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Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen

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Der Panther - Rainer Maria Rilke



Im Jardin des Plantes, Paris
Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe so müd geworden, daß er nichts mehr hält. Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt.
      Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte, 5 der sich im allerkleinsten Kreise dreht, ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte, in der betäubt ein großer Wille steht.
      Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein, 10 geht durch der Glieder angespannte Stille -und hört im Herzen auf zu sein.
      1. Interpretation: »Der Panther« gilt als das berühmteste und zugleich als das vollendetste der sogenannten »Dinggedichte« Rilkes. 1903 entstanden, bringt es den Typus des Dinggedichts exemplarisch zum Vorschein. Dinggedicht heißt: ein »Ding«, d. h. Mensch, Tier, Kunst- oder Naturgebilde dichtend so anzusprechen, daß es sein Wesen von sich her enthüllt und in solch objektiver Gestaltung auch sinnlich-leuchtend erscheinen läßt. Vgl. dazu die Dinggedichte Rilkes: Die Erblindeten, Römische Fontäne, Das Karussell. Die Dinggedichte Rilkes stellen, nach seiner bedeutsamen Begegnung mit den Plastiken Rodins, den Versuch dar, die Phänomene der Umwelt, d. h. durch ihre plastische Erscheinung hindurch zugleich ihre Wesensart transparent zu machen. Der Dichter wird so zum Sprecher der »stummen Dinge« , das Gedicht der Ort, an dem sich die Phänomene selbst zu Wort melden.
      Diese objektive Sprechweise der Dinggedichte zeigt das vorliegende Gedicht auf repräsentative Weise. Der Panther, das im Zoo zur Schau gestellte Natur-ding, wird in drei Strophen dreimal von seiner äußeren Erscheinung her gefaßt, um von ihr aus seine innere, ihm jetzt zugehörige Daseinsweise zu erschließen. Das hartnäckig-geduldige Beobachten, das von der äußeren Erscheinung zur Ein-sicht in die Wesensart gelangt, macht hier den gesamten lyrischen Erkenntnisprozeß aus. Die erste Strophe beginnt — wörtlich — mit einem genauen Einsehen. Der Dichter ist »Aug in Aug«, »Blick in Blick« mit dem Panther: »Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe so müd geworden ...«, »Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe ...« Bezeichnend für dieses geduldige Verharren bei der äußeren Erscheinung ist die Distanz des Beobachters, die jedem der beiden Sätze den Charakter einerobjektiven Aussage verleiht: »Sein« Blick ist so beschaffen, daß er »nichts mehr hält« — im Gegensatz zum genau festhaltenden Blick des Beobachters. Nichts mehr halten heißt hier: die Fähigkeit zu sehen und zu erkennen verloren zu haben. Indem der Panther derart durch seinen Blick selbst »spricht«, wird dem Beobachter zugleich ein Ein-blick in die objektiven Lebensbedingungen möglich: die äußere Gefangenschaft des Panthers, der Entzug der Freiheit und die damit verbundene totale Weltlosigkeit . Die erste Strophe bringt diesen Zustand auch durch den schleppenden Rhythmus, der am Ende jedes Satzes zusammenbricht, zum Ausdruck.
      Die zweite Strophe zeigt die innere Gefangenschaft des Panthers. Wiederum von der äußeren Erscheinung ausgehend — dem raubtierhaften Gang des Panthers, der sich hier sprachlich im geschmeidigen Rhythmus der fünf Hebungen widerspiegelt — dringt die Einfühlungskraft des Beobachters in das innerste Wesen vor. Ist der Gang des Panthers, von außen gesehen, noch »ein Tanz von Kraft«, so ist das Innere seines Daseins gekennzeichnet durch »eine Mitte, in der betäubt ein großer Wille steht«. Die entscheidende Aussage lautet hier: »betäubter Wille«, d. h. taub, gelähmt ist sich dieser Panther seiner eigenen Kraft nicht mehr bewußt. Wie die erste Strophe die Weltlosigkeit des Panthers, die äußere Gefangenschaft bestätigt, so endet die zweite Strophe mit dem weitaus schlimmeren Befund der inneren Gefangenschaft des Panthers.
      Die dritte Strophe bestätigt endgültig und unwiderruflich die äußere und innere Gefangenschaft des Panthers. Indem sie das Grundbild des »müden Blicks« wieder aufnimmt, schließt sie den Kreis zum Anfang. Daß der Blick des Panthers »nichts mehr zu halten« vermag, zeigt hier der Höhepunkt des Gedichts . Wird zuweilen doch »ein Bild« sehend aufgenommen, so endet und verendet alles Beobachten — nach einem Augenblick der Spannung — im Herzen: »und hört im Herzen auf zu sein«. Unüberhörbar ist hier, nach der Pause am Ende der dritten Zeile, der abfallende, zusammenbrechende, dem Ende zueilende Rhythmus. Im Herzen, sonst Zentrum des Lebens, wird keine Antwort mehr auf die von außen andringende Welt gegeben. Der Panther ist derart in einem doppelten Sinn ein Natur-ding: Er ist ohne Welt, d. h. ohne Wildnis und Freiheit die von Menschen für Menschen ausgestellte »Natur«. Er ist in Wahrheit ein Schaustück geworden und hat damit — wie auch die »Tiere« im Gedicht »Das Karussell« — nur noch Kunst, d. h. Imitationscharakter.
      2. Didaktische Hinweise: Gelingt im Unterricht eine vertiefende Erläuterung, so könnte Rilkes Gedicht die Schüler zu einer dreifachen Einsicht führen: 1. In den Prozeß der poetischen Produktion, der hier gekennzeichnet ist durch genaues und geduldiges Beobachten, das schließlich zur Ein-sicht führt. Die Schüler können hier erkennen, daß Dichten nicht dem willkürlichen Nachgeben der Phantasie entspringt, sondern eine strenge Bindung an den Gegenstand erfordert. Dichten ist hier, wie Rilke selbst sagt, ein Teil der »großen Arbeit«, der Daseinsbewältigung. 2. Die Schüler können gerade an diesem Dinggedicht den Charakter des traditionellen Kunstwerks begreifen. Es ist, wie die vorausgehenden Dingge-dichte der Tradition , ein »in sich ruhendes«, gefugtes Werk, d. h. für sich selbst stehend und für sich selbst sprechend. 3. Die konkrete, am Gedicht selbst zu erschließende Einsicht besteht in der äußeren und inneren Gefangenschaft des Panthers, seine »Weltlosig-keit« und die damit verbundene Perversion des ursprünglichen, natürlichen Daseins zum Schau-stück .
      3. Methodische Hinweise: Das Gedicht gewährt aufgrund seiner vollkommenen Ãœbereinstimmung von Bau- und Sinngefüge, Melodie und Bedeutung einen unmittelbaren Zugang durch lautes Sprechen und genaues Hören. Das bruchlose Zusammenstimmen von Laut und Sinn kann den Schülern am besten durch gestisches Sprechen verdeutlicht werden: z. B. die Monotonie der beiden Schlußzeilen der ersten Strophe, die durch die Wiederkehr derselben Lautfolge die End- und Aussichtslosigkeit der Gefangenschaft des Panthers zum Ausdruck bringen: »als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt«. Oder die erste Zeile der zweiten Strophe, die im regelmäßigen Wechsel von Hebung und Senkung das Katzenhafte des Panthers hörbar macht: »Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte«. Oder der abfallende, kurzatmige Rhythmus der Schlußzeile: »und hört im Herzen auf zu sein«. Nach einem solchen Einhören und Bewußtmachen der KJanggcstalt kann die eigentliche Erschließung unter der Leitfrage, wohin sich der Blick des Dichters zu Beginn des Gedichts richte, eingeleitet werden: 1. Herausarbeiten der Grundsituation: Der Beobachter ist Auge in Auge mit dem Panther. »Sein Blick« verrät und spricht von der äußeren Gefangenschaft. Zeichen: die »tausend Stäbe«, die den Blick in die Welt versperren. Die 2. Strophe kann unter derselben Leitfrage erschlossen werden. Wiederum wird derselbe Weg der Erkenntnis von außen nach innen zurückgelegt. Die Schüler können dies vor allem an dem Kontrast von »Tanz von Kraft« und »betäubter Wille« ablesen. Der Widerspruch von Erscheinung und Sein. Aussehen und Wirklichkeit kann hier am besten verdeutlicht werden. Von hier aus kann dann die Aussage der dritten Strophe am unmittelbarsten erreicht werden. Derselbe Widerspruch wird erneut sichtbar: Äußere Welt, durch den Blick aufgenommen, und das nicht mehr antwortende Herz des Raubtiers stehen sich gegenüber. Die Schüler können durch dieses vereinfachende Mittel des Kontrasts selbst die Konsequenzen daraus ableiten: Der Panther ist nur noch Schau-stück. Äußere Erscheinung und inneres Sein widersprechen sich. Der Panther im Zoo ist nur noch Natur-erscheinung, nicht mehr aber mit seiner eigenen Natur identisch. Ein abschließendes lautes Sprechen des Gedichts wäre unbedingt erforderlich, denn es stellt die inzwischen bewußt gewordenen Einsichten wieder in den suggestiv wirkenden Stimmungszusammenhang zurück, aus dem sie ja gewonnen wurden.
     

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