Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen

Index
» Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen
» Es ist alles eitel - Andreas Gryphius

Es ist alles eitel - Andreas Gryphius



Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden.
      Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein;
Wo itzund Städte stehn, wird eine Wiese sein,

Auf der ein Schäferskind wird spielen mit den Herden.

      Was itzund prächtig blüht, soll bald zertreten werden;
Was itzt so pocht und trotzt, ist morgen Asch und Bein; Nichts ist, das ewig sei, kein Erz, kein Marmorstein. Jetzt lacht das Glück uns an, bald donnern die Beschwerden.
      Der hohen Taten Ruhm muß wie ein Traum vergehn.
      Soll denn das Spiel der Zeit, der leichte Mensch, bestehn?
Ach, was ist alles dies, was wir für köstlich achten.
      Als schlechte Nichtigkeit, als Schatten, Staub und Wind, Als eine Wiesenblum, die man nicht wieder findt! Noch will, was ewig ist, kein einig Mensch betrachten.
      Andreas Gryphius' Sonett »Es ist alles eitel«, eines der berühmtesten Gedichte der Barockzeit, ist unter diesem Titel in der Fassung der Ausgabe letzter Hand aus dem Jahre 1663 bekannt geworden. Der Urtext entstand fast drei Jahrzehnte früher, mitten im Wüten des Dreißigjährigen Krieges, als das Werk des kaum zwanzigjährigen Dichters.
      Vanitas, Vanitatum, et omnia Vanitas Es ist alles ganz eytel, Eccl. I.

V.

2.
      Ich seh' wohin ich seh' / nur Eitelkeit auff Erden / Was dieser heute bawt / reist jener morgen ein / Wo jzt die Städte stehn so herrlich / hoch und fein /

Da wird in kurtzem gehn ein Hirt mit seinen Herden:
Was jzt so prächtig blüht / wird bald zutretten werden: Der jzt so pocht und trotzt / last übrig Asch und Bein / Nichts ist / daß auff der Welt könt unvergänglich seyn /
Jzt scheint des Glückes Sonn / bald donnerts mit beschwerden. Der Thaten Herrligkeit muß wie ein Traum vergehn: Solt denn die Wasserblaß / der leichte Mensch bestehn
Ach! was ist alles diß / was wir vor köstlich achten^ Alß schlechte Nichtigkeit? als hew / staub / asch unnd wind? Als eine Wiesenblum / die man nicht widerfind.
      Noch wil / was ewig ist / kein einig Mensch betrachten!

Dreimal nacheinander erklingt am Anfang der Vergänglichkeitsgedanke: lateinisch im Titel, im Untertitel deutsch — wörtlich nach der Bibel — und in der ersten Zeile des Sonetts als persönliche Erfahrung. Der Dichter, in dessen Heimat Krieg, Pest, Tod wüten, selbst Augenzeuge des Zerfalls, fühlt sich, nachdem er das Gesetz der Vergänglichkeit, das den Weltablauf bestimmt, erkannt hat, zur Wahrheitsverkündigung ermächtigt.
      Das Gedicht beginnt mit einer prophetischen Formel »Ich seh' wohin ich seh«, in der das »Ich« sowohl durch die Anfangsstellung als auch durch eine Wiederholung besonders betont wird. In einer gehobenen offenbarenden Sprache wird die Abfolge von Konstruktivem und Destruktivem von »Heute« auf »Morgen« als Gesetzmäßigkeit dargestellt. Die Zerstörung der Städte — wohl das Werk des Krieges — erwähnt Gryphius direkt mit keinem Wort. Sie wird zwischen »jtzt« und »in kurtzem« stattfinden; zurückbleiben wird nur eine Wüstenei. Die seherische Untergangsverkündigung setzt Gryphius im zweiten Quartett in antithetischen Halbversen fort und formuliert dann in der Mitte des Sonetts den Vanitas-Gedanken als allgemeingültigen Satz: nichts auf der Welt ist unvergänglich. Die Kette von antithetischen Wendungen, in der auch Glück und Ruhm als unbeständig erkannt werden, klingt in einer Frage aus: wie soll, da alles vergeht, der Mensch bestehen? Sie bleibt, weil von vornherein nur eine negative Antwort gegeben werden kann, unbeantwortet. Nicht wie üblich nach dem achten, sondern erst jetzt, nach dem zehnten Vers, folgt der Sonetteinschnitt. Am Ende zieht Gryphius den Schluß aus dem Erfahrenen und Durchdachten: kein Mensch will, obwohl alles, was ihm wertvoll erscheint, nur Nichtigkeit ist, aus dieser Erkenntnis Folgerungen ziehen.
      Der Dichter spielt die Möglichkeiten der Antithetik aus, zwischen Vers und Vers, Halbvers und Halbvers, Wort und Wort, zwischen Satzperiode und Satzperiode, bis zur Gegenüberstellung von Anfangs- und Schlußzeile, in denen das Irdisch-Vergängliche und das Transzendental-Ewige angedeutet werden. Als Seher erhebt er die mahnende Stimme, leitet aus den angeführten Beispielen das allgemeingültige Gesetz ab. Die Bestandsaufnahme wird zur Klage und klingt mit einer Anklage aus, die auf die Ursache allen Unheils, auf das Verhalten des Menschen selbst, verweist. Die in dem Leid der Zeitverhältnisse fundierte Grunderfahrung des jungen Gryphius, der Vanitas-Gedankc, ist die Hauptidee seiner ersten, 1637 veröffentlichten Gedichtsammlung.
      Nach Jahren, während eines Auslandsaufenthaltes, arbeitete Gryphius die Sonette um, feilte auch später von Ausgabe zu Ausgabe weiter an ihnen. Seit der Zweitfassung trägt das Vanitas-Gedich den Titel »Es ist alles eitel«. Die Änderungen machen die Tendenz von Gryphius deutlich, aus der Distanz der Jahre von der persönlicheren zeitbedingten Aussage abzurücken zugunsten einer objektiven rhetorischen Sprache. Die Germanisten schwören auf die »korrektere« Ausgabe letzter Hand; von mir befragte Dichter ziehen den Urtext vor, so auch Günter Grass, der in einem neuen Roman die Erst fassung der Jugendsonette von Andreas Gryphius zitieren will.
     

 Tags:
Es  alles  eitel  -  Andreas  Gryphius    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com