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Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen

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Die unmögliche Tatsache - Christian Morgenstern



Palmström, etwas schon an Jahren, wird an einer Straßenbeuge und von einem Kraftfahrzeuge überfahren.
      'Wie war" 'möglich, wie dies Unglück, ja —: daß es überhaupt geschah?
Ist die Staatskunst anzuklagenin Bezug auf Kraftfahrwagen?


   Gab die Polizeivorschrifthier dem Fahrer freie Trift?
Oder war vielmehr verboten, hier Lebendige zu Toten umzuwandeln, - kurz und schlicht: 15 Durfte hier der Kutscher nicht -?"
Eingehüllt in feuchte Tücher,prüft er die Gesetzesbücherund ist alsobald im klaren:

Wagen durften dort nicht fahren!

   Und er kommt zu dem Ergebnis: Nur ein Traum war das Erlebnis. Weil, so schließt er messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein darf.
      Palmström, der Vorfahr und Verwandte Palma Kunkels, mit dem Professorentitel, den er behält , und dem Kreuz für Kunst, das er zurückgibt, ausgezeichnet, nicht unempfänglich für Spiri-tualistisches , andrerseits wiederum rechnerisch-mathematisch hochbegabt , macht auch diesmal auf seinem Weg, »ein Glanzstück erlesenster Sorte« zu werden, »ein Bürger mit einem Worte«, eine sein Urvertrauen in die behördlich geordnete Untcrtanenwelt zutiefst erschütternde Erfahrung: es geschieht ihm an einer Straßenbiegung etwas, was eigentlich dort und so nicht geschehen durfte: ein Versuch der »Umwandlung Lebendiger zu Toten«,kurz ein Zusammenstoß mit einem Kraftfahrzeug. In Abwägung aller Tatsachen und Gründe und zur Aufrechterhaltung der behördlich prästabilierten Harmonie kommt er zu dem Schluß, daß es sich bei diesem Unfall um eine Einbildung, einen Traum gehandelt haben müsse , denn, »so schließt er messerscharf«, es kann nicht sein, was nicht sein darf!
Zwischen diesen beiden Verben, können und dürfen, spielt sich das gesamte >Gei-stesdrama< Palmströms ab, auf diese so unzählige Male richtig und falsch zitierte Pointe zielt die lyrische Berichterstattung und die Beweisführung. Doch bevor wir näher auf die Semantik dieser beiden Verben eingehen, sei die Frage gestellt: Woher rührt das Bedürfnis Palmströms, sich die Argumentation der Behördenwelt, der bürgerlichen Ordnungswelt zu eigen zu machen? Ist es gar das geheime Schuldbewußtsein, das den niemals Krawatten tragenden und hin und wieder gar Nirwana-und »Venus-Palmström-Anadyomene . . .«-Gefühle hegenden Palmström in der Form geheimer Selbstzensur heimsucht? Ist es gar die geheime Sehnsucht des Unpraktischen und Unsoliden, auch zu den »praktischen Leuten«, den Bürgern, zu gehören? Rührt von daher die Faszination stimmiger Systemen wo nicht sein kann, was nicht sein darf —: man denke an die sogenannten Sachzwänge oder den GAU oder sonstige Vorsorgemaßnahmen unserer Behörden, man erinnere sich an diesbezüglichen Jargon der Politiker. Vielleicht beherrscht ihn ja tatsächlich die Ãœberzeugung: »Offensichtlich wächst im ganzen Land / menschliche Gesittung und Verstand«, zu welcher Erkenntnis ihn vielleicht jenes »Polizeipferd«, immerhin ein Ordnungsinstrument, das in Palmströms Falle sogar logarithmische Berechnungen anzustellen in der Lage ist, gebracht haben könnte. Die Antwort muß jedenfalls in dieser Richtung zu suchen sein. —
Die Bauform des Gedichts, Sprach- und Satzformen und Versanordnung entsprechen der absurden, in sich freilich stimmigen Logik; während Str. 1 die Ausgangssituation bietet , zeigen Str. 2 — 4 den zweifelnden, nach Ursachen und Gründen suchenden Staatsbürger; freilich können wir gerade Palmström nicht so recht die Vorstellung, es handele sich beim staatlichen Ordnungssystem um ein quasi ästhetisches Gebilde, um »Staatskunst« eben, abnehmen, wie sehr er sich auch Behördendenken und Behördensprache zu eigen macht . So wenig es nunmehr verwundern kann, daß er in Str. 5 gar in die Rolle des Aktenmenschen schlüpft, so wenig trauen wir ihm, wenn er sich »in feuchte Tücher hüllt« . Und in der Tat, das Ergebnis der Nachprüfungen und Nachforschungen — nicht zu sagen; oder noch dieses: Am Ende seiner Laufbahn wird Palmström Bürger und dessenthalben verhaftet, doch anerkennen Gefängnisbehörden und Wärter zu guter Letzt, >daß nicht sein kann, was nicht sein darfPalm-ström wird StaatsbürgeN). Dem nachdenklichen Leser wird jetzt auch die Berechtigung des Wortes von der »Staatskunst« aufgehen —, leitet sich diese doch ab von »können«. — Hinweise zur methodischen Behandlung:
1) Umschreiben in einen Prosatext; Vergleich beider Textformen, besonders Syntax und Redestil beachten.
      2) Lebenslauf/Biographie Palmströms anfertigen anhand der Sammlung >Palm-ström< von 1910.
      3) Besprechung des Gedichts und seiner Intention anhand verschiedener werkbiographischer Dokumente Dann der Brief vom 27. Januar aus Arosa, die Erklärungen zu Palmström dort und Morgensterns Konzept der >Geistigkeit< gegenüber »diesen zwei üblen deutschen Philister- und Bierbankausdrücken« (>BlödsinnStumpfsinn

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Die  unmögliche  Tatsache  -  Christian  Morgenstern    





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