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Gedichte aus sieben Jahrhunderten Interpretationen
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Gedichte aus sieben Jahrhunderten Interpretationen



Carossa, Was einer ist, was einer war
Am
Werk Carossas hat spruchhafte Dichtung einen nicht unbeträchtlichen Anteil; dabei sind es vor allem lehrhafte, an Goethes Epigrammatik und Spruchdichtung erinnernde Strophen. Das vierzeilige Spruchgedicht — vor 1940 entstanden — gehört zum Zyklus »Lebenslied«, womit zugleich die übergreifende The
Sommergesang - Paul Gerhardt
1. Das Gedicht beginnt mit einer Anrede des Dichters an sein eigenes Herz; sie umfaßt die erste Strophe und stellt ein Exordium im Sinne der rhetorischen Tradition dar: es wird die Aufmerksamkeit angezogen und zugleich das Thema angeschlagen, das im weiteren Verlauf (Str. 2 — 8) auszufuhren ist. D
Es ist alles eitel - Andreas Gryphius
Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden. Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein; Wo itzund Städte stehn, wird eine Wiese sein, Auf der ein Schäferskind wird spielen mit den Herden. Was itzund prächtig blüht, soll bald zertreten werden; Was itzt so pocht und trot
Die Welt - Christian Hofmann von Hofmannswaldau
Was ist die Welt und ihr berühmtes Glänzen? Was ist die Welt und ihre ganze Pracht? Ein schnöder Schein in kurzgefaßten Grenzen, Ein schneller Blitz bei schwarzgewölkter Nacht, Ein buntes Feld, da Kummerdisteln grünen, Ein schön Spital, so voller Krankheit steckt, Ein Sklavenhaus, da alle
Morgenandacht - Christian Knorr von Rosenroth
Morgenglanz der Ewigkeit, Licht vom unerschöpften Lichte, Schick uns diese Morgenzeit Deine Strahlen zu Gesichte 5 Und vertreib durch deine Macht Unsre Nacht. Die bewölkte Finsternis Müsse deinem Glanz entfliegen, Die durch Adams Apfelbiß 10 Uns, die kleine Welt, bestiegen, Daß wir, Herr, durch dei
Abendlied - Matthias Claudius
Mit dem Titel Abendlied stellt sich Claudius in eine bestehende Tradition. Trotz antik-mythischer (Nachtfeier) und christlicher (Abendhymnus) Präformationen konstituierte sich das Abendlied »als selbständige poetische Gattung, als volkssprachliches Gegenstück zum >Te lucis ante< der Kirche, als Aben
Kriegslied - Matthias Claudius
's ist Krieg! 's ist Krieg! O Gottes Engel wehre, Und rede Du darein! 's ist leider Krieg - und ich begehre Nicht schuld daran zu sein! 5 Was sollt' ich machen, wenn im Schlaf mit Grämen Und blutig, bleich und blaß, Die Geister der Erschlagnen zu mir kämen, Und vor mir weinten, was? Wenn wackre
Gefunden - Johann Wolfgang von Goethe
»Hübsch«, ist man beim Lesen dieser Zeilen versucht zu sagen, obschon mancher bei »Blümchen« und »Ã„uglein« und »Würzlein« die Lippen verziehen mag, denn das Niedliche steht heute nicht hoch im Kurs. Aber sie stammen schließlich von Goethe, es wird also was dran sein. Warum aber gerade dieses Gedich
Schneider-Courage - Johann Wolfgang von Goethe
Das unter den »epigrammatischen« Formen zu findende kleine Lied dürfte selbst Goethe-Kennern wenig bekannt sein; Erich Trunz hat es nicht einmal in die repräsentative »Hamburger Ausgabe« aufgenommen. Entstehungsdatum dürfte 1776 sein, in der Sammlung steht es zwischen »Stoßseufzer«, »Perfektibilität
Der Zauberlehrling - Johann Wolfgang von Goethe
Hat der alte Hexenmeister Sich doch einmal wegbegeben! Und nun sollen seine Geister Auch nach meinem Willen leben. 5 Seine Wort' und Werke Merkt' ich und den Brauch, Und mit Geistesstärke Tu' ich Wunder auch. Walle! walle 10 Manche Strecke, Daß zum Zwecke Wasser fließe, Und mit reichem, v
Willkommen und Abschied - Johann Wolfgang von Goethe
Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde! Es war getan fast eh gedacht. Der Abend wiegte schon die Erde, Und an den Bergen hing die Nacht; 5 Schon stand im Nebelkleid die Eiche, Ein aufgetürmter Riese, da, Wo Finsternis aus dem Gesträuche Mit hundert schwarzen Augen sah. Der Mond von einem Wolkenhü
Mailied - Johann Wolfgang von Goethe
Wie herrlich leuchtet Mir die Natur! Wie glänzt die Sonne! Wie lacht die Flur! 5 Es dringen Blüten Aus jedem Zweig Und tausend Stimmen Aus dem Gesträuch Und Freud und Wonne 10 Aus jeder Brust. O Erd', o Sonne O Glück, o Lust, O Lieb', o Liebe, So golden schön 15 Wie Morgenwolken Auf jenen Höhn
An den Mond - Johann Wolfgang von Goethe
Füllest wieder Busch und Tal Still mit Nebelglanz, Lösest endlich auch einmal Meine Seele ganz; 5 Breitest über mein Gefild Lindernd deinen Blick, Wie des Freundes Auge mild Ãœber mein Geschick. Jeden Nachklang fühlt mein Herz 10 Froh- und trüber Zeit, Wandle zwischen Freud' und Schmerz In der Ei
Prometheus - Johann Wolfgang von Goethe
Bedecke deinen Himmel, Zeus, Mit Wolkendunst! Und übe, Knaben gleich, Der Disteln köpft, An Eichen dich und Bergeshöhn! 5 Mußt mir meine Erde Doch lassen stehn, Und meine Hütte, Die du nicht gebaut, Und meinen Herd, 10 Um dessen Glut Du mich beneidest
Der Handschuh - Friedrich Schiller
Vor seinem Löwengarten, Das Kampfspiel zu erwarten, Saß König Franz, Und um ihn die Großen der Krone, 5 Und rings auf hohem Balkone Die Damen in schönem Kranz. Und wie er winkt mit dem Finger, Auf tut sich der weite Zwinger, Und hinein mit bedächtigem Schritt 10 Ein Löwe tritt, Und sieht sich s
Die Bürgschaft - Friedrich Schiller
Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich Dämon, den Dolch im Gewände; Ihn schlugen die Häscher in Bande. 'Was wolltest du mit dem Dolche, sprich!" 5 Entgegnet ihm finster der Wüterich. 'Die Stadt vom Tyrannen befreien!" 'Das sollst du am Kreuze bereuen." 'Ich bin", spricht jener, 'zu sterben bereit Und bit
Hoffnung - Friedrich Schüler
Es reden und träumen die Menschen viel Von bessern künftigen Tagen, Nach einem glücklichen goldenen Ziel Sieht man sie rennen und jagen. Die Welt wird alt und wird wieder jung, 5 Doch der Mensch hofft immer Verbesserung. Die Hoffnung führt ihn ins Leben ein, Sie umflattert den frö
Hälfte des Lebens - Friedrich Hölderlin
Mit gelben Birnen hänget Und voll mit wilden Rosen Das Land in den See, Ihr holden Schwäne, Und trunken von Küssen 5 Tunkt ihr das Haupt Ins heilignüchterne Wasser. Weh mir, wo nehm' ich, wenn Es Winter ist, die Blumen, und wo Den Sonnenschein, 10 Und
Abendständchen - Clemens Brentano
Hör', es klagt die Flöte wieder, Und die kühlen Brunnen rauschen. Golden wehn die Töne nieder, Stille, stille, laß uns lauschen! Holdes Bitten, mild Verlangen, 5 Wie es süß zum Herzen spricht! Durch die Nacht, die mich umfangen, Blickt zu mir der Töne Licht. Von Anbeginn — Hör! —
Frühlingsglaube - Ludwig Uhland
Vergleich Ludwig Uhland, Frühlingsglaube, mit Eduard Mönke, Er ist 's Charakteristisch für Uhlands Gedicht ist die in jeder Strophe durchgeführte Wendung vom Außen zum Innen (das zweitemal durch die leichte Variation stärker und abschließend, weil der Gegensatz und damit die Auflösung der Spannung
Er ist's - Eduard Mörike
Frühling läßt sein blaues Band Wieder flattern durch die Lüfte; Süße, wohlbekannte Düfte Streifen ahnungsvoll das Land. 5 Veilchen träumen schon, Wollen balde kommen. -
Frische Fahrt - Joseph von Eichendorff
Laue Luft kommt blau geflossen, Frühling, Frühling soll es sein! Waldwärts Hörnerklang geschossen, Mut'ger Augen lichter Schein; 5 Und das Wirren bunt und bunter Wird ein magisch wilder Fluß, In die schöne Welt hinunter Lockt dich dieses Stromes Gruß. Und ich mag mich nicht bewahren! 10 Weit von eu
Mondnacht - Joseph von Eichendorff
Es war, als hätt der Himmel Die Erde still geküßt, Daß sie im Blütenschimmer Von ihm nun träumen müßt. Die Luft ging durch die Felder, 5 Die Ähren wogten sacht, Es rauschten leis die Wälder, So sternklar war die Nacht. Und meine Seele spannte Weit ihre Flügel aus, 10 Flog durc
Sehnsucht - Joseph von Eichendorff
Es schienen so golden die Sterne, Am Fenster ich einsam stand Und hörte aus weiter Ferne Ein Posthorn im stillen Land. Das Herz mir im Leib entbrennte, Da hab ich mir heimlich gedacht: Ach, wer da mitreisen könnte In der prächtigen Sommernacht! Zwei junge Gesellen gingen Vorüber am Bergeshang, Ic
Das Grab im Busento - August von Platen
Nächtlich am Busento lispeln bei Cosenza dumpfe Lieder; Aus den Wassern schallt es Antwort, und in Wirbeln klingt es wieder! Und den Fluß hinauf, hinunter ziehn die Schatten tapfrer Goten, Die den Alarich beweinen, ihres Volkes besten Toten. 5 Allzufrüh und fern der Heimat mußten hier sie ihn beg
Der Knabe im Moor - Annette von Droste-Hülshoff
O schaurig ists übers Moor zu gehn, Wenn es wimmelt vom Heiderauche, Sich wie Phantome die Dünste drehn Und die Ranke häkelt am Strauche, 5 Unter jedem Tritte ein Quellchen springt, Wenn aus der Spalte es zischt und singt, O schaurig ists übers Moor zu gehn, Wenn das Röhricht knistert im Hauche! Fe
Meeresstille - Heinrich Heine
Heines Gedicht »Meeresstille« — man darfeinen Bezug zu Goethes gleichnamigem Gedicht von 1795, Erstdruck 1796, annehmen — stammt wohl aus der Lüneburg-Hamburger Zeit, entstanden zusammen mit anderen »Seebildern«, die Heine dann in den Zyklus »Die Nordsee« aufgenommen hat, in den Monaten Oktober-
Belsatzar - Heinrich Heine
Die Mitternacht zog näher schon; In stummer Ruh lag Babylon. Nur oben in des Königs Schloß, Da flackert's, da lärmt des Königs Troß. 5 Dort oben in dem Königssaal, Belsatzar hielt sein Königsmahl. Die Knechte saßen in schimmernden Reih'n, Und leerten die Becher mit funkelndem Wein. Es klirrten
Ich weiß nicht, was soll es bedeuten - Heinrich Heine
Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, Daß ich so traurig bin; Ein Märchen aus alten Zeiten, Das kommt mir nicht aus dem Sinn. 5 Die Luft ist kühl und es dunkelt, Und ruhig fließt der Rhein; Der Gipfel des Berges funkelt Im Abendsonnenschein. Die schönste Jungfrau sitzet 10 Dort oben wunderbar,
Gebet - Eduard Mörike
Herr! schicke, was du willt, Ein Liebes oder Leides; Ich bin vergnügt, daß beides Aus deinen Händen quillt. 5 Wollest mit Freuden Und wollest mit Leiden Mich nicht überschütten! Doch in der Mitten Liegt holdes Bescheiden. Literarische Analyse: Das (1832 entstandene) Gedicht gehört in den Bereich
Septembermorgen - Eduard Mörike
Im Nebel ruhet noch die Welt, Noch träumen Wald und Wiesen: Bald siehst du, wenn der Schleier fällt, Den blauen Himmel unverstellt, 5 Herbstkräftig die gedämpfte Welt In warmem Golde fließen. Hier ist die Natur in einem bestimmten Augenblick gesehen, wenn im frühen Herbst die Sonne mit dem Nebel kä
Der Feuerreiter - Eduard Mörike
Sehet ihr am Fensterlein Dort die rote Mütze wieder? Nicht geheuer muß es sein, Denn er geht schon auf und nieder. Und auf einmal welch Gewühle 5 Bei der Brück, nach dem Feld! Horch! das Feuerglöcklein gellt: Hinterm Berg, Hinterm Berg Brennt es in der Mühle!
Herbstbild - Friedrich Hebbel
Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah! Die Luft ist still, als atmete man kaum, Und dennoch fallen raschelnd, fern und nah, Die schönsten Früchte ab von jedem Baum. O stört sie nicht, die Feier der Natur! 5 Dies ist die Lese, die sie selber hält, Denn heute löst sich von den Zw
Die Stadt - Theodor Storni
Am grauen Strand, am grauen Meer Und seitab liegt die Stadt; Der Nebel drückt die Dächer schwer, Und durch die Stille braust das Meer Eintönig um die Stadt. 5 Es rauscht kein Wald, es schlägt im Mai Kein Vogel ohn Unterlaß; Die Wandergans mit hartem Schrei Nur fliegt
Die Brück' am Tay - Theodor Fontane
(28. Dezember 1879) When shall we three meet again? Macbeth. 'Wann treffen wir drei wieder zusamm?" 'Um die siebente Stund', am Brückendamm." 'Am Mittelpfeiler." 5 'Ich lösche die Flamm." 'Ich mit." 'Ich komme vom Norden her." 'Und ich vom Süden." 'Und ich
Der römische Brunnen - Conrad Ferdinand Meyer
Der Brunnen In einem römischen Garten Verborgen ist ein Bronne, Behütet von dem harten Geleucht' der Mittagssonne, Er steigt in schlankem Strahle In dunkle Laubesnacht Und sinkt in eine Schale Und übergießt sie sacht. Die Wasser steigen nieder In zweiter Schale Mitte, Und voll ist diese wieder,
Fink und Frosch - Wilhelm Busch
Diese Reimfabel ist ganz auf die Gegensätzlichkeit der beiden Tiere aufgebaut. Darauf deutet jeder einzelne Gestaltungszug hin: die Ãœberschrift, die mit den stilistischen Mitteln der Artikellosigkeit und der Alliteration der beiden Tiernamen fest verspannt; die Anlage der Handlungslinie (der Fink i
Bewaffneter Friede - Wilhelm Busch
Ganz unverhofft, an einem Hügel, Sind sich begegnet Fuchs und Igel. Halt, rief der Fuchs, du Bösewicht! Kennst du des Königs Ordre nicht? 5 Ist nicht der Friede längst verkündigt, Und weißt du nicht, daß jeder sündigt, Der immer noch gerüstet geht? Im Namen seiner Majestät Geh her und übergib dein
Vereinsamt - Friedrich Nietzsche
Die Krähen schrein Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt: Bald wird es schnein. - Wohl dem, der jetzt noch - Heimat hat! 5 Nun stehst du starr, Schaust rückwärts, ach! wie lange schon! Was bist du Narr Vor Winters in die Welt - entflohn? Die Welt - ein Tor 10 Zu tausend Wüsten stumm und kalt! We
Die Musik kommt - Detlev von Liliencron
Klingling, bumbum und tschingdada. Zieht im Triumph der Perserschah? Und um die Ecke brausend brichts Wie Tubaton des Weltgerichts, 5 Voran der Schellenträger. Brumbrum, das große Bombardon, Der Beckenschlag, das Helikon, Die Piccolo, der Zinkenist, Die Türkentrommel, der Flötist, 10 Und da
Vogelschau - Stefan George
Weisse schwalben sah ich fliegen Schwalben schnee- und silberweiss • Sah sie sich im winde wiegen • In dem winde hell und heiss. 5 Bunte häher sah ich hüpfen • Papagei und kolibri Durch die wunder-bäume schlüpfen In dem wald der tusferi. Grosse raben sah ich flattern • 10 Dohlen schwarz un
Komm in den totgesagten park - Stefan George
Komm in den totgesagten park und schau: Der Schimmer ferner lächelnder gestade • Der reinen wölken unverhofftes blau Erhellt die weiher und die bunten pfade. Dort nimm das tiefe gelb • das weiche grau 5 Von birken und von buchs • der wind ist lau • Die späten rosen welkten noch nicht
Mein blaues Klavier - Else Lasker-Schüler
Ich habe zu Hause ein blaues Klavier und kenne doch keine Note. Es steht im Dunkel der Kellertür, Seitdem die Welt verrohte. Es spielen Sternenhände vier 5 - Die Mondfrau sang im Boote -Nun tanzen die Ratten im Geklirr. Zerbrochen ist die Klaviatur . . . Ich beweine die blaue Tot
Der Lattenzaun - Christian Morgenstern
Es war einmal ein Lattenzaun, mit Zwischenraum, hindurchzuschaun. Ein Architekt, der dieses sah, stand eines Abends plötzlich da - und nahm den Zwischenraum heraus 5 und baute draus ein großes Haus. Der Zaun indessen stand ganz dumm, mit Latten ohne was herum. Ein Anblick gräßlich und gemein
Die unmögliche Tatsache - Christian Morgenstern
Palmström, etwas schon an Jahren, wird an einer Straßenbeuge und von einem Kraftfahrzeuge überfahren. 'Wie war" (spricht er, sich erhebend 5 und entschlossen weiterlebend) 'möglich, wie dies Unglück, ja —: daß es überhaupt geschah? Ist die Staatskunst anzuklagen in Bezug auf Kraftfahrwagen?
Vorfrühling - Hugo von Hofmannsthal
Es läuft der Frühlingswind Durch kahle Alleen, Seltsame Dinge sind In seinem Wehn. 5 Er hat sich gewiegt, Wo Weinen war, Und hat sich geschmiegt In zerrüttetes Haar. Er schüttelte nieder 10 Akazienblüten Und kühlte die Glieder, Die atmend glühten. Lippen im Lachen Hat er berührt, 15 Die weichen
Was ist die Welt? - Hugo von Hofmannsthal
Was ist die Welt? Ein ewiges Gedicht, Daraus der Geist der Gottheit strahlt und glüht, Daraus der Wein der Weisheit schäumt und sprüht, Daraus der Laut der Liebe zu uns spricht 5 Und jedes Menschen wechselndes Gemüt, Ein Strahl ists, der aus dieser Sonne bricht, Ein Vers, der sich an tausend andre
Herbsttag - Rainer Maria Rilke
Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, und auf den Fluren laß die Winde los. Befiehl den letzten Früchten voll zu sein; gib ihnen noch zwei südlichere Tage, 5 dränge sie zur Vollendung hin und jage die letzte Süße in den schweren We
Das Karussell - Rainer Maria Rilke
Jardin du Luxembourg Mit einem Dach und seinem Schatten dreht sich eine kleine Weile der Bestand von bunten Pferden, alle aus dem Land, das lange zögert, eh es untergeht. 5 Zwar manche sind an Wagen angespannt, doch alle haben Mut in ihren Mienen; ein böser roter Löwe geht mit ihnen und dann und wa
Der Panther - Rainer Maria Rilke
Im Jardin des Plantes, Paris Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe so müd geworden, daß er nichts mehr hält. Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt. Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte, 5 der sich im allerkleinsten Kreise dreht, ist wie ein Tanz v
Im Nebel - Hermann Hesse
Seltsam, im Nebel zu wandern! Einsam ist jeder Busch und Stein, Kein Baum sieht den andern, Jeder ist allein. 5 Voll von Freunden war mir die Welt, Als noch mein Leben licht war; Nun, da der Nebel fällt, Ist keiner mehr sichtbar. Wahrlich, keiner ist weise, 10 Der nicht das Dunkel kennt, Das unent
Stufen - Hermann Hesse
Wie jede Blüte welkt und jede Jugend Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe, Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern. 5 Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe Bereit zum Abschied sein und Neubeginne, Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern In andre, neu
An meinen ältesten Sohn - Wilhelm Lehmann
Die Winterlinde, die Sommerlinde Blühen getrennt - In der Zwischenzeit, mein lieber Sohn, Geht der Gesang zu End. 5 Die Schwalbenwurz zieht den Kalk aus dem Hügel Mit weißen Zehn, Ich kann es unter der Erde Im Dunkeln sehn. Ein Regen fleckt die grauen Steine -10 Der letzte Ton Fehlt dem Goldamme
Schenken - Joachim Ringelnatz
Schenke groß oder klein, Aber immer gediegen. Wenn die Bedachten Die Gaben wiegen, Sei dein Gewissen rein. Schenke herzlich und frei. Schenke dabei Was in dir wohnt An Meinung, Geschmack und Humor, So daß die eigene Freude zuvor Dich reichlich belohnt.
Der Silberdistelwald - Oskar Loerke
Mein Haus, es steht nun mitten Im Silberdistelwald. Pan ist vorbeigeschritten. Was stritt, hat ausgestritten 5 In seiner Nachtgestalt. Die bleichen Disteln starren Im Schwarz, ein wilder Putz. Verborgne Wurzeln knarren: Wenn wir Pans Schlaf verscharren, 10 Nimmt niemand ihn in Schutz. Vielleicht,
Reisen - Gottfried Benn
Meinen Sie Zürich zum Beispiel sei eine tiefere Stadt, wo man Wunder und Weihen immer als Inhalt hat? Meinen Sie, aus Habana, 5 weiß und hibiskusrot, bräche ein ewiges Manna für Ihre Wüstennot? Bahnhofstraßen und Ruen, Boulevards, Lidos, Laan - 10 selbst auf den Fifth Avenuen
Einsamer nie - Gottfried Benn
Einsamer nie als im August: Erfüllungsstunde - im Gelände die roten und die goldenen Brände, doch wo ist deiner Gärten Lust? Die Seen hell, die Himmel weich, 5 die Äcker rein und glänzen leise, doch wo sind Sieg und Siegsbeweise aus dem von dir vertretenen Reich? Wo alles sich
April - Georg Heym
Das erste Grün der Saat, von Regen feucht, Zieht weit sich hin an niedrer Hügel Flucht. Zwei große Krähen flattern aufgescheucht Zu braunem Dorngebüsch in grüner Schlucht. Wie auf der stillen See ein Wölkchen steht, 5 So ruhn die Berge hinten in dem Blau, Auf die ein feiner Regen niedergeht
Columbus - Georg Heym
12. Oktober 1492 Nicht mehr die Salzluft, nicht die öden Meere, Drauf Winde stürmen hin mit schwarzem Schall. Nicht mehr der großen Horizonte Leere, Draus langsam kroch des runden Mondes Ball. Schon fliegen große Vögel auf den Wassern 5 Mit wunderbarem Fittich blau beschwingt. Und weiße R
Der Winter - Georg Heym
Der Sturm heult immer laut in den Kaminen Und jede Nacht ist blutig-rot und dunkel. Die Häuser recken sich mit leeren Mienen. Nun wohnen wir in rings umbauter Enge, Im kargen Licht und Dunkel unserer Gruben, 5 Wie Seiler zerrend grauer Stunden Länge. Die Tage zwängen sich in niedre Stuben, Wo
Im Winter - Georg Trakl
Der Acker leuchtet weiß und kalt. Der Himmel ist einsam und ungeheuer. Dohlen kreisen über dem Weiher Und Jäger steigen nieder vom Wald. Ein Schweigen in schwarzen Wipfeln wohnt. 5 Ein Feuerschein huscht aus den Hütten. Bisweilen schellt sehr fern ein Schlitten Und langsam steigt der graue Mond. E
Die schöne Stadt - Georg Trakl
Alte Plätze sonnig schweigen. Tief in Blau und Gold versponnen Traumhaft hasten sanfte Nonnen Unter schwüler Buchen Schweigen. Aus den braun erhellten Kirchen 5 Schaun des Todes reine Bilder, Großer Fürsten schöne Schilder. Kronen schimmern in den Kirchen. Rösser tauchen aus dem Brunne
Augen in der Großstadt - Kurt Tucholsky
Wenn du zur Arbeit gehst am frühen Morgen, wenn du am Bahnhof stehst mit deinen Sorgen: da zeigt die Stadt 5 dir asphaltglatt im Menschentrichter Millionen Gesichter: Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick, , die Braue, Pupillen, die Lider -
Drachen - Georg Britting
Die Drachen steigen wieder Und schwanken mit den Schwänzen Und brummen stumme Lieder Zu ihren Geistertänzen. 5 Von wo der knallende Wind herweht? Von Bauerngärten schwer! Jeder Garten prallfäustig voll Blumen steht, Die Felder sind lustig leer. Der hohe Himmel ist ausgeräumt, 10 Wasserblau, ohne R
Raubritter - Georg Britting
Zwischen Kraut und grünen Stangen Jungen Schilfes steht der Hecht, Mit Unholdsaugen im Kopf, dem langen, Der Herr der Fische und Wasserschlangen, 5 Mit Kiefern, gewaltig wie Eisenzangen, Gestachelt die Flossen: Raubtiergeschlecht. Unbeweglich, uralt, aus Metall, Grünspanig von tausend Jahren. Ein
Fröhlicher Regen - Georg Britting
Wie der Regen tropft, Regen tropft, An die Scheiben klopft! Jeder Strauch ist naß bezopft. Wie der Regen springt! In den Blättern singt 5 Eine Silberuhr. Durch das Gras hin läuft, Wie eine Schneckenspur, Ein Streifen weiß beträuft. Das stürmis
Trost - Eugen Roth
Du weißt, daß hinter den Wäldern blau die großen Berge sind. Und heute nur ist der Himmel grau und die Erde blind. 5 Du weißt, daß über den Wolken schwer die schönen Sterne stehn. Und heute ist aus dem goldenen Heer kein einziger zu sehn. Und warum glaubst du dann nicht auch, 10 daß uns die Wolke
Die Vögel warten im Winter vor dem Fenster - Bertolt Brecht
l Ich bin der Sperling. Kinder, ich bin am Ende. Und ich rief euch immer im vergangnen Jahr Wenn der Rabe wieder im Salatbeet war. Bitte um eine kleine Spende. 5 Sperling, komm nach vorn. Sperling, hier ist dein Korn. Und besten Dank für die Arbeit! 2 Ich bin
Lob der Spatzen - Carl Zuckmayer
Grau mit viel braun und wenig weißen Federn, Das Männchen auf der Brust mit schwarzem Fleck, Sie leben unter Palmen, Fichten, Zedern, Und auch in jedem Straßendreck. 5 In Ingolstadt und in der City Boston. Am Hoek van Holland und am Goldnen Hörn Ist überall der Spatz auf seinem Posten Und fürcht
Vögelein im Winter - Friedrich Gull
Es lag ein tiefer Schnee, Gefroren war der See, Der Wind blies kalt und schaurig. Da saß ein Vöglein traurig Auf einem Ast im Wald: »Verhungern muß ich bald, Wenn lang die Tage währen, Wer soll mich auch ernähren? Das war gesprochen kaum, Da stund ein großer Baum Voll roter Vogelbeeren, Die durft'e
Die Liebenden - Bertolt Brecht
Sieh jene Kraniche in großem Bogen! Die Wolken, welche ihnen beigegeben Zogen mit ihnen schon, als sie entflogen Aus einem Leben in ein andres Leben. In gleicher Höhe und mit gleicher Eile 5 Scheinen sie alle beide nur daneben. Daß so der Kranich mit der Wolk
Die Entwicklung der Menschheit - Erich Kästner
Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt, behaart und mit böser Visage. Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt und die Welt asphaltiert und aufgestockt, 5 bis zur dreißigsten Etage. Da saßen sie nun, den Flöhen entflohn, in zentralgeheizten Räumen. Da sitzen sie nun am Telefon. Und es herrscht
Sachliche Romanze - Erich Kästner
Als sie einander acht Jahre kannten (und man darf sagen: sie kannten sich gut), kam ihre Liebe plötzlich abhanden. Wie andern Leuten ein Stock oder Hut. 5 Sie waren traurig, betrugen sich heiter, versuchten Küsse, als ob nichts sei, und sahen sich an und wußten nicht weiter. Da weinte sie schließli
Juni - Marie Luise Kaschnitz
Schön wie niemals sah ich jüngst die Erde. Einer Insel gleich trieb sie im Winde. Prangend trug sie durch den reinen Himmel Ihrer Jugend wunderbaren Glanz. 5 Funkelnd lagen ihre blauen Seen, Ihre Ströme zwischen Wiesenufern. Rauschen ging durch ihre lichten Wälder, Große Vögel folgten ihrem Flug.
Ostia antica - Marie Luise Kaschnitz
Durch die Tore: niemand Treppen: fort ins Blau Auf dem Estrich: Thymian Auf den Tischen: Tau. 5 Zwiegespräch aus Stille Tod aus Käferzug Abendrot im Teller Asche im Krug. Asphodeloswiese 10 Fledermäusekreis Diesseits oder drüben Wer das weiß - Dieses berühmte moderne >Rom-Gedicht< entstamm
Der glückliche Garten - Peter Huchel
Einst waren wir alle im glücklichen Garten, ich weiß nicht mehr, vor welchem Haus, wo wir die kindliche Stimme sparten für Gras und Amsel, Kamille und Strauß. 5 Da saßen wir abends auf einer Schwelle, ich weiß nicht mehr, vor welchem Tor, und sahn wie im Mond die mondweißen Felle der Katzen und Hun
Letzte Fahrt - Peter Huchel
Mein Vater kam im Weidengrau und schritt hinab zum See, das Haar gebleicht vom kalten Tau, die Hände rauh vom Schnee. 5 Er schritt vorbei am Grabgebüsch, er nahm den Binsenweg. Hell hinterm Röhricht sprang der Fisch, das Netz hing naß am Steg. Sein altes Netz, es hing beschwert, 10 er stieß die St
Pfaffenhut - Günter Eich
Oktober tötet. Oh Blumenblut! Den Waldsaum rötet der Pfaffenhut. 5 Es reißen die Pfeile des Sonnenlichts Blume wie Stunden ins blaue Nichts. Der Mond, das Messer, 10 von Tränen geätzt, am Stein der Leiden zur Schärfe gewetzt, so noch am Tage zielt er auf mich. 15 Die wuchernde Schrift der Ranken
Die Schritte - Albrecht Goes
Klein ist, mein Kind, dein erster Schritt, Klein wird dein letzter sein. Den ersten gehen Vater und Mutter mit, Den letzten gehst du allein. Seis um ein Jahr, dann gehst du, Kind, 5 Viel Schritte unbewacht, Wer weiß, was das dann für Schritte sind Im Licht und in der Nacht? G
Sommerliches Gebet - Rudolf Hagelstange
Methodisch bietet sich zur Erschließung des fünfstrophigen Gedichts — im Sinne wechselseitiger Erhellung — sowohl der Vergleich mit dem Vaterunser an wie mit anderen Sommergedichten. Aus dem lyrischen Werk Hagelstanges wäre zu denken an: »Veroneser Sommernacht« (dtv gd 2543), »Indian Summer« (ib
Kurzes Unwetter - Karl Krolow
Die Wolkenpferde ins Licht sich stürzen. Es qualmt die Erde von starken Würzen. 5 Die schweren Leiber den Himmel fegen. Sturm ist ihr Treiber, schlägt Staub und Regen aufs schwarze Wasser. 10 Die Gräser sausen. Die Beerenprasser befällt ein Grausen. Ahorne biegen sich in den Lüften. 15 Wildblumen
Espenbaum - Paul Celan
Ispenbaum, dein Laub blickt weiß ins Dunkel. Meiner Mutter Haar ward nimmer weiß. Löwenzahn, so grün ist die Ukraine. Meine blonde Mutter kam nicht heim. 5 Regenwolke, säumst du an den Brunnen? Meine leise Mutter weint für alle. Runder Stern, du schlingst die goldne Schleife. Meiner Mutter Herz w
Lob des Ungehorsams - Franz Fühmann
Sie waren sieben Geißlein und durften überall reinschaun, nur nicht in den Uhrenkasten, das könnte die Uhr verderben, hatte die Mutter gesagt. 5 Es waren sechs artige Geißlein, die wollten überall reinschaun, nur nicht in den Uhrenkasten, das könnte die Uhr verde
Die Furt - Heinz Piontek
Schlinggewächs legt sich um Wade und Knie, dort ist die seichteste Stelle. Wolken im Wasser, wie nahe sind sie! Zögernder lispelt die Welle. 5 Waten und spähen - die Strömung bespült höher hinauf mir die Schenkel. Nie hab ich so meinen Herzschlag gefühlt. Sirrendes Mückengeplänkel. Schwimmende Rud
Reklame - Ingeborg Bachmann
Wohin aber gehen wir ohne sorge sei ohne sorge wenn es dunkel und wenn es kalt wird sei ohne sorge 5 aber mit musik was sollen wir tun heiter und mit musik und denken 10 heiter angesichts eines Endes mit musik und wohin tragen wir am besten 15 unsre Fragen und den Schauer aller Jahre in
Die große Fracht - Ingeborg Bachmann
Die große Fracht des Sommers ist verladen, das Sonnenschiff im Hafen liegt bereit, wenn hinter dir die Möwe stürzt und schreit. Die große Fracht des Sommers ist verladen. 5 Das Sonnenschiff im Hafen liegt bereit, und auf die Lippen der Galionsfiguren tritt unverhüllt das Lächeln der Lemuren. Das So
Sensible Wege - Reiner Kunze
Sensibel ist die erde über den quellen: kein bäum darf gefällt, keine wurzel gerodet werden Die quellen könnten 5 versiegen Wie viele bäume werden gefällt, wie viele wurzeln gerodet in uns 10 D
Andere Erde - Christoph Meckel
Wenn erst die Bäume gezählt sind und das Laub Blatt für Blatt auf die Ämter gebracht wird werden wir wissen, was die Erde wert war. Einzutauchen in Flüsse voll Wasser 5 und Kirschen zu ernten an einem Morgen im Juni wird ein Privileg sein, nicht für Viele. Gerne werden wir uns der verbrauchten Welt



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