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Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen

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Der glückliche Garten - Peter Huchel



Einst waren wir alle im glücklichen Garten, ich weiß nicht mehr, vor welchem Haus, wo wir die kindliche Stimme sparten für Gras und Amsel, Kamille und Strauß.
      5 Da saßen wir abends auf einer Schwelle, ich weiß nicht mehr, vor welchem Tor, und sahn wie im Mond die mondweißen Felle der Katzen und Hunde traten hervor.

      Wir riefen sie alle damals beim Namen, 10 ich weiß nicht mehr, wie ich sie rief.
      Und wenn dann die Mägde uns holen kamen, umfing uns das Tuch, in dem man gleich schlief.
      Das ist ganz gewiß kein »reines« Naturgedicht; vielmehr verweisen die Naturbilder auf einen noch anderen Zusammenhang als den von »Natur«: Paradies — Kindheit — unentfremdetes Leben sind gemeint; es handelt sich also letztlich um ein Sehnsuchtsgedicht, eine lyrische Utopie. Die Utopie-Signale sind in den Strophen 1 und 3 besonders deutlich. Mit der lyrischen Evokation »Garten« ist natürlich immer auch die religiös-christliche Metaphorik bemüht: Garten Eden — Geth-semane. Garten aber auch als Symbol und Chiffre von Kunst—Natur, bearbeiteter Natur. Der Titel hat etwas Märchenhaftes; so ließe sich das Gedicht auch umschreiben in einen Märchentext.
      Im folgenden soll die Methode des Interpretierens durch Kontextuierung exemplarisch erprobt werden; nicht nur in literaturwissenschaftlichen Seminaren, sondern auch im schulischen Literaturunterricht wird diese Methode der Erschließung eines Textes durch andere Texte immer wieder eingesetzt. Damit sie freilich nicht zu einer abstrakt-technokratischen Ãœbung gerät, sollte zunächst das Vorverständnis des Textes, seine erste und unverstellte Wirkung auf den Leser / Schüler gesichert sein; sei es in einer ganz freien Form oder anhand relativ weiter Leit- und Verständnisfragen; und stets ist das mündliche Gespräch dem schriftlichen Notat vorzuziehen. Die Auswahl der eingesetzten Materialien / Rezeptionsbelege u. ä. m. wird wohl immer von einer gewissen Zufälligkeit und äußeren Gegebenheiten abhängen, doch können die didaktischen Auswahlkriterien des Exemplarischen , der Nähe und Bezüglichkeit und der gegenseitigen Erhellung und Ergänzung bis zum Kontrast immerhin einige Probleme auffangen. Auf jeden Fall sollten Materialien und Dokumente aus der

Werk- und Lebensgeschichte und poetisch-produktive Wirkungs- und Rezeptionsbelege vor rein historischen und literaturwissenschaftlichen den Vorrang haben. Phasengliederung / methodische Inszenierung:
1. Sicherung des Vorverständnisses des Gedichts:
Je nach literarisch-ästhetischem Kompetenzgrad könnten folgende Hilfsfragen in das Wirkungsgespräch eingebracht werden:
— Welche Assoziationen erweckt der Titel des Gedichts?
— Handelt es sich um eine rückwärts gerichtete oder eine reale Utopie? Welches sind die Utopie-Signale im Gedicht?
— Wie bezieht sich das lyrische Ich in das Gedicht, in die entworfene Landschaft mit ein?
— Die Dinge und ihr Name, der Prozeß des Benennens spielt im Gedicht eine wichtige Rolle? Läßt sich das am Text näher erläutern, und welches Verständnis von Poesie scheint hier durch? Projiziert dieses auf das Gedicht selbst — zu welchem Ergebnis kommt ihr dann?
2. Erarbeiten, vertieftes Lesen des Gedichts durch andere poetische Texte aus dem Umfeld:

— Der Garten des Theophrast oder
— »Damals« oder

— »Die Rückkehr« .
      Alternativ könnte eine Auswahl aus dem ersten repräsentativen Lyrikband, den Huchel selbst gelten ließ, nämlich den »Gedichten« von 1948 , zusammengestellt und als »Lesehilfe« einbezogen werden; z. B. »Die Sternenreuse« / »Ostern in Alt-Langewisch« u. a. m.
      3. Erstellen eines Autorenporträts »Peter Huchel« anhand von Materialien, z. B. Literaturgeschichten , AutorenrLexika und Fachliteratur zu Huchel .
      4. Thematisch-motivliche Kontextuierung: »Das Motiv des Gartens« — »Der Garten der Dichter« .
      5. Verständnissicherung / Ãœberprüfung des Interpretationsverfahrens anhand von Leitfragen /Aufgaben, die schriftlich zu bearbeiten sind:
Alternativ: Ausweitung des Themas / Motivs auf die moderne sog. »Naturlyrik« bzw. repräsentative Autoren .
     

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Der  glückliche  Garten  -  Peter  Huchel    





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