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Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen

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Die Vögel warten im Winter vor dem Fenster - Bertolt Brecht



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Ich bin der Sperling.
      Kinder, ich bin am Ende.
      Und ich rief euch immer im vergangnen Jahr
Wenn der Rabe wieder im Salatbeet war.
      Bitte um eine kleine Spende.
Sperling, komm nach vorn.
      Sperling, hier ist dein Korn.
      Und besten Dank für die Arbeit!

Ich bin der Buntspecht.
      Kinder, ich bin am Ende.

   Und ich hämmere die ganze Sommerzeit
All das Ungeziefer schaffe ich beiseit.

      Bitte um eine kleine Spende.
      Buntspecht, komm nach vurn.
      Buntspecht, hier ist dein Wurm.

   Und besten Dank für die Arbeit!

Ich bin die Amsel.
      Kinder, ich bin am Ende.
      Und ich war es, die den ganzen Sommer lang
Früh im Dämmergrau in Nachbars Garten sang.

   Bitte um eine kleine Spende.

      Amsel, komm nach vorn.
      Amsel, hier ist dein Korn.
      Und besten Dank für die Arbeit!
I
Waren die früheren Kinderlieder Brechts - u. a. in den berühmten »Svendborger Gedichten« von 1939 — als Ratschläge, listenreiche Finten gegen den Ungeist des Faschismus und die Hoffnung auf andere und »bessere Zeiten« konzipiert, auch gegen autoritäre Erziehmethoden und Zumutungen gerichtet, weit verbreitet die Anti-Litanei »Was ein Kind gesagt bekommt« mit der ominösen Eingangszeile »Der liebe Gott sieht alles« , so erprobt Brecht in der neuen Sammlung von 1950 eine sozusagen direktere, unverschlüsseltere Art der Propagierung seiner erzieherischen Ideologeme, denn auf eine solche wird es wohl hinausschauen,wie zurückhaltend auch immer man das vorliegende wie einige weit massivere interpretieren wird. Unter den fünfzehn Gedichten gehört dieses neben zwei bis drei anderen, darunter das bekannte »Drachenlied« , das den »Vögeln am winterlichen Fenster« voransteht, zu den eher verhaltenen. Unter den »Neuen Kinderliedern« findet sich aber auch ein Gedicht, das wir heute, unter ökologischem Aspekt, sicher nicht konform mit der Verfasserintention, neu lesen und verstehen: »Die Pappel vom Karlsplatz«. Formalästhetisch ist der Rekurs auf volkstümliche und kindertümliche Formen wie Kinderreim oder — wie in unserem Falle — auf Fabel und Märchen prägend. Und der Verfasser wäre nicht Brecht, hinterginge er, rezeptionsästhetisch, nicht zugleich die bürgerlichen Leseweisen und, rezeptionsgeschichtlich, vorgefundene Muster; hier ist vor allem an den im späten 19. Jahrhundert weit verbreiteten Wilhelm Hey oder sogar die »Klassiker« dieser Art Erbauungsliteratur zu denken: Friedrich Gull und Franz Pocci — dessen holzschnittartige Bebilderungen freilich nicht nur den braven Gull bisweilen konter-karieren, sondern mitunter nachgerade brechtwürdig sind. Die Grundkonstellation: Bittsteller und Gnade und Erfüllung der Bitte Gewährender ist in vielen Mustern der moralisierenden bürgerlichen Erziehungsliteratur prägend.
      II Mit Fabel und Märchen ist freilich mehr gesagt als ein nur die Form und Vortragsweise betreffendes Muster: entscheidend hier wie dort das uneigentliche, parabolische Sprechen. Wie in der Tierfabel oder dem Märchen sind die Tiere, in diesem Gedicht die Vögel, die auch sonst Brechts liebevoller Beobachtung sicher sind, mit menschlicher Rede begabt; und ganz eingepaßt in die gewünschte Rfizeptionshaltung wird diese Sprache im genauen wie übertragenen Sinne verstanden, »sie kommt an« —; insofern könnte man, noch fern jeder gesellschaftspolitischen Auslegung, die Beziehung zwischen Sprecher und Hörer als eine dem Märchen ähnliche »eindimensionale Akzeptanz«, wenn nicht gar eine »Solidarität« der Bedürfnisse und der fraglos akzeptierten Bedürfniserfüllung nennen. So mag auch die Ausspartechnik des Gedichts verständlich werden: Strophe , kommentarlose Akzeptanz im Refrain.
      Bereits der Titel, die Ãœberschrift des Gedichts, ist neben den klanglichen Elementen semantisch wie syntaktisch komplex; mit den Vögeln sind hier ja nur bestimmte, aus der Gesamtgruppe ausgewählte, und nicht einmal alle, die im Winter in unseren Breiten bleiben, gemeint: Sperling und Amsel — auf sie wäre kaum zu verzichten —, wohingegen der Buntspecht schon eine recht seltene und kuriose Spezies ist; er, der hier im Gedicht als einziger wirklich »produktiv« ist: »Und ich hämmere die ganze Sommerzeit« — das liegt noch auf der gleichen Bedeutungsebene wie das Singen der Amsel, so scheint es zunächst —, »All das Ungeziefer schaffe ich beiseit«, dies dann seine, so seltsam formulierte, »Tätigkeit«. Immerhin sind die Vögel als Subjekt an die Spitze des Satzes gerückt, durchdie Verschiebeprobe erhält man eine andere Vorstellung und Akzentuierung des Gedichts: »Im Winter warten vor dem Fenster die Vögel / Vor dem Fenster warten die Vögel im Winter« u. ä., wobei gerade die zweite Variante mit der räumlichen Vorstellung an der Spitze des Satzes deshalb interessant ist, weil sie auch die Kinder- oder allgemein — die Angesprochenen stärker mit einbrächte. Das Mittelfeld des Satzes wird beherrscht vom Verb und der ganz dem Verb zugeordneten Adverbiale der Zeit; nicht ein müßiges, beschauliches Warten, sondern ein Warten in einer Extremlage, einer Situation, die — aus »gegebenem Anlaß«, weniger aus »natürlichen Bedingungen heraus« —, ohne Hilfe, durch Selbsttätigkeit nicht bewältigt werden kann. Das Fenster — traditioneller lyrischer Ort der Begegnung von Drinnen und Draußen — wird hier zur kleinen Bühne, das gesamte Gedicht ist ja, worauf noch zurückzukommen ist, szenisch angelegt, ein Mini-Drama in beiderlei Sinne. Die Tatsache, daß die Vögel vor dem Fenster sitzen und warten, läßt einmal erkennen, wie eng sie mit der Welt der Kinder resp. der Angerufenen verbunden sind, ihr verpflichtet , andererseits sozusagen ein Recht, zumindest aber eine Gewohnheit in Anspruch nehmen. Von der Textsemantik her verdient das Verb »warten« unser Interesse: Nicht nur erfährt es in den drei Strophen eine mehrfache Ersetzung und Transformation , es ist bereits eingelöst in dem gleichsam den Auftritt, die Selbstinszenierung eines jeden Bittstellers markierenden »ich bin ...«; auch mag noch ein Rest der ursprünglichen Bedeutung des Verbs mitschwingen: Das Warten ist ja auch eine konsequente Fortsetzung der bereits geleisteten Arbeit; und bezeichnenderweise enthalten sich die Angesprochenen jeder bissigen, ironischen Geste, etwa derart: »Auf euch habe ich gerade noch gewartet«. Im Warten zeigt sich mithin die »Kraft der Schwachen«, um ein Wort der Anna Seghers aufzunehmen. Wer aber sind die Wartenden, und wie stark oder schwach ist ihre Position, wie schätzen sie sich selbst ein und wie wollen sie gesehen werden?
III Das bis in die Einzelzeile und das Einzelwort nach dem Prinzip des Parallelismus, der Wiederholung und Wiederaufnahme strukturierte dreistrophige Gedicht täuscht zunächst über die feinen Unterschiede hinweg, die in den jeweiligen Strophen samt Refrain aufzufinden sind, und legt den Gedanken einer »Wiederholung des Gleichen« nahe, wo in Wahrheit eine tiefenstrukturelle Steigerung vorhanden ist.
      In der denkbar einfachsten und knappsten Form tritt der erste Akteur an die Rampe und stellt sich vor: »Ich bin der Sperling« — punktum; nichts mehr und nichts weniger. Der unter der Aussage, die deutlich deklamatorischen Charakter hat und die definitorische Spannweite des »Sperlingseins« assoziiert, liegende Appell scheint in der folgenden Verszeile zurückgenommen; eine Kapitulation? Ästhetisch bemerkenswert wiederum das Verfahren der sprachlichen Ersetzung: Statt »Ich bin der Sperling« heißt es »Ich bin am Ende«, die Form der Gleichsetzung ist semantisch aufschlußreich; sie legt den Verdacht na-he, das »Sperlingsein« , die Vogelexistenz sei »am Ende«, nicht mehr »leistbar«, lebbar. Da sie der Hilfe bedarf, ist dem Satz ein appellierender Imperativ vorgeschaltet und folgt eine die Bitte erklärende Begründung, die — wiederum nach dem Verfahren der Ersetzung — die anfängliche Definition »Ich bin der Sperling« inhaltlich neu auffüllt: »Und ich rief euch immer im vergangenen Jahr / Wenn der Rabe wieder im Salatbeet war«. Das an den Anfang gestellte »Und« hat den semantischen Wert von »aber«, verbindet jedoch noch stärker, ähnlich der zwischen temporaler und konditionaler Bedeutung oszillierenden Konjunktion am Anfang des nachstehenden Gliedsatzes. Die Tätigkeit des Sperlings — und er vertritt immerhin den verbreitetsten Typus, eine Viel- und Mehrzahl! — bestand in nichts anderem als in der Warnung, eine wirkliche Selbsttätigkeit kann er sich nicht zuschreiben; dennoch beharrt er, so, als sei er sich der Erfüllung gewiß, man könnte beinahe an einen »gesellschaftlichen Vertrag« denken, auf seiner Forderung: »Bitte um eine kleine Spende«. Die elliptische Form des Satzes macht zugleich ein sprachliches Element des Gedichts und des Brechtschen Duktus deutlich, das nominale und damit mehr reflektierende, begriffliche Moment; natürlich unterstützt das auch den formelhaften Charakter. Verwundern mag das Nomen »Spende«, ist damit doch nichts weniger als ein gewisses Tauschgeschäft angesprochen; Spende hängt mit »Spesen« zusammen, weist in die Richtung einer getroffenen Vereinbarung, es hängt, zutreffend genug, auch mit »Speise« zusammen.
      Schauen wir uns nun den Refrain an. Das oder die Kind — die Angerufenen — machen nicht lang Wesen, wir erfahren nichts weiter und genauer von ihnen, als daß es »Kinder« sind , sie reagieren unmittelbar, wie selbstverständlich, sie antworten ohne jede Sentimentalität, realistisch-natürlich auf das Anliegen der Vögel und — wiederum und verstärkt das szenische Element — akzeptieren es in doppelter Weise: Einmal weisen sie das Korn, die Spende, als zugehörig aus , es ist wiederum eine Art Gleichsetzung vorhanden, zum andern, und darüber hinaus, sprechen sie noch den Dank für die geleistete Arbeit aus: Jede Stropheneinheit endet so akzentuiert mit diesem Dankspruch, das letzte Wort ist jeweils »Arbeit« — die Kinder scheinen keinen Unterschied zu sehen, was die Arbeitsleistung angeht, oder aber sie sind einverstanden mit der Rollenverteilung. Greifen wir diesen Gedanken auf, so ergibt sich von Strophe zu Strophe und von Refrain zu Refrain eine wiederholte Spiegelung und Wiederaufnahme, Variation eines zugrundeliegenden Bau- und Strukturprinzips:

Sperling — ruft, warnend — das Jahr über
Buntspecht — hämmert und — schafft das Ungeziefer beiseit die ganze Sommerzeit

Amsel — singt — den ganzen Sommer lang

Alle sind gleichermaßen »am Ende«, alle erhalten ihren »Lohn«, wobei genau unterschieden wird nach Bedürftigkeit : Amsel und Sperling ihr »Korn«, der Buntspecht seinen »Wurm«, Anlaß genug für den altertümlich, kindertümlichen Scherzreim: Wurm — vurn. Soweit, so gut, wäre da nicht in der Mitte der zweiten Strophe und genau in der Mitte des Gedichts der fatale Vers: »All das Ungeziefer schaffe ich beiseit«; eigentümlich nicht nur das Nomen, sondern vor allem das Verb . Auch muß man stutzen, daß sich der Buntspecht so ernst und voll nimmt und von »all dem Ungeziefer« spricht, also ein Kollektivum benutzt, mag es noch so redegeläufig sein. Nun ist das sogenannte »Ungeziefer« allenfalls aus einer anthropomorphen Sicht heraus »schädlich«, im Gleichgewicht des Naturhaushalts geradezu notwendig, die Verbzusammensetzung »beiseiteschaffen« wird auch für Kinder einen seltsamen Klang besitzen: allenfalls »beiseite legen«, »sparen« wird ihnen vertraut sein.
      IV Liest man das Gedicht von der bekannten Fabel »Die Ameise und die Grille« her , so wird die Ähnlichkeit der Position der Grille und der Amsel auffallen; zwar steht die »Tätigkeit« der Amsel hier aufgrund der Reihenbildung im Gedicht in einem anderen Wertezusammenhang, doch wird man auch hier ihre »Leistung« am ehesten als »freischwebend« bewerten, als eine »künstlerische« Tätigkeit, auf die nicht verzichtet werden darf und die deshalb ebenso Anspruch auf »Entlohnung« hat . Wie auch immer man die Akzente der Besprechung des Gedichts setzen wird, stärker analytisch oder inszenatorisch oder"'textvergleichend — für alle Zugehensweisen finden sich hier Ansätze, Hilfen und Vorschläge , es bleibt ein offener Rest, gerade was den eigentlichen Sinn und die Textintention angeht. Im Unterricht wird man die verschiedenen Bedeutungsebenen und Sinnspuren ansprechen, aber nicht vertiefen oder im einzelnen konkretisieren oder gar einem gesellschaftlichen Schichtenmodell zuordnen. Werden einige syntaktisch und semantisch offenkundige Auffälligkeiten und Problemstellen, im Operieren mit dem sprachlichen Material, sichtbar, mag das für sich selbst sprechen. Im folgenden wird eine Kombination der Verfahren vorgeschlagen:
1. Erstrezeption, spontane Wirkung; vorsichtiges Hinlenken auf Problemstellen, eventuell Einsetzen der linguistischen Proben ;
2. Inszenatorisches Gestalten; Lesen mit verteilten Rollen: drei Sprecher, mehrere oder auch ein Kind; Spielen der Szene; auf diese zweite Erarbeitungsform sollte man nicht verzichten;
3. Bildliches Ausgestalten, Malen der Szene; auch Vergleich mit bildlichen Gestaltungen;
4. Verfahren des Text-, Gedichtvergleichs .
     

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