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Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen

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An meinen ältesten Sohn - Wilhelm Lehmann



Die Winterlinde, die Sommerlinde Blühen getrennt -
In der Zwischenzeit, mein lieber Sohn, Geht der Gesang zu End.
      5 Die Schwalbenwurz zieht den Kalk aus dem Hügel Mit weißen Zehn, Ich kann es unter der Erde Im Dunkeln sehn.

      Ein Regen fleckt die grauen Steine - Der letzte Ton
Fehlt dem Goldammermännchen zum Liede. Sing du ihn, Sohn.
      Dieses Gedicht hat der Dichter in die Erzählung »Nuch« verwoben, die die »Literarische Welt« vom 15. 1. 1932 fragmentarisch veröffentlichte. Da wird es zur Musik gespielt, und einer liest den Text vor. Die Anwesenden äußern sich teils heftig ablehnend, teils zustimmend. »Herrlich!« wiederholte der Baron, »das ist die kosmische Erleuchtung. Wissen Sie. eigentlich ist es ein dummes Gedicht.« »Ja, das find' ich auch«, sagte der Pastor, froh, auch hier mitsprechen zu können. »Warten Sie ab«, fuhr der Baron fort: »dumm wie die Erde und dumm wie die Bäume, meine ich.« »Undiskutierbar, undiskuticrbar«, bcharrte der Graf, »das mag alles ganz schön sein. Reden wir von etwas anderem.« »Klage um ein vergebliches Dasein, unentrinnbare schöne Klage um Zerfetztes«, murmelte der Baron. — Das Bekenntnis zur »Dummheit« ist wohl das Äußerste, was ein Dichter in Beziehung auf seine eigenen Gebilde gewagt hat. Wie nun dieser Begriff mit der partiellen Sprachlosigkeit zusammenhängt, von welcher besonders bei Josef Wingens Verteidigung des Parzival die Rede war, so hängt er auch mit dem Tumben bei eben diesem zusammen, und selbst ethymologisch ist die Dummheit mit der Stummheit verwandt. Man kann das Wort aber auch ruhig in seinem heutigen Wortsinn nehmen und Paul Valery zitieren, welcher einmal die hinterhältige Frage stellte, ob der Dumme, gerade weil er mit wenigen Ideen sich begnüge, nicht eigentlich ein Weiser sei. Das ist weit mehr als ein wit/iger Einfall, es ist — Valerys Leugnung aller Inhalte außer den mathematischen vorausgesetzt — ein Beispiel dafür, wie eine Form in die andere übergehen kann, ohne den Charakter der Form zu verlieren. So sehr nun der Augenschein widerspricht, läßt bei vorsichtiger Abwägung sich dennoch sagen, daß die Welt Wilhelm Lehmanns ohne Inhalt ist und daher mühelos den Gesamtcharakter einer Form annimmt. Diesen zu erreichen strebt die »Tumbheit« in strenger Folgerichtigkeit an. Es ist ein Experiment, das Sinn hat und die Erkenntnis bereichert. Jede Stelle dieser Gedichte, deren Klarheit eine gebrochene Welt der Seele spiegelt, strebt zum Gedicht. Wo dieses selbst sich herstellt, ist die deutsche Lyrik in ihrem Grundbestand bereichert wie etwa in »Grille im Tessin«. Werner Kraft

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An  meinen  ältesten  Sohn  -  Wilhelm  Lehmann    





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