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Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen

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Andere Erde - Christoph Meckel



Wenn erst die Bäume gezählt sind und das Laub Blatt für Blatt auf die Ämter gebracht wird werden wir wissen, was die Erde wert war. Einzutauchen in Flüsse voll Wasser 5 und Kirschen zu ernten an einem Morgen im Juni wird ein Privileg sein, nicht für Viele. Gerne werden wir uns der verbrauchten Welt erinnern, als die Zeit sich vermischte mit Monstern und Engeln, als der Himmel 10 ein offener Abzug war für den Rauchund Vögel in Schwärmen über die Autobahn flogen .

      15 Shut up. Eine andere Erde, ein anderes Haus.
     
Eine »andere Erde« zu entwerfen, Traumbilder zu phantasieren, Utopien auszudenken - das ist von alters her die vielleicht schönste und notwendigste Aufgabe der Poesie gewesen: Wir verdanken dieser dichterischen Erfindungskraft so reizende, friedliche oder geheimnisvolle Sehnsuchts-Landschaften wie Arkadien, Atlantis und Orplid. Und auch in den dichterischen Vorstellungen von vergangenen oder künftigen Paradiesen und vom goldenen Zeitalter, in den Idyllen, Schäferdichtungen und Robinsonaden, in den Darstellungen von poetischen Inseln und fiktiven fernen Reichen treten uns Bilder einer »anderen Erde« entgegen. Als Wunschbilder sind solche utopischen Entwürfe einer anderen Erde zugleich auch Gegenbilder: Indem sie zeigen, wie die Erde sein sollte oder könnte, sagen sie zugleich, daß sie der Kritik bedarf, damit sie nicht bleibt, wie sie ist. Die poetischen Alternativen entfalten eine kritische Kraft, ihre Harmonien sind die hoffnungsvollen Reaktionen auf die Disharmonien der Erde.
      Meckels Gedicht Andere Erde setzt nicht mit einem solchen poetischen Wunschoder Traumbild ein, sondern mit dem Schreckbild einer perfekt verwalteten Natur. Auf diesen Zustand, in dem auch noch das letzte Blatt der Bäume amtlich registriert sein wird, steuert die Erde zu, unaufhaltsam. Es sind düstere Prognosen, die das Gedicht zu Beginn abgibt. Der Blick in die Zukunft wird nicht — wie in den idyllischen Utopien — zum Traum von einer besseren, sondern zum Alptraum von einer bösen Erde, die nicht mehr lebendig und nicht mehr bewohnbar ist. Antiutopisch beginnt das Gedicht: mit schlimmen, nicht mit guten Aussichten. Undanti-utopisch sind auch die Konsequenzen dieser Perspektive in die Zukunft: Von dort nämlich, von ihrem künftig schlimmen Ende her gesehen, fällt auf die gegenwärtige Erde ein freundlicher Blick. Angesichts dessen, was auf uns zukommt, ist das, was wir haben, noch vergleichsweise gut und wertvoll. Dieses Resultat legen Anti-Utopien nahe; in ihnen erscheint die Gegenwart als das kleinere Ãœbel angesichts der Zukunft. Die Kritik richtet sich dementsprechend auch nicht auf die Gegenwart schlechthin, sondern auf diejenigen Faktoren in ihr, die die befürchtete Zukunft bestimmen könnten. Utopien errichten Gegenmodelle, Anti-Utopien verfolgen Konsequenzen. Sie werfen regelmäßig die Frage auf, ob nicht das, was sie als befürchtete Zukunft beschreiben, in Wirklichkeit längst Gegenwart geworden ist. [. ..] Die von Meckel beschriebene Zukunft hat in Wirklichkeit schon begonnen. Das bestätigen die folgenden Zeilen des Gedichts. Denn wer kann noch einen Genuß daran haben, in die >umgekippten< Flüsse zu steigen, die mit lebensgefährlichen Schadstoffen angefüllt sind, so daß nicht einmal Fische in ihnen leben können; und wer darf es noch als ein Privileg betrachten, Kirschen zu ernten? »Viele« sind das schon heute nicht mehr. Was Meckel als gefährliche Zukunft beschreibt, wird vom Leser als schreckliche Gegenwart erfahren.
      Ebenso ist aber offensichtlich auch das Gegenwart, was im Gedicht als Objekt künftiger Erinnerung erscheint, jenes Stadium »der verbrauchten Welt« also, das gekennzeichnet ist von der Gleichzeitigkeit des noch Lebenden mit dem schon Gefährdeten. In mehreren Bildern wird diese Gleichzeitigkeit vorgeführt: so mit den »Monstern und Engeln« , jenen Wesen, die dem Menschen Angst und Hoffnung einflößen. Sie sind in der Zeit, an die man sich einst gern erinnern wird und die die Gegenwart ist, gleichzeitig vorhanden; Angst und Hoffnung halten sich noch die Waage, sie sind noch nebeneinander existenzfähig und schließen sich nicht gegenseitig aus. Ebenso steht es mit dem »Rauch« , den die Menschen produzieren, und dem »Himmel« , in den sie ihn entlassen; auch hier ist noch beides sichtbar: die Luftverschmutzung, der Smog, aber auch der »Himmel«. Die Erinnerung gilt der Phase in der Geschichte der Vernichtung der Erde durch den Menschen, die der Katastrophe unmittelbar vorausgeht, also unserer Zeit. In einem anderen Gedicht heißt es:
Und als wir die Erde erledigt hatten legten wir Gift aus für den Himmel.
      Diese Phase ist in dem vorliegenden Gedicht angesprochen: Das Gift ist ausgelegt, nur seine Wirkung hat noch nicht voll durchgeschlagen. Noch — aber wie lange noch? — können »Vögel in Schwärmen über die Autobahn« fliegen. Das Glück der Erinnerung an solche Situationen beruht — aus der Perspektive der späteren Zeit, in der die Katastrophe eingetreten ist — darauf, daß die Gleichzeitigkeit von Hoffnung und Angst, das Nebeneinander von Lebendigem und Tödlichem noch einmal den Anschein der Vereinbarkeit des unvereinbar Gewordenen erweckt, die Illusion eines Gleichgewichts, das es in Wirklichkeit gar nicht mehr gibt; denn sonst könnte dieses Stadium der »verbrauchten Welt« nicht als vergleichsweise liebe Erinnerung vergegenwärtigt werden.
     
Eine zweite Erinnerung, in Klammern gesetzt, die scheinbare Beiläufigkeit signalisieren, wird angefügt; sie betrifft das Verhalten und das Bewußtsein der Menschen in der Phase der sich anbahnenden Katastrophe. Mit sich selbst befaßt und miteinander sprechend, verlieren sie das Zeitgefühl und bemerken weder das tatsächliche und endgültige »Sterben der Bäume« , das sich gleichzeitig vollzieht, noch die Bedeutung der notwendigen Vergänglichkeit in der Natur, die sie umgibt. In diesem Verhalten ist die eigentliche Ursache für die Unabwendbarkeit der Katastrophe zu sehen: Die Menschen, gefangen in ihren eigenen Empfindungen und Angelegenheiten, lassen die Zeit nicht an sich herankommen, sie entwickeln das Gefühl der Zeitlosigkeit und Unendlichkeit und versäumen es dabei, ein ihrer eigenen Zeit angemessenes Bewußtsein zu entfalten.
      »Zeit« wird in Meckels Gedicht nicht nur ausdrücklich >thematisiertschö'n< und nicht zugespitzt polemisch. Es ist eine unaufdringliche Zumutung für den Leser, eine Herausforderung an seine Vorstellungskraft, ein Anstoß zur intellektuellen Arbeit der Ãœberprüfung der Unterscheidung, der Kritik, des Widerspruchs. Er hat zuletzt zu entscheiden, ob die »andere Erde«, die ihm vorgestellt wird, auch die wünschbare Erde ist. Man sieht: Das »Gespräch über Bäume«, über Wasser, Luft und Vögel hat eine qualitative Veränderung erfahren seit Brecht. Er sah 1939 noch »fast ein Verbrechen« darin, von Bäumen zu sprechen, »weil es ein Schweigen über so viele Untaten« des Faschismus einschloß. Seine anspruchsvolle Bitte um die Nachsicht der Nachgeborenen setzte die aktive Ãœberwindung des Faschismus voraus: unter solchen Umständen erst werde — so Brechts Hoffnung — ein »Gespräch über Bäume« zugleich das Zeichen einer friedlichen Erde sein. Diese Hoffnung hat in mehrfacher Hinsicht getrogen, und so ist es heute »fast ein Verbrechen« geworden, nicht vom »Sterben der Bäume« zu sprechen, weil das ein Schweigen über die bereits stattfindende Verwüstung der Erde einschließen würde. [. . .]
Läuft das auf Enttäuschung, Resignation, Hoffnungslosigkeit, Ohnmacht, Pessimismus, Verzweiflung hinaus? Und wie, wenn es so sein sollte, vertragen sich solche Einstellungen mit der Schonungslosigkeit des Blicks auf die verbrauchte Erde? Die Intensität seiner Kritik an gesellschaftlichen Mißständen und Fehlentwicklungen ist gewiß nicht zu bezweifeln; aber kann es resignierende Gesellschaftskritik geben? »Es bleibt zuletzt zu fragen, ob Meckels resignative Haltung im Bereich der politischen Lyrik zulässig ist.« Vielleicht wäre es sinnvoller zu fragen, ob Meckels Haltung begründet ist, verständlich, erklärlich. Wer vom tatsächlichen Elend der Gegenwart und von der »gezielten Ruinierung von Welt und Leben« spricht, hat allerdings wenig Veranlassung zu Fortschritts-Optimismus und Zukunftsglauben. Unter den gegebenen Umständen kann die »andere Erde«, das »andere Haus« nicht besser, sondern nur schlimmer aussehen als die gegenwärtige Erde, das gegenwärtige Haus. Hoffnungen sind heute grundlos, ja mehr noch: sie wären verlogen ohne eine Veränderung der gegenwärtigen Umstände. Eine solche Veränderung kann aber weder durch Parolen noch durch Appelle, sie kann nicht durch Zauberworte und auch nicht durch Schlagworte bewirkt werden. Sie kann nur das Resultat des Entschlusses der Menschen sein, »eine andere Erde, ein anderes Haus« bewohnen zu wollen, als ihnen bevorsteht. Nicht des Autors Hoffnung, sondern der Wille des Lesers, nicht ohne Hoffnung zu leben, ist gefragt: »Wie willst du / leben ohne die Hoffnung an deinem Denken / zu beteiligen«, heißt es im Schlußgedicht des Bandes Wen es angeht. Der Grund zu dieser Hoffnung muß erst geschaffen werden. Er ist zu finden am »Ort der zu Tode verwundeten Wahrheit«, im Gedicht, das diese Wahrheit sagt:
»Wenn die Widersprüche und Theorien erschöpft, die Begriffe verwelkt und die Ideologien erstarrt sind; wenn Ethik, Moral und Humanität besprochen, die Ãœber-zeugungen bekräftigt und die Meinungen verdampft sind; wenn Rat und Ratlosigkeit sich die Waage halten, Parolen wie defekte Schallplatten kreisen und Wut und Verzweiflung am Boden verblutet sind — dann tritt ein Moment vollkommener Stille ein. In diesem Augenblick beginnt Poesie.«

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