Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen

Index
» Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen
» Das Karussell - Rainer Maria Rilke

Das Karussell - Rainer Maria Rilke



Jardin du Luxembourg
Mit einem Dach und seinem Schatten dreht sich eine kleine Weile der Bestand von bunten Pferden, alle aus dem Land, das lange zögert, eh es untergeht. 5 Zwar manche sind an Wagen angespannt, doch alle haben Mut in ihren Mienen; ein böser roter Löwe geht mit ihnen und dann und wann ein weißer Elefant.

      Sogar ein Hirsch ist da, ganz wie im Wald, 10 nur daß er einen Sattel trägt und drüber ein kleines blaues Mädchen aufgeschnallt.
      Und auf dem Löwen reitet weiß ein Junge und hält sich mit der kleinen heißen Hand, dieweil der Löwe Zähne zeigt und Zunge.
      15 Und dann und wann ein weißer Elefant.
      Und auf den Pferden kommen sie vorüber, auch Mädchen, helle, diesem Pferdesprunge fast schon entwachsen; mitten in dem Schwünge schauen sie auf, irgendwohin, herüber -


   Und dann und wann ein weißer Elefant.
      Und das geht hin und eilt sich, daß es endet, und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel. Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet, ein kleines kaum begonnenes Profil -. 25 Und manchesmal ein Lächeln, hergewendet, ein seliges, das blendet und verschwendet an dieses atemlose blinde Spiel...
      1. Interpretation: »Das Karussell« gehört, wie »Der Panther«, in die Reihe der berühmten Dinggedichte Rilkes. Seine Bedeutung erhält es dadurch, daß es — im Gegensatz zu »Der Panther« — ein Kunstding, das Karussell, exemplarisch zum Vorschein bringt und durch genaues Einsehen dessen Wesen darstellt und zugleich entlarvt. Das Karussell, dem Jahrmarkt zugehörig, enthüllt seine Funktion in der Illusionserzeugung, ist »Illusionsattrappe«, vor der sich, wie noch zu zeigen ist, zwei Lebensweisen scheiden: die des illusionslosen Erwachsenen und die des illusionshungrigen Kindes.

     
Bezeichnend für die Perspektive des Erwachsenen und zugleich die des Autors ist das distanzierte Gegenübersein zum Gegenstand, wie dies auch exemplarisch in Rilkes Gedicht »Der Panther« beobachtet werden kann. Das distanzierte Gegenübersein erfaßt zuerst das Karussell als »Bestand von bunten Pferden« mit »seinem Dach und seinem Schatten«, d. h. als Gegenstand von Menschen für Menschen gemacht und so verfügbar. Aus diesem Bestand löst der weitergleitende Blick des Beobachters andere typische Gegenstände heraus und bringt sie vor das Auge: bunte Pferde vor Wagen, ein roter Löwe, ein weißer Elefant, ein Hirsch »ganz wie im Wald« und schließlich die auf den Tieren reitenden Kinder. Sie erscheinen zuweilen ebenso gegenständlich-hölzern wie die Illusionsattrappen, auf denen sie reiten: ». . . ein kleines blaues Mädchen aufgeschnallt.« Nur ein kurzer Hinweis verrät die innere Erregung: ». .. und hält sich mit der kleinen heißen Hand.« Bezeichnend für diese distanzierte Bestandsaufnahme ist hier der Bild an Bild reihende Erzählstil. Sein sprachlicher Ausdruck ist das immer wiederkehrende »und«, das alle beobachteten Details zum Ganzen fügt:
»Und auf dem Löwen reitet weiß ein . ungeund hält sich mit der kleinen heißen Hand . . .und auf den Pferden kommen sie vorüber . . .und das geht hin und eilt sich, daß es endet,und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel. . . Indem das Gedicht derart erzählend den Bestand des Karussells aufbaut, wird schließlich auch die zweite Bedeutung des alles zusammenfügenden »und« sichtbar: Es verdeutlicht die unaufhörliche Drehbewegung des Karussells, die Bild an Bild vor dem Auge des Beobachters vorbeiführt und — das ist entscheidend — erneut wiederkehren läßt. Dies zeigt sich am deutlichsten in der dreimaligen Wiederkehr ein und desselben Bildes:
Und dann und wann ein weißer Elefant. Diese Drehbewegung des Karussells wird am Ende des Gedichts zunehmend schneller. Die Bilder verblassen, werden ungegenständlicher, schließlich abstrakt:
Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet,ein kleines, kaum begonnenes Profil — Diese Drehbewegung wird in der letzten Zeile in einem einzigen Bild zusammengefaßt, das zugleich Schlüssel zum Verständnis des ganzen Gedichtes ist: Das Karussell bedeutet »atemloses, blindes Spiel«. Die Spielmetapher ist hier doppelsinnig: 1. Sie verweist einmal auf die Schein-Welt, die »blinde« Illusionserzeugung. 2. Sie verweist aber auch auf die Welt der Kindheit, zu der Illusion und Spiel notwendig gehören. Chiffre dieser Kindheit ist das Karussell selbst. Seine Kreisbewegung, die ewige Wiederkehr des gleichen, seine Illusionsattrappen werden von den Kindern — im Gegensatz zum genau beobachtenden Autor — nicht durchschaut. Für die mit-spielenden, d. h. nicht zuschauenden Kinder ist das Karussell kein durchschaubarer »Bestand«. Sie sind im Spiel. Das Wesen des echten Spiels ist zweck- und absichtslos, es »hat kein Ziel«, sondern »kreist und dreht sich nur« um sich selbst. So wird das Karussell zum »Ding«,d. h. dem Ort, an dem Kindheit und Welt der Erwachsenen sich trennen. Die einen sind im Spiel, die anderen zuschauend — und wie es der Schluß des Gedichts verrät — mit leiser Melancholie auf das Spiel bezogen.
      2. Didaktische Hinweise: Für die Schüler der Oberstufe ist die Erschließung dieses Gedichts besonders reizvoll. Im Zwischenbereich zwischen Kindheit und Erwachsenenwelt stehend, ist ihnen das Karussell und die ihm zugehörige Scheinwelt des Jahrmarkts aus der Erfahrung vertraut, doch sind sie zugleich schon fähig, »den Rummel« zu durchschauen. Sie sind, wie die Halbwüchsigen in diesem Gedicht, »dem Pferdesprung fast schon entwachsen«. Sie können daher die Position des distanzierten Beobachtens einnehmen, aus der das Gedicht geschrieben wurde, und so die sprachliche Leistung erkennen, die aus einem geduldigen Ein-sehen in das zu gestaltende Phänomen entspringt: 1. Die Genauigkeit der Komposition, die Bild an Bild reiht und so den Gesamtbestand des Karussells vor den Augen des Lesers aufbaut. 2. Die doppelsinnige Bedeutung der Scheinwelt des Karussells, d. h. für diejenigen, die noch im Spiel sind und sich von ihm mitreißen lassen und solche, die nur noch beobachtend auf es bezogen sind. Die symbolische Bedeutung des Karussells als in sich geschlossene Welt der Kindheit kann so am besten erkannt werden. Der Themengleichheit wegen empfiehlt sich anschließend ein Vergleich mit R. Musils Beschreibung »Inflation«. Die entlarvende Funktion ist dort noch deutlicher ausgeprägt.
      3. Methodische Hinweise: Struktur und Bedeutung des Gedichts kann am besten unter der Leitfrage, wie es textgerecht zu sprechen wäre, erschlossen werden. Es verlangt ein nicht suggestives, referierendes Sprechen, das die langen Satzperioden des Anfangs nicht verstümmelt und die langen Pausen in der Mitte beachtet. Die Schüler sollen die Begründung dafür selbst finden: A) Die vielen Einzelbilder brauchen Zeit, um vor unserem Auge zu erscheinen und zu Gruppen zugeordnet zu werden. Einsicht in die reihende Funktion des »und«. Der Dichter »erzählt«, indem er Bild an Bild reiht und diese Bilder wiederkehren läßt. Einsicht in die Drehbewegung des Karussells, d. h. die monotone Wiederkehr des gleichen: »Und dann und wann ein weißer Elefant.« Von hier aus kann: B) die Beobachterposition des Dichters erschlossen werden. Er ist »außerhalb«, bleibt Zuschauer und beobachtet diejenigen, die im Spiel sind. Zeichen für seine Distanz sind: die Mittel der distanzierten Rede und der Ironie: »Sogar ein Hirsch ist da ganz wie im Wald«, »Ein böser roter Löwe geht mit ihnen« usw. Die Schüler können gerade an diesen Tierattrappen die leise Belustigung des Beobachters ablesen. Die letzte Phase der Erschließung sollte von hier aus der Darstellung der Ki nder im Gedicht gewidmet sein. Einsicht in ihre Teilnahme: »kleine heiße Hand« , »ein Lächeln hergewendet, ein seliges, das blendet und verschwendet« . Aus der Einsicht in die intensive Teilhabe am Spiel kann dann abschließend der doppeldeutige Illusionscharakter erarbeitet werden. Das Karussell »hat kein Ziel«, dient nur der Erweckung der Freude und Erregung, ist für Kinder »blindes Spiel« im Gegensatz zum genau beobachtenden und durchschauenden Autor.
     

 Tags:
Das  Karussell  -  Rainer  Maria  Rilke    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com