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Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen

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Die Entwicklung der Menschheit - Erich Kästner



Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt, behaart und mit böser Visage. Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt und die Welt asphaltiert und aufgestockt, 5 bis zur dreißigsten Etage.
      Da saßen sie nun, den Flöhen entflohn, in zentralgeheizten Räumen. Da sitzen sie nun am Telefon. Und es herrscht noch genau derselbe Ton 10 wie seinerzeit auf den Bäumen.
      Sie hören weit. Sie sehen fern. Sie sind mit dem Weltall in Fühlung. Sie putzen die Zähne. Sie atmen modern. Die Erde ist ein gebildeter Stern 15 mit sehr viel Wasserspülung.
      Sie schießen die Briefschaften durch ein Rohr. Sie jagen und züchten Mikroben. Sie versehn die Natur mit allem Komfort. Sie fliegen steil in den Himmel empor 20 und bleiben zwei Wochen oben.
      Was ihre Verdauung übrig läßt, das verarbeiten sie zu Watte. Sie spalten Atome. Sie heilen Inzest. Und sie stellen durch Stiluntersuchungen fest, 25 daß Cäsar Plattfüße hatte.
      So haben sie mit dem Kopf und dem Mund den Fortschritt der Menschheit geschaffen. Doch davon mal abgesehen und bei Lichte betrachtet sind sie im Grund 30 noch immer die alten Affen.
      Das berühmte Chanson, das den Gedichtband »Gesang zwischen den Stühlen« von 1932 eröffnet, formuliert in der für Kästners »Gebrauchslyrik« typisch saloppen und zugleich ästhetisch höchst raffinierten Weise eine seiner weltanschaulichen Grundüberzeugungen, eine Grundposition des skeptischen Aufklärers und satirischen Moralisten: seine Vorbehalte gegenüber dem unreflektierten und renommierenden Zivilisations- und Fortschrittsglauben, jenem wahrhaft primitiv-unmündigen falschen Verständnis von Aufklärung< und Entwicklung . Viel zu intelligent und historisch-politisch bewandert, als daß er dem blinden technologischen Fortschritt seine Versprechungen abnehmen konnte, konfrontierte er diesen mit den Urtrieben, Urbedürfnissen des Menschen. Wenn er in darwinistisch-materialistischer Sichtweise diFAbkünft von den Affen hervorhebt und sie der zivilisatorischen Entwicklung gegenüberstellt, so fehlt es dem schriftstellerischen Antrieb zum Schreiben, fehlt es dieserart Gebrauchslyrik keineswegs an ethischem Bewußtsein, nur liegt dieser Antrieb vor dem Gedicht, markiert gleichsam die Provokation, die »Trotzreaktion« gegen die desillusionierenden Erfahrungen der Geschichte — als Weigerung, den >Großwortenmoralisch-politisches Brevien, täglich vorzunehmen als Rüstzeug und, wie Kästner es sagt, »Umgangsform des um Klärung und Aufklärung bemühten Menschen«.
      Zur Textanalyse und methodischen Bearbeitung des Gedichts:
1) Umfojmulieren in Thesen; dabei ist darauf zu achten, daß das logische Zuordnungsschema von These . Argument und Beispiel eingehalten wird.
      2) Bauform ; Strophen- und Versbau; Syntax und Wortwahl , Sprach- und Wortebenen Gekonnter Vortrag — evtl. musikalisch unterlegen.
      Die lyrischen Modernismen, von denen noch Gottfried Benn profitiert, könnten sowohl im Vergleich mit anderen Kästner-Chansons aus der Zeit wie mit Großstadtlyrik im Umfeld der >Neuen Sachlichkeit belegt werden: Tucholsky, Brecht, Kla-bund u. a. m. Der soziologische Hintergrund dieser zivilisatorisch-technischen Großstadtkultur ließe sich nach wie vor am besten an Siegfried Kracauers >Die Angestelltem beleuchten.
     

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Die  Entwicklung  der  Menschheit  -  Erich  Kästner    

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