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Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen

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April - Georg Heym



Das erste Grün der Saat, von Regen feucht, Zieht weit sich hin an niedrer Hügel Flucht. Zwei große Krähen flattern aufgescheucht Zu braunem Dorngebüsch in grüner Schlucht.
      Wie auf der stillen See ein Wölkchen steht,
So ruhn die Berge hinten in dem Blau,


Auf die ein feiner Regen niedergeht,
Wie Silberschleier, dünn und zitternd grau.
      Das zweistrophige Gedicht April, am 27. April 1910 entstanden, thematisch, formal und in der Weise der Naturauffassung eng verwandt mit anderen Versen aus dieser Zeittvgl. Blau, Weiß, Grün; Der Weststurm; Mai; Sommernachmittag; Berlin V; Vom goldnen Grün der Wiesen; Die hellen Dörfer; Das schwarze WasseR) markiert den Ãœbergang Hcyms von einer einfühlsamen, sympathetischen Naturlyrik zu der für seine späteren Gedichte charakteristischen Dämonisierung der Natur. Noch ist nichts zu spüren von der grellen Metaphorik, in der sich seine Umbra-vitae-Visionen artikulieren, doch die Idylle ist bereits preisgegeben: die Auswahl der Naturelemente, das Spiel der Bewegungen und Farben und insbesondere die formale Monotonie, die Strophen von einer merkwürdigen rhythmischen Schwermut hervorbringt, lassen die Landschaft zum Spiegelungsraum einer Krisenstimmung werden.
      Die Beobachtung der Schüler, daß von den Versen eine untergründige Melancholie ausgeht , ohne daß doch von einem Ich und seinen Stimmungen die Rede wäre, könnte das Aufsuchen der dichterischen Mittel, die dies bewirken, motivieren. Aber auch umgekehrt läßt sich der Eindruck, hier werde das Bild einer Landschaft »genau« wiedergegeben, getreu und gleichsam ohne Beteiligung eines Erlebenden registriert, zunächst mit Hinweisen auf das Prinzip der simultanen Reihung der Bilder, auf die schlichte, prosanahe Syntax, auf die »natürliche« perspektivische Gliederung und auf die anspruchslose Rhythmik bestätigen. Die genauere Betrachtung des Registrierten freilich {Regen, Krähenflug — der bei Heym stets schwarze Gedanken indiziert —, DomgebüscH) läßt schon eine auswählende Gestimmtheit vermuten. Der Ãœbergang in den Farben vom Grün und Braun über Blau und Silber zum zitternd grau und der Ausdruckswert der beiden auf dem Hinlergrund einer relativen Statik deutlich hervortretenden Bewegungen verstärken ebenso wie der beschwerte, monotone Duktus der fünfhebigen Jamben den verhaltenen, dunklen Ton und modifizieren den eisten Eindruck zu der Einsicht, daß das erlebende und deutende Ich selbst in eine konsequent gegenständliche Beschreibungder Natur eingeht. Im Grunde erlebt der Dichter nicht die Natur, sondern nur sich selbst in ihr; sie verliert ihren Eigenwert und wird zum Medium, durch das der Dichter seine Stimmung ausdrückt.
      Den Anstoß zu diesen Ãœberlegungen könnte auch der Hinweis auf eine bezeichnende Korrektur abgeben, die der Dichter vorgenommen hat. Heym übersandte den ihm befreundeten John Wolfsohn mit Brief vom 6. 9. 1910 eine frühere Fassung des Gedichtes; sie unterscheidet sich von der Druckfassung im wesentlichen durch eine schwächere Variante der 3. Zeile der 2. Str.:auf die ein blasser Streifen Regens weht,
Die Ersetzung der Verbform weht durch das eine Bewegungsrichtung anzeigende niedergeht, das zu dem flattern aufgescheucht der ersten Str. kontrastiert, dürfte aufgeschlossenen und im Aufmerken auf sprachliche Details geübten Quartanern C. KlassE) Anlaß zu weiterführenden Erwägungen sein.
     

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