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Friedrich schiller: der geisterseher

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Schiller und die Kriminalliteratur



Aber auch eine andere, in ihrer spezifischen Ausprägung neuartige Gattung kündigt sich in Schillers Romanfragment bereits an: die Kriminalliteratur, beziehungsweise die Detektivgeschichte. Auch hier müssen wiederum die Namen Hoffmann und Poe erwähnt werden, gelten diese doch als Begründer dieses Genres.


     
  
   Während Hoffmanns Fräulein von Scuden - obschon 'die erste Detektivfigur der Weltliteratur" ein ''Detektiv wider Willen'", gleichsam 'eine Artvon Antidetektiv" - 1819 noch unfreiwillig in die Aufklärung des Verbrechens einbezogen wird und ,,[d]ie Detektion [...] nicht Selbstzweck, sondern funktionaler Teil einer sich an der Weltanschauung des Unheimlichen orientierenden Gesamtaussage [ist]"427, tritt Poes C. Auguste Dupin als rationaler, distanziert beobachtender und streng logisch denkender Analytiker auf und verkörpert somit den prototypisehen Detektiv par excellence. Ihm folgten literarische Figuren wie Sherlock Holmes, Father Brown, Hercule Poirot, Miss Marple, Lord Peter Wimsey etc. nach und begründeten das Bild des Meisterdetektivs mit genauer Beobachtungsgabe und scharfem Verstand.
      Doch schon vor Dupins erstem Einsatz in Poes Erzählung The Murders in the Rue Morgue {Der Doppelmord in der Rue MorguE) aus dem Jahre 1841 entwickelt der Prinz in Schillers Geisterseher - wie bereits dargestellt - detektivische Qualitäten, die ihn zumindest vorübergehend als hellsichtigen Denker und Logiker auszeichnen; seine Entlarvung des Sizilianers macht ihn zum legitimen Ahnherrn aller nachfolgenden Meisterdetektive. 'Das Gespräch zwischen ihm und seinem Chronisten ist ein unverkennbares Modell detektivischer Romanstruktur", so Haslinger, und ,,[d]as eigentliche Glanzstück" der rationalen Fähigkeiten des Prinzen. 'An Bedeutung steht es nicht hinter dem vielzitierten und vielgerügten 'Philosophischen Gespräch' zurück, an epischer Integration übertrifft es jenes bei weitem." Cysarz spricht in diesem Zusammenhang von der 'Spannung des Detektivromans" und stellt fest, daß 'Geheimnis, Spuk und Zauber [die menschliche Vernunft] ergänzen, ja bestätigen [...] - es geht in diesem Dunkel an sich zweckmäßig, mechanisch, häufig schlechtweg automatisch her. Hier ist kein Reich des erhabenen Igno-rabimus, das uns über uns selbst hinausführen könnte. Vielmehr ein Raum des prickelnden Ignoramus" . Er weist damit auf den besonderen literarischen Reiz hin, der durch das Wissen entsteht, daß das Rätsel grundsätzlich durch den Einsatz der Vernunft und rationaler Schlußfolgerungen zu lösen sei, und spielt auch auf die Mechanismen der Verschwörung an, die die Zwangsläufigkeit der Reaktionen des Prinzen und seiner Ãoberwältigung durch das Vernunftprinzip planvoll berücksichtigt. Das Erschreckende und Unheilstiftende -so zeigt sich auch hier - gehorcht immanenten Gesetzmäßigkeiten und entspringt dem Lebens- und Handlungsbereich der Menschen selbst, nicht einer außenstehenden Macht, die sich der menschlichen Existenz als etwas völlig Fremdes aufdrängen würde.
      Als Detektiv genießt der Prinz kurze Zeit seinen Erfolg - und die Bewunderung der Leser. Daß der Prinz dennoch scheitert, d.h. daß sein detektivisches Erfolgserlebnis nur kalkulierter Bestandteil der großen Intrige gegen ihn ist und nicht verhindern kann, daß er den Ränkespielen seiner Gegner letztendlich doch zum Opfer fällt, wirft ein tragisches Licht auf das Schicksal des
Prinzen und einen Schatten des Zweifels auf die Profession des logisch denkenden Detektivs - noch bevor dieser 'Berufsstand' sich literarisch überhaupt etablieren und voll zu Entfaltung kommen konnte.
      Schillers Verbundenheit mit der Kriminalliteratur läßt sich immer wieder feststellen; als Autor der Erzählung Der Verbrecher aus verlorener Ehre, als Herausgeber der Merkwürdigen Rechtsfälle in der Pitaval-Tradition oder als Dichter der Dramen-Fragmente Die Kinder des HausesAn und Die Polizey nutzt er Formen und Versatzstücke der Kriminalliteratur, um seine Stoffe zeitgemäß, spannend und psychologisch überzeugend zu gestalten und um die Leser mit aufregender Lektüre zu unterhalten. Auch den Geisterseher mit seinen Elementen der Detektivgeschichte kann man in diese Gruppe aufnehmen, auch wenn er nicht sofort als reine Kriminalerzählung ins Auge springt. Vor allem zu dem Fragment Die Polizey besteht jedoch eine starke Affinität, heißt es doch in den Entwürfen dazu: 'Ein ungeheures, höchst verwickeltes, durch viele Familien verschlungenes Verbrechen, welches bei fortgehender Nachforschung immer zusammengesezter wird, immer andre Entdeckungen mit sich bringt, ist der Hauptgegenstand. Es gleicht einem ungeheuren Baum, der seine Ã"ste weitherum [...] mit andren [...] verschlungen hat, und welchen auszugraben man eine ganze Gegend durchwühlen muß." - Ã"hnliches ließe sich auch über die Verschwörung gegen den Prinzen im Geisterseher sagen.
      Die 'vielfältigen Experimente mit den Formen detektorischen Erzählens [...] sind mehr als nur lästige Begleiterscheinungen einer notwendigen Brotarbeit, als die Schiller selbst sie mitunter abzutun versuchte; sie stehen unter dem Zeichen der geistigen und geschichtlichen Aktualität, die das Phänomen der Zweideutigkeit gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts erlangt hatte." Unter dem Phänomen der Zweideutigkeit versteht Schönhaar in diesem Zusammenhang die Erfahrung der Abgründigkeit des Menschen und der ihm inhärenten Kraft des Irrationalen, die das individuelle und gesellschaftliche Leben des 18. Jahrhunderts als Folge forcierter Aufklärungsbemühungen nachhaltig prägte und faszinierte. Um die Zweideutigkeit und vermeintliche Widersprüchlichkeit menschlichen Verhaltens verstehen zu können, bedarf es psychologischer Feinfühligkeit und Einsicht, und so entspringt Schillers Interesse am kriminalistischen Erzählen hauptsächlich seinem Interesse an der Psychologie, das er in der Vorrede zum Verbrecher aus verlorener Ehre selbst darlegt. Beweggrund für die Schilderung der Verbrecherbiographie ist nicht die spekulative Ausbreitung einer verbrecherischen Tat, sondern die Ãoberzeugung, aus dem Verhalten eines Menschenunter extremen Bedingungen Lehrreiches über das Verhalten des Menschen allgemein ziehen zu können.
      In der ganzen Geschichte des Menschen ist kein Kapitel unterrichtender für Herz und Geist als die Annalen seiner Verirrungen. Bei jedem großen Verbrecher war eine verhältnismäßig große Kraft in Bewegung. Wenn sich das geheime Spiel der Begehrungskraft bei dem matteren Licht gewöhnlicher Affekte versteckt, so wird es im Zustand gewaltsamer Leidenschaft desto hervorspringender, kolossalischer, lauter; der feinere Menschenforscher, welcher weiß, wie viel man auf die Mechanik der gewöhnlichen Willensfreiheit eigentlich rechnen darf und wie weit es erlaubt ist, analogisch zu schließen, wird manche Erfahrung aus diesem Gebiete in seine Seelenlehre herübertragen und für das sittliche Leben verarbeiten.
      Die ,,unveränderliche[...] Struktur der menschlichen Seele" und die 'veränderlichen Bedingungen, welche sie von außen bestimmten," 7 sind die Gegenstände der Analyse, die nicht nur das Verbrechen, sondern auch den Menschen, der es beging, erklären soll. Die analytische Struktur der Kriminalerzählung erweist sich somit als literaturspezifischer Ableger aufklärerischen Denkens. Auch die damit verknüpfte didaktische Absicht steht in der Tradition einer geistesgeschichtlichen Entwicklung, die darauf abzielt, Phänomene aus allen Bereichen des Lebens zu untersuchen, rational zu erklären und das Wissen des Menschen - vor allem auch über sich selbst - stetig zu erweitern. 'Analyse findet in Kriminalerzählungen in vielfältiger Weise statt. Sie ist um der Lösung willen notwendig", erklärt Marsch. 'Bei Schiller betrifft Analyse die Aufbereitung und Darstellung der seelischen Vorgänge, die zum Verbrechen führten." Die Intention, psychologische Gründe für spezifische Verhaltensweisen literarisch zu vermitteln, bedingt ein bestimmtes narratives Konzept. Struktur und Gestaltung des literarischen Textes müssen darauf abgestimmt werden, dem Leser ein Höchstmaß an Einsicht in seelische Vorgänge zu gewähren. Das Verständnis für psychologische Prozesse muß gefördert, der Zusammenhang zwischen äußeren Einflüssen und inneren Entscheidungen ersichtlich gemacht und die Abhängigkeit menschlichen Denkens und Handelns von sozialen Rahmenbedingungen verdeutlicht werden. 'Schillers Versuche einer literarischen Gestaltung von Verbrechen sind vor allem analytische Modelle über die Natur des verbrecherischen Menschen. Handlung wird geschaffen, um Motivationen darstellbar zu machen. Am Anfang steht nicht die Figur, die zum Charakter entwickelt wird. Am Anfang steht die Tat, die nach ihren Motivationen befragt wird." Um auf diese Frage zufriedenstellende Antworten zu erhalten, widmet Schiller seine narra-tive Aufmerksamkeit dem Individuum in seinem sozialen Umfeld, beschreibt Veränderungen und notiert die psychischen Reaktionen und Anpassungen des
Menschen, der somit nicht nur handelndes Subjekt, sondern auch reagierendes Objekt äußerer Umstände ist. 'Die Innensicht, die Analyse der Seelenlage des Menschen, setzt in dem Moment ein, in dem kritische Vorgänge und fatale Konstellationen innerhalb der gesellschaftlichen Umgebung das Spiel der Seelenkräfte des Menschen einseitig zu beeinflussen beginnen."4

   Die Analyse der gesellschaftlichen und psychologischen Faktoren, die zum Verbrechen führen, macht die Handlungsweise des Täters nachvollziehbar; dies ist Schillers - überaus moderne - Absicht: Er möchte das sozial abweichende Verhalten nicht an den Pranger stellen und pharisäisch verurteilen, er möchte Gründe für dieses Verhalten finden und demonstrieren, wie leicht aus psychologisch erklärbaren Prozessen und menschlich verständlichen Reaktionen auf äußere Einflüsse Unrecht entstehen kann. Verbrechen wird als eine Spielart menschlichen Verhaltens dargestellt, das dem sogenannten normalen Verhalten eng verwandt ist und gegen das daher kein Individuum immun ist; jeder Mensch kann potentiell zum Verbrecher werden. 'Stünde einmal, wie für die übrigen Reiche der Natur, auch für das Menschengeschlecht ein Lin-näus auf, welcher nach Trieben und Neigungen klassifizierte, wie sehr würde man erstaunen, wenn man so manchen, dessen Laster in einer engen bürgerlichen Sphäre und in der schmalen Umzäunung der Gesetze jetzt ersticken muß, mit dem Ungeheuer Borgia in einer Ordnung beisammen fände." Und so kann es den wahrhaft aufgeklärten Menschenkenner nicht mehr überraschen, 'in dem nämlichen Beete, wo sonst überall heilsame Kräuter blühen, auch den giftigen Schierling gedeihen zu sehen, Weisheit und Torheit, Laster und Tugend in einer Wiege beisammen zu finden." Der Horizont der Betrachtung öffnet sich, weist über das Schicksal und die Einzeltat des Verbrechers hinaus auf menschliches Schicksal und menschliches Verhalten allgemein. 'An die Stelle der kriminalpsychologischen Beurteilung tritt bei Schiller eine 'menschlich' psychologische. Steht in den Pitavalerzählungen in der Regel der Täter von vornherein als verbrecherischer Mensch fest, so führt Schiller auf psychologischem Weg vom Menschen zur Tat hin, ohne daß wertend präjudiziell wird." Um dieses Ziel zu erreichen, muß die Handlungsweise des Verbrechers nachvollziehbar und - zu einem gewissen Grad -verständlich sein; '[...] wir müssen mit ihm bekannt werden, eh' er handelt; wir müssen ihn seine Handlung nicht bloß vollbringen sondern auch wollen sehen. An seinen Gedanken liegt uns unendlich mehr als an seinen Taten, und noch weit mehr an den Quellen seiner Gedanken als an den Folgen jener Taten." Die literarische Figur muß daher dem Rezipienten zunächst nahe gebracht werden. Die künstlerische Intention und narrative Strategie der psychologischen Motivations- und Verhaltensanalyse im aufklärerischen Sinne Schillers haben nur dann Sinn, wenn das Objekt der Analyse Möglichkeitender Identifikation bietet, wenn das Pathologische nicht ausgegrenzt und diffamiert, sondern als Teil menschlicher Existenz verstanden wird. Nicht die Gegensätze zwischen Täter und Leser, sondern deren Ã"hnlichkeiten und Ãobereinstimmungen müssen betont werden. 'Die Vorstellung, daß der Mensch auch im Verbrechen noch Mensch ist, kann nur erzählerisch aufgebaut und gehalten werden, wenn der Leser den späteren Verbrecher genau kennenlernt zu einem Zeitpunkt, zu dem der Leser ihn noch als Menschen, der ihm selbst nicht fremd ist, akzeptiert."4

   Schillers Verbrecher aus verlorener Ehre gilt - nicht zuletzt wegen der eindringlichen Beschreibung der Wirkungsabsicht in der Vorrede - als prototypisches Beispiel für des Dichters besonderen Zugang zur kriminalistischen Literatur, und die hier zitierten Ã"ußerungen und Beobachtungen beziehen sich eigentlich auf diese frühe Erzählung. Doch cum grano salis können sie auch am Geisterseher und an dessen spezifischer Struktur kriminalistischer Prägung bestätigt werden. Denn auch dort wird den Lesern ein Mensch vorgestellt, der zum Verbrecher wird. Schiller deutet sein Verbrechen zu Beginn nur an, um dann ausführlicher auf seine geistig-seelische Entwicklung und auf die Bedeutung seines sozialen und gesellschaftlichen Umfelds für diese Entwicklung einzugehen. Der Prinz steht als Mensch im Mittelpunkt des Interesses, nicht als Täter. Er wird dem Leser vertraut, ja durchaus sympathisch gemacht, bevor der Abstieg beginnt. Dadurch können die Faktoren und Prozesse, die die Psyche des Prinzen bestimmen, einsichtiger und leichter nachvollziehbar gemacht werden. Sein Schicksal kann als menschliches Schicksal begriffen werden, und der Anspruch auf allgemeine Geltung tritt deutlicher hervor. Der genaue Hergang seines Verbrechens, die Schilderung der Tat verliert an Bedeutung - das natürlich auch, weil der Roman Fragment geblieben ist und der Fortgang der Geschichte unklar bleibt -, statt dessen rücken die Person des Prinzen und die Entwicklung, beziehungsweise die Zersetzung seiner Persönlichkeit ins Zentrum des Textes. Der Einfluß äußerer Einwirkungen und deren Wechselspiel mit charakterlichen Dispositionen prägen sein Denken und Handeln und erklären die Motivation für sein Verhalten. Wir sehen ihn seine Handlung nicht vollbringen, aber wir sehen ihn seine Handlung wollen.
      Die detektivischen Qualitäten des Prinzen einerseits und die psychologische Analyse seiner Charakterentwicklung andererseits spiegeln als Elemente kriminalistischer Literatur den didaktisch-aufklärerischen Impuls Schillers wider. Ihr künstlerisches Potential entfalten sie jedoch nicht isoliert, sondern in der Verbindung mit Motiven der Schauerliteratur.
     

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