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Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen

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Die Musik kommt - Detlev von Liliencron



Klingling, bumbum und tschingdada. Zieht im Triumph der Perserschah? Und um die Ecke brausend brichts Wie Tubaton des Weltgerichts, 5 Voran der Schellenträger.
      Brumbrum, das große Bombardon, Der Beckenschlag, das Helikon, Die Piccolo, der Zinkenist, Die Türkentrommel, der Flötist, 10 Und dann der Herre Hauptmann.

      Der Hauptmann naht mit stolzem Sinn, Die Schuppenketten unterm Kinn, Die Schärpe schnürt den schlanken Leib, Beim Zeus! das ist kein Zeitvertreib, 15 Und dann die Herren Leutnants.
      Zwei Leutnants, rosenrot und braun, Die Fahne schützen sie als Zaun; Die Fahne kommt, den Hut nimm ab, Der bleiben treu wir bis ans Grab! 20 Und dann die Grenadiere.
      Der Grenadier im strammen Tritt, In Schritt und Tritt und Tritt und Schritt, Das stampft und dröhnt und klappt und flirrt, Laternenglas und Fenster klirrt, 25 Und dann die kleinen Mädchen.
      Die Mädchen alle, Kopf an Kopf, Das Auge blau und blond der Zopf, Aus Tür und Tor und Hof und Haus Schaut Mine, Trine, Stine aus, 30 Vorbei ist die Musike.
      Klingling, tschingtsching und Paukenkrach, Noch aus der Ferne tönt es schwach, Ganz leise bumbumbumbum tsching; Zog da ein bunter Schmetterling, 35 Tschingtsching, bum, um die Ecke?

Das im Berlin der Jahrhundertwende aufMusikwalzen weitverbreitete Chanson — Otto Julius Bierbaum hatte es in seine berühmte Sammlung von Chansons und »Brettl-Liedern« von 1900 aufgenommen — ist wohl kaum als eine »biedermeierlich-martialische Klingklangmalerei«, die nur gemildert wird durch die Vertonung von Oscar Straus, sondern wohl eher als lyrische Humoreske zu betrachten, zumal wenn man an das damalige Kabarettpublikum denkt: höhere Offiziere, Diplomaten und Adlige. Man hat auf die literarhistorische Nähe zu Freiligraths Ballade vom Mohrenfürsten verwiesen , doch entbehrt das so sehr auf Klang und Widerklang abgestimmte Chanson ganz der Phantastik und Bombastik der »Wüsten- und Löwenpoesie« des Detmolders, erst recht politischkritischer Untertöne, wie sie im »Mohren fürsten« sich zu Worte melden . Freilich trifft die exotische Staffage der Liliencronschen Militärmusik den damaligen Zeitgeist , wohl aber auch verschmitzt-ironisch oder doch zumindest aus humorvoller Distanz. Reim- und Vokalstruktur, Alliterationen und Assonanzen, insgesamt das Prinzip der Lautmalerei, in Musik umgesetzte Sprache, Ringkomposition , »zündender Rhythmus« und farbenprächtiger Aufputz —, das sind die wesentlichen lyrisch-sprachlichen Elemente. Das Schwebende und Leichte ist im Bild/Symbol des Schmetterlings eingefangen . So wird man dem Gedicht/Chanson noch am ehesten gerecht, wenn man es für Sprech- und Vortragsübungen einsetzt, die Vertonung von Oscar Straus sollte in jedem Falle mit einbezogen werden. So unproblematisch der Aufbau , so unerheblich im Grunde das Ganze: eine impressionistische Studie, ein Chanson ohne kritische Schärfe, ein Schlager und Gassenhauer der Wilhelminischen Epoche.
      Literarhistorisch ist daran zu erinnern, daß Liliencron bis in die frühen zwanziger Jahre als der Lyriker schlechthin galt .
      Vorschläge zur Behandlung:

1. Vortragsübungen; Schallplatte/Vertonung einbeziehen
2. Beschreibung der einzelnen >Typen< und militärischen Ränge: Hauptmann, Leutnant, Grenadier; dagegen die Mädchen: Mine. Trine, Stine .. .
      3. »Impressionistische Farbgebung« des Gedichts
4. Frage nach der Bedeutung des »bunten Schmetterlings«

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Die  Musik  kommt  -  Detlev  Liliencron    





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