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Friedrich schiller: der geisterseher

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Schillers Geisterseher in der Tradition der Schauerliteratur



'Der 'Geisterseher'", so Varney in seiner Studie über die Prosawerke Schillers, 'atmet ganz den Geist des Schrecklichen, und das schon deshalb, weil über dem Ganzen die Schatten des Helldunkels lagern". Dieses Helldunkel, in dessen Zwielicht sich mysteriöse Dinge abspielen, macht den Roman zu einem veritablen Vertreter der Schauerliteratur. Das Ambiente der geheimnisvollen Lagunenstadt Venedig, das Personal der abgefeimten Betrüger, listigen Verschwörer, einflußreichen und scheinbar zaubermächtigen Unholde und dunklen Hintermänner und die unheimlichen Begebenheiten, Geisterbeschwörungen und Intrigen verweisen allesamt auf die furchterregenden Phantasien des Schauerromans, auch wenn sich Schillers Romanfragment bei genauerer Analyse den Formeln des literarischen Schreckens im spezifischen Stile der gothic novel entzieht, der durch Horace Walpoles Castle ofOtranto {Die Burg von OtrantO) 1764 begründet worden war. Der Geisterseher lebt von der Atmosphäre der Verunsicherung und Bedrohung, die die Schauerliteratur insgesamt auszeichnet, doch er erweitert das traditionelle Gattungskonzept, indem der Schrecken nicht im fernen Mittelalter angesiedelt ist, sondern in der zeitgenössischen Realität, und indem dieser

Schrecken keine Größe ist, die dem Menschen als irrationales Phänomen konträr gegenüber steht, sondern Manifestation einer destruktiven Energie, die dem Menschen substantiell und existentiell innewohnt. Die Grenzen zwischen Rationalität und Irrationalität werden undeutlicher und durchlässiger als jemals zuvor; die das Individuum bedrohenden Elemente treten nicht mehr eindeutig als externalisierte, gar übermenschliche Kräfte auf, sondern sind aufs engste und ursächlich mit dem Bewußtsein des Menschen und der Problematik seiner geistig-seelischen Entwicklung angesichts der beginnenden Moderne verknüpft. Die Gefahren für Leib und Seele entspringen den Krisen des Geistes und finden in weltanschaulichem Zweifel und philosophischer Skepsis ihren stärksten Ausdruck. Insofern aktualisiert Schiller das stereotype Muster des gotischen Schauerromans und fügt ihm eine psychologische Dimension hinzu, die die Ã"ngste und Verunsicherungen seiner Epoche in der literarischen Fiktion noch stärker konturiert. Das Unheimliche ist gegenwärtig, aber es läßt sich nicht so einfach dämonisieren und aus dem Lebensbereich des Menschen verbannen, denn es ist dem menschlichen Wesen, seinem Denken und Fühlen unauslöschlich eingeschrieben. Konnte man gespenstische Erscheinungen oder unheilvolle Flüche in den traditionellen Spielformen der Gattung noch bekämpfen oder durch einen starken Glauben überwinden, so sind die zerstörerischen Kräfte bei Schiller resistenter, denn sie erscheinen als unvermeidbare Phänomene einer zwangsläufigen kultur- und sozialgeschichtlichen Entwicklung und lassen sich nicht vom Menschen abspalten ohne seine geistige Integrität zu gefährden.
      Der Geisterseher wurde zum vielzitierten und plagiierten Vorbild der deutschen Schauerromantik, das schon viele jener ästhetischen und strukturellen Elemente enthält, die sich in der phantastischen Literatur des 19. Jahrhundert detailliert entfalten sollten; doch darüber hinaus erfüllte er auch die wichtige Funktion eines Bindeglieds innerhalb der europäischen und angloamerika-nischen Schauerliteratur, indem er einerseits die Tradition der englischen gothic novel modifizierte und in dieser aktualisierten Form im deutschsprachigen Raum popularisierte und andererseits kreative Impulse wieder an die englischsprachige Literatur zurückgab. Nachweise für die Popularität und den Einfluß des Geistersehers in England referiert Witte; er stellt fest, daß der einzige Hinweis auf Schiller in den Briefen von Keats - und zwar in einem Brief vom 21. September 1819 an Richard Woodhouse - im Zusammenhang mit einer der Hauptfiguren aus dem Geisterseher steht, daß Byron sich bei der literarischen Gestaltung Venedigs in Childe Harold's Pilgrimage {Junker Harolds Pilgerfahrt, 1812-1818) durch Schillers Roman beeinflussen ließ und daß die Figur des Ancient Mariner bei Coleridge möglicherweise durch die Figur des geheimnisvollen Armeniers inspiriert worden sei.
      E. T. A. Hoffmann zeigte sich von Schiller ebenso beeinflußt wie Edgar A. Poe, womit die beiden wichtigsten Wegbereiter der modernen phantastischen Literatur genannt sind. In den Erzählungen Hoffmanns wird Schillers Geisterseher mehrmals explizit erwähnt und als Buch vorgestellt, 'das die Beschwörungsformeln der mächtigsten schwarzen Kunst selbst zu enthalten scheint", 'das gerade deshalb, weil es nicht vollendet ist, dem Geiste einen Stoß giebt, so daß er rastlos fortarbeiten muß in ewigen Pendulschwingungen." Der Protagonist der Erzählung Das Majorat genießt den Schauer gespenstischer Lektüre in der unheimlichen Atmosphäre einer düsteren, unheilschwangeren Nacht und liest daher Schillers Geisterseher, 'das Buch [...], das ich, so wie damals jeder, der nur irgend dem Romantischen ergeben, in der Taschet «trug.
      Der Einfluß des Geistersehers auf die Schauerromantik des frühen 19. Jahrhunderts beschränkt sich nicht nur auf explizite Nennungen, sondern zeigt sich auch umfassender in der psychologisch vertieften Konzeption, die eine neue Form des Unheimlichen begründet. Daß die destruktiven Kräfte bei Schiller dem menschlichen Geiste selbst entstammen und nicht als externali-sierte Kräfte von außen wirken, deutet eine Tendenz in der Wahrnehmung des Schrecklichen und Bedrohlichen an, die auf Hoffmanns spezifische Gestaltung des Unheimlichen, auf seine Darstellungen einer doppeldeutigen Wirklichkeit, in der sich reale Erfahrungen mit irrealen Wahrnehmungen, objektive Normen mit subjektiven Geltungsansprüchen mischen, vorausweist und damit gleichermaßen Poes Erzählungen eines psychologisch fundierten Grauens präformiert. Schillers Beitrag zur Gattung der deutschen Schauerliteratur steht als Einzelwerk zweifellos im Schatten der zahlreichen bedeutenden Werke Hoffmanns, doch die literarhistorische Wirkung des Geistersehers und sein internationaler Einfluß auf die Gattung dürfen nicht übersehen werden.

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