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Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen

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Die Stadt - Theodor Storni



Am grauen Strand, am grauen Meer Und seitab liegt die Stadt; Der Nebel drückt die Dächer schwer, Und durch die Stille braust das Meer Eintönig um die Stadt.

Es rauscht kein Wald, es schlägt im Mai
Kein Vogel ohn Unterlaß;


Die Wandergans mit hartem Schrei
Nur fliegt in Herbstesnacht vorbei,

Am Strande weht das Gras.

   Doch hängt mein Herz an dir,
Du graue Stadt am Meer;

Der Jugend Zauber für und für
Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir,

Du graue Stadt am Meer.

   1. Interpretation: Daß ein Mensch seine Heimat liebt, sei sie landschaftlich noch so reizlos oder historisch noch so unbedeutend, ist an sich eine banale Aussage. Macht man sie zum Vorwurf eines Gedichtes, dann hängt alles an der sprachkünstlerischen Gestaltung. Diese lyrische Umsetzung eines wenig originellen Gedankens, eines schon leicht sentimentalen Gefühls in gestaltete Sprache ist es denn auch, was das Stormsche Gedicht erst bemerkenswert macht.
      Auffällig - um beim Auffälligen anzusetzen - ist die Sparsamkeit im Reimgebrauch: Jede Strophe kommt mit nur zwei Reimen aus; Str. I und III setzen zudem in den Versen 1 und 4, 2 und 5 identische Reime ein . Das Wort »Meer« kommt am Versende allein viermal vor und gehört wie »Stadt« und »dir« zu den Trägern der identischen Reime - ein Hinweis auf die Bedeutung dieser Wörter. Das Meer nämlich, nicht die im Titel genannte Stadt, beherrscht das Bild. Seine Bedeutung spiegelt sich in der Häufigkeit seines Auftretens als Reimwort. »Dir« und »Stadt«, durch die identischen Reime ebenfalls hervorgehoben, verweisen auf den Gegenstand des ausgedrückten Gefühls und des Bezuges zu ihm . Bereits in den Reimwörtern wird also auf die bestimmenden Faktoren hingewiesen. Die Versschlüsse sind aber auch für die besondere Klangwirkung von Bedeutung. Die Wiederkehr gleicher Reimwörter und die Häufung der gleichen Reimsilben erwecken den Eindruck der Monotonie, die durch die Wiederholung von Satzteilen und Parallelismus noch verstärkt wird. Sie entspricht der Eintönigkeit der Landschaft, die nicht nur in den Bildern zu sehen, sondern ebenso nachhaltig im Klangkörper zu hören ist.

     
Ausgehend von der scheinbar äußerlichen Gesetzmäßigkeit des Reimschemas, sind wir auf eine Monotonie gestoßen, auf deren Gestaltung das ganze Gedicht überhaupt ausgerichtet ist. Auswahl und Dominanz der Bilder können dies bestätigen. Wie im Reimgefüge steht auch hier das Meer an erster Stelle, Wandergans und wehendes Gras sind Gegenbilder des sonst in der Lyrik so häufig erscheinenden locus amoenus, der lieblich idyllischen Landschaft. Die Stadt selbst liegt »seitab«, sie wird nicht näher beschrieben. »Grau« ist keine Präzisierung, kommt es doch auch dem Meer zu. - Nimmt man den Titel wörtlich, dann ist die Auswahl der Bilder unverständlich: Sie sind durchweg einer durch das Düstere und Eintönige geprägten Natur entnommen; der Mensch und die von ihm gestaltete Welt fehlen. Die Stadt kann unter dem Druck dieser übermächtigen Landschaft keinen Eigencharakter entwickeln, sie vermag nur als Teil der Meeresszenerie überhaupt in Erscheinung zu treten. Um also ein Bild seiner Heimatstadt geben zu können, muß Storm einen Eindruck von der sie bestimmenden Landschaft vermitteln. Husum - das ist für Storm ein Stück grauer, eintöniger Küstenlandschaft.
      Die beherrschende Stellung des Meeres findet einen unerwarteten Ausdruck im Satzbau. Mit einer Ausnahme handelt es sich um Sätze ohne Akkusativobjekte. H. Brinkmann bezeichnet diesen meist zweigliedrigen Satztyp als Vorgangssatz, mit dem wir Vorgänge in der Natur oder naturhaft gedachte Abläufe im Bereich des Menschlichen wiederzugeben pflegen. Storm gebraucht also ein Satzmodell, das dem Vorrang der Natur entspricht. Die einzige Ausnahme bestätigt diese Dominanz. Der Vers »Der Nebel drückt die Dächer schwer« enthält zwar ein Akkusativobjekt, stellt also einen sogenannten »Handlungssatz« dar, aber dieses Objekt ist der Mensch und seine Stadt; handelnd aktiv ist die Natur, nicht der Mensch. Rhythmisch ist das Gedicht charakterisiert durch eine zunächst flach verlaufende Bewegung. Die ersten beiden Zeilen in Str. I und II sind gekennzeichnet durch Anlauf - Auslauf, leichtes Ansteigen - Abfallen, vergleichbar einer Wellenbewegung, die zumeist geringe Bewegungshöhen aufweist. Auch der Rhythmus in seiner Ruhe und Ausgeglichenheit vermittelt also den Eindruck einer starken Verhaltenheit. Daß daraus keine rhythmische Langeweile wird, dafür sorgen die gegenrhythmischen Verseingänge in Str. I,

V.

5, und Str. II,

V.

2, also die Wörter »Eintönig« und »Kein«, die betont werden müssen, obwohl sie im Auftakt stehen. Daß sie neben der rhythmischen Belebung die Funktion haben, das Sinngefüge zu akzentuieren, liegt auf der Hand.
Rhythmisch lebhafter ist die 3. Strophe; die unmittelbare Gefühlsbewegung löst großräumigere rhythmische Bewegungen aus. Im rhythmisch bewegten Sprechen erscheint das bekennende lyrische Ich, das beschreibende Element verschwindet. Ein Hinweis auf die Komposition des Ganzen ist damit gegeben. Str. I bietet ein konkretes Bild, Str. II verläßt bereits den Bereich des unmittelbar und gegenwärtig Geschauten. Menschliches Bewußtsein vermittelt: Es stellt in den Negationen Vergleiche an, eserinnert . Direkte Wiedergabe weicht dem Erinnerungsbild; die bei Storni oft zu beobachtende Verarbeitung eines Naturbildes in Richtung auf erinnerte Impressionen ist auch hier zu finden. Str. III führt schließlich ganz in den Raum des Bewußtseins und innerseelischer Reaktionen auf das Geschaute und Erinnerte. Das Gedicht geht also vom Raum des konkreten Bildes aus und führt über das Erinnerungsbild, das noch Konkretes, aber eben nur als Erinnertes, erfaßt, in den Bereich des Bewußtseins und des Gefühls.
      2. Didaktische Hinweise: Auf den ersten Blick scheint es, als ob der Schüler, der ja selbst eine Heimat hat, die »Aussage« des Gedichts leicht zu erfassen vermöchte. Man sollte in dieser Hinsicht aber nicht zu viel erwarten, auch wenn der Schüler den Gedanken der Bindung an die Heimat ohne Rücksicht auf deren Schönheit oder Reizlosigkeit rational nachvollziehen kann. Er hatte bisher kaum Ursache, sich sein Verhältnis zu seiner Heimat bewußt zu machen. Storms Bekenntnis ist das Bekenntnis eines älteren, die Heimat in der Jugenderinnerung verklärenden Menschen; der Schüler kann es nur bedingt verstehen. Um ihm eine verstehende Annäherung zu ermöglichen, muß der Gegensatz zwischen der Anhänglichkeit und ihrem Gegenstand herausgearbeitet werden, indem zunächst die geringe Attraktivität dieses Gegenstandes gezeigt wird. Das Bild der Landschaft zu erarbeiten ist fürs erste wichtiger als ein Gespräch über unsere Bindungen an die Heimat usw. Denn erst dann, wenn die Eintönigkeit und Kargheit dieses Landstrichs Gestalt gewonnen hat, wird die Zeile »Doch hängt mein ganzes Herz an dir« in ihrer Paradoxie einsichtig. Die Erarbeitung des Landschaftsbildes wird in der durchschnittlichen Klasse von den direkten Aussagen ausgehen müssen, doch sollte man versuchen, die sprachgestalterischen Entsprechungen dieser Monotonie, Härte und Düsterheit im Klangkörper des Gedichts herauszuheben. Man wird also auf die Bilder und ihre Auswahl und das ihnen Gemeinsame eingehen ; selbst die Bedeutung der Reimkargheit kann auf dem Wege über das Abhören des Klangeindrucks ein Stück weit verstehbar gemacht werden. Im gestaltenden Lesen ist die Ruhe und relative Gleichförmigkeit in den ersten beiden, die stärkere rhythmische Bewegtheit in der 3. Strophe zu erfassen. Der Schüler kann so erfahren, daß der Reim nichts Zufälliges, ein eben auch noch hinzukommender, besonders kunstvoller Schmuck ist, daß die Auswahl der Bilder nicht vom Zufall bestimmt, die sprechrhythmische Bewegung durch eine Wandlung des Inhaltlichen bedingt ist .
      3. Methodische Hinweise: Der relativ leicht faßbare Text bietet die Möglichkeit, ihn im Erlesen zu erarbeiten. Die Frage nach der angemessenen sprecherischen Wiedergabe einzelner Verse und Strophen führt auf deren Aussage, diese wiederum liefert die Kriterien für das richtige Sprechen. Falsches, etwa zu rasches, zu starke Akzente setzendes Lesen der beiden ersten Strophen oder ein zu gleichförmiges der dritten wird durch Reflexion auf das Gesagte korrigiert.
     

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Die  Stadt  -  Theodor  Storni    





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