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Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen

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Die Schritte - Albrecht Goes



Klein ist, mein Kind, dein erster Schritt, Klein wird dein letzter sein. Den ersten gehen Vater und Mutter mit, Den letzten gehst du allein.
      Seis um ein Jahr, dann gehst du, Kind,
Viel Schritte unbewacht,


Wer weiß, was das dann für Schritte sind
Im Licht und in der Nacht?
Geh kühnen Schritt, tu tapfren Tritt, Groß ist die Welt und dein.

   Wir werden, mein Kind, nach dem letzten Schritt Wieder beisammen sein.
      Das ist kein einfaches Erzählgedicht mehr, eher ein einfaches — Denkgedicht. Es führt in der Folge von regelmäßig gegliederten Strophen die Schritte des Lebens vor, Schritte des Kindes, Schritte der »Kinder der Welt«, den letzten Schritt mit der Verheißung endgültiger Geborgenheit. Es bedarf keiner Frage, daß dieses Gedicht durchaus in der geläufigen Form von Einführung — Vortrag — Gespräch — Lesen behandelt werden kann. Soll jedoch die Selbsttätigkeit des Schülers aktiviert werden, so kann auch jetzt antizipierend gearbeitet werden. Mit einem intensivierten Erlebnis vom »Teilganzen« aus einer »Gesamterwartung« heraus darf dann gerechnet werden. Wie gesagt, ein einfaches Geschehen kann aber nicht mehr gemeinsam entworfen werden. Man muß vielmehr von einem Gedicht zum Nachdenken sprechen. Also denken wir auch den Worten nach ausgehend von dem Titel des Gedichtes.
      Wir fragen: Kann man darüber ein Gedicht schreiben? — Die sich ergebenden Mutmaßungen werden wahrscheinlich weite Wege, auch wohl Holzwege, einschlagen wollen. Das Gespräch kann dann auf die Ausgangslage des Textes hin eingeengt werden. Das Bild, das in den ersten beiden Zeilen vorgestellt wird, kann der weiteren Antizipation den Weg weisen. Nun kann in den Umkreis des eingegrenzten Entwurfes die erste Zeile des Gedichtes hineingeschrieben werden: »Klein ist, mein Kind, dein erster Schritt«. Schon klärt sich die Gestalt dessen, der hier spricht. Und mit dem Wort vom »ersten« Schritt wird auch schon die zweite Zeile vorbereitet, die vom »letzten« Schritt spricht. Wer behütet den ersten Schritt? Das ergibt schon die dritte Zeile, während die vierte Zeile fast zu leicht — so etwa in einem vierten Schuljahr — von den Kindern erfunden werden kann. Aber die Tatsache, daß die Erfindung nun auch wirklich stimmt, begeistert die Schüler zweifellos.
     
Die zweite Strophe läßt sich auf sehr unterschiedliche Weise antizipieren. Eine Möglichkeit ergäbe sich aus dem H in weis auf das Kind, das bald größer wird. »Gehn Vater und Mutter« auch da noch mit? — So lenkt man hin zum Wort »unbewacht«, man lenkt zu weiteren Ausdrücken im Sinnfeld gefährlicher Schritte: Schritte vom Wege — Irrwege — Umwege —, ein Schüler sagte »Seitensprünge«. — Damit sind vor allem die Schlußzeilen der zweiten Strophe schon bedacht, die Sinnbilder von »Licht und Nacht« werden deutlich; das antizipierende Verfahren geht auf sehr einleuchtende Weise auf Bilder und Symbole zu.
      Wie nun soll der Mensch der gefahrvollen und zwielichtigen Welt entgegengehen? Wie sollen, können seine Schritte sein? Mutmaßungen also über Schritte, die mit dem Leben fertig werden. Dann ein Hinweis auf den »tapfren« Imperativ bei Goes. Damit gewinnt man bereits die erste Zeile der dritten Strophe. Fülle und Weite der Welt bestimmt dann die zweite Zeile — wie läßt sich das sagen? Aber dann denken wir noch einmal zurück an die erste Zeile der ersten Strophe, wir denken an den jetzt notwendigen Gegensatz von »tapfrem Tritt« und »kleinem Schritt«, der doch auch der letzte ist. Also denken wir nach über den Schluß des Gedichtes, der auf den letzten Schritt weist, der zugleich aber tröstlich ist, weil er auf den ersten Schritt bezogen ist. Die Antizipation des Trostes ergibt sich aus dem Hinweis darauf, daß der Dichter offensichtlich in jeder Strophe »mein Kind« sagen will. Wir fragen: Gibt es aber nur das Kind aus der Sicht von »Vater und Mutter«? Damit wandelt sich die Perspektive, sie wird weiter. »Kind« ist auch Menschenkind, Vater und Kind, Gott und Geschöpf gehören zusammen. Mit solchem zum Religiösen führenden Nachdenken wird die affirmative Sicherheit der beiden Schlußzeilen des Gedichtes vorbereitet.
      Mutmaßungen noch einmal über den Wert des antizipierenden Verfahrens am Beispiel dieses Gedichtes:
Offensichtlich ist es denkbar, daß einfache Denkgedichte — die mit dieser provisorischen Formulierung von Gedankenlyrik im eigentlichen Sinne abgegrenzt werden können — durchaus mitzugestalten sind, sofern die Denkinhalte in einfachen Worten und Bildern greifbar sind. Sucht man unter diesen Voraussetzungen weitere Gedichte, so nähert man sich vor allem dem Bereich spruchhafter Lyrik.
     

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Die  Schritte  -  Albrecht  Goes    





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