin der Knospe«. Damit aber kommt auch diesem Lied mehr zu als nur der Rang eines beliebigen romantischen Liedes. Das Gedicht enthält gleichsam ihre Lebenschiffre, die poetische Formel ihres Daseins', nach der sie lebt und, wie es die letzte Zeile zu verstehen gibt, am Ende auch sterben wird.
     
So ist das Lied, als Selbsterklärungsgedicht, genau in den umgebenden Rahmen des Romans eingepaßt. Um diesen Lebensbericht, der im 12. Kapitel, im zweiten Buch des Romans steht, der die Warnung der Mutter enthält und den Entschluß zum Protest der Gräfin Romana, ist freilich noch ein zweiter Rahmen gebaut. Er erstellt sich aus dem vorher und nachher Erzählten. Denn dieses zweite Buch des Romans handelt von der Residenz, einer problematischen Lokalität, in der auch im übertragenen Sinne Maskenball gespielt wird, und der ganze fürstliche Mummenschanz steht in äußerstem Gegensatz nicht nur zu dem, was Friedrich, der Held des Romans, vorher erlebt hat, als er durch die Natur gestreift ist, sondern auch zum Erlebnisbereich der Gräfin Romana. Nicht nur, daß die scheinhafte, schattenhafte Welt der Residenz der Welt der freien Landschaft widerspricht und von dieser her als unwirklich widerlegt wird: Im Bereich der Residenz wird auf ähnlich zweifelhafte Weise auch gedichtet, und es sind die ästhetischen Sonette, die hier von begeisterten, schmachtenden Poeten vorgetragen werden: das Ganze ein poetisches Panoptikum, eben ästhetische Teegesellschaft, über die Eichendorff hier, indem er sie beschreibt, alles sagt, was darüber zu sagen ist. Auch dort tritt die Gräfin Romana, die »schöne Heidin«, auf, und sie antwortet auf das ästhetisch poetisie-rende Versgeschwätz mit einem zweiten, längeren Gedicht, das nun allerdings nicht ihr Leben, sondern nichts anderes als eine Allegorie der Poesie zum Inhalt hat - flüchtige Verse, die den sonderbar heidnischen Charakter der Gräfin, dieser »griechischen Figur in dem Tableau«, vielleicht noch mehr offenbaren als ihr Selbsterklärungsgedicht. Es gehört zur eigentümlichen Unklarheit des langen Gedichtes, daß die Zuhörer am Ende zweifeln, ob Venus, die Schönheit, oder die Poesie des Lebens gemeint sei. Die Zweifel sind berechtigt, zumal das Ganze sich eher wie eine poetische Exemplifikation dessen ausnimmt, was die Gräfin Romana in ihrem Lied, mit dem sie auf die Warnung der Mutter antwortet, zum Ausdruck bringt. Friedrich dürfte mit seiner Antwort auf die Frage nach der Zentralfigur des langen Gedichtes am Ende denn auch recht behalten, wenn er feststellt: »Es mag wohl die Gräfin selber sein.« Denn eben dort, in dem Gedicht, hat sie sich zumindest poetisch treiben lassen; die Beschreibung des Königsschlosses gleicht jenem »magisch wilden Fluß« , von dem in den vorangegangenen Versen die Rede war, zumal sich zahlreiche Motive aus der Lebensgeschichte der Gräfin, die sie ja vorher ihrer Freundin Rosa erzählt hat, auch in dem folgenden großen Gedicht über das Zauberschloß finden: der Ring, der nicht wiedergekehrt ist, die Augen, die über des Gartens Mauer hinausgehen, Aurora schließlich, die verführerisch die Erde berührt. Niemand wird auch in diesem Gedicht nur romantische Stimmungsmalerei sehen wollen, sein allegorischer Charakter ist deutlich - und auch der Bezug zu dem Lied Frische Fahrt, zur Proklamation dieses Ausbruchsversuches aus dem stillen Garten in die schöne Welt hinunter. Mit ihrem zweiten Gedicht aber sprengt die Gräfin Romana nicht nur den Garten ihrer Mutter auf, sondern auch die illusionäre, ästhetische Existenz der Residenzwelt: Romana gehört ihr nicht an, zählt sie doch zu den dämonischen Gestalten, die sich entgrenzen möchten, und wäre es auch um den Preis des eigenen Untergangs. Kaum ein anderes Gedicht könnte die romantische Aufbruchssituation besservermitteln als dieses. Dabei sind die Aufbruchssignale natürlich nicht realistisch zu verstehen. Der Frühling symbolisiert den Lebensaufbruch; es ist ein Jugendgedicht, alle Zeilen eine einzige Verlockung, sich in die schöne, wilde Welt hineinzuwerfen. Der magisch wilde Fluß ist, jeder merkt es, der Fluß des Lebens, der den aufbrechenden Wanderer zu sich hinunterlockt, und nichts ist in dieser glänzenden, schönen Welt verständlicher als der Wunsch der Sängerin, auf diesem Fluß zu fahren, von allem verlockt, was der Strom des Lebens zu bieten hat. Es gehört zu Eichendorffs Stil, daß er dabei eigentlich nichts Metaphysisches beschreibt. Daß dieser Strom der Lebensstrom sei, wird mit keinem Wort gesagt, Eichendorff beläßt es bei der Beschreibung des wilden Flusses - voller Sonnenglanz und Verlockung. Das Lebensstrom-Gleichnis gipfelt in dem Bild von der flammend wehenden Sonne: ein kühnes, großartiges, präexpressionistisches Bild, das das Aufbrechen aus der gewohnten Welt mit Hilfe einer unendlich schmiegsamen, anpassungsfähigen Sprache verdeutlicht; die grenzenlose Bewegung hinaus erscheint gleichsam ins Verbale übersetzt. Die Sängerin, die Gräfin Romana, kann der magischen Verlockung, dieser Bewegung ins Ferne hinein zu folgen, nicht widerstehen. [...] Das Lied scheint wie kaum ein anderes der romantischen Entgrenzungstendenz einen geradezu freudigen Ausdruck zu geben. Aber man darf das Gedicht nicht als Inbegriff einer rückhaltlos bejahten romantischen Aufbruchsstimmung deuten oder als aus sich heraus gerechtfertigten jugendbewegten Ausbruchsversuch. Liest man das Gedicht ohne den Kontext des Romanes, so scheint freilich alles dafür zu sprechen, und dieses Über-Bord-Werfen aller Bedenken, das extrem Unbürgerliche, die Bereitschaft, dem Zufalle und den Verlockungen der Welt zu folgen, scheinen etwas Positives auszudrücken - es ist das Aufbruchsbekenntnis der Jugend , das sich hier Bahn bricht, von Eichendorff in unnachahmlich eindringlichen Zeilen beschrieben. In der Tat scheint sich nirgendwo die romantische Entgrenzung und dieser gewollte Weg aus den Normen hinaus deutlicher auszusprechen als gerade hier. Die ganze Welt scheint einem solchen Entgrenzungsversuch entgegenzukommen: Es ist die schöne Welt, die hier erscheint, es sind mutige Augen, deren Lichterschein zum Aufbruch verführt, es ist der glänzende Strom, dessen Leuchten so stark ist, daß der, der ihn sieht, »selig blind« wird, Vogelstimmen, die auf ihre Weise hinauslocken, und eben dann die flammend wehende Aurora - die Natur scheint einem solchen Ausbruchsversuch sogar entgegenzukommen, und wer ihrem Locken nicht folgte, müßte sich dem griesgrämigen Steuereinnehmer des Taugenichts verwandt fühlen, der mit seinem Schlafrock nichts anderes tut, als vor seinem Einnehmerhäuschen zu sitzen, ein wahres Bild des ungelebten Lebens. Aber dieser schöne Schein täuscht - eben das will das Eichendorffsche Gedicht anschaulich machen. Die Natur legitimiert die Entgrenzung nicht oder doch wenigstens nicht so, daß durch ihren Lockruf dieser Ausbruchsversuch des Menschen gerechtfertigt würde. Natura non loquitur, allenfalls eine Stimme im Inneren des Menschen - wer sie überhört , gerät in den Abgrund hinein: nichts anderes will das Gedicht sagen. So darf es also gerade nicht als Ausdruck einer romantischen Flucht aus der Welt der Residenzen in eine schönere,geheimnisvollere, verlockendere Natur hinein gelesen werden, sondern umgekehrt: als Warnung vor einem solchen Aufbruch. Eichendorffs Gedichte in seinen Romanen sind direkt in die Romanhandlung integriert, und ebenso direkt sind die Figuren von ihrem Bedeutungs- und Aussagegehalt her zu definieren: Romana ist die Heidin, es ist ein heidnisches Lied, was sie singt, und am Ende des Romans wird demonstriert, wohin dieses Heidentum führt. Die Aufgabe des Menschen ist gerade nicht, zuzufahren, wie es im Gedicht heißt, sondern sich zu bewahren, und es ist die alte Formel vom »Hüte dich, bleib wach und munter«, die als Warnung, als eindringliches Memento mori hinter dem Gedicht steht.
      Die Gräfin Romana erliegt einer Fata Morgana, an deren Ende ein bitteres Erwachen steht. Die unendliche Bewegung des Gedichtes entspricht der unendlichen Bewegung ihrer Seele, die aber, da sie aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang herausgefallen ist und kein Ziel kennt, eben in den Abgrund und in den Untergang, theologisch gesprochen: in die Hölle führen muß. Es ist das Gegenteil der »glücklichen Fahrt«, die Eichendorff in seinem gleichnamigen Gedicht beschreibt, und Romana ist auch das Gegenbild des Sängers, der. wie es in dem Gedicht Sängerglück heißt, dann das Schöne bewahrt, wenn die Fluren herbstlich rings verwildern, und diesem Untergangswunsch, diesem fast schon besinnungslosen Sturz hinein ins Leben und hinab in den Abgrund stehen jene beiden Schlußzeilen des Gedichtes Sängerglück entgegen: »Selig Herze, das in kühnen Bildern / Ewigsich die Schönheit hält!« Eichendorffhat die Gefahren der Entgrenzung auch in dem Gedicht Lockung beschrieben, auch dort mit dem Bild des Flusses, der den Schwimmer in sich aufnehmen möchte, dem Rauschen der Bäume, der Kühle, in die die Nixen des Flusses hinablocken. Aber es ist eben eine Lockung zum Untergang hin, und wir können allein aus der Vielzahl der Warnungen vor diesen Lockungen schließen, wie sehr sie Eichendorff selbst betroffen haben müssen. Der Strom, der Lebensstrom kehrt ähnlich oft in den Gedichten wieder, der Frühling nicht weniger häufig, die blaue Luft: aber eben auch immer wieder die Warnung vor dem Verwildern. Daß Eichendorff schließlich dadurch, daß er das Gedicht aus seinem Roman heraus- und in seine Gedichtsammlung hereinnahm, diesen Zusammenhang der Verse mit dem Roman bewußt zerstörte, steht auf einem anderen Blatt und läßt die Frage aufkommen, ob Eichendorff sich später, als er seine Gedichtsammlung zusammenstellte, sich des poetischen Eigenwertes seiner Gedichte stärker bewußt war, so stark sogar, daß darüber das Bewußtsein der unauflöslichen Integration des Gedichtes in den Romanzusammenhang zurücktrat, vielleicht sogar schwand. Möglich wäre auch, daß er den Schluß des Gedichtes als indirekte Warnung vor den Verlockungen der Entgrenzung als stark genug empfand, dieses »Ich mag nicht fragen, / Wo die Fahrt zu Ende geht«. Denn in dem Nicht-fragen-mögen spricht sich zugleich die Angst vor der Antwort aus, und diese Antwort ist eindeutig, nämlich der Untergang, der einem derartigen Leben zwangsläufig beschieden ist. Darüber lassen sich nur Spekulationen anstellen, die weder zu beweisen noch zu entkräften sind. Sicher ist nur, daß das Ausbrechen aus der behüteten Welt in jedem Fall gefährlich ist und zum Untergang führt, so verlockend auch das andere, die Welt dort draußen ist. Daß über alle Bedenklichkeit des blinden, seligen Aufbruchs indie Welt hinaus die Schilderung dieses Aufbruchs ebenso großartig ist, voller Verführung bis hin zu dem einzigartigen Bild der flammend wehenden Aurora, das alles zeugt von einer Intensität der Empfindungen, die Eichendorff selbst, auch wenn sie hier Romana zugesprochen wird, nicht fremd war. Es ist eine der ursprünglichen Lebensmöglichkeiten, wie Eichendorff sie, seiner Generation zugehörig, aufs innigste gefühlt haben mochte - und so ist es nicht nur eine Romanfigur, die sich da ausspricht, sondern doch auch Eichendorff selbst, der diesen Aufbruch, dieses Verlassen alles Überkommenen oft genug geschildert hat. Freilich hat er die Gefahren dieses hemmungslosen Hineinstürzens in den Strom des Lebens ebenso klar gesehen, mit zunehmendem Alter sicherlich schärfer als in seiner Jugend, und wenn diese Gefahren hier auch nur in den letzten zwei Zeilen des Gedichtes angedeutet sind und im übrigen erst durch die Geschichte der Romana deutlich werden, so mag das der Größe und Unbekümmertheit des noch jungen Eichendorff zuzuschreiben sein, der ein solches Gedicht möglicherweise im Alter nicht mehr hätte schreiben können.
      So bleibt bei der Warnung vor einem solchen Aufbruch doch die Faszination dieser Tat. dieses Hinaus in eine freie Welt, dieser Suche nach Abenteuern - in vielem ist es eine Vorwegnahme der Abenteuermotivik der Jahrhundertwende, die sich auch als Entgrenzung äußert, nicht zufällig freilich dann auch in Form der Krankheit, der inneren Entgrenzung, und über Eichendorff führt auch dort das Abenteurertum, in welcher Form es auch immer auftritt, am Ende in den Tod, niemals in die erhoffte Befreiung hinein. Aber sie ist wohl niemals so eindringlich geschildert worden wie in diesen wenigen Zeilen des Eichendorffschen Gedichtes, das eine poetische Eigenmächtigkeit entwickelt, wie sie sich selbst in den Jugendgedichten Eichendorffs nur selten findet.
     

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Frische  Fahrt  -  Joseph  Eichendorff    




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