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Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen

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Die Welt - Christian Hofmann von Hofmannswaldau



Was ist die Welt und ihr berühmtes Glänzen? Was ist die Welt und ihre ganze Pracht? Ein schnöder Schein in kurzgefaßten Grenzen, Ein schneller Blitz bei schwarzgewölkter Nacht, Ein buntes Feld, da Kummerdisteln grünen,
Ein schön Spital, so voller Krankheit steckt, Ein Sklavenhaus, da alle Menschen dienen, Ein faules Grab, so Alabaster deckt. Das ist der Grund, darauf wir Menschen bauen Und was das Fleisch für einen Abgott hält.
Komm, Seele, komm und lerne weiter schauen, Als sich erstreckt der Zirkel dieser Welt! Streich ab von dir derselben kurzes Prangen, Halt ihre Lust für eine schwere Last: So wirst du leicht in diesen Port gelangen,

Da Ewigkeit und Schönheit sich umfaßt.
      Wie leichtlich last sich doch des Menschen Auge blenden! Du weist, wie schwach es ist, es kombt aus deinen Händen.

     
I
Was ist die Welt / und ihr berühmtes Glänzen? Was ist die Welt und ihre ganze Pracht?
Der zweimaligen Frage antworten die sechs folgenden Verse, von denen die ersten drei sich auf die erste, die zweiten drei auf die zweite Frage beziehen: »Schein«, »Blitz« und »buntes Feld«, das ist das »Glänzen« der Welt — »Spital«, »Sclavenhauß« und »Grab«, darin enthüllt sich die »Pracht« , das Pracht-Gebäudeder Welt. Zwei Fragen, zweimal drei Antworten, damit ist die genaue Mitte des Gedichts erreicht. Mit dieser augenfälligeren Disposition des ersten Teils verschränkt sich eine zweite, innere: der doppelten Frage des Anfangs folgt mit den Versen 3 und 4 die doppelte kategoriale Bestimmung der Welt als einer Erscheinung in Raum und Zeit, eine Bestimmung, auf die im zweiten Teil die Verse 12 und 13 zurückkommen .
      Der zweite Teil, im Umfang von wiederum acht Versen, schließt sich dem ersten an, indem er aus diesem zunächst die Bilanz zieht. >Rechenschaft< wird gegeben:
Das ist der Grund / darauf wir Menschen bauen / Und was das Fleisch für einen Abgott hält.

     
Dann wird mehrmals die Seele angesprochen, und das mit Aufforderungen, die viel zu sachte bittend sind, als daß man sie >Imperative< nennen möchte. Die jenseitige Verheißung der beiden Schluß vcrse ist rückbezogen auf die Eingangsverse 9 und 10: denn der Un-»Grund«, auf den wir Menschen bauen, tritt zum Schluß neu ins Bild des Meeres als des abgründigen Orts menschlicher Navigatio vitae, während dem »Abgott« der Welt die Evokation des Himmels, »Da Ewigkeit und Schönheit sich umfaßt« — Ort des wahren Gottes — entgegensteht. Dergestalt zwar subtil und zugleich strikte gefügt, bewegt sich das Gedicht doch ungleich freier als ein Sonett, eines von Fleming oder Gryphius, was als Formidee am ehesten zum Vergleich sich anbietet. Auch der Vers ist in seinem Gestus sehr viel gelassener als der übliche Alexandriner des deutschen Barock. Daß auf die Darstellung, die sogenannte Narratio des >RedePublikums< folgt, damit ist das Ganze im ursprünglichsten Sinne des Wortes rhetorisch gedacht. Doch wie nun diese rhetorische Schematik in dem fast liedhaften Gang der sechzehn Verse langsam wieder untergeht, das beweist noch einmal dieselbe spielerische Kunst, halb aufzurufen, was als Norm gegeben sein könnte, und es doch dann zu lassen. Läßlichkeit ist dafürein Wort.

      II
Ungezählte barocke Vanitas-Gedichte setzen ein mit der Frage »Was ist die Welt«. Die Frage in dieser schon fast rituell festgelegten Form zu wiederholen heißt das Gedicht ebenso aufs Typische festlegen, wie es die anschließende Reihung der sechs Antworten ihrerseits auch tut. Auch in der Metaphorik ist nichts Außergewöhnliches gesucht. Bis auf die »Kummerdisteln« begegnet kein einziges Bild, das im Wortschatz barocker Vanitas-Klage nicht völlig geläufig wäre; auch das Bild des »schönen Spitals« ist es — »Die Welt ward ein Spital an tausend / tausend Kranken« —, auch das des »Sklavenhauses« — »wie wir Lust und Zeit als Sklaven dienen müssen«, heißt es in Hoffmannswaldaus zweitem Welt-Gedicht. Das »faule Grab / so Alabaster deckt« läßt an das Bibelwort von den »übertünchten Gräbern« denken. Einzig in den »Kummerdisteln« — Hofmannswaldau spricht auch von »KummerDorn« und »Feindschafts Nesseln« —, allenfalls in dieser einen Neubildung wird man eine jener »Metaphorae dictionis valde mirabiles« sehen dürfen, die nach Erdmann Neumeisters Urteil dem Dichter für immer zum Ruhm gereichen. »Kummerdisteln«, letztlich ist wohl auch dieses Wort biblisch angeregt: »Verflucht sey der Acker vmb deinen willen / mit kummer sotu dich drauff neeren dein Leben lang / Dorn vnd Disteln sol er dir tragen« . Auch im /weiten Teil ist das Gedicht sprachlich in keiner Weise gesucht; keine Superlative, keine »Zentnerwörter«, nichts »Witziges« und auch nicht die Spur von dem »Schwulst«, den das 18. und 19. Jahrhundert Hofmannswaldau hat gemeint vorwerfen zu müssen.
      Neben die Oden und Sonette eines Gryphius gehalten, nimmt der Text sich elegant aus. beinahe schon >klassizistischernst

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Die  Welt    -  Christian  Hofmann  Hofmannswaldau    




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