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Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen

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Espenbaum - Paul Celan



Ispenbaum, dein Laub blickt weiß ins Dunkel. Meiner Mutter Haar ward nimmer weiß.
      Löwenzahn, so grün ist die Ukraine. Meine blonde Mutter kam nicht heim.
      5 Regenwolke, säumst du an den Brunnen? Meine leise Mutter weint für alle.

      Runder Stern, du schlingst die goldne Schleife. Meiner Mutter Herz ward wund von Blei.
      Eichne Tür, wer hob dich aus den Angeln? 10 Meine sanfte Mutter kann nicht kommen.
      Die Bedeutung des Gedichtes liegt vor allem in der Souveränität, mit der jetzt wieder das Ich und die Welt in Beziehung treten. Das Gedicht ist also weder private Erlebnislyrik, noch ist es ein vom Persönlichen getrenntes Experimentieren mit der Sprache oder mit den Dingen — eine, wie wir wissen, weitverbreitete Erscheinung innerhalb moderner Lyrik! Allgemeines, Welthaltiges einerseits und Persönliches andererseits verschränken sich also. Das Thema »Espenbaum« evoziert das Motiv »Tod der Mutter«. Diese Evokation vollzieht sich auf eine eindringlich symbolische Weise. Genauer gesagt: Das einfache Sagen erweist sich sofort auch als ein symbolisches, weil in den fünf Strophen jeweils zwei Zeilen durch Analogie oder Antithese miteinander verbunden sind. Diese Verbindung aber ist eine sehr lockere, zumindest auf den ersten Blick gesehen. In Wirklichkeit liegt in der nur scheinbaren, losen Verbindung die besondere Kraft des Evozierens. Die Analogien und Kontraste kommen von weit her zusammen, die ganze Welt ist sozusagen am Tode der Mutter beteiligt. Ja, man darf sagen, die Welt selbst ist am Schmerz über den Verlust der Mutter so sehr beteiligt, daß dieser Schmerz seinerseits weltweit, kosmisch wird. Der persönliche Schmerz ist also nicht kleiner als die ganze Welt, die im übrigen in ihren Zeichen für den Trauernden nur noch ein Zentrum besitzt — den Schmerz. Damit wird zugleich die innere Wahrheit großen Schmerzes symbolisiert. Denn Schmerz reduziert die Welt, weil er auf grausame Weise willkürlich ist. Er nimmt jedes Ding, jede Erscheinung für sich so in Anspruch, daß es für den Betroffenen keinen Ausweg mehr gibt. Alles erinnert und gemahnt einzig an den Mittelpunkt der Welt, an den Tod des geliebten Menschen. Gleichgültig, aus welcher Richtung die Bilder oder Eindrücke kommen, immer nur erinnern sie an den Tod. Daher die umfassende Rolle des Schmerzes in diesem kurzen und doch so bedeutungsvollen Gedicht. Wir sagen ja: »Das Leid schreit zum Himmel.« — Mit eben dieser Wirklichkeit hat es das Gedicht Celans zu tun.
     
Espenbaum — das ist ein einziges Wort, das in dem nur Andeutenden sehr viel mehr evoziert. Die Intensität dieses Gedichtes liegt im Fragmentarischen. Ein Umstand, der — wie noch zu zeigen sein wird — für die didaktische Analyse von Bedeutung sein wird. Espenbaum dürfte also mit den Attributen »Laub« und »Dunkel« alles das umgreifen, was reines, schönes Weiß bedeutet. Ohne ausdrückliches »Aber« wird in der zweiten Zeile der Kontrast genannt, der vergebens eine Analogie sucht. Während also die Natur ungestört bleibt, ist die persönliche Welt gestört. Hier ist etwas im Gegensatz zur Natur schon Vergangenheit geworden . Somit evoziert das jederzeit Gegenwärtige der Natur um so schmerzvoller den Verlust im Bereich des Menschlichen. — Die erste Zeile der zweiten Strophe besitzt im besonderen Maße diese evokative Kraft des Fragmentarischen. Die Bezeichnung einer einzigen Pflanze intensiviert die Farbe einer weiten Landschaft. Da wird nichts erklärt. Nur Grundtöne werden angeschlagen. Sie beschwören aber um so intensiver Vorstellungen von endlosen, fruchtbaren, menschenfreundlichen Weiten. Wiederum folgt eine Analogie . Diese Analogie wird aber sofort zum , schmerzenden Kontrast, weil wiederum kosmische Gegenwart unvermittelt neben persönliches Schicksal tritt. — In der dritten Strophe nun wandelt sich das Bild. Der Eindruck »Regenwolke« wird alle Vorstellungen über nur denkbare Güte konzentrieren wollen. Denn diese Regenwolke ist gütig, weil sie der Erde den Regen bringt. Die Brunnen warten ja. Die Analogie zur »leisen Mutter« liegt in den Tränen als Ausdruck des Mitleidens für alle. Der Kontrast hinwiederum, der den Schmerz bezeichnet, ist sicherlich so zu verstehen, daß jetzt die Güte der Mutter das Gute der Natur noch übertrifft. Die Tote weint »für alle«, das heißt, jetzt kennt diese Güte keine Grenzen mehr; man darf für diese schwierigen Zeilen annehmen, daß der Zusammenhang von Tod, Opfer und Gnade mitgemeint ist. — Die vierte Strophe hingegen knüpft an das Schema der beiden ersten Strophen wieder an. »Runder Stern«, das ist offensichtlich die Erde, oder ist es die Sonne? — Näher liegt gewiß die Vorstellung von der Erde, die alles trägt. Die Erde trägt den Espenbaum, den Löwenzahn, die Regenwolke, die eichene Tür. »Goldne Schleife«, das mag die in Sonnenlicht getauchte Bahn der Erde sein, die am Symbol des Goldes beteiligt ist, weil sie schön und beständig zugleich ist. — Um so »schreiender« jetzt die Analogie im Bilde des mikrokosmischen Sternes, des Herzens, das »wund von Blei ward«. Damit wird der Gegensatz zwischen Makro- und Mikrokosmos vollends aufgerissen. — Die fünfte Strophe will wohl besagen, daß in Analogie zur kosmischen Ordnung auch eine menschliche Ordnung existiert. Tod und Mord schreien so sehr zum Himmel, daß damit die menschliche Ordnung an sich, diese vom Menschen versuchte Analogie zur kosmischen Ordnung, gestört, buchstäblich »aus den Angeln« ist. — Daher die Frage: Wie kann — unter den Voraussetzungen einer kosmischen Weltordnung — der Mensch so ruchlos sein, daß er seinen eigenen Lebensraum so brutal aufhebt'.' — Was ist das für ein Mensch? So die nie zu beantwortende Frage, der jetzt nur noch ein Echo folgt, ein in sich zurückgesunkener Klageton, der aber um so mehr ergreift: »Meine sanfte Mutter kann nicht kommen.« So also verbinden sich in diesem Gedicht jeweils zwei Zeilen »von weit her«. Die

»privaten« zweiten Zeilen jeweils werden in den Weltraum der ersten Zeilen hineingenommen, die Klage »Meine sanfte Mutter« erhält damit kosmische Dimension. Die Intensität dieser Gestaltung liegt also in der Verschränkung einfachster Wendungen, die in sich bereits evokative Kraft haben. Die Verschränkung verstärkt die einfachen Wendungen der zweiten Zeilen, sie verleiht ihnen symbolischen Rang. Das Symbolische ergibt sich hier wohlverstanden als Folge einer metaphorisch verdichtenden Verschränkung. Die Metapher selbst ist zumeist kompliziert. Sie ist schwer zu erfassen. Aber es gibt Fälle, in denen die Metapher durch symbolische Evidenz wieder aufgehellt wird. Hier haben wir es mit einem solchen glücklichen Fall zu tun, der denn auch in hohem Maße didaktisch bedeutsam ist. Das Gedicht also ist didaktisch gesehen schwierig und doch zugleich sehr einfach. Ãœberraschend schnell fanden Schülerinnen eines 7./8. Schuljahres einen Zugang zum Text. Einem Protokoll entnehmen wir einige charakteristische Stellen: »Der Dichter vergleicht. — Der Dichter denkt an die Mutter. Der Dichter denkt an den Espenbaum, denkt an die silberweißen Blätter dieses Baumes, und er denkt zugleich an die Mutter.
      Vielleicht beneidet der Dichter den Löwenzahn, weil er so grün und jung ist, aber die Mutter kommt nicht mehr zurück.
      Die Sonne geht auf und unter, aber die Mutter ist einmal gegangen und kommt nicht mehr zurück.
      Die ganze Schöpfung ist nicht zerstört, aber die Menschenwelt ist zerstört. Sie ist aus den Fugen gegangen. Dem Dichter aber ist jetzt alles zerstört.
      Vielleicht will der Dichter nicht wahr haben, daß das die Wahrheit ist. Vielleicht will er sagen, wie furchtbar doch die Menschen sind.
      Der Dichter fragt: Wie ist es möglich, daß die Menschen so schlecht sind? Die ganze Welt ist doch nicht so schlecht.«
Der Lehrerfrage kaum bedürftig, erkannten die Schülerinnen die Verschränkung der ersten und zweiten Zeilen in ihrer eigentlichen Bedeutung.
     

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Espenbaum  -  Paul  Celan    





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