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Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen

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Abendlied - Matthias Claudius



Mit dem Titel Abendlied stellt sich Claudius in eine bestehende Tradition. Trotz antik-mythischer und christlicher Präformationen konstituierte sich das Abendlied »als selbständige poetische Gattung, als volkssprachliches Gegenstück zum >Te lucis ante< der Kirche, als Abendgebet des Dichters« erst ab dem Zeitalter der Reformation. Es gehört zum Typus der geistlichen Gesänge und ist damit der religiösen Dichtung zuzuordnen. Dennoch kennzeichnen es neben der eindeutig religiösen Tendenz zusehends volkstümliche Elemente in Sprache und Darstellung. Der Begriff verweist zum einen auf die Liedform, also auch auf den Aspekt der gesanglichen Darbietungsweise, zum andern auf den Anlaß oder die Gelegenheit zum Singen, in diesem Fall durch die Bestimmung der Tageszeit. Vor allem aus der Hausväter-Literatur ist der Gebrauchswert solcher Lieder bekannt. Abends und morgens versammelte sich die gesamte Hausgemeinschaft , »vielleicht um ein Stück aus der Bibel zu lesen, [...] zum mindesten aber doch, um gemeinsam ein Gebet zu sprechen oder ein Lied zusingen«. Die zahlreichen Abendlieder in den Gesang- und Gebetbüchern »befassen sich gewiß auch mit dem zurückliegenden Tag, aber eindringlicher noch mit der kommenden oder vergangenen Nacht«. Die Angst vor der Nacht war ein Haupt-movens für dieses Genre — ein kulturgeschichtlich wichtiger Aspekt, der dem heutigen Leser in seiner elektrifizierten Umwelt kaum noch verständlich erscheint. Die Hausgemeinschaft anempfiehlt sich Gottes Schutz gegen die potentiellen Bedrohungen und Gefahren der kommenden Nacht. Entsprechend erscheint in diesen Gedichten die Verbindung von Nacht und Tag mit ziemlicher Regelmäßigkeit. Wie die meisten Abendlieder hebt auch das Gedicht von Claudius, das ja nach der Blüte des Genres in der Reformationszeit und im Barock eher am Ende einer Entwicklungslinie steht, mit einem »Natureingang« an. An ihn schlössen sich in der Regel »vielstrophige«, »erbauliche« Fortsetzungen an, in denen die Reflexion überwiegt. Diese von der Anschauung zur Deutung fortschreitende Struktur findet sich vor allem auch bei Brockes, so daß Annelen Kranefuss den Einfluß der »physikalisch-moralischen Zweiteilung« in den Gedichten des Irdischen Vergnügens in Gott auf Claudius annimmt. Jedenfalls ist die Dichotomie in darstellend-deskriptiven Natureingang und didaktisch-theologische Auslegung, wie sie sich auch im »Wechsel des Sprachstils« nach der zweiten Strophe von der Deskription zur Argumentation spiegelt, auch für Claudius' Abendlied strukturbildend.

      Wohl gerade der ersten Strophe verdankt das Gedicht seine Berühmtheit. Dabei ist sie trotz des scheinbar vertrauten Duktus nicht ohne Tücken. Bereits der Eingangsvers stellt den Interpreten vor ein Problem: Ist die Wendung »Der Mond ist aufgegangen« als lapidare Feststellung zu verstehen oder als programmatisch für die gesamte folgende Argumentation? Gewiß fügt sich der Vers nahtlos in die angestrebte kindlich-naive Sicht der Welt ein , wie ja insgesamt die ruhig verlaufende Schweifreimstrophe den Eindruck von Schlichtheit unterstützt. Demnach käme der bis heute üblichen Wendung vom Aufgehen des Mondes keine weitere Bedeutung zu. jedes bewußte Lesen des Verses entlarvt ihn indes als hinter den Stand der »aufgeklärten« Naturwissenschaft zurückgehend, ja als Verleugnung der kopernikanischen Wende. Im Zusammenhang mit der expliziten Wissenschaftskritik der Strophen 3 und 4 erscheint diese Interpretation nicht mehr abwegig. In einer bewußten Setzung wendet sich Claudius von einer die Menschen existeniell zusehends verunsichernden Naturwissenschaft ab und reaktiviert ein vorkopernikanisches Weltbild, das vertrauen- und ordnungstiftend wirkt. Vielleicht hat sogar dieser berühmte Vers die ungetrübte umgangssprachliche Verwendung einer naturwissenschaftlich überholten Formulierung eigentlich festgeschrieben, indem er der >volkstümlichen< Wahrnehmung von Naturerscheinungen entschieden mehr entsprach, als es ein naturwissenschaftlicher Diskurs vermag.
      Der Struktur der Schweifreimstrophe entsprechend, die nach dem ersten der beiden Terzette einen deutlichen Absatz entstehen läßt, spricht die erste Strophe, abgesetzt voneinander, den himmlischen und den irdischen Bereich an. Kennzeichnet die Evokation des Sternenhimmels eine vertraute, kindliche Sehweise, wobei ihm die

Attribute »hell und klar« und die Farbqualität »golden« zugesprochen werden, wird der irdische Bereich deutlich davon abgehoben: Ihn bestimmt der Schwarz-Weiß-Kontrast und nebulose »geheimnisvolle Undurchsichtigkeit«. Der hell leuchtende transparente Abendhimmel wirkt vertrauter, freundlicher als die den Menschen unmittelbar umgebende nächtliche Natur. Dem schwarz stehenden Wald und dem geheimnisvoll steigenden Nebel eignet ein Moment von Bedrohung wie von Faszination, beides gleichermaßen aufgehoben in dem Wort »wunderbar«, das hier in seiner etymologisch ursprünglichen Bedeutung — wie ein Wunder — verstanden werden muß. Ein ambivalentes Fluktuieren zwischen Distanz und Nähe kennzeichnet das Verhältnis des noch nicht namhaft gemachten Subjekts zur nächtlichen Natur. Nicht zufällig klingt Claudius' Natureingang mit einem Begriff aus, den die Schweizer Ästhetiker Bodmer und Breitinger schon 50 Jahre früher der allzu rationalistischen Poetik eines Gottsched entgegengesetzt hatten. Die aufklärungskritische Haltung Claudius*, die sich gegen eine eindeutige Erklärung und eine rationale Bemächtigung der Natur zur Wehr setzt, verschafft sich in der ersten Strophe ein weiteres Mal Gehör: »Das W underbare markiert die Grenzen der ratio«. In Abwendung von dem traditionellen Ausgangspunkt der Abendlieder, der Angst vor der Nacht und dem Versuch einer Bannung dieser Angst, gelingt Claudius eine eigene und neue Wahrnehmung der nächtlichen Landschaft, die eine wesentliche, wenn nicht die wesentliche ästhetische (von »Aisthesis«, >WahrnehmungNatur

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Abendlied  -  Matthias  Claudius    





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