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Friedrich schiller: der geisterseher

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» Ästhetisierung des Geheimnisvollen: Rätselstrukturen und Spurensuche
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Fiktionalisierung der Geheimbundthematik



Die Thematisierung des Geheimbundwesens und der Angst vor konspirativen Anschlägen auf Staat und Gesellschaft im Rahmen fiktiver Literatur bot sich an, überschritt das Phänomen der Bünde und Logen im Erfahrungshorizont des späten 18. Jahrhunderts doch bereits auch ohne ausgesprochen literarische Gestaltung die Grenzen zwischen Realität und Fiktion. Undurchsichtigkeit der Verhältnisse und zunehmende Gerüchte über Absichten und Aktivitäten umgaben die Geheimbünde mit jenem verhüllenden Mantel, der sie vor unerwünschten Einblicken schützte und gleichsam als Projektionsfläche für Hoffnungen und Befürchtungen aller Art diente. "Die Unbestimmtheit des Geheimnisses", so Voges über die Bünde und deren Arkanstrukturen, "schuf eine Sphäre gesellschaftlichen Scheins, genährt aus kollektiven Illusionen, in der die Grenzen zwischen Betrug und Selbstbetrug, Täuschung und Einbildung bis zur Unkenntlichkeit verwischt wurden. Kein Wunder, daß in einer solchen Sphäre geheimnisvoller Verunsicherung die Seinsmodi durcheinandergerieten, daß nicht nur Mögliches als wirklich, sondern auch Unmögliches und Unwirkliches als möglich und wirklich gedacht wurden. Damit aber tat sich inmitten der gesellschaftlichen Wirklichkeit des Spätabsolutismus ein Bereich des Geheimen auf, dem gewissermaßen nur der Realitätsgehalt einer Fiktion zukam." Spezifische Aussagen über die Gesellschaften erfüllten somit häufig keineswegs die Erfordernisse klarer, sachlicher Berichterstattung, sondern vielmehr die Erwartungen eines Publikums, das sich neben reinen Informationen auch für die Bestätigung eigener Vorurteile und nicht zuletzt auch für Nervenkitzel und Unterhaltung interessierte. Die vermeintliche Präsentation unantastbarer Fakten konnte so unversehens zur fiktiven Erzählung geraten, zur Kombination beliebiger Versatzstücke einer undurchschaubaren Realität. Wo sich keine sinnhaften Zusammenhänge zeigten, wurden diese Zusammenhänge einfach geschaffen. Der Schritt von der wirklichkeitsgetreuen Dokumentation zur fiktionalen Narration ergibt sich dabei fast von selbst, und die zunächst politisch und sozial motivierte Aufklärung über geheime Gesellschaften und deren Umtriebe wird quasi automatisch zum Thema phantasievoller und spannungsgeladener Literatur. Mit der bewußten Gestaltung der Fiktion und dem planvollen Einsatz der dazu notwendigen ästhetischen Mittel erzielte Schiller den Durchbruch auf diesem Weg; der Geisterseher übernahm die Vorreiterfunktion für eine literarische Tendenz, die sich aus den gesellschaftlich gegebenen Umständen und Erfordernissen organisch entwickelte und daher augenblicklich Akzeptanz fand.

      "Schillers 'Geisterseher' steht [...] am Anfang der literarischen Form des Geheimbundromans", behauptet Bußmann. Ähnlich auch Rosemarie Haas: "Der Schöpfer des deutschen Geheimbundromans ist Schiller [...]." Dadurch, daß er diese Thematik "als erster rein artifiziell [behandelte]", daß er "in seinem 'Geisterseher' das Geheimnis zum erstenmal aus der Realität in den Bereich der eingestandenen Fiktion entrückte und ihm dort einen Spielraum immer neuer Aufdeckungen und Überhöhungen verschaffte"211, hat er den entscheidenden Schritt getan von einer ideologisch funktionalisierten Verarbeitung des Geheimbundphänomens, die sich dokumentarisch gibt, ohne es zu sein, zu einer fiktionalen Gestaltung, die ihren rein literarischen Charakter nicht verbirgt und somit die Ästhetisierung einer gesellschaftspolitischen Erscheinung nicht nur legitimiert, sondern geradezu fordert.
      Die Literarisierung der Geheimbundthematik in den achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts und die enorme Popularität des solcherart entstandenen Genres entsprang jedoch nicht allein dem ungewissen Status der Gesellschaften zwischen Fiktion und Realität, sondern auch dem Bedürfnis der Öffentlichkeit, einen kompensatorischen Ersatz für die Enttäuschungen zu finden, die die wenigen wirklich zuverlässigen Informationen über die Bünde und deren soziale und politische Einflußmöglichkeiten in diesen Jahren zweifellos hervorriefen. Mangelnde oder aber ernüchternde Aufklärung allein blieb unbefriedigend; zu den Enthüllungsschriften, die jeweils bestimmte Zwecke und Absichten verfolgten, gesellte sich die zwanglosere Unterhaltungsliteratur, die den Bedürfnisse des lesenden Publikums unmittelbarer und großzügiger entgegenkam und das Interesse am Geheimbundwesen stets lebendig hielt. Durch die literarische Verklärung, beziehungsweise Mystifikation der geheimen Verbindungen und ihrer Agenten wurde die zunehmende Desillusio-nierung sowohl hinsichtlich ihrer emanzipatorischen Kräfte und Fähigkeiten als auch hinsichtlich der vermeintlich alles umfassenden, alles durchdringenden und alles beherrschenden Macht, mit der sie wohlige Schauer zu erzeugen vermochten, abgeschwächt. "Durch die Enttäuschung über die Praxis der Geheimorden von der Tätigkeit auf den Traum zurückgeworfen, ergoß sich alles Sehnen und Hoffen in die Literatur." Aber nicht nur Sehnen und Hoffen, auch andere Gefühle, andere Stimmungslagen, andere Bedürfnisse sollten durch die Geheimbundliteratur geweckt und gestillt werden. "Die Zeit der Geheimbünde war zu Ende, ohne daß man doch auf das Vergnügen, das man in den Bünden gefunden hatte, schon verzichten wollte", so Zacharias-Lang-hans. "Welches Vergnügen? Das paradoxe Vergnügen der Angst."

  
   Darüber hinaus darf nicht vergessen werden, daß die Existenz geheimer Gesellschaften und die ihnen angelasteten Verschwörungspläne unter anderem auch eine wichtige Funktion im Prozeß der Angstbewältigung angesichtsder anbrechenden Moderne erfüllten; sie wurden als Bedrohung empfunden und in diesem Sinne ideologisch und propagandistisch als Feindbilder genutzt. Unbestimmte Ängste konnten auf diese Bedrohung bezogen und dadurch erklärbar, unerwünschte oder gefürchtete gesellschaftliche Prozesse als Begleiterscheinung oder Ergebnis konspirativer Machenschaften diffamiert werden. Verloren die Geheimbünde in der Realität auch an Bedeutung - und damit ihren Erklärungswert als Ursache sozialer Ängste und ihre Funktion als politische Feindbilder -, so hielten sie zumindest in der Fiktion diesen Status aufrecht. Dank der Phantasie und der literarischen Erfindungsgabe zahlreicher Autoren blieben die geheimen Gesellschaften im kulturellen Bewußtsein als sozialpolitisch wirksame oder das Individuum beeinflussende Kräfte verankert. Als entweder bedrohliche Organisationen mit restaurativen Absichten - so in Schillers Geisterseher - oder als progressive, aufklärerische Vereinigungen - beispielsweise in Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre -avancierten Geheimbünde zu bedeutenden Funktionsträgern in der Literatur des späten 18. Jahrhunderts. Innerhalb dieses Spektrums lassen sich die Geheimbünde und ähnlich organisierten Gesellschaften in Romanen wie beispielsweise Wielands Geheime Geschichte des Philosophen Peregrinus Proteus , Grosses Genius , Jean Pauls Unsichtbare Loge und Tiecks William Lovell einordnen.
      Die literarische Aneignung und Gestaltung der Geheimbundthematik zog allerdings Konsequenzen nach sich - sowohl für die poetologische Grundlage und die Struktur der Prosa an sich als auch für die Struktur des Geheimnisses als zentralem Element und ästhetischem Kernstück der Geheimbund- und Schauerliteratur. So konstatiert Voges, ,,[d]er Aktivierende Charakter des Geheimbundmaterials [habe] nicht nur dessen Literarisierung entscheidend gefördert, er [habe] auch einer Ästhetisierung der Romanwirklichkeit Vorschub geleistet, indem die mit ihm gegebene Ambivalenz des Möglichen/Unmöglichen, des Wirklichen/Unwirklichen komplexe Wirklichkeitsstrukturen und mehrschichtige Fiktionshierarchien im Roman erzeugen half. Die Herstellung möglicher Welten wird schon im Rahmen der Nachbildung wirklicher vorbereitet. Der Bund spielt seine Rolle als Demiurg im Roman, bevor der Roman selbst das weltschöpferische Handwerk als das seine erkennt und ausübt." Andererseits bedeutet die Literarisierung und Ästhetisierung des Geheimbundmaterials eine Radikalisierung des zugrunde liegenden Geheimnisses; um es strukturell für die literarische Konzeption tauglich zu machen, muß es in Dimensionen gesteigert werden, die es einem raschen, aufklärenden Zugriff entziehen. Es übernimmt die Funktion einer schicksalsmächtigen Kraft, die den Verlauf der Handlung bestimmt und die Figuren - oftmals gegen den eigenen Willen - lenkt. Es muß daher zu einer grundlegenden Erfah-rung der fiktiven Welt werden, zur Bedingung der beschriebenen Ereignisse. Asthetisierung impliziert in diesem Sinne eine Überhöhung und - in gewisser Weise - eine Abstraktion des Geheimnisses und seiner Rätselstruktur. Beide verlieren ihren Status als zufällige, okkasionelle Erscheinungen in Welt und Gesellschaft und werden zu existentiellen Phänomenen von absoluter Gültigkeit. In letzter Konsequenz schließt das die Unlösbarkeit des Rätsels, die Undurchschaubarkeit des Geheimnisses mit ein.
      So bleibt auch das Geheimnis des Geistersehers, die Lösung der Rätsel um den Armenier und dessen Intrige gegen den Prinzen, in weiten Zügen eigentlich verdeckt. Die Tatsache, daß der Romantext keine definitiven Erklärungen liefert, sondern sich mit Andeutungen über die Hintergründe der Verschwörung begnügt, - worauf schon mehrmals hingewiesen wurde - erscheint nun als strukturelles Korrelat der ästhetisch überhöhten und literarisch geformten Geheimbundthematik. Die Undurchsichtigkeit, die nachgerade zu einem Erzählprinzip erhoben wird, darf nicht als bloßer Manierismus mißverstanden werden, als spekulative Strategie der Verwirrung und Täuschung; sie ist ein konstitutives Element der Textgattung und steht als unabdingbarer Bestandteil der literarischen Konzeption im Dienste der beabsichtigten Wirkung.
      "Über die innere Organisation", so Bußmann, "über die Ziele und das Zeremoniell des Geheimbundes erfahren wir bei Schiller so gut wie nichts. Uns wird lediglich ein - durch die verschiedenen Perspektiven der jeweiligen Erzähler bedingter - begrenzter Ausschnitt seiner äußeren Wirkung gegeben. Er selbst bleibt stets in mystisches Dunkel gehüllt, und gerade diese Ungewißheit macht ihn so unberechenbar, läßt ihn mit seinem angeblichen Charakter auch Organisation und Zeremoniell nach Belieben verändern und führt so die Erzählung zu immer neuen Spannungshöhepunkten."2' Auch Voges betont die Aufrechterhaltung des Geheimnisses als "die notwendige Bedingung der Asthetisierung des Geheimbundmaterials im Geisterseher11, verweist in diesem Kontext aber auf die bereits erwähnte Möglichkeit, die fiktiven Ereignisse mit Hilfe zeitgeschichtlicher Erfahrungen und der Vertrautheit mit den Debatten über die soziale und politische Relevanz geheimer Gesellschaften zu deuten.
      Der Leser ist auf Mutmaßungen angewiesen. Er ahnt, wer der Intrige zuzurechnen ist, er errät ihren politisch-religiösen Zweck, er schreibt die geheimnisvollen Begebenheiten ihrem verborgenen Wirken zu. Doch kennt er nicht die genauen Zusammenhänge, fehlt ihm jede Gewißheit bei der Erklärung des Geschehens und der Beurteilung seiner Akteure. Die Vermutungen des Lesers werden gelenkt durch ein Netz zukunftsgewisser Vorausdeutungen, das den Bericht des Grafen durchzieht. Es ist bezeichnend für den Realitätscharakter des Geistersehers, wenn diese Vorausdeutungen zugleich als textexterne Verweisungen fungieren, als Anspielun-gen, die in vollem Umfang nur aus einer - historisch voraussetzbaren - Kenntnis des zeitgenössischen Ordenswesens heraus auflösbar waren. So wie der Roman zuweilen als Fortsetzung der geheimbündlerischen Realität mit literarischen Mitteln gelesen wurde, so konnte umgekehrt die Realität als konsequente Fortsetzung des Romans erscheinen.2'
Als Folge der romanhaften Gestaltung der Geheimbundthematik und der literarischen Funktionalisierung der gesellschaftlich verbreiteten Verschwörungsangst entwickeln die Gänge und Verschlingungen der Konspiration eine eigene Gesetzlichkeit, die nicht ohne weiteres aufgehoben werden kann, will man die Wirkung der Fiktion nicht gefährden. Diese Gesetzlichkeit beruht auf der systematischen Aufhebung aller verläßlichen Kategorien zugunsten einer immer komplexer und unübersichtlicher werdenden Scheinrealität: Nichts ist, was es zu sein scheint; kausale Erklärungen und Ableitungen versagen angesichts einer Vielzahl widersprüchlicher Deutungsmöglichkeiten. Welterfahrung wird - zumindest für die betroffenen Charaktere der Geheimbundliteratur - zur hermeneutischen Aufgabe, wobei die Aussichten, zu klaren Erkenntnissen oder eindeutigen Lösungen zu gelangen, äußerst gering sind.
      Die Ästhetisierung des Geheimnisses resultiert auch in Schillers Geisterseher in einer "ständigefn] Verdichtung der Mystifikation", in "einer mythischmystischen Überhöhung, die die Vervielfältigung der magischen bzw. konspirativen Instanzen schon in nuce enthält" und sich des Scheincharakters der Kunst in der ästhetischen Betrachtung bedient. Den betrügerischen Schein, der durch die Intrigen der Verschwörer entsteht, um den Prinzen zu blenden, bringen Ueding und Weissberg in Verbindung mit Schillers Konzeption des ästhetischen Scheins, wie sie in den späteren ästhetischen Schriften ausgearbeitet und formuliert wurde. Ueding stellt fest, "daß in diesem Roman nicht nur seine eigene Poetik mitgeliefert und erprobt, sondern diese Poetik auch dauernd ihrer ästhetischen Grundlegung konfrontiert wird, so daß der Leser Zeuge eines höchst reizvollen Wechselspiels von Handlung und ihrer poeto-logischen Reflexion wird, die ihrerseits dauernd auf die ästhetische Grundproblematik von Wahrheit und Täuschung verweist." Nicht die Wahrheit steht im Mittelpunkt des Geistersehers, sondern eine "auf dem falschen Schein beruhende[...] Kunst"219, die den Prinzen von der Wahrheit wegführen und in die Hände seiner Gegner spielen soll. Zum Werkzeug wird dabei die schöne Griechin, deren Anblick in der Kirche für den Prinzen den Rang eines ästhetischen Erlebnisses annimmt und gleichzeitig an einen früheren Versuch der Verschwörer erinnert, ihr Opfer zu verwirren: "In dem geschlossenen dunklen Raum, in den nur eine einzige Lichtquelle fällt, mit dem Kruzifix und dem schwarzen Tuch, das nun nicht den Altar umhüllt, sondern den Leib der
Schönen, sind die Elemente der Geisterbeschwörung leicht wiederzuerkennen. Die Szene, in der ein Geist gerufen wird, und die Szene, in welcher der Prinz im Anschauen der Schönen versinkt, werden vergleichbar."2

   Geisterbeschwörung und Beschwörung der Kunst, fauler Zauber und ästhetische Betrachtung werden so in einen Kontext gebracht, und die Analogie, die zwischen der offensichtlichen Betrugshandlung und der Inszenierung des ästhetischen Scheins hergestellt wird, wirft "die Frage nach der besonderen Moral der Kunst" auf. Das Schicksal des Prinzen vollzieht sich angesichts einer "allein auf Anspannung der Einbildungskraft zielende[n], mit Illusionen als dem lügnerischen Schein arbeitende[n] Kunst"222; eine moralische Funktion der Kunst und eine ethische Qualität der ästhetischen Aura kann im Intrigenspiel der Verschwörung nicht ausgemacht werden. Ein Ausweg aus dem Dilemma, die Inszenierung des Schönen und Verlockenden als Mittel der Verführung überzeugend darzustellen und die Kunst gleichzeitig zu einer moralisch-sittlichen Instanz zu erheben, ist im Roman noch nicht in Sicht. Erst in den ästhetischen Schriften, namentlich in seinen Briefen Ueber die ästhetische Erziehung des Menschen, entwirft Schiller dann ein Gegenmodell der Kunst, deren ästhetischer Schein sich deutlich von den Ansprüchen der Realität und dem Charakter einer Scheinwirklichkeit abgrenzt und sich als Ausdruck und Instrument einer ethischen Gesinnung entfalten kann. Zuvor jedoch mußte der Geisterseher, mangels dieser kunstphilosophischen Konzeption einer ästhetischen und moralischen Kunst Fragment bleiben. Weissberg konstatiert, daß die Ästhetische Erziehung "in vieler Hinsicht [...] als eine Fortsetzung des Geistersehers gelesen werden [kann]." Die Problematik, die sich hier dem Dichter hinsichtlich der Bedeutung und moralischen Qualität der Kunst entgegenstellt, wird dort durch den Philosophen auf eine zufriedenstellende Weise gelöst.
     

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