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Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen

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Der Winter - Georg Heym



Der Sturm heult immer laut in den Kaminen Und jede Nacht ist blutig-rot und dunkel. Die Häuser recken sich mit leeren Mienen.
      Nun wohnen wir in rings umbauter Enge,
Im kargen Licht und Dunkel unserer Gruben,

Wie Seiler zerrend grauer Stunden Länge.

      Die Tage zwängen sich in niedre Stuben, Wo heisres Feuer krächzt in großen Öfen. Wir stehen an den ausgefrornen Scheiben Und starren schräge nach den leeren Höfen.

   Das im Oktober 1911 entstandene Gedicht ist eines der zahlreichen Winter-Gedichte Heyms; dabei erkennt man im Vergleich der Winter-Motivik von den frühen zu den späteren Gestaltungen eine immer deutlichere Metaphorisierung des Jahreszeitlichen und eine Verlagerung der Landschaftserfahrung ins Innere bzw. die städtische Enge und Öde. Insgesamt läßt sich das Gedicht eher als ein typisches Stadtgedicht denn als Landschafts- oder Winter-Gedicht bezeichnen.
      Heym — das lyrische Ich im Gedicht — erfährt den Winter ganz als Verödung, als Erstarrung und Vereisung, doch treten die natürlichen Bilder des Winters deutlich zurück: Winter, erfahren aus der großstädtischen Enge, wird zu einem allgemeinen, den Zustand des modernen Menschen und seine Sphäre kennzeichnenden »geschichtlichen Weltzeit-Winter«. Die Winter-Meta-phorik erschließt sich uns erst dann genauer, wenn wir auch andere Winter-Gedichte Heyms vergleichend hinzuziehen, etwa »Mitte des Winters«, »Winter« , »Der Wintermorgen dämmert«, »Die Züge« , vor allem das große und in Traklsche Dimensionen ausweitende Gedicht »Die Wanderer« .
      Den Charakter als »typische Jahreszeitengedichte« haben diese Gedichte längst hinter sich gelassen, sie thematisieren in immer neuer und doch ähnlicher Weise die Grunderfahrung des »Weltendes«, der »Hora mortis«, des dumpfen Gefangenseins, welche gerade in diesem Gedicht so eindrucksvoll gestaltet ist. Konsequent die Aufhebung des Individuellen im Kollektiven dieser Erfahrung —

Winterzeit als tote, erlebnisleere, erstarrte Zeit; das Zeitmotiv ist prägend für das Gedicht: »Wie Seiler zerrend grauer Stunden Länge« / »Die Tage zwängen sich in niedre Stuben ... / Wir stehen an den ausgefrornen Scheiben / Und starren schräge nach den leeren Höfen«). Die Bildersprache ist aus der expressionistischen Malerei ebenso vertraut wie aus der naturalistischen — Sinnbilder der sinn-entleerten, entfremdeten Zeit, steigernd und variierend das Enniu- und Langeweile/Melancholie-Motiv . Der Umschlag der Bilder ins Groteske deutet sich an , die Umkehrung des Sinnes der Bilder: die Häuser nicht mehr »Behausungen«, sondern personifizierte Mumien , die Feuer und Feuerstätten als die Fanale des Untergangs, und wie bei Kafka kündigt sich in der hier nur angedeuteten Tiermetapher die Verödung an. Man sieht, daß bereits in diesem Gedicht die Winter-Metaphorik recht verzweigt und aspektreich ist; auch der Himmel ist »umgepolt« zur blutig-roten und dunklen Nacht, dem drohenden Weltende: die Finsternis ist die gemäße »Grundierung« erstarrten Lebens und erstarrter Verhältnisse. Das Gedicht nähert sich formal der Sonettform, die Reim- und Lautstruktur ist ganz eingepaßt dem Bildsinn, parallele Satzfügung, ausgewogen das Verhältnis der Wortarten — eine formalästhetische Meisterschaft, die den »Widersinn« der Inhaltsstruktur um so nachhaltiger zu erkennen gibt.
     

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