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Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen

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Der römische Brunnen - Conrad Ferdinand Meyer



Der Brunnen
In einem römischen Garten Verborgen ist ein Bronne, Behütet von dem harten Geleucht' der Mittagssonne, Er steigt in schlankem Strahle In dunkle Laubesnacht Und sinkt in eine Schale Und übergießt sie sacht.
      Die Wasser steigen nieder

In zweiter Schale Mitte,
Und voll ist diese wieder,

Sie fluten in die dritte:
Ein Nehmen und ein Geben,

Und alle bleiben reich,
Und alle Fluten leben
Und ruhen doch zugleich. Vierte Fassung
Der schöne Brunnen
Der Springquell plätschert und ergießt Sich in der Marmorschale Grund, Die, sich verschleiernd, überfließt In einer zweiten Schale Rund; 5 Und diese gibt, sie wird zu reich, Der dritten wallend ihre Flut, Und jede nimmt und gibt zugleich, Und alles strömt und alles ruht. Sechste Fassung
Der römische Brunnen
Aufsteigt der Strahl und fallend gießt Er voll der Marmorschale Rund, Die, sich verschleiernd, überfließt In einer zweiten Schale Grund; 5 Die zweite gibt, sie wird zu reich, Der dritten wallend ihre Flut, Und jede nimmt und gibt zugleich
Und strömt und ruht. Letzte Fassung

Von den sieben Fassungen des Textes gewähren drei einen aufschlußreichen Einblick in die Entstehung des Gedichts: die vierte von 1866, die sechste von 1870 und die letzte von 1882. Meyer hat sehr sorgfältig an seinen Gedichten gearbeitet; oft ist erst in vielen Umschmelzungsprozessen aus einer belanglosen Reimerei ein bedeutendes Kunstwerk geworden. Ein Fassungsvergleich kann das deutlich machen und an den eigentlichen Gehalt heranführen.
      Was hat sich von der vierten zur sechsten Fassung verändert? Um den Kern Vorgang, die Bewegung des Wasser, prägnant hervortreten zu lassen, streicht Meyer alles, was von dem zentralen »Bild« ablenken könnte: den Ort , die Zeit und den atmosphärischen Rahmen . Der Umfang verringert sich von sechzehn auf acht Zeilen. Der eine Vorgang, der zunächst in störender Weise auf zwei Strophen verteilt wurde, läuft nun innerhalb einer Strophe ab.
      Der dreihebige Jambus weicht dem vierhebigen, denn die dreihebige Zeile erweist sich als zu kurzatmig, um den gemessenen Ablauf der Bewegung widerzuspiegeln. Außerdem läßt die vierhebige Zeile rhythmische Einschnitte zu , die bewegter wirken und zusammen mit dem veränderten Satzbau für das reizvolle Widerspiel zwischen Stauen und Weiterfließen wichtig werden . Einen ähnlichen Vorteil bringt der Wechsel vom überwiegend weiblichen, gleichsam »plätschernden« zum männlichen Reim mit sich, der ernster und abschließender wirkt und die Bewegung am Ende der Zeile staut, während der Satz weiterläuft, so wie auch das Wasser vor dem Ãœberfließen einen Augenblick aufgehalten wird . Die Durchbrechung des Metrums in der vierten Fassung bleibt ohne Funktion, in der sechsten dagegen staut sich der Rhythmus so wie das sich verschleiernde Wasser.
      Auch im Klang sind aufschlußreiche Veränderungen zu verzeichnen. Die vierte Fassung stellt in der ersten Strophe ausschließlich dunkle Reimklänge durchgängig hellen in der zweiten gegenüber. Die sechste Fassung wechselt viermal zwischen hell und dunkel , wobei das »u« des »Grundes« wiederkehrt. So entspricht sie der Zweipoligkeit von Steigen und Fallen, Geben und Nehmen. Der sich wiederholende Klang wird gleichsam von Schale zu Schale weitergegeben. Dennoch: »Der Springquell plätschert« mit seiner klanglich kurzen, abgerissenen Bewegung will sich noch nicht dem stetigen Steigen und Fallen fügen; und auch das scharfe »s« des zweimaligen »alles« in der letzten Zeile stört den Eindruck des »Strömens« und »Ruhens«. In der Wortwahl hat Meyer auf die zunächst künstlich archaisierenden Wendungen wie »Bronne« und »Geleucht« verzichtet ebenso wie auf deskriptive und statische Adjektive . Blasse oder abstrakte Nomina werden durch anschauliche, plastische, genaue ersetzt: »Marmorschale«, »Rund«. Neu sind die Partizipia Präsens , die sowohl am Verb wie am Adjektiv teilhaben und eine gestaute Bewegung, ein Ineinander von Statik und Dynamik spürbar machen. Wir beobachten wichtige syntaktische Veränderungen. Statische und nominale Wendungen wie »voll ist diese wieder« oder »Ein Nehmen und ein Geben« werden zu dynamischenoder verbalen: »sie wird zu reich« oder »nimmt und gibt zugleich«. Mehr Bewegung kommt in das Gedicht auch durch die stärker hypotaktische Fügung der sechsten Fassung im Gegensatz zum überwiegend parataktischen Bau der vierten . Durch den Zeilensprung greift die Bewegung auf die nächste Zeile über, sie »fließt« weiter — wie das Wasser des Brunnens. Die Verbundenheit des gesamten Vorgangs meinte Meyer in der vierten Fassung durch den fünfmaligen »Und«-Anfang ausdrücken zu müssen. In der sechsten Fassung genügen dazu drei »Und«-Anfänge, weil jetzt die Form selbst durch Strophe, Rhythmus, Satzbau und Klang Verbindungen schafft; in der letzten Fassung kommt er sogar nur mit zwei »Und«-Anfängen aus.
      Auf dem Wege, die Gestalt ganz der Aussageabsicht anzupassen, waren noch einige Veränderungen notwendig, die schließlich zur siebenten Fassung führten. Mit dem Bild des aufsteigenden Strahls statt des plätschernden »Springbrunns« kehrt Meyer zu der ursprünglich gesehenen, reinen Bewegung zurück , schaltet die störenden akustischen Assoziationen aus und wendet sich nur noch ans Auge. Nocheinmal durchbricht er das Metrum — »Aufsteigt der Strahl« —, das
Aufsteigen auf diese Weise rhythmisch unterstreichend. Das intransitive »ergießt sich« verwandelt er in das zielende, transitive »gießt er voll der Marmorschale Rund«. Dieses »Rund« erscheint im Gegensatz zur sechsten Fassung jetzt vordem »Grund«; das abstrakte »und diese gibt« wird zu dem genaueren, konkreteren »die zweite gibt«. Wesentlich ist schließlich die Verkürzung der Schlußzeile auf nur zwei Hebungen mit entsprechend langer Pause: Die Bewegung ist zur Ruhe gekommen. Der Römische Brunnen gehört zu den Dinggedichten. Hier singt kein lyrisches Ich, sondern eine Gegenständlichkeit wird genannt, so plastisch, streng und objektiv wie möglich. Sie wird zunächst um ihrer selbst willen genannt; wir sollen bei ihr verweilen und nicht gleich — wie etwa bei der Fabel — vom Besonderen des Falles auf das Allgemeine der Bedeutung reflektieren. Die Gegenständlichkeit steht nicht von vomherein/i

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Der  römische  Brunnen  -  Conrad  Ferdinand  Meyer    


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