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Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen

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Die große Fracht - Ingeborg Bachmann



Die große Fracht des Sommers ist verladen, das Sonnenschiff im Hafen liegt bereit, wenn hinter dir die Möwe stürzt und schreit. Die große Fracht des Sommers ist verladen.
      5 Das Sonnenschiff im Hafen liegt bereit, und auf die Lippen der Galionsfiguren tritt unverhüllt das Lächeln der Lemuren. Das Sonnenschiff im Hafen liegt bereit.

      Wenn hinter dir die Möwe stürzt und schreit, 10 kommt aus dem Westen der Befehl zu sinken; doch offnen Augs wirst du im Licht ertrinken, wenn hinter dir die Möwe stürzt und schreit.
      1. Interpretation: Eines der schönsten und in sich geschlossensten Gedichte aus dem Lyrik-Band »Die gestundete Zeit« , der die Autorin zusammen mit ihrem zweiten Gedichtband »Anrufung des großen Bären« in die erste Reihe der deutschen Nachkriegslyrik gerückt hat. Auch ihr nachfolgendes Werk, die Hörspiele »Der gute Gott von Manhattan« und »Zikaden« , ihre Erzählungen »Das dreißigste Jahr« sowie ihre Essays und Vorlesungen, die sie als erste Inhaberin des Lehrstuhls für Poetik an der Universität in Frankfurt hielt, haben Ingeborg Bachmann diesen ausgezeichneten Rang in der zeitgenössischen Literatur bestätigt.
      Schon der Titel des vorliegenden Gedichts »Die große Fracht« enthält eines der großen Grundbilder, die in ihrem ersten Gedichtband immer wiederkehren, und auch hier eine Bildkette, die mit dem Titelbild verbunden ist, heraufbeschwört: Die große Fracht des Sommers verweist auf das Sonnenschiff, in dem sie verladen ist, das Sonnenschiff wiederum verweist auf das Bild des Hafens, dieses wiederum auf das Bild der bevorstehenden Ausfahrt, und die Ausfahrt schließlich verweist auf die Gefahr des Versinkens, des Ertrinkens, wie dies in der letzten Strophe ausgesprochen wird. Damit ist auch der besondere Aussagecharakter dieses lyrischen Sprechens gekennzeichnet. Alle Bilder in diesem Gedicht ruhen nicht, wie in der uns vertrauten traditionellen Lyrik, in sich selbst, sondern verweisen aufeinander. Sie haben Zeichencharakter, sie sind Chiffren. Indem ein Bild auf das andere verweist, es gleichsam evoziert, entsteht ein hermetisch abgeschlossenes Bildgefuge, das dem Leser zunächst unbetretbar erscheint. Ãœberwindet der Leser die daraus rührende Ungeduld, jedes der Bilder von außen mit Sinn aufzuladen und läßt er sich von den Bildern selbst durch das Gedicht leiten,so wird sehr bald in diesem Bildgefiige ein Sinnzusammenhang sichtbar, der ihn dem Verstehen des ganzen Gedichts näherbringt. Folgt man der Reihenfolge der Bilder, so wird folgender Zusammenhang sichtbar:
Die erste Zeile ruft das Bild der großen Fracht des Sommers herauf. Dieses ist mit dem Bild des Sonnenschiffs in der zweiten Zeile unmittelbar verbunden. Fracht des Sommers und Sonnenschiff gehören zusammen. Das Sonnenschiff birgt die Fracht des Sommers, d. h. die vom Licht des Sommers hervorgebrachte Frucht. Die Fracht ist hier die Frucht des Lichts und wird deshalb im Sonnenschiff »verladen«, d. h. geborgen. Indem Fracht und Sonnenschiff auf den Ertrag der eingebrachten Frucht hinweisen, rufen sie sofort ein weiteres Bild hervor: das der Auffahrt, d. h. des Heimbringens der Frucht: »das Sonnenschiff im Hafen liegt bereit.« Dieser Hinweis auf die bevorstehende Ausfahrt wird sofort durch das Bild der stürzenden Möwe ergänzt und durch die Wiederholung der ersten Zeile abgeschlossen. So enthält die erste Strophe das Leitbild des ganzen Gedichts. Es ist daher nicht überraschend, daß die erste Zeile der zweiten Strophe dieses Leitbild der Ausfahrt wieder aufnimmt und durch ein weiteres Bild ergänzt: »und auf die Lippen der Galionsfiguren tritt un verhüllt das Lächeln der Lemuren.« Das Bild der Galionsfiguren verstärkt den Eindruck der unmittelbar bevorstehenden Ausfahrt, rückt sie aber auch zugleich in ein bedrohliches Licht. Die Galionsfiguren, sonst Schutzzeichen der Schiffe, erhalten »das Lächeln der Lemuren«. Lemuren sind Phantome des Todes und kündigen den Untergang des Sonnenschiffes an. Sonnenschiff und Lemuren, Licht und Tod, Ausfahrt und Untergang kennzeichnen das kontrastierende Grundbild der zweiten Strophe. Dieses verweist unmittelbar auf die dritte Strophe, die das Bild des Untergangs einführt und den Untergang zur Gewißheit macht. Während die Möwe stürzt und schreit, kommt »der Befehl zu sinken«, den Untergang also gerade dann zu vollziehen, wenn alles zur Bergung der Fracht getan worden ist. Dieser Schicksalsspruch ist unwiderruflich und erscheint nicht zufällig in der Chiffre des Befehls, der hier weder verworfen noch beklagt wird. Er wird vollzogen. Aber — dies ist die entscheidende Wende und zugleich der überraschende Höhepunkt des Gedichts — der Mensch vollzieht den Untergang »offenen Auges« und angesichts des Lichts, d. h. der im Sonnenschiff geborgenen Frucht. So wird dieser Untergang nicht zur Katastrophe seiner ganzen Existenz. Er »ertrinkt« nicht in der Flut, wie zu erwarten wäre, sondern »im Licht«, d. h. der von ihnen selbst geborgenen Fracht. Das entschlossene »doch«, das die letzten beiden Zeilen einleitet, ist nicht Zeichen der Niederlage , sondern des Siegs angesichts des befohlenen Untergangs.
      Die Interpretation zeigt also in einem in sich geschlossenen Bildgefüge ein deutlich lesbares Sinngefüge, das aus der Grundsituation der Ausfahrt, eines unwiderruflichen Abschiedes , entsteht. Die dem Menschen »auf Widerruf gestundete Zeit« wird auch hier beschworen, sie zwingt ihn zum Abschied, ist aber nicht sinnlos. Diesem Zwang zum Abschied entspricht auch der beschwörende Tonfall des Gedichts. Er zeigt sich in dem regelmäßigen Wechsel von Hebung und Senkung, wobeivor allem die volltönenden Stammsilben herausgehoben werden, und in dem Wechsel von »o« zu »a« eine monotone, aber eindringliche Satzmelodie hervorrufen:
Die große Fracht des Sommers ist verladen, das Sönnenschiff im Häfen liegt bereit.
      Dieser monoton-beschwörende Charakter des Sprechens wird durch die kunstvolle Rondoform der Komposition verstärkt. Die ersten drei Zeilen werden so variiert, daß sie jeweils in der Reihenfolge ihres Erscheinens wieder Ausgang und Abschluß der nachfolgenden Strophen bilden. Dabei kehrt die erste Zeile zweimal wieder , die zweite und dritte Zeile sogar dreimal . Die Wiederholungen verstärken nicht nur den monoton-eindringlichen Spruchcharakter, sondern enthüllen auch den streng in sich gefügten Bau des Gedichts. Das Gedicht kann daher, in Analogie zur musikalischen Fuge in der Gestalt eines Rondos, als sprachliche Fuge bezeichnet werden. Aus dem Kompositionsprinzip der Fuge erhält es auch seinen Sinn. Fuge läßt sich aus dem lat. fuga, d. h. die Flucht ableiten. In diesem ursprünglichen Sinne fliehen die Bilder des Gedichts durch die Rondellform an unserem Auge vorbei und entsprechen so der Situation des Abschieds. Die Autorin hat dieses Prinzip auch in anderen Gedichten verwendet, z. B. in dem Zyklus, das den bezeichnenden Titel »Lieder auf der Flucht« trägt. Dasselbe Bauprinzip liegt auch einem der größten zeitgenössischen Gedichte zugrunde: der »Todesfuge« von Paul Celan.
      2. Didaktische Analyse: Das Gedicht kann gerade auf Grund seines klar gefügten Baus und seiner hermetischen Geschlossenheit für die Schüler der Oberstufe bedeutsam werden. Durch seine besondere Bildlichkeit eignet es sich vorwiegend zu einer genauen Betrachtung, die das bloße Gestimmtsein der Schüler durch den melodischen Charakter des Gedichts zwar nicht ausschließt , aber durch eine vertiefende Besinnung auf bestimmte Grundbilder erweitert. Da dieses Gedicht für eine bestimmte Sprechweise der zeitgenössischen Lyrik repräsentativ ist, kann gerade an ihm der Zeichencharakter der Bilder erschlossen werden, wie er auch in der sogenannten »Chiffrenlyrik« anderer bedeutender Autoren erscheint. Drei konkrete Erkenntnisziele lassen sich daher im Umgang mit diesem Gedicht formulieren:
1. Die Schüler sollen in die eigentümliche Sprechweise des modernen Gedichts eingeführt werden, indem sie lernen, sich betrachtend in einem Bildgefüge zu bewegen und dieses Bildgefüge als einheitlichen Sinnzusammenhang zu erschließen. Erschließen heißt hier für den Schüler den Bildern zu folgen, ihre Bedeutung lesend zu vertiefen, bis die »Nachricht« oder »Botschaft« in ihnen aufleuchtet. Lesen heißt hier, wie es Celan vom modernen Gedicht überhaupt fordert, »eine Flaschenpost« aufschlüsseln. Denn »das moderne Gedicht kann, da es ja eine Erscheinungsform der Sprache und damit seinem Wesen nach dialogisch ist, eine Flaschenpost sein, aufgegeben in dem gewiß nicht immer hoffnungsstarken Glau-ben, sie könnte irgendwo und irgendwann an Land gespült werden — an Herzland vielleicht.«
Im Sinne eines solchen Lesens sollten die Schüler hier die zwei großen Grundbilder der Ausfahrt und der Fracht erschließen und den ihnen zugehörigen tieferen Bedeutungshof erschließen. Das Bild der Ausfahrt in der Metapher des im Hafen bereitliegenden Sonnenschiffs verweist auf den zu Ende gehenden Sommer. Ausfahrt heißt also Abschied nehmen vom Licht. Das Licht selbst spendet die Frucht. Von diesem Bild des Lichts sollte wiederum die tiefere Bedeutung des Wortes Fracht erschlossen werden. Die »Fracht des Sommers« ist die aus dem Licht hervorgegangene Frucht, die im Sonnenschiff geborgen ist. Indem die Schüler derart den Bedeutungshof eines Bildes erschließen, können sie auch
2. den Verweisungscharakter der Bilder erkennen. Ein Bild zeigt auf das andere hin und antwortet ihm: Fracht des Sommers -> Sonnenschiff -> Hafen - Ausfahrt -> Untergang - »Im Lichte ertrinken«. Indem die Schüler sich derart mit Hilfe einfacher Fragen des Lehrers nach der übertragenen Bedeutung von Bild zu Bild leiten lassen, können sie das gesamte Bildgefüge erkennen. Wenn ihnen dabei auch die letzte Sinnschicht, der Sieg des Menschen über das Schicksal verschlossen bleiben wird, so können sie doch nur die Einheit des Bildgefüges einem ahnenden Verstehen nähergebracht werden. Nach der Einsicht in das geschlossene Bildgefüge empfiehlt sich
3. eine kurze Betrachtung des formalen Baus des Gedichts, um auch den kunstvollen Fugencharakter zu erkennen. Sollte diese Betrachtung jedoch nichts zur Sinnerhellung beitragen können, so sollte besser auf sie verzichtet werden. Eine nur formale Betrachtung im Sinne einer »ästhetischen Bildung« bleibt leer und könnte nur den verhängnisvollen Eindruck von der vorsätzlichen Machbarkeit von Gedichten erwecken.
      3. Methodische Ãœberlegungen: Das Gedicht sollte — gerade wegen seines hermetisch-geschlossenen Charakters — in die Nachbarschaft verwandter, aber leichterer Gedichte gestellt werden, z. B. Hebbels »Sommerbild«, »Herbstbild«, Rilkes »Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß ...«, mit denen es die Situation des Abschieds vom Sommer gemeinsam hat. Es kann aber auch aus dem Gegensatz zu Eichs »Im Sonnenlicht« erschlossen werden, in dem das Sonnenbild geradezu entgegengesetzte Bedeutung hat.
      Nach einem vertiefenden stillen Lesen und einem lauten Sprechen sollte das Gedicht unter drei einfachen Leitfragen erschlossen werden:
1. Wie klingt das Gedicht bei einem ersten Zuhören an unser Ohr? Einsammeln der ersten Eindrücke und Herausarbeiten des Klangcharakters bestimmter Zeilen. Das Gedicht klingt eintönig, viele Zeilen sind auf nur wenige, immer wiederkehrende Vokale gestimmt, wobei die volltönenden Stammsilben herausgehoben werden:
Die große Fracht des Sommers ist verladen,das Sonnenschiff im Hafen liegt bereitwenn hinter dir die Möwe stürzt und schreit.
      Die große Fracht des Sommers ist verladen.

     
Aber nicht nur durch den regelmäßigen Wechsel von Hebung und Senkung und die Betonung der volltönenden Stammsilben, sondern auch durch die Wiederholung bestimmter Bilder entsteht der feierlich-beschwörende Charakter des Gedichts. Von hier aus kann unmittelbar die Frage nach den Bildern des Gedichts gestellt und der Beginn der eigentlichen Betrachtung eingeleitet werden.
      2. Welche Bilder kehren im Gedicht immer wieder? Die Schüler können erkennen, daß nur die drei Bilder der ersten drei Zeilen mehrmals wiederkehren. Sie sind die Grundbilder und müssen auf ihren Sinn hin erschlossen werden. Bevor dies geschieht, sollen die Schüler den Zusammenhang aller drei Bilder miteinander finden. Das erste Bild, die große Fracht des Sommers, zeigt auf das Sonnenschiff hin. Das Sonnenschiff ist bereit und zeigt derart die Ausfahrt an. Die Ausfahrt selbst wird durch das dritte Bild, die stürzende Möwe, angekündigt. Um diesen notwendigen inneren Zusammenhang der Bilder nicht aus dem Blick zu verlieren, kann er in Stichworten so an der Tafel festgehalten werden:
Fracht - Sonnenschiff-» Hafen - Möwe -> Ausfahrt -
Diese einfache Skizze einer Bildreihe zeigt den jetzt noch einzuschlagenden Weg durch das Gedicht und stellt durch das letzte Bild die Frage, wohin denn die Fahrt gehe. Bevor dies aus dem Gedicht beantwortet werden kann, müssen die drei genannten Grundbilder vertieft werden. Dies kann durch die letzte Leitfrage geschehen:
3. Warum sind alle Bilder eng miteinander verwandt? Wir verfolgen Bild auf Bild:
A) Die große Fracht des Sommers und das Sonnenschiff gehören zusammen, denn die Fracht des Sommers ist die Frucht, die die Sonne hervorgebracht hat. Das Sonnenschiff birgt die Fracht, um sie einzubringen . Einsicht in die Sinnbildlichkeit: Sonne als Spenderin des Lebens. Das Sonnenschiff enthält den Ertrag des Lebens.
      B) Sonnenschiff und Ausfahrt gehören ebenso zusammen, da das Schiff die Fracht nicht nur birgt, sondern auch weiterträgt, sie also retten will. Von hier aus muß die Frage gestellt werden, ob die Rettung gelingt? Die Schüler können die Antwort aus den Bildern der zweiten und dritten Strophe ablesen: das Lächeln der Lemuren bedroht die Fahrt. Sie deuten den Untergang an, der in der dritten Strophe erfolgt. Der »Befehl zu sinken« ist hier ein Zeichen für das hereinbrechende Schicksal. Von hier kann der letzte Schritt der Erschließung in der Deutung des Schlußbildes vollzogen werden: »doch offenen Augs wirst du im Licht ertrinken.« Die Ausfahrt führt zwar zum Untergang, aber — überraschende Wendung — der Mensch ertrinkt nicht, wie zu erwarten gewesen wäre, in der Flut, sondern im Licht. Dieses letzte Bild aber ist, wie es schon die erste Strophe zeigt, ein Bild der Fülle des Lebens.
     

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