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Friedrich schiller: der geisterseher

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Authentizitätsfiktion



Die Authentizitätsfiktion, die Schiller zum narratologischen Fundament des Romans macht, weist zu Beginn schon über einen nur erfundenen Entwurf hinaus und verstärkt die Wirkung der geschilderten Ereignisse. Als authentische Erinnerungen eines Grafen von O** erheben die geheimnisvollen Vorgänge Anspruch auf Wahrheit; die einführenden Bemerkungen des Erzählers, in denen er sich als verläßlichen Zeugen zu erkennen gibt und auf politische Ereignisse verweist, ohne diese näher zu bestimmen, fügen sich ganz in dieses literarische Spiel ein und verleihen ihm zusätzliche Effektivität. Daß er dabeigleich am Anfang eingesteht, daß die ganze Geschichte 'unglaublich scheinen wird", nimmt möglichen Einwänden kritischer Leser sogleich die argumentative Kraft und erhöht also die fiktive Authentizität des folgenden Berichts:

Ich erzähle eine Begebenheit, die vielen unglaublich scheinen wird, und von der ich großenteils selbst Augenzeuge war. Den wenigen, welche von einem gewissen politischen Vorfalle unterrichtet sind, wird sie - wenn anders diese Blätter sie noch am Leben finden - einen willkommenen Aufschluß darüber geben; und auch ohne diesen Schlüssel wird sie den übrigen, als ein Beitrag zur Geschichte des Betrugs und der Verirrungen des menschlichen Geistes, vielleicht wichtig sein. [...] Reine, strenge Wahrheit wird meine Feder leiten; denn wenn diese Blätter in die Welt treten, bin ich nicht mehr und werde durch den Bericht, den ich abstatte, weder zu gewinnen noch zu verlieren haben.

   Die korrekte Jahreszahl wird verschwiegen, und Namen werden durch Initialen abgekürzt, so, als gelte es tatsächlich, historische Persönlichkeiten zu schützen; Briefe werden als Dokumente von scheinbar authentischem Charakter zitiert und übernehmen im zweiten Teil des Romans vollständig die Darstellungsfunktion, und schließlich meldet sich Schiller als Herausgeber der Memoiren des Grafen zu Wort und kommentiert dessen Bericht. Der Eindruck des authentischen Bekenntnisses, der hier vermittelt wird, forciert die Wirkung der dargestellten Ereignisse und verleiht ihnen zugleich einen ästhetischen Rahmen, innerhalb dessen sich der Rätselcharakter des Textes voll entfalten kann. Es wird ein Spiel mit Wahrheit und Fiktion eröffnet, die Bühne - folgt man der Theatermetaphorik von Schmitz-Emans - vorbereitet für die verwirrenden Inszenierungen von Schein und Sein. Noch bevor die Handlung des Romans beginnt, wird der Leser durch die Authentizitätsfiktion darauf eingestimmt, Wirklichkeit und Wahrheit als bloße Funktionen der literarischen Gestaltung zu rezipieren. Die Ã"sthetisierung des Geheimnisvollen und Rätselhaften setzt auf der strukturellen Ebene der narrativen Fiktion ein; auf der inhaltlichen Ebene folgen unmittelbar Elemente nach, die diesen Prozeß fördern. Zum einen ist dies der Schauplatz der Handlung, zum anderen die Figur des Armeniers.
     

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