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Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen

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Die Furt - Heinz Piontek



Schlinggewächs legt sich um Wade und Knie, dort ist die seichteste Stelle. Wolken im Wasser, wie nahe sind sie! Zögernder lispelt die Welle.
      5 Waten und spähen - die Strömung bespült höher hinauf mir die Schenkel. Nie hab ich so meinen Herzschlag gefühlt. Sirrendes Mückengeplänkel.

      Schwimmende Rudel zerstieben erschreckt, 10 Grundgeröll unter den Zehen.
      Wie hier die Luft nach Verwesendem schmeckt! Flutlichter kommen und gehen.
      Endlose Furt, durch die Fährnis gelegt -werd ich das Ufer gewinnen? 15 Strauchelnd und zaudernd, vom Springfisch erregt, such ich der Angst zu entrinnen.
      Auch dieses Gedicht bestätigt Pionteks traditionell-konservative Naturschau, verbindet Naturbildlichkeit mit einer problemlos nachvollziehbaren existentiell-biographischen Erlebnissphäre. Die Reflexion des lyrischen Ichs erscheint noch eingebunden in den lyrischen Gestus — erscheint als Expression und Evokation , noch sieht sich das Ich in einem erregenden Abenteuerzustand, herausgefordert, die Furt zu durchschreiten. Wenn am Ende dieses Prozesses und des Gedichts von der »Angst« die Rede ist, so ist es keine aufzehrende, sondern allenfalls Hemmnis, Hindernis, die Signale im Text deuten daraufhin, daß das »Ufer erreicht« werden wird, die gesamte Tönung ist trotz der Gegentöne optimistisch, vertrauend. Mit dem Titel »Furt« setzt die symbolische Bedeutung ein, die sich von Strophe zu Strophe fortsetzt bis zur entscheidenden Frage in Strophe 4: »Endlose Furt, durch die Fährnis gelegt — werd ich das Ufer gewinnen?« In den übrigen Strophen und Versen korrespondieren Naturbildlichkeit und existentieller Be/ug miteinander .
     
Hält man die beiden Lesarten — die des Natur- und die des biographisch-existen-tiellen Gedichts — für den Schlüssel zur Deutung des Gedichts, erkennt man rasch, wie stark die zweite auf die erste zurückwirkt, wie die Naturbilder immer mehr an zusätzlicher, anderer Bedeutung gewinnen. »Die Furt« als Probe, als existentieller Moment; doch sollte die Reflexion nicht ganz herausgelöst und für sich genommen werden, um den inneren Zusammenhang der Bildlichkeit, »das Gewebe des Gedichts« nicht zu zerstören. In der »weltanschaulichen Beimischung«, vielleicht sogar einer weltanschaulichen Befrachtung, liegt die Problematik solcher »Naturlyrik«, nicht so sehr in ihrem schönen Gewand . Das Gedicht entstammt dem ersten Lyrikband, mit dem Piontek bekannt wurde, »Die Furt«, Gedichte aus den Jahren 1949—51, 1952 erschienen. Pionteks Verständnis einer »offenen, mitteilsamen« Lyrik — »das durchscheinende Gedicht« — mag auf dieses Gedicht eher zutreffen als seine Standortbeschreibung der Naturlyrik: »Aber auch die sogenannte Naturlyrik ist, streng genommen, nicht mehr entwicklungsfähig. In dieser Perspektive ist sie zarter und verhaltener Abgesang« .
      Methodische Hinweise:
1. Belegen der beiden Lesarten am Text; evtl. einander gegenüberstellen;
2. Ästhetische Mittel: Bildersprache ,
Strophen- und Satzbau, Versmaß, Rhythmus und Reime; Assonanzen und Alliterationen;
3. Diskussion des Schlusses: »Offen« — »eher skeptisch-pessimistisch« — »eher optimistisch-gelingend«?
4. Gedichtvergleich: »Bootsfahrt« / »Lauingen an der Donau« , »Biblische Nacht« ; von späteren etwa: »Wanderschaft«, »Im Wasser« .
     

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Die  Furt  -  Heinz  Piontek    





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