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Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen

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Der Feuerreiter - Eduard Mörike



Sehet ihr am Fensterlein

Dort die rote Mütze wieder?
Nicht geheuer muß es sein,

Denn er geht schon auf und nieder.
      Und auf einmal welch Gewühle

Bei der Brück, nach dem Feld!
Horch! das Feuerglöcklein gellt:

Hinterm Berg,
Hinterm Berg Brennt es in der Mühle!

   Schaut! da sprengt er wütend schier

Durch das Tor, der Feuerreiter,
Auf dem rippendürren Tier,

Als auf einer Feuerleiter!
Querfeldein! Durch Qualm und Schwüle

   Rennt er schon, und ist am Ort!
Drüben schallt es fort und fort:

Hinterm Berg,
Hinterm Berg Brennt es in der Mühle!

   Der so oft den roten Hahn
Meilenweit von fern gerochen,

Mit des heiigen Kreuzes Span
Freventlich die Glut besprochen -

Weh! dir grinst vom Dachgestühl e

   Dort der Feind im Höllenschein.
      Gnade Gott der Seele dein!

Hinterm Berg,
Hinterm Berg Rast er in der Mühle!

   Keine Stunde hielt es an,

Bis die Mühle borst in Trümmer;
Doch den kecken Reitersmann

Sah man von der Stunde nimmer.
      Volk und Wagen im Gewühle

Kehren heim von all dem Graus;

   Auch das Glöcklein klinget aus:

Hinterm Berg,
Hinterm Berg Brennt's! -

40 Nach der Zeit ein Müller fand Ein Gerippe samt der Mützen Aufrecht an der Kellerwand Auf der beinern Mähre sitzen: Feuerreiter, wie so kühle
45 Reitest du in deinem Grab! Husch! da fällt's in Asche ab. Ruhe wohl, Ruhe wohl Drunten in der Mühle!
Die Ballade vom »Feuerreiter« fehlt fast in keiner der gängigen Anthologien. Wie der »Erlkönig« gehört sie zum Lesebuch kanon und hat häufig das Interesse der Interpreten auf sich gezogen. Einhellig ist man mit Kämpchen der Meinung, man habe es hier mit einer naturmagischen Ballade in exemplarischer Gestalt zu tun, wobei allerdings die Frage nach der didaktischen Valenz offenbleibt, denn Naturmagie allein begründet noch keinen Lernzielzusammenhang. Auf analytischer Ebene kam man schnell darin überein, es hier mit einem problematischen Menschentypus zu tun zu haben. Gewirkt hat vor allem die Deutung von Alfred Mundhenk, der das Motiv der bestraften Hybris in den Vordergrund stellt. Ihm hat in einer sehr gründlichen Arbeit Rainer Pohl entgegengehalten, daß die Ballade keineswegs eine »Moritat vom bestraften Bösewicht« sei, vielmehr gehöre der Feuerreiter »in eine Reihe mit den Zerrissenen der romantischen Romane, die gleich der Flamme sich selbst verzehren«. Aus mehr aktueller Sicht argumentiert Udo Wasmer ähnlich: »Der Feuerreiter ist der moderne Mensch zwischen Unsicherheit und Wagnis. Zur Ungewißheit, hervorgerufen durch die zum Teil selbst provozierten Schrecken der Naturelemente, gesellt sich die Ungewißheit, aufgebrochen aus der Erfahrung entfesselter Dämonen der menschlichen Seele.« Man kann den Interpreten sicherlich insoweit zustimmen, als es sich in der Gestalt des Feuerreiters in der Tat um einen von außen wie von innen gefährdeten Menschen handelt. Seine eigene Unrast wie das zerstörerische Element bedrängen ihn gleichermaßen. Er stellt sich jedoch die Frage, ob man mit solcher Erkenntnis schon viel gewonnen hat. Immerhin verbleiben die Deutungen doch sehr im Abstrakten, gerade weil man von konkreten geschichtlichen Wirkursachen absieht. Weder die Bestimmung des Feuerreiters als Zerrissenen noch als des modernen Menschen zwischen Unsicherheit und Wagnis kann den Leser so recht befriedigen. Allzu vage und schemenhaft sind solche Bestimmungen, als daß sie auch auf didaktischer Ebene den Heranwachsenden wirklich anzusprechen vermöchten. Es muß nach einem Deutungsansatz Ausschau gehalten werden, der das menschliche Gefährdetsein, so wie es in der Ballade zum Ausdruck kommt, in einen konkreten Handlungsrahmen einbettet, der sich zur Gegenwart hin mühelos ausweiten läßt.

     
Des öfteren ist darauf verwiesen worden, daß die von Mörike aufgegriffene Thematik in den Bereich der Sage und des Aberglaubens gehöre. So kann man im »Wörterbuch des deutschen Aberglaubens« lesen von einem Feuerbanner, der den Brand durch Umreiten löscht, indem er drei Kreuze in den Grenzzaun haucht und den Feuersegen spricht. Ãœberdies liegen Berichte über Herzog Karl von Württemberg vor, der sich ebenfalls im Feuer-Umreiten hervorgetan haben soll, nachdem ihn eine alte Zigeunerin in diese Kunst eingeführt habe. Auch Mörike, das wird aus solchen thematischen Abhängigkeiten deutlich, realisiert also den Volksballadentypus durch den Rückgriff auf die volkstümliche Erzähltradition. So unbestritten die Beziehungen der Mörike-Ballade zur Sagenüberlieferung auch sind, sagen auch sie nichts aus über den konkreten Gestaltungsanlaß.
      Einen ersten Hinweis gibt Harry Maync^ der Herausgeber der Werke Mörikes. In der Anmerkung zum »Feuerreiter« schreibt er unter anderem: »Feuerreiter hieß der fünfzehn Mann starke, aus Burschenschaftlern bestehende Freundeskreis um Wilhelm Hauff.« Hauff und Mörike waren zu gleicher Zeit Studenten der Theologie am Tübinger Stift; Hauff war 1820 dort eingetreten, Mörike knapp zwei Jahre später. Im Wintersemester 1821/22 hatte sich Hauff in die seit 1816 bestehende Burschenschaft »Germania« aufnehmen lassen, nachdem er 1820 für den hingerichteten Sand, der ebenfalls in Tübingen Theologiestudent gewesen war, unmißverständlich Partei ergriffen hatte. Bald nach seinem Eintritt in die »Germania« dürfte sich Hauff aber dem kleinen Kreis der radikalen »Feuerreiter« angeschlossen haben. Aus dieser Zeit datiert wohl auch sein »Feuerreiter-Lied«, auf das Maync ebenfalls aufmerksam macht.
      Mörike muß bei seinem Eintritt in das Tübinger Stift unmittelbar mit der Politisierung unter seinen Mitstudenten konfrontiert worden sein, aber dem »Burschenleben«, schreibt Maync, »gewann er gar keinen Geschmack ab«. In diese Zeit fallt 1824 die Entstehung der Ballade, allerdings noch ohne die erst 1841 hinzugekommene dritte Strophe. Läßt sich die Ballade aber, so könnte man fragen, in Beziehung setzen zum politischen Radikalismus der Zeit, der in Württemberg, wo König Wilhelm I. 1819 eine Verfassung verkünden ließ, ohnehin freieren Raum hatte als in den anderen Ländern? Die »Verfassung«, führt der Historiker Schnabel aus, »enthielt Bestimmungen, die mit den Beschlüssen durchaus nicht zu vereinbaren waren; der König blieb dabei, daß die Verfassung schon vor der Karlsbader Konferenz verabredet worden sei...« Mörike hat die Verfassung in dem Huldidgungs-gedicht »Die Liebe zum Vaterland« freudig begrüßt:
Die Liebe selbst spricht ja aus Wilhelms Bilde, Des Volkes Flehn verschloß er nie sein Ohr. Die alten Rechte gab er treu uns wieder, Wie sie die Väter hatten, deutsch und bieder.
      Für Mörike fehlt demnach jeder Anlaß zum revolutionären Aufbegehren. Loyales Verhalten zum Landesherrn und das Vertrauen auf die günstige Fügung von oben sprechen aus den angeführten Versen. In der Tat war Mörike alles andere als ein radikal gesinnter Freiheitskämpfer. Er neigte dazu, sich mit dem, was ihm beschie-den war, zu bescheiden. Insofern mußten ihm radikale Bestrebungen Unbehagen bereiten, störten sie doch den offenbar zum besten geregelten Lauf der Dinge, indem sie Unruhe und Unzufriedenheit stifteten.
      Auf diesem Hintergrund wird es bedeutungsvoll, daß bereits die ersten Zeilen der Ballade von Unruhe und heftiger Bewegung gekennzeichnet sind. Fragen, Ausrufe und stakkatoartiger Satzbau spiegeln das Aufgeschrecktsein aus der Ruhe. Fürchterliches, das am Ende der Strophe, nachdem der Leser einigermaßen auf die Folter gespannt worden ist, als Feuer zu erkennen gegeben wird, ist eingebrochen in den bürgerlichen Alltag. Recht eigenwillig ist in diesem Zusammenhang die Metapher von der roten Mütze, die man gelegentlich mit der weißen Kopfbedeckung Hölderlins in Verbindung gebracht hat, der in seinem Zimmer unruhig hin und her zu rennen pflegte. Näher als diese doch recht unwahrscheinliche und obendrein beziehungslose Verbindung scheint die Vermutung einer anderen Anspielung zu sein. Wie bereits angedeutet, war Sand, der noch bei dem radikalen Privatdozenten Folien in Gießen gehört hatte, Student in Tübingen gewesen. Durch ihn dürfte radikales, d. h. im wesentlichen jakobinisch beeinflußtes Gedankengut, wie es auch der mit radikalen Gruppen in Frankreich verbundene Folien vertrat, in Tübingen eingedrungen sein. Von daher könnte die rote Mütze durchaus gedeutet werden als das bonnet rouge der Jakobiner und damit als sichtbares Zeichen des politischen Radikalismus überhaupt. Immerhin steht eine solche Deutung im unmittelbaren Zusammenhang mit der Zeitgeschichte und dem burschenschaftlichen Freundeskreis der radikalen »Feuerreiter« in Tübingen zur Zeit der Entstehung der Ballade. Der Mützenträger ließ sich verstehen als der Radikale schlechthin, der im Medium der Sage einprägsam und volkstümlich zugleich Gestalt gewinnt. Verständlich würde im Rahmen einer solchen Deutung auch die Beziehung des Feuerreiters zum Feuer. Das »Großartige dieser Ballade« liegt für Benno von Wiese eben »in der geheimen Verwandtschaft, die den geheimnisvoller Gegner an das Element bindet«. Die allgemeine Unruhe, die rote Jakobinermütze und das Feuer lassen sich ohne Mühe auf den gemeinsamen Nenner des Radikalismus bringen. Der Feuerreiter ist von Anfang an von den andern isoliert, er lebt eine bis ins Mythische gesteigerte Eigen- und Einzelexistenz. Magisch fühlt er sich angezogen von solchen Gewalten, die die Ordnung des Gemeinwesens in Frage stellen, indem sie verderbenbringend und unkontrollierbar einbrechen. Feuer bedeutet in den ersten beiden Strophen noch ausschließlich diese destruktive dämonische Gewalt, die den radikalen Widerstand als Reaktion hervorruft.
      Der geheime Zusammenhang zwischen dem Feuerreiter und dem Feuer besteht also in der Dialektik von absoluter, im Element veranschaulichter Macht, hinter der man den Staatsabsolutismus vermuten darf, und dem revolutionären Widerstand gegen solche Machtanmaßung. »Wütend« geht der Feuerreiter gegen sie vor und erscheint doch von vornherein auf verlorenem Posten. Auf seinem »rippendürren Tier« erweckt er Erinnerungen an Don Quichote und dessen Schindmähre Rosinante; sein Verhalten, geboren aus dem Geist burschenschaftlichen Radikalismus, gerät in die Nähe der Donquichotterie. Schon die anspielende Darbietungsweise der zweiten Strophe setzt den Feuerreiter in den Augen des Lesers herab. Im Feuer gewinneneben solche elementaren Mächte Gestalt, gegen die der Mensch selbst unter Aufbietung all seiner Kräfte nichts auszurichten vermag. Auf die Ebene unkontrollierbarer Naturelemente projiziert, wird in der Tat die zur elementaren Macht mystifizierte absolutistische Staatsgewalt erkennbar. Ein Vorgehen gegen sie ist ebenso aussichtslos wie der Widerstand des einzelnen gegen Wasser und Feuer und andere Naturgewalten. Der politische Widerstand von unten wird also als wirkungslos erklärt in der Hoffnung auf eine günstige Regelung von oben. In diesem Zusammenhang erhält die demonstrative, den Leser ständig miteinbeziehende Darstellung ihren Sinn. Soll doch der Leser anschaulich von dem fruchtlosen Vorgehen des Feuerreiters und aller radikalen Umtriebe überzeugt werden. Siebzehn Jahre nach der Erstfassung der Ballade intensiviert Mörike durch den Einschub der nunmehr dritten Strophe die Absage an den Radikalismus. Gerade diese Strophe ist für Mundhenk ein deutlicher Beleg für seine Deutungsthese des bestraften Bösewichts. Diese These läßt sich aber erst dann konkretisieren, wenn man unter »Bösewicht« den Radikalen schlechthin versteht. Wobei allerdings noch geklärt werden muß, ob der Feuerreiter denn tatsächlich als Bösewicht aufzufassen ist. Für ein angemessenes Verständnis der eingeschobenen Strophe ist ein erneuter Blick auf die Zeitgeschichte unerläßlich. Seit der Jenaer Urburschenschaft war die studentische Politisierung geprägt von der Verbindung nationalen und christlichen Denkens. »Nur ein Deutscher und ein Christ« konnte Mitglied der Burschenschaft werden. Radikalisiert wurde dieser Ansatz bei Folien. »Rationalistische und christliche Motive«, schreibt Schnabel, »das Vernunftrecht und die Idee vom Opfertode gingen in Folien nebeneinander her.« Die Worte Sands, als er sich nach dem Mord an Kotzebue selbst zu töten versuchte, werden auf diesem Hintergrund verständlich: »Ich danke Dir, Gott, für den Sieg.« Nicht nur Mörike mußte diese Verbindung von politischem Radikalismus und christlichem Glauben wie eine Blasphemie erscheinen, wie übrigens auch der Umstand, daß Radikale wie Sand und Hauff aus dem Lager der Theologen kamen. Hier liegt auch der Grund, warum Mörike die Sage vom Feuerreiter anders als in der Ãœberlieferung akzentuiert. Dort galt das Feuerbesprechen keineswegs als sündhaft, wie es sich beispielsweise noch in der Ballade »Das Feuerbesprechen« aus des »Knaben Wunderhorn« zeigt. Bei Mörike wird solches Tun unmißverständlich als »freventlich« angeprangert. Wer im Zeichen des Kreuzes eine Ideologie des Opfertods im Dienste radikaler Umsturzpläne vertritt, in dem muß das Göttliche zum Teuflischen pervertiert sein. Sein Untergang ist unausweichlich.
      Das Feuer ist an dieser Stelle nicht nur Versinnbildlichung einer übermenschlichen Naturmacht, sondern auch der intensivierte Ausdruck des sich selbst verzehrenden Radikalismus. Radikaler Umsturzwille provoziert die radikale Vernichtung des Umstürzlers. Das Feuer, das er durch sein revolutionäres Begehren schürt, bringt ihn selbst um. Hatte Mörike in der ersten Fassung dem Feuerreiter lediglich die Züge eines nicht ganz ernst zu nehmenden Sonderlings verliehen, so stilisiert er ihn durch den Einschub der dritten Strophe zum teuflischen Rebellen, der den christlichen Gottesglauben freventlich mißbraucht, um seine radikalen, auf Umsturz absolutistischer Staatsgewalt abzielenden Absichten durchzusetzen.

     
Der intensivierten Diffamierung des Radikalen in Mörikes Ballade entspricht im öffentlichen Leben weitgehend die Zunahme der Reaktion. Durch gelegentliches Aufbegehren der Studentenschaften, vor allem im Anschluß an die französische Julirevolution, war die Reaktion letztlich nur gestärkt worden. So konnte der König von Hannover im Schutz der reaktionären Politik selbst die Verfassung aufheben und die sieben gegen diese Aufhebung protestierenden Göttinger Professoren entlassen. Deutlich bekam der Untertan wieder einmal zu spüren, wie ohnmächtig er im Grunde war.
      Unter dem Druck der allmächtigen Reaktion erscheint der Radikale nunmehr als Rebell gegen die legitime, christlich abgesegnete Ordnungsmacht des absolutistischen Gottesgnadentums, das sich in Deutschland um die Jahrhundertmitte längst seines alten Glanzes wieder erfreuen durfte. Die Parallelität von erfolgreicher Reaktion im öffentlich-politischen Leben und zunehmender Absage an den radikaldemokratischen Veränderungswillen im Privatbereich bezeichnet auch den weltanschaulichen Ort der Ballade, in der restaurativ-biedermeierliches Lebensgefühl einprägsam Gestalt gewinnt. Der »kecke Reitersmann« ist von der Bildfläche verschwunden, und man kehrt zur häuslichen Tagesordnung zurück:
Volk und Wagen im Gewühle Kehren heim von all dem Graus;
Der radikale Ansturm ist erwartungsgemäß gescheitert und darüber hinaus in seinem blasphemischen Charakter offenbar geworden. Um so mehr bedarf man daher des Einschwingens in den beruhigenden Rhythmus der Alltäglichkeit, der Heimkehr in das abgeschirmte Privatidyll. Bis in die Abänderung des Refrains hinein wird das Abklingen der Aufregung spürbar. Die Mühle, Ort des Zusammenstoßes von absoluter Macht und radikalem Widerstand, wird im Refrain der vierten Strophe nicht mehr genannt. Mit dem Ausklingen der Glocke versinkt auch der Schauplatz des leidenschaftlichen Aufbegehrens gegen das scheinbar Unabänderliche in wohltuende Vergessenheit.
      In deutlichem und zugleich beschwichtigendem zeitlichen Abstand von den berichteten Ereignissen weckt die Schlußstrophe noch einmal die Erinnerung, nun aber ohne all die erregenden Details von damals. Der Keller der Mühle ist dem Feuerreiter zum Grab geworden, die bloße Berührung mit der Außenwelt verwandelt ihn in Asche. Der einstige Radikale ist nur noch ein Gespenst von gestern. Die Mütze, eingangs aufgefaßt als Freiheitssymbol, ist zur leeren Attrappe auf dem Totengerippe verkommen, wie denn auch das radikale Aufbegehren zu Grabe getragen worden ist. Der auslösende Konflikt ist längst verinnerlicht und der Feuerreiter als Verkörperung radikalen Verändcrungswillens dem unaufhaltsamen Verfall preisgegeben.
      Die Schlußstrophe ist ganz und gar von dem Prozeß der Verinnerlichung bestimmt. Was sich im Feuerreiter noch als radikal-revolutionärer Impuls äußerte, ist bis zur Unkenntlichkeit verdrängt. Wie sehr aber gerade auch das Aufbegehren, die Empörung gegen das scheinbar Unabänderliche, zur menschlichen Natur gehört, verdeutlicht die unverhohlene Anteilnahme am Geschick des Feuerreiters in der Formdes wiederholten Wunsches: »Ruhe wohl«. Nicht zu verkennen ist dabei die Ab-milderung der intensiven Ablehnung des Feuerreiters, wie sie in der dritten Strophe zum Ausdruck kam. Solche Brüche in der Tonart gehen zweifellos auf den späteren Einschub der mittleren Strophe zurück, deren Verhärtungen damit wieder zurückgenommen scheinen. Gleichzeitig klingt der Wunsch nach Ruhe aber auch beschwörend, so, als ob man die radikalen Antriebe endgültig von sich weisen möchte. Anschaulich tritt auf diese Weise die Ambivalenz des biedermeierlichen Lebensgefühls in der Schlußstrophe zutage.
      Friedrich Sengle unterscheidet zwei Grundhaltungen in der Biedermeierzeit: »Offene Unruhe und Betriebsamkeit bei den Fortschrittlichen, forcierte, d. h. nervöse Ruhe bei den Loyalen — das ist das gewöhnliche Bild.« Jungdeutscher Fortschrittsdrang und biedermeierliche Bescheidung stehen sich im Vormärz gegenüber. Beide Haltungen entspringen dem gleichen Grunderlebnis, in seiner persönlichen Entfaltung empfindlich beschnitten zu sein. Während sich die Reaktion bei den Jungdeutschen und linken Radikalen aggressiv äußert, zieht sich die andere Gruppe im Bewußtsein der eigenen Ohnmacht in eine gemüthafte Innerlichkeitskultur zurück. Forciert und nervös aber ist der erreichte Ruhezustand, weil er nicht so sehr das Ergebnis einer subjektiv gewollten Entscheidung ist, sondern eine Flucht darstellt vor den unvermeidlichen Frustrationen im öffentlichen Leben. Eine erzwungene Ruhe also, die die allgemeine Enttäuschung über die wachsenden Unfreiheiten nur mühsam verdeckt.
      Aufgeregt und hektisch begann die Ballade und mündet zum Schluß ein in die Beschwörung der Ruhe. Die strukturelle Entwicklung der Ballade entspricht weitgehend der zeitgeschichtlich bedingten Ambivalenz. Radikales Aufbegehren ist zwar eine verständliche Reaktion, in letzter Konsequenz ist es jedoch zum Scheitern verurteilt. Es geht in den selbstgeschürten Flammen zugrunde. Ein Blick auf die Zeitgeschichte belehrt darüber, daß es nicht nur nichts erreicht, sondern im Gegenteil dazu angetan ist, die Reaktion nur noch zu stärken. Angesichts solcher Erfahrungen scheint wirklich kein anderer Weg zu bleiben als die Flucht in die private Idylle.
      Mörikes Ballade gestaltet im Medium des volkstümlichen Motivs vom Feuerreiter, zu dessen Verwendung ihn der Name der Gruppe um Hauff offenbar angeregt hat, die Absage an den Radikalismus und zugleich eine Rechtfertigung seines eigenen passiven Verhaltens. Dabei ist wichtig zu bemerken, daß die Absage nicht etwa erfolgt, weil man keine Veränderungen will, vielmehr entsagt man dem radikalen Treiben, weil man zutiefst von seiner Fruchtlosigkeit überzeugt ist. Radikalismus schürt, wie gesagt, nur die vernichtenden Flammen und stärkt die Reaktion, wie jedem Bürger im Vormärz lebhaft vor Augen stand. Der Radikale ist in der Tat der gefährdete Mensch in der konkreten restaurativen Geschichtssituation. Wenn er seinem Willen zur Veränderung nachgibt, setzt er unweigerlich seine Existenz aufs Spiel. In der Anteilnahme an seinem Geschick aber, wie sie in der letzten Strophe zum Ausdruck kommt, liegt daher weniger Ablehnung, sondern mitleidvolles Verständnis mit dem Uneinsichtigen, der gegen Windmühlenflügel anrennt. Der Feuerreiter ist, wenn man einmal von der später eingeschobenen Mittelstrophe absieht,nicht der bestrafte Bösewicht, sondern der an der elementaren Gewalt gescheiterte bemitleidete Widerstandskämpfer, dessen Scheitern von vornherein feststand: Deshalb auch sein an Don Quichotte erinnerndes Auftreten. In dem beschwichtigenden Wunsch des »Ruhe wohl« wird darüber hinaus aber auch das Gefährdetsein der Ãœberlebenden erkennbar. Wird die aus der Einsicht in die eigene Ohnmacht erwachsene Ruhe dauerhaft sein, oder werden sich angesichts der unfreien Zustände die unruhigen radikalen Triebe eines Tages wieder äußern? Politisch veränderndes Eingreifen, das ist der Tenor der Ballade Mörikes, ist dem permanenten Mißerfolg ausgesetzt. Eine Ãœberlebenschance liegt einzig in der apolitischen Isolation vom öffentlichen Geschehen in den eigenen vier Wänden. Was die Sichtweise anbetrifft, so steht Mörikes »Feuerreiter« in der Tradition des kompensatorischen Volksballadentypus. Zu dem Vertrauen auf das göttliche Wunder bei Brentano und Chamissos Glauben an den unaufhaltssamen Fortschritt der Zeit tritt hier das Bekenntnis zum Privatidyll. Indem ein im öffentlichen Leben Scheiternder vorgeführt wird, gewinnt der eigene verinnerlichte Standpunkt an Ãœberzeugungskraft. Mörike zeigt in solchem Verfahren einige Ähnlichkeit mit Bürger, wenn er auch alles in allem den Grad der Abschreckung erheblich abmildert. Das Schicksal Lenores wie das Schicksal des Feuerreiters legen für den Leser eine weitgehend angepaßte und stillhaltende bürgerliche Lebensführung nahe. Wie die »Lenore«, so verkündet auch die Ballade Mörikes eine Tröstungsideologie. Sie wird zum Palliativ, indem sie die eigene Anpassung rechtfertigt und den Enttäuschungsschmerz über die gesellschaftspolitische Entwicklung eindämmt und lindert.
      Vorschläge für die eigene Arbeit:
1. Erstellen Sie eine Gliederung der Interpretation.
      2. Schreiben Sie eine eigene Interpretation.
     

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