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Friedrich schiller: der geisterseher

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"Philosophischer Mantel-und-Degen: Rezeption eines "Anti-Bildungsromans



Schillers Romanfragment Der Geisterseher , das von 1786 bis 1789 in der Thalia erschien - als Buch erstmals 1789 -, erfreute sich außerordentlich großer Beliebtheit bei seinen zeitgenössischen Leserinnen und Lesern; es hat ihm "mehr Leser gebracht als alle seine übrigen Werke zusammengenommen" und entbehrt auch heute nicht einer gewissen, gleichwohl auf Fachkreise beschränkten Popularität. Zwar bezeichnet Gero von Wilpert den Roman 1994 als "das vielleicht am meisten vernachlässigte Werk der deutschen Klassik"3, doch sind zahlreiche Studien zu verzeichnen, die sich bereits seit Beginn dieses Jahrhunderts dem Geisterseher - mehr oder weniger ausführlich - widmeten. Nach eher kritischen Einschätzungen des Romans im Zusammenhang mit der Gesamtbeurteilung der Prosawerke Schillers standen dabei tendenziell zunächst Fragen nach Spuren und Elementen literarischer Moden und nach konkreten historischen Vorbildern im Romangeschehen, nach der gattungsgeschichtlichen Einordnung und der Rolle des Geistersehers als Produkt einer allgemeinen sozialpsychologischen Befindlichkeit der Gesellschaft des ausgehenden 18. Jahrhunderts im Mittelpunkt des Interesses5, bevor formale Strukturen und spezifische ästhetische Konturen des Romans selbst, die individuellen philosophischen und poetologischen Grundlagen seiner Entstehung und seiner thematischen Gestaltung und mithin seine Stellung im Gesamtwerk Schillers untersucht wurden. Eine grundlegende Analyse und Interpretation, die als Einführung für den Literaturunterricht an Schulen gedacht ist und daher sehr textimmanent bleibt, legte Deinet Anfang der neunziger Jahre vor.

      Er nennt den Geisterseher darin einen "halbvergessenen Roman" und hält ihn
- gerade im Hinblick auf den Schulunterricht - für überaus geeignet, "das ebenso alte wie immer neue Vorurteil von der 'Öde' klassischer Literatur zu entkräften"8. Dennoch sei dieses Werk "als Schullektüre nahezu unbekannt geblieben." Da sich ein größerer Leserkreis Schillers außerhalb der germanistischen Forschung wahrscheinlich nur noch an den weiterführenden Schulen finden läßt, kann man aus Deinets Beobachtung schlußfolgern, daß der Geisterseher dem bei weitem umfangreichsten Teil der deutschsprachigen Bevölkerung kein Begriff sein wird.
      Lobende, ja regelrecht enthusiastische Worte fand der Geisterseher in wissenschaftlichen Texten vielerorts, doch blieb es meist bei wenigen Worten; im Vergleich zu der Aufmerksamkeit, die man Schillers Dramen entgegenbringt, bleibt der Roman in der Forschungsliteratur quantitativ deutlich unterrepräsentiert und findet sich auf einer nur marginalen Position innerhalb des Gesamtwerks eingestuft wieder. Der Unterhaltungswert des Geistersehers begünstigte einerseits die Akzeptanz und den enormen Erfolg bei den zeitgenössischen Lesern, bewirkte andererseits aber, daß der Roman als Objekt seriöser und umfassender wissenschaftlicher Studien lange Zeit - zu Unrecht
- ein Schattendasein fristen mußte.
      Er wurde als "[...] ein meisterhaftes Bruchstück" bezeichnet, als "[...] eine künstlerische Leistung von wahrhaft großer schöpferischer Erfindung [...]" , als eine "historisch bedeutsame[...], gattungsgeschichtlich einflußreiche[...] und literarisch komplexe[...] Erzählung" und "[...] nicht allein als die spannende Geschichte vom Kampf der aufklärerischen Vernunft mit Spuk, Schwindel und Vorurteil [...], sondern auch als theoretische Auseinandersetzung mit zentralen Problemen der zeitgenössischen Ästhetik, um Wahrheit und Wahrscheinlichkeit, Illusion und Wirklichkeit, Täuschung durch die Macht der Einbildungskraft und schließlich der Lüge durch die Intrigen des Verstandes."

   Schillers Zeitgenosse Karl August Böttiger charakterisiert den Geisterseher
- zusammen mit dem Gedicht Die Götter Griechenlands - im November 1795 als ,,menschliche[s] schöne[s] Productf...] mit Schillers eigenthümlicher und in dieser Mischung sehr angenehmen Stimmung." Hettner bescheinigt dem Roman "Feinfühligkeit und Lebendigkeit der Seelenmalerei", "Sorgsamkeit und Meisterschaft der Motivierung", "Fülle und Thatsächlichkeit der Erfindung und Darstellung" und die "Kunst dramatischer Steigerung", so "daß nach dieser Seite hin der Geisterseher unbedingt eine der vollendetsten Schöpfungen Schillers ist." Der Roman, so Sachs 1915 in einer psychoanalytischen Studie über Schillers Geisterseher, "übt heute noch mit der unvergänglichen Frische seiner Kunst- und Natur-Wahrheit den gleichen Zauberaus, wie einst, führt die Leser unseres Jahrhunderts mit ebenso sicherer Hand durch seine Welt von Seelenfängerei und Verschwörungen, von grotesken Abenteuern und ungewöhnlichen Gestalten wie jene ersten aus dem Zeitalter des Zopfes und der Aufklärung." Sachs nennt folgende Gründe für den Erfolg des Romans: "[...] trefflich hatte es Schiller verstanden, sein Werk auf die stärksten Interessen im Geistesleben seiner Zeitgenossen aufzubauen und ihre Phantasie bis zur mitschöpferischen Tätigkeit anzuregen." Cysarz erkennt am Geisterseher "die Pranke des größten aller Erfinder spannender Handlungen und Verwicklungen. Der Geisterseher legt die Pitaval-, zuweilen beinahe Film-Sphäre bloß, die seit dem Fiesco mit dem sittlichen Gerichtsverfahren, seit dem Carlos auch mit dem Tedeum der Humanität verschmilzt." Bloch nennt den Roman eine "wunderbare Kolportage aus Nichtgeheurem, aus Aufklärung und neuer Unheimlichkeit"19, und für Müller-Seidel stellt der Geisterseher "als psychologische, ja psychiatrische Analyse ein Meisterwerk ohnegleichen" dar. Geradezu überschwenglich feiert Burckhardt "das in unserer Literatur einzigartige, in einem nie gehörten hohen Weltton geschriebene, unvollendet gebliebene Prosawerk 'Der Geisterseher'. Hier enthüllt sich des Dichters, aus einer wahren Obsession stammendes, völlig souverän gewordenes Wissen um den Verrat, der menschliches Handeln begleitet; in tiefsinnig kalter, bis zum Schmerz präzisen Wiedergabe entsteht da zum ersten Male, und für einmal völlig unpathetisch, sotto voce, ein Bericht. Wir besitzen innerhalb unserer Sprache kaum einen klügeren, scharfsinnigeren Versuch intellektueller Subtilität, um gewissen Hintergründen jeder politischen Macht nahezukommen."
"An seinem fragmentarischen Roman 'Der Geisterseher' hat sich, weit über die Grenzen unserer Sprache hinaus, in einer populären Breitenwirkung für die Zeitgenossen lange der Ruhm des Dichters geknüpft", stellt Martini fest. "'Der Geisterseher' gehört zu den wenigen deutschen Romanen, die eine weltliterarische Ausstrahlung gewinnen konnten." Und, die Bedeutung des Romans präziser fassend: "Der 'Geisterseher' ist ein philosophischer und ein politischer Roman." Wohingegen Oesterle augenzwinkernd relativiert: "Freilich, der 'Geisterseher' entstammt dem Mantel-und-Degen-Fach; aber er ist philosophischer Mantel-und-Degen."

   "Schiller's masterful composition, his skilful development of tension and precise representation of reality constantly shift the reader from religious, mo-ral, and philosophical interpretations of the world on the one hand, to the gripping concatenation of fateful events on the other", beschreibt Hadley die Wirkung des Fragments in seiner Studie über die deutschen Ritter-, Räuber-und Schauerromane und betont gleichzeitig die außerordentliche Stellung, die das Werk in seiner Gattung und seiner Zeit einnimmt. "His achievementsignalled a clear beginning to that enthralled expectation which was later to grip successions of protagonists and readers alike in tales of mystery and dread. But in the immediate years it found no equal, and indeed was scarcely approached."
Schillers "Erfindungskraft, sein kompositorisches Vermögen [werden kaum anderswo] derart scharf, sozusagen nackt sichtbar wie in diesem rasch neben anderen Arbeiten heruntergeschriebenen Roman", urteilt Storz über den Geisterseher} "[...] nur sterile Leser oder Snobs können sich der Gewalt dieser Seiten, die das Gewagteste von E. Th. A. Hoffmann vorwegnehmen, entziehen. Die Kunst der variierenden Steigerung, der Atem für einen unglaublich langen Spannungsduktus, kurzum das Vermögen, auf das wir bereits in den 'Räubern' trafen, triumphiert jetzt im Roman, und zwar im Bereich des Abenteuerlichen und des Okkulten." Darüber hinaus stelle dieser "abenteuerliche^..] Intrigen-Roman [einen] bedeutsame[n], exemplarische[n] Vorgang [dar], den man als negatives Gegenstück zum Bildungsroman bezeichnen kann: die Verstörung und Zerstörung eines jungen Menschen." Kaiser versteht den Geisterseher ebenso als ,,ein[en] umgekehrtefn] Erziehungsroman"29, Kraft als ,,eine[n] negativen Entwicklungs- und Bildungsro-man[...]", der "objektiv die Grundlagen einer Gattung in Frage [stellt], noch bevor diese sich - in Goethes 'Wilhelm Meister' - voll ausgeprägt hatte."

   "Im Geisterseher haben wir im Gegensatz zum Bildungsroman einen groß angelegten Verführungsroman", so Rainer. "Der Prinz wird nicht wie Wilhelm Meister von geheimen Mächten behutsam zu Besserem geleitet, sondern er wird von ihnen systematisch zerstört."3' Als ,,[g]eistig-seelische Vernichtung eines Menschen, Pervertierung und Demontage eines Charakters vom sozial verantwortlichen Glied der Gesellschaft zum unverantwortlichen Usurpator", bezeichnet von Wilpert entsprechend das Thema des Geistersehers, "ein Anti-Bildungsroman von der Verführbarke it des Menschen also, der zwischen Wielands Agathon und Goethes Wilhelm Meister eine interessante Ausnahme darstellt."
"[...] diese Geschichte", so Benno von Wiese über den Geisterseher, "mit ihrer Freude am Rätsel und an der Enträtselung, an der kunstvollen Maschinerie und ihrer noch kunstvolleren Enthüllung, hat einen unzerstörbaren dichterischen Reiz, der auf der meisterhaft abgewogenen Mischung von Zauber und Entzauberung beruht. Der Verstand des Lesers wird entdeckerisch angespannt, zugleich aber der Phantasie eine verführerische Freiheit gelassen, die sie in einen abenteuerlichen Irrgarten hineingeraten läßt." Weiterhin charakterisiert er das Werk als "Zeitroman1134, der die Mißstände und die gesellschaftlichen Fehlentwicklungen seines Jahrhunderts aufdeckt. Ähnlich umschreibt Borchmeyer das Romanfragment als "ein gesellschaftskritisches
Zeitgemälde [...], das die Anfälligkeit der 'Großen' für jeden okkultistischen Schwindel als Symptom einer auf den Untergang zutreibenden Gesellschaft diagnostiziert"35, und an anderer Stelle als "das faszinierendste Dokument" jener ,,aufklärerische[n] Zeitmeinung"36, die den Einfluß irrationaler Kräfte beim Adel und die daraus resultierenden gesellschaftspolitischen Konsequenzen fürchtete. Voges schließlich, der die bislang umfangreichste historisch-analytische Studie über den Geisterseher im Rahmen seiner Arbeit über die Geheimbundthematik im Roman des 18. Jahrhunderts vorlegte, führt "Schillers Romanfragment [als] ein in der deutschen Literaturgeschichte höchst seltenes Beispiel eines spannend erzählten Zeit- und Gesellschaftsromans von hohem Niveau" an. "An politisch-sozialem Gehalt übertrifft der Geisterseher wohl die meisten der gleichzeitig entstandenen Romane. Den Zeitgenossen galt er als Politicum."

   Zweifellos: Dem Reiz des Geistersehers kann man sich schwerlich entziehen, doch man ist stets darauf bedacht, der vermeintlich trivialen Abstammung des Romans einen seriösen Anstrich, einen philosophisch, literarisch oder gesellschaftshistorisch bedeutsamen Hintergrund zu verleihen, um die eigene Beschäftigung mit ihm zu rechtfertigen. Dies erscheint einerseits nicht schwer, bietet der Roman doch tatsächlich zahlreiche Ansatzpunkte für Auslegungen und Interpretationen unterschiedlichster Art, und andererseits um so notwendiger, als der Dichter selbst nicht allzu viel von seinem eigenen Werk hielt und durch sein negatives Urteil die Forschung lange Zeit einseitig beeinflußte.

     
   Die ambivalente Haltung Schillers gegenüber dem Geisterseher ist durch seine Äußerungen in Briefen gut dokumentiert; dabei stehen vor allem seine abfälligen Bemerkungen - er bezeichnete seine Arbeit u.a. als "Schmiererei" und als "sündlichen Zeitaufwandf...]" - in krassem Gegensatz zu dem Ansehen, das der Roman bei seinen Lesern genoß. Obgleich er um die Wirkung des Geistersehers wußte, um dessen Popularität beim Publikum und um die finanziellen Vorteile, die die Veröffentlichung des Romans ihm und der Thalia einbrachte, konnte er sich selbst mit dem Werk nicht zufrieden geben. Nur selten empfand er die Arbeit am Geisterseher als wirklich lohnende und künstlerisch befriedigende Beschäftigung, die er in Einklang mit seinen eigenen hohen literarischen Ansprüchen zu bringen vermochte. Zwar wurde jede Fortsetzung mit Spannung erwartet und mit steigenden Verkaufszahlen der Thalia quittiert, doch der Erfolg bei den Lesern allein reichte nicht aus, Schiller zur Beendigung des Romans zu bewegen. Er lehnte ihn ab, betrachtete ihn als reinen Broterwerb ohne größeren künstlerischen Wert und verlor gegen Ende der achtziger Jahre zunehmend das Interesse an ihm, so daß der
Geisterseher unvollendet blieb und das Geheimnis, das im Verlauf der Handlung entfaltet wird, ungelöst.
      Die Gründe, weshalb Schiller die Arbeiten an dem Roman abbrach, sind nicht zuletzt auch in einer persönlichen Krise zu sehen, die den Dichter dazu zwang, seine als ungenügend empfundene schriftstellerische Tätigkeit zunächst einzustellen und sich neue philosophisch und philologisch verankerte Grundsätze und Richtlinien für die Dichtkunst und die gesellschaftlichen Funktionen des Ästhetischen allgemein zu erarbeiten. Darüber hinaus kann die existentielle Krise des Prinzen im Geisterseher, die ihn in tiefe Verzweiflung stürzen und ihn zum Verbrecher werden läßt, in diesem Zusammenhang auch als Abbild einer vergleichbaren Krise des Autors selbst verstanden werden. Schillers Auseinandersetzung mit Kants Kritizismus in diesen Jahren -seit 1787 las er Arbeiten von Kant, ein intensives Studium der Schriften des Philosophen begann Schiller jedoch erst Ende 1791 - zeichnete sich in der krisenhaften Zuspitzung moralphilosophischer Fragestellungen ab und brachte sein bisheriges Weltbild, wie es noch in den theosophischen Bekenntnissen der Philosophischen Briefe* durchscheint, zum Wanken. Bereits in diesem Fragment eines Briefromans aus den frühen achtziger Jahren, das Schillers eigene Entwicklung quasi dialogisch widerspiegelt, verabschiedet sich der jugendliche Protagonist Julius von einer Weltanschauung, die durchdrungen ist von den anthropologischen und theologischen Vorstellungen von Leibniz, Shaftesbury und dem schwäbischen Pietisten Oetinger, und nimmt unter dem Einfluß seines Freundes Raphael eine Haltung des Skeptizismus und der rationalen Kritik an. Nun, während der Arbeit am Geisterseher, verschärfte sich diese Entwicklung Schillers und ließ ihn - wie den Protagonisten seines Romans - an die Grenzen der Aufklärung vorstoßen. War bereits der verunsicherte und an den Konsequenzen einer radikalen Aufklärung leidende Julius der Philosophischen Briefe mühelos als alter ego Schillers erkennbar, so gerät auch der Prinz des Geistersehers hinsichtlich seiner existentiellen Notlage unversehens zum Spiegelbild des Dichters selbst. "Der träumerische Prinz [...]", so Hanstein über den Bruch in der Personendarstellung und der narrativen Konzeption zwischen dem ersten und dem zweiten Buch des Geistersehers, "verwandelt sich hier - durch allzu starke Betonung der Verstandesseite - in den scharf denkenden Schiller [...]. Und indem er [Schiller] seinen scharfen Verstand plötzlich in die Seele des Prinzen einfügt, hebt er dessen Gestalt auf." Auch Oesterle hebt die autobiographischen Spuren, die sich der Figur des Prinzen im zweiten Teil des Romans eingeschrieben haben, hervor: "Manche Passagen des Romanfragments dürften daher Splitter eines Selbstporträts sein - und die beschriebenen Taumeleien des Kopfes nicht allein die des Prinzen."

   Das lange philosophische Gespräch des Prinzen mit seinem Untergebenen im vierten Brief des zweiten Teils, das alleine Schillers Begeisterung für den Geisterseher kurzzeitig wieder wecken konnte, verdeutlicht das gesteigerte Interesse des Dichters an Fragen nach Vernunft und Moral, nach den geistigen Grundlagen und ethischen Normen des menschlichen Lebens, "ein auf den Nägeln brennendes Problem seiner eigenen ungesicherten und schwankenden Existenz"50, und trägt unübersehbare Spuren seiner philosophischen Studien. Wie in einem Dialog mit sich selbst kreist Schiller in dem fiktiven Gespräch um die moralphilosophischen Probleme und Gedanken, die ihn bewegen und beunruhigen, gestaltet seine literarische Produktion somit zum Testfeld, auf dem Anschauungen und Axiome menschlichen Denkens und Verhaltens formuliert und in ihrer logischen Stringenz und sozialethischen Relevanz erprobt werden, und folgt damit der reflektierenden Arbeitsweise, der er sich bereits in den Philosophischen Briefen bediente. Daher kann das philosophische Gespräch des Geistersehers durchaus als eine Art Fortsetzung der Philosophischen Briefe betrachtet werden. "Es ist offensichtlich", so Riedel, "daß Schiller genau an der Stelle weiterdenkt, an der die 'Philosophischen Briefe' ins Stocken gerieten. Der Prinz spricht im 'Philosophischen Gespräch' nicht nur für sich, er übernimmt gleichsam stellvertretend den Part des auf seinem Bildungsweg weiter fortgeschrittenen Julius, der die 'Theosophie' vollständig zurückgenommen und seine Illusionen über die metaphysische 'Bestimmung des Menschen' endgültig verabschiedet hat." Gleichwohl ließ sich der philosophische Diskurs, zu dem das Gespräch schließlich auswuchs, nur schwerlich in den Roman integrieren und wirkte, schon Körner erkannt das, wie ein Fremdkörper, der die eigentliche Handlung hemmt und "die Geduld manches Lesers auf eine harte Probe stellft]"54, weshalb ihn Schiller für die späteren Ausgaben des Geistersehers immer weiter kürzte und nur wesentliche Passagen stehen ließ, die die Krise des Prinzen ausreichend umschreiben, ohne den narrativen Fluß der Geschichte zu beeinträchtigen. Die Arbeit am Roman brachte nun nicht die erwünschte Katharsis, Klärung der eigenen Unsicherheiten hinsichtlich philosophischer und moralischer Fragestellungen, sondern verschärfte Schillers Blick für die Gefahren einer geistigseelischen Entwicklung, mit der er sich selbst konfrontiert sah. Die beängstigende Wandlung des Prinzen vom Skeptiker und Freigeist zum verbrecherischen Usurpatoren drohte in ihrer Folgerichtigkeit und Unaufhaltsamkeit Gefährdungen des eigenen Entwicklungsgangs heraufzubeschwören. Es schien ihm daher unmöglich, die Romanfigur und deren Schicksal glaubhaft weiterzuentwickeln, ohne sich selbst dabei in den Netzen der Freigeisterei und eines nihilistischen Materialismus zu verstricken, und die Geschichte auf eine Art und Weise zu beenden, die seinen eigenen hohen Ansprüchen an die
Literatur genügte. Unfähig, einen akzeptablen Ausweg aus dem Dilemma zu finden, ließ er den Roman unvollendet.
      Bußmann und Voges führen den Abbruch der Arbeiten am Geisterseher hauptsächlich auf strukturelle Gründe, auf Schwierigkeiten, die sich aus der narrativen Konzeption des Romans selbst ergaben, zurück. Eine ganz andere Erklärung für den Abbruch findet der Wiener Psychoanalytiker Sachs; er glaubt in den Motiven des Geistersehers literarische Verarbeitungen des seit Kindertagen verdrängten Inzestwunsches zu erkennen. Der Armenier trete hier als symbolische Vaterfigur auf, die das Ego des Prinzen beherrsche und aus dem Verborgenen zu lenken verstehe, die schöne Griechin als Mutterfigur, die eigentlich dem Vater angehöre, vom Sohn jedoch begehrt werde. Die Gestaltung dieses latenten Themas wäre - vor allem im zweiten Teil - so übermächtig geworden, so zwingend, daß Schiller die Arbeit am Roman einfach einstellen mußte, wollte er sich vor einer direkten Konfrontation mit unerwünschten Trieben, gar vor einem regressiven Ausleben von Kindheitsphantasien schützen. Aber nicht nur die Griechin des Geistersehers, auch andere "ihr innerlich verwandte[...] Frauengestalten Schillers" entlarvt Sachs als "Reinkarnation jener weiblichen Figur [...], die für den Jüngling die wesentlichste Stellvertreterin der ersten Kinderliebe geworden war" , womit die Gräfin Franziska von Hohenheim gemeint ist, die Mätresse und spätere Frau des Herzogs Karl Eugen. ,,[F]ür die heranwachsenden Jünglinge, die in der Karlsschule abgeschnitten von jedem weiblichen Verkehr, selbst mit ihren Familienangehörigen, ihre Entwicklungsjahre durchlebten, [wurde] diese Frau der Brennpunkt [...], in dem sich ihr ganzes erwachendes Liebesbedürfnis sammelte." Sie "war dazu geschaffen, im Gefühlsleben des Knaben [Schiller -M.H.] die Stelle der Mutter einzunehmen." Als Mutterersatz und somit als Objekt ödipaler Begierden sei die Gräfin zur Verkörperung seiner unerfüllbaren sexuellen Wünsche und in dieser Funktion zum Vorbild für zahlreiche Frauenfiguren des Dichters geworden. Vor allem die tragischen Personenkonstellationen des Don Carlos und der Braut von Messina liefern Sachs Material für seine These. Die stete ungewollte Wiederkehr des Inzestmotivs in seinen Dichtungen führte dazu, daß Schiller nicht nur die Arbeit am Geisterseher abbrach: Er "verzichtet [...] auf die poetische Produktion überhaupt und sucht im Studium der Geschichte und Philosophie die Sicherheit und klare Seelenruhe wiederzugewinnen, die seine durch künstlerisches Schaffen übermäßig angestachelte Phantasie gefährdet hatte."61-----
Die Versuche anderer Autoren, den Roman zu beenden und die geheimnisvollen Geschehnisse aufzulösen, - Der Geisterseher. Aus den Memoiren des Grafen von O***. Zweyter und dritter Theil von x**Y***Z* von Emanuel Friedrich Wilhelm Ernst Follenius, Der Geisterseher. Zweiter bisvierter Teil von Dr. C. Morvell und Der Geisterseher. Aus den Papieren des Grafen von O***, IL Teil von Hanns Heinz Ewers - blieben ausnahmslos unbefriedigend. Sie führen die von Schiller konzipierte Geschichte mit unterschiedlichen inhaltlichen Gewichtungen und Intentionen zu Ende, doch keine von ihnen kann die dichte Atmosphäre, die packende Erzählweise und den philosophischen Gehalt des Originals erreichen.
      Zur weiteren Rezeptionsgeschichte des Geistersehers, die zu einer eigenen Produktionsgeschichte geworden ist, zählen die Verfilmungen des Romans und ein unterhaltsamer, historischer Kriminalroman von Kai Meyer, der 1995 unter dem Titel Die Geisterseher erschien und deutlich von Schillers Fragment inspiriert wurde. Die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm werden darin in einen mysteriösen Kriminalfall verwickelt, in dessen Zentrum nichts geringeres als Schillers abschließendes Manuskript zum Geisterseher steht, das dieser kurz vor seinem Tode vollendet hat. Zusammen mit Goethe, E.T.A. Hoffmann und diversen anderen historischen Figuren kommen die Grimms einer Verschwörung auf die Spur, deren Drahtzieher der geheimnisvolle Armenier aus Schillers Roman zu sein scheint. Neblige Friedhöfe, unheilvolle Gewitternächte, unheimliche Gewölbe und unterirdische Gänge, Mörderbanden, Geheimbünde und zwielichtige Gestalten en gros bilden die Szenerie für diesen kurzweiligen Unterhaltungsroman in gotischer Tradition, der immer wieder auf Schillers Werk und dessen Entstehung Bezug nimmt.
      Eine frühe Verfilmung des Stoffs aus dem Jahre 1923 , basierend auf Hanns Heinz Ewers Fortsetzung des Geistersehers, ist dem Zugriff ebenso entzogen wie die Fernsehspielproduktion des Südwestfunks von 1956 , so daß sich über diese Adaptionen leider keinerlei Aussagen machen lassen. 1987 verfilmte Rainer Bär für das DDR-Fernsehen Schillers Fragment und ergänzte die Handlung durch Elemente der Follenius-Fortsetzung; entstanden ist dabei ein üppiger Kostümfilm, der den Prunk und die Dekadenz Venedigs augenfällig in Szene setzt. Der Prinz wird als Opfer einer Intrige seines machthungrigen Zwillingsbruders dargestellt, der ihn durch die Inszenierung unheimlicher Geschehnisse und irrational anmutender Verwicklungen in den Wahnsinn treiben und so dessen Erbe antreten will. Tatsächlich weist eine Rahmenhandlung die Geschichte als die Erzählung eines Wahnsinnigen aus, der als Insasse einer kerkerähnlichen Anstalt für Geisteskranke in den unterirdischen Gewölben Venedigs haust. Dorthin ziehen bei Nacht die Adligen der Lagunenstadt in Masken und Verkleidungen, um sich an den als Theaterstücken aufgeführten Geschichten der Irren zu delektieren. Es zeigen sich konzeptuelle Parallelen zu Peter Weiss' Drama Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul
Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade . Der wahnsinnige Erzähler der Verschwörungsgeschichte ist jedoch nicht - wie es zunächst scheint - der sympathische Prinz, sondern erweist sich als dessen boshafter Widersacher, der am Ende das Schicksal erleidet, das er eigentlich seinem Bruder zugedacht hatte. Der Held der Geschichte aber ist unter den adligen Besuchern der Irrenanstalt und erfreut sich bester geistiger Gesundheit. Im Unterschied zu Schillers Romanfragment bemüht sich Bars Geisterseher also um ein happy end, das zwar den Konventionen des Unterhaltungsfilms entspricht, jedoch mit der Atmosphäre des Unheimlichen und Morbiden in Konflikt gerät, die der Film insgesamt mit allen verfügbaren inszenatorischen Mitteln aufzubauen versucht.
     

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