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Friedrich schiller: der geisterseher

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Irrationalismus: Zeitgeist und historische Quellen



Der zeitliche Zusammenhang der Entstehung des Geistersehers und der abschließenden Arbeiten am Don Carlos, die inhaltlichen Berührungspunkte beider Werke, allgemeine tagespolitische Ereignisse und gesellschaftliche Erscheinungen des letzten Drittels des 18. Jahrhunderts und Schillers Haltung gegenüber diesen Erscheinungen, ja seine eigene Rolle im Spiel konkurrierender Strömungen und Gruppierungen bilden in der Tat einen reizvollen Hintergrund zum besseren Verständnis der fiktiven Abläufe im Geisterseher und ein wertvolles Fundament für weiterführende Deutungen und Interpretationen.

      Kreative Impulse für den Geisterseher entsprangen zunächst dem Phänomen eines gesellschaftlich weit verbreiteten Aberglaubens, der allen Aufklärungsbemühungen scheinbar hartnäckig widerstand, und der Faszination auch gebildeter Menschen an Zauberei, Beschwörungen und Wundertätern.
      Unter der Oberfläche des schulgerechten Rationalismus Wolffscher Prägung lebte nicht nur die mystische Sehnsucht nach dem Irrationalen, die zunächst das religiöse Leben, dann das Seelische überhaupt befruchtete und im Ordenswesen einen Ausweg ins tätige Leben suchte, sondern es lebte auch die ererbte bibelgerechte Frömmigkeit, die an Engel und Teufel mit gleicher Ãoberzeugungskraft glaubt - aller
Aufklärerei zum Trotz, und es lebte schließlich auch in allen Teilen Deutschlands und in allen Schichten der Bevölkerung viel handfester Aber- und Dämonenglau-ben.
      Der schwache Schutzwall der Vernunft - in seiner Ausschließlichkeit so rigide aufgestockt und daher porös und unflexibel - drohte unter dem Ansturm immer neuer Verwirrungen und Verfuhrungen gegen Ende des 18. Jahrhunderts zusammenzubrechen, und die 'zahllosen Möglichkeiten des Umschla-gens kritischer Entzauberung in neuen Zauber" stellten sich den Aufklärern bei ihren Bemühungen, Logik und rationales Denken zu fördern, wie unüberwindliche Hindernisse einerseits, wie unabänderliche Konsequenzen ihres eigenen Tuns andererseits entgegen.
      Kant spekulierte in seinen Träumen eines Geistersehers über das Jenseits allgemein und über die Möglichkeit der Existenz von Geistern und ließ sich kritisch und mit satirischer Schärfe über das metaphysische Treiben Swedenborgs aus, des ,,Erzgeisterseher[s] unter allen Geistersehern", des ,,Erzphantast[en] unter allen Phantasten"76, mit der Absicht, den Leser davon zu überzeugen, daß es wichtiger sei, sich moralisch im Diesseits zu bewähren, als vergeblich ins Jenseits zu spähen. 'Es war auch die menschliche Vernunft nicht gnugsam dazu beflügelt, daß sie so hohe Wolken teilen sollte, die uns die Geheimnisse der andern Welt aus den Augen ziehen, und denen Wißbegierigen, die sich nach derselben so angelegentlich erkundigen, kann man den einfältigen, aber sehr natürlichen Bescheid geben, daß es wohl am ratsamsten sei, wenn sie sich zu gedulden beliebten, bis sie werden dahin kommen."
Wieland verband in seiner Abhandlung Ãober den Hang der Menschen an Magie und Geistererscheinungen zu glauben aus dem Jahre 1781 die Feststellung, daß die Sehnsucht nach Irrationalem wohl kaum aus dem menschlichen Leben zu verbannen sei, mit der Warnung, sich vor Betrügern und Scharlatanen zu hüten, die eben diese Schwäche des Menschen leidlich ausnutzen. Natürlich verfolgte auch Schiller ein didaktisches Ziel, wenn er am Beispiel seines Prinzen demonstriert, wie ein eigentlich aufgeklärter Mensch das Opfer geschickter Manipulationen wird und einer Anfälligkeit für irrationale Vorstellungen erliegt. Die Vernunft ist stets gefährdet, sowohl durch ihre eigene Radikalisierung als auch durch die Anfeindungen durch Kräfte, die an die sinnliche Natur des Menschen und seine Empfänglichkeit für wunderbare Erscheinungen und metaphysische Phänomene appellieren und so das aufgeklärte Denken unterwandern und dem Irrationalismus Vorschub leisten.
      In der Person des selbsternannten Grafen Alexander Cagli-ostro erhielten diese Kräfte und gegenaufklärerischen Tendenzen eines Zeit-alters eine bestechende, schillernde Symbolfigur. Als Giuseppe Balsamo war er 1743 in Palermo geboren worden und in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen. Unter dem Namen Cagliostro reiste er durch alle europäischen Länder und trat als Großmeister eines obskuren ägyptischen Geheimbundes, als Wundertäter und Wunderarzt auf. In allen gesellschaftlichen Kreisen fand er ein - zunächst - gläubiges Publikum, das er durch seine Tricks und Betrügereien zu beeindrucken wußte, wobei ihm die alchimistischen Kenntnisse, die er sich als Apothekergehilfe erworben hatte, gute Dienste erwiesen. Er starb 1795 in der Festung San Leone bei Urbino, wo er wegen Ketzerei zu lebenslänglicher Haft festgesetzt worden war. In unverwechselbarer Weise hat er seine Zeit geprägt und den Bedürfnissen seiner Mitmenschen nach Wundern und Magie durch seine eigene Person und Tätigkeit Form und Gestalt verliehen. Ihn hat nicht nur Schiller in seinem Roman porträtiert, sondern auch Goethe in seiner Komödie Der Groß-Cophta von 1791 literarisch gestaltet. 'In keinem anderen Drama Goethes steckt soviel historische Wirklichkeit [...]. Kein anderes aber ist auch zugleich so gefordert, als Dichtung ein therapeutisches Gegengift gegen die Zeitereignisse zu verabreichen", so Manger über die Bedeutung der Komödie als Reflexion geistesgeschichtlicher Mißstände und als Anklage des Wunderglaubens im Zeitalter der Aufklärung. In ihren Wirkungsabsichten berühren sich also Goethes Lustspiel und 'Mahnmal" und Schillers Romanfragment. Aber Schiller hat sich schon vor seine Arbeit am Geisterseher publizistisch mit Cagliostro beschäftigt. Am 10. Juli 1781 veröffentlichte er in den Nachrichten zum Nuzen und Vergnügen die redigierte Fassung eines Artikels aus der Erlanger Realzeitung vom 3. Juli unter dem Titel Calliostro - Viel Lärmens um nichts, in dem spöttisch-ablehnend über Herkunft, Gewohnheiten und angebliche Wunderwerke des rätselhaften Zeitgenossen berichtet wird. Dessen größte Verdienste schienen indessen wohl hauptsächlich in der gelungenen Verschleierung seiner wahren Identität und Abstammung zu liegen und in der Verbreitung von Gerüchten über sein sagenhaftes Leben, die seinen Namen überall bekannt machten. Nachdem sich ganz Europa von den vermeintlichen Wundertaten Cagliostros in Bann schlagen ließ, fanden - vor allem nach seiner Ausweisung aus Frankreich im Zusammenhang mit der Halsbandaffäre 1785/86 - die Enthüllungsberichte über seine Machenschaften und Betrügereien großen Absatz. Zweifellos war der Scharlatan aus Palermo ein Medienereignis, ob im Guten oder im Schlechten, ein 'Medienprodukt" und eine 'mythische Figur"83, und erfreute sich somit ungeheurer Popularität, die zu einer literarischen Verarbeitung geradezu einlud.
      Sowohl der Sizilianer als auch der Armenier tragen in Schillers Roman Züge des berüchtigten Cagliostro; der eine wird als Betrüger entlarvt, der an-dere als gerissener Intrigant und konspirativer Agent im Dienste der Jesuiten -so die geläufigen Interpretationen - dargestellt. Beide aber sind gleichermaßen am Komplott gegen den Prinzen beteiligt, und es gelingt ihnen - mit unterschiedlichen Rollen und den entsprechenden Funktionen - ihr Ziel zu erreichen. Die Warnung, die Schiller seiner literarischen Konzeption einschreibt, ist deutlich: Wenn selbst ein zunächst durchaus kritischer Mensch wie der Prinz zur hilflosen Marionette in den Händen der Verschwörer wird, wie groß muß dann erst die Gefahr für leichtgläubige Menschen sein, den Verlockungen und Heilsversprechungen von Betrügern und falschen Propheten zu erliegen. Während Goethe seinen Groß-Cophta als durchschaubaren Schwindler und Hochstapler auf die Bühne bringt und die Form der plakativen Satire wählt, um die Leichtgläubigkeit der Menschen seiner Zeit zu enthüllen, sie letztlich der Lächerlichkeit preisgibt, nimmt Schiller die Bedrohung durchaus ernst. Der Armenier ist ein gefährlicher Gegner, dessen durchtriebene Intelligenz nicht unterschätzt werden darf. Die Geschichte des Prinzen ist keine Komödie, sondern entwickelt sich zur Tragödie. Sie vermittelt in lehrhafter Prägnanz den moralischen Verfall des Protagonisten unter dem Einfluß betrügerischer Machinationen, die bewußt an der Beeinflußbarkeit des Menschen und seinem Hang zum Irrationalen anknüpfen. Voges deutet den Geisterseher darum von der Anlage her als 'fiktionale Zweckform, als eine Realisation der aufklärerischen Geheimbundliteratur" und stellt ihn in eine Reihe mit den im 18. Jahrhundert populären Formen moralischer und didaktischer Literatur, die sich insbesondere auch der Thematik um Irrationalismus, Geheimbünde und Konspirationen annahm. Mayer betont allerdings 'die großen Gegensätze zwischen Schillers Erzählkunst und dem epischen Moralismus der Frühaufklärung"86. Schillers historische und philosophische Neigungen erheben den Roman über die Ambitionen eines bloßen moralischen Lehrstücks. Der narrative Duktus bemüht sich um Sachlichkeit und Distanz zu den geschilderten Ereignissen und Figuren und versucht so, 'die republikanische Freiheit des lesenden Publikums, dem es zukömmt, selbst zu Gericht zu sitzen"87, zu bewahren. Nicht mehr als reine 'Illustrierung moralischer Verhaltensweisen" muß Schillers Prosa verstanden werden, sondern 'als Erweiterung des geschichtswissenschaftlichen Bereichs"88. Die objektive sozialgeschichtliche Analyse tritt neben die didaktische Absicht, die gleichwohl Ausgangspunkt und implizites Resultat der kritischen historischen Betrachtung ist; so spricht schließlich auch Mayer von einem 'philosophischmoralischen Grundimpuls, der sie [die Erzählungen und das Romanfragment Schillers] überhaupt erst entstehen ließ"89, und mißt der aufklärerischen Intention des Autors doch wieder einen zentralen Stellenwert zu.
      In einem Artikel, den sie im Mai 1786 in der Berlinischen Monatsschrift veröffentlichte, stellte Elise von der Recke, einst Anhängerin des Grafen Cagliostro, den Wundertäter als Betrüger bloß und verurteilte Aberglauben und vernunftlose Schwärmerei. Dieser Schrift folgte 1787 das aufsehenerregende Buch Nachricht von des berüchtigten Cagliostro Aufenthalte in Mitau.
      'Ich bin [...] noch vor wenig Jahren, in Gefahr gewesen, in Schwärmerei und finstern Aberglauben zu gerathen", gesteht sie den Lesern der Berlinischen Monatsschrift im Mai 1786. 'Da ich selbst am Rande des Abgrundes gestanden, so kann ich so viele gute Menschen, welche durch mißverstandne religiöse Begriffe sich irre führen lassen, mit wahrer Ueberzeugung warnen; und ich halte für meine Pflicht es zu thun."
Die Trauer um den Tod ihres geliebten Bruders und ihre Sehnsucht, mit den Toten in Kontakt zu treten, wurden zu den auslösenden Faktoren ihrer Schwärmerei und ihres anfänglichen Vertrauens in Cagliostro und dessen übermenschliche Kräfte. 'Ich lernte ihn und seine Absichten dadurch näher kennen; und auf diese Art ward er das Werkzeug, durch welches die Vorsehung mich tiefer in die Plane und Betrügereien heutiger Mystiker und Propheten hineinschauen ließ, so daß ich nun aus eigener Erfahrung davor warnen kann." Sie betont abschließend, 'welch ein schlauer Betrüger er [Cagliostro - M.H.] ist; ein Betrüger, der weit aussehende Plane hat, welche durchzusetzen er Welt- und Menschenkenntnis genug besitzt, und sie dazu auf die unwürdigste Art mißbraucht." Ihre eindringliche Warnung vor der 'Gefahr der überhand nehmenden Schwärmerei, des Geistersehens, und aller geheimen Künste" wird durch die Vorrede der Herausgeber unterstützt und provokativ verschärft: 'Man müßte mit Erstaunen fragen: wie ein solcher Betrüger den ungeheuren Zulauf, den unglaublichen Glauben finden könne? wenn man sich nicht an die itzt herrschende Seuche, an den unnatürlichen Durst nach Zeichen und Wundern erinnerte, der vor 1800 Jahren in dem barbarischen Jerusalem nicht größer sein konnte, als itzt in dem aufgeklärten Eu-ropa."
In der gleichen Ausgabe der Berlinischen Monatsschrift fand sich außerdem ein Beitrag des Herausgebers Biester über die zunehmende Zahl von Konversionen zum Katholizismus und über Aktivitäten geheimer Gesellschaften unter jesuitischem Einfluß. Er enthüllt darin in aufklärerischer Manier 'Geheimnisse der Finsternis" und berichtet 'über den Zusammenhang der Geheimen Gesellschaften mit der Verbreitung des Katholicismus"98. Verantwortlich für das erschreckende Wachstum der Anhängerschaft der katholischen Kirche sind seiner Meinung nach die Jesuiten, die mit allen Mitteln versuchen, ihren irrationalen Glauben zu verbreiten und ihre Macht dadurchzu vergrößern. Eine besondere Rolle komme dabei den geheimen Gesellschaften zu, deren Verbindungszwecke und Absichten zunächst äußerst unklar bleiben, die sich dem kritischen Auge jedoch als Brutstätten des Katholizismus und somit als Seuchenherde des Irrationalismus zu erkennen geben:
Die im Dunkeln herumschleichenden gar zu geheimen Gesellschaften, sind in der That das größte Hindernis jener edlen Geschenke Gottes. Die Leute, welche sich in solche Gesellschaften haben verwickeln lassen, opfern sich ihnen ganz auf, und entziehen sich dem, was offenbar bleiben soll und muß: nemlich der Religion im ächten Verstände. Welch einen Hang solche Menschen zu den dunklen Gefühlen, die von der katholischen Religion mehr begünstigt werden, und daher zu dieser Religion selbst bekommen, ist fast unglaublich, aber leider völlig wahr."
Jesuitische Verschwörungen, geheime Gesellschaften mit gegenaufklärerischen Zielen, die Gefahr des sich ausbreitenden Katholizismus - der Themenkatalog der Berliner Aufklärer, der sich in diesem Artikel komprimiert darstellt, mochte Schiller ebenso Anregungen für seinen Geisterseher geboten haben wie ein Bericht über Venedig, der ebenfalls in der Mai-Ausgabe der Monatsschrift abgedruckt war. Im Mittelpunkt dieses Beitrags stehen vor allem die Gefahren der Lagunenstadt und die Willkür ihrer juristischen Institutionen, wie beispielsweise des Tribunals der Staatsinquisition, das 'so sehr gefürchtet [ist], daß sich der Venetianer fast nie erkühnt, den Namen desselben auszusprechen"102. Die unheimliche Macht der Staatsinquisition wird ebenso beschrieben wie die Härte ihrer Straf- und Vergeltungsmaßnahmen; und die Anekdote des Deutschen, der in einem Kaffeehaus über die Regierung lästerte, von der Inquisition verhaftet und an einen geheimen Ort weggeführt wurde, über die folgenden Ereignisse jedoch nicht weiter berichten kann und darf, weil er schwören mußte, darüber zu schweigen, scheint geradezu die denkwürdige Szene des Geistersehers inspiriert zu haben, in der der Prinz und sein Begleiter in die tiefen Gewölbe der Staatsinquisition geführt werden, um dort der Hinrichtung des streitlustigen venezianischen Kartenspielers beizuwohnen.
      Als weitere mutmaßliche Inspiration für die Geschehnisse in Schillers Fortsetzungsroman gelten in der Forschung die Machtverhältnisse und die Erbfolge im württembergischen Herrscherhaus. Friedrich Heinrich Eugen, dritter Sohn Friedrich Eugens, des erbberechtigten Bruders des Herzogs Karl Eugen, äußerte sich - ebenfalls in der Berlinischen Monatsschrift, zwei Monate nach der Veröffentlichung des Beitrags von Elise von der Recke und als Antwort auf ihre kritischen Bemerkungen über Wunderglauben und Geisterbeschwörungen - sehr viel weniger skeptisch über die Möglichkeit metaphysischer Erscheinungen und spiritueller Phänomene, deren Existenz er allein vom
Willen Gottes abhängig machte. '[...] bei Gott sei kein Ding unmöglich", so der württembergische Prinz, 'und nach seiner Weisheit werde Er wissen, nach Befinden der Umstände, zur Erreichung Seiner hohen erhabenen Zwecke die nothwendigen Gaben, die Er schon einst Menschen ertheilte, auch itzt noch, unter seinen auf verschiedenen Wegen vielleicht Ihn verehrenden Anhängern, auszutheilen." Der 'Umgang mit höhern Geistern" in der Art, wie 'die heiligen Männer Alten und Neuen Testaments die ihnen zugesandten Boten Gottes [sahen]"107, scheint ihm nicht unmöglich; vielmehr betont er, daß er 'vollkommen daran glaubt: daß, wie ich schon vorhin erwähnt, Gott, der nach seinem sich vorgesetzten Plan zur Beförderung der Glückseligkeit unter den Menschen, alle Begebenheiten dieser Welt einrichtet, nur dann, ohne daß ein schwacher Mensch sich erkühnen dürfte eine Zeit dazu festzusetzen, einen Umgang, der ehedem schon Statt gefunden hatte, wiederum bei einigen seiner Verehrer aufkommen lassen kann, wenn es zur Beförderung Seiner Endzwecke nöthig und ersprießlich ist"108.
      Die wundergläubige Grundhaltung des protestantischen Prinzen Friedrich Heinrich Eugen gab zu Beunruhigungen Anlaß, gab er sich doch durch sein Bekenntnis in der Berlinischen Monatsschrift - coram publico sozusagen -'als einen Anhänger mystischer Lehren, die man damals als eine Vorstufe zum Katholizismus anzusehen gewöhnt war"109, zu erkennen. Der Verdacht, der potentielle zukünftige württembergische Herzog werde zum Katholizismus konvertieren, schien nach dieser Veröffentlichung nicht mehr unwahrscheinlich und löste unter der größtenteils protestantischen Bevölkerung Württembergs alles andere als Begeisterung aus.1

   Der Vergleich zwischen Friedrich Heinrich Eugen, dem dritten Sohn des Bruders Karl Eugens, und Schillers Prinzen von **, der als 'drittefr] Prinz seines Hauses" näher bezeichnet wird, liegt nahe. Beide, die historische Person, wie auch die fiktive Romanfigur, müssen einem aufgeklärten Beobachter als Menschen mit irrationalen Neigungen erscheinen. Während die Religiosität des Prinzen Friedrich Heinrich Eugen deutlich und explizit formuliert in seinem Aufsatz dokumentiert wird, muß der Weg des Prinzen im Geisterseher vom Rationalismus zum Katholizismus erst durch die Handlung des Romans erschlossen werden; beiden jedoch sind die Dispositionen gemeinsam, die den Hang zu religiöser Schwärmerei auszulösen vermögen. Auffallend ist in diesem Zusammenhang, daß der württembergische Prinz seinen Beitrag in der Berlinischen Monatsschrift mit dem Zitat von Shakespeare abschließt, das auch Schiller seinem Prinzen im Geisterseher in den Mund legt: 'Es ist noch viel [...] zwischen Himmel und Erden, wovon unsere ganze Philosophie sich nichts träumen läßt." - So Friedrich Heinrich Eugen von Württemberg. Und der Prinz von ** in Schillers Roman: ''Graf, [...] es gibtmehr Dinge im Himmel und auf Erden, als wir in unsern Philosophien träumen.'"1

   Der Artikel des Prinzen Friedrich Heinrich Eugen erschien im Juli 1786, der erste Teil des Geistersehers, in dem die grundlegende Charakteristik des Prinzen von ** gestaltet wird und das Hamlet-Zitat Verwendung findet, entstand wohl im Spätsommer/Herbst des gleichen Jahres. Eine Beeinflussung Schillers durch die Veröffentlichung des Württembergers erscheint also durchaus denkbar.
      Ob nun allerdings die historischen und zeitgenössischen Ereignisse und Personen tatsächlich als konkrete Vorbilder für Schiller dienten, oder ob sich der Dichter nur allgemein durch die gesellschaftliche Stimmung und durch öffentliche Debatten inspirieren ließ - der Blick auf die kultur- und geistesgeschichtliche Situation und die Diskurse der achtziger Jahre macht auf alle Fälle deutlich, daß der Stoff des Geistersehers zum Zeitpunkt seiner Erscheinung in der Thalia äußerst aktuell war und seine Popularität natürlich auch dieser Aktualität und seiner Anlehnung an Sujets der unmittelbaren Gegenwart verdankt.
     

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Irrationalismus:  Zeitgeist  historische  Quellen    





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