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Friedrich schiller: der geisterseher

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Geheimbünde und Verschwörungen



Die positive Aufnahme, die Schillers Roman bei seinen Lesern fand, liegt in einem weiteren zentralen Thema begründet, das das größte Interesse und gespannte Aufmerksamkeit bei den Zeitgenossen garantierte.
      Es wurde bereits gesagt, daß sowohl die literarische Gestaltung der Angst als auch die Furcht vor Verschwörungen im 18. Jahrhundert eine besondere Konjunktur zu verzeichnen hatten. Schillers Geisterseher steht gleichermaßen an der Spitze deutschsprachiger Schauerliteratur und am Beginn einer langen Tradition deutscher Geheimbundromane; er befriedigt somit zweierlei Bedürfnisse seiner zeitgenössischen Leser: Er fiktionalisiert die Angst und erzeugt jene Form des angenehmen Schauers, der bis auf den heutigen Tag die Schrecken der Geschichte und den Schrecken des Alltags durch literarische oder filmische Produkte und deren massenmediale Rezeption kompensiert. Und er stellt mit der Geheimbundthematik ein Phänomen in den Mittelpunkt des Interesses, das - neben der oben bereits erwähnten Debatte um religiöse Schwärmerei, Wunder- und Aberglaube - von außerordentlicher tagespolitischer und gesellschaftlicher Aktualität und Brisanz war. Durch die geschickte Einbettung des fiktiven Geheimbund- und Verschwörungsmaterials in den ästhetischen Rahmen seines Fortsetzungsromans sprach Schiller die Neugier und das Sensationsbedürfnis des breiten Publikums ebensosehr anwie die Vorurteilsbereitschaft und das Verlangen nach Bestätigung bei jenen Leser, die bereits über Geheimbundtätigkeiten und jesuitische Verschwörungen informiert waren, beziehungsweise informiert zu sein glaubten.

      Geheimbünde und Verschwörungen, Angst vor Intrigen und durchtriebenen Ränkespielen waren Themen, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ganz Europa in Atem hielten. Freimaurer, Illuminaten, Rosenkreuzer und andere Geheimgesellschaften machten in der Epoche der Aufklärung von sich Reden und gaben Anlaß zu Spekulationen auf allen Ebenen gesellschaftlichen Lebens. Es ist - zumindest rückblickend - möglich, bestimmten Gruppierungen generell spezifische Interessen und ideologische Tendenzen zuzuordnen; so kann man prinzipiell den Freimaurern aufklärerische, den Illuminaten radikal-aufklärerische, den Gold- und Rosenkreuzern hingegen deutlich gegenaufklärerische, reaktionäre Absichten und Ideologien unterstellen. Doch für die Zeitgenossen stellten die Gesellschaften, ihre organisatorischen Strukturen und ihre sozialpolitischen Wirkungsabsichten zweifellos ein Rätsel dar, das die Phantasie stimulierte. Die geheimnisvolle Aura, die diese Gruppen umgab, übte eine unwiderstehliche Faszination aus und lud dazu ein, die unterschiedlichsten Vorstellungen und die widersprüchlichsten Positionen der politischen und philosophischen Diskurse des Zeitalters auf sie zu projizieren. Für den einen wurden sie zu emanzipatorischen Vorboten einer neuen demokratischen Gesellschaftsform, die den Forderungen einer bislang in vielerlei Hinsicht nur theoretisch erörterten Aufklärung folgten und im kleinen Kreise bereits die Ideale der neuen vernunftbestimmten Zeit praktizierten, für den anderen erschienen sie als konspirative Vereinigungen mit den finstersten Absichten, die die Herrschaft an sich reißen und die Menschheit in despotische Unterdrückung, in Unmündigkeit und in die sklavische Abhängigkeit von autoritären Prinzipien - seien sie nun weltlicher oder religiöser Natur - zurückstoßen wollten. So oszillierte das Bild der Geheimbünde in der Vorstellung ihrer Zeitgenossen zwischen aufklärerischen und gegenaufklärerischen Positionen; sie galten sowohl als Keimzelle eines modernen, demokratischen Staates unter dem alleinigen Primat der Vernunft als auch als reaktionäre Vereinigungen, die sich dem Erhalt autoritärer, theokratischer Systeme verschrieben hatten.
      Schings Befund über die Illuminaten und deren Einfluß auf die Entwicklung einer aufgeklärten, bürgerlichen Gesellschaft zeigt zumindest implizit die Vorläufigkeit eines jeden Urteils in dieser Hinsicht: 'Die Illuminaten haben die intellektuelle Signatur des vorrevolutionären Jahrzehnts und damit der deutschen Spätaufklärung in einem Maße geprägt, das erst allmählich zu Gesicht kommt." Albrecht und Weiß stellen vorsichtiger fest, daß ,,[d]iegesellschaftspolitischen Vorstellungen und Absichten des Illuminatenordens [...] nach wie vor auch in der Forschung umstritten [sind]."1

   Tatsächlich sind die Rolle und die Funktion der Geheimbünde im europäischen Prozeß der Aufklärung auch heute noch schwer bestimmbar - vor allem von den Freimaurern und den Illuminaten ist hier die Rede -, und ihr Anspruch, eine quasi-demokratische, nationale und soziale Schranken überschreitende Gemeinschaft zu bilden, steht - aus heutiger Sicht - im Widerspruch zu ihren hierarchischen Strukturen, ihren Graden und Zirkeln, ihren geheimnisvollen Ritualen und ihrer peniblen Geheimhaltung, Sicherung und Bewahrung des inneren Arkanums. Möller spricht in diesem Zusammenhang von 'Organisationsformen, in denen Zwang, Gehorsam, Disziplin und Geheimhaltung entschieden ausgeprägter waren als in der Ständegesellschaft des Absolutismus." Was jedoch dem Menschen des 20. Jahrhunderts, also bereits einem kulturellen Produkt des seit über 200 Jahren forcierten Aufklärungsprozesses, merkwürdig, wenn nicht gar fragwürdig erscheint - nämlich die zentrale Bedeutung der Verschwiegenheit und Geheimhaltung und die Instrumentalisierung einer rigiden, straffen, autoritären Herrschafts- und Organisationsform zur Erreichung aufklärerischer, prinzipiell demokratischer Ziele -, mag sich für den Bürger eines absolutistischen Staats am Beginn dieses Prozesses als durchaus akzeptable und sinnvolle Strategie dargestellt haben.
      Die Freimaurerlogen des 18. Jahrhunderts sind klassische Zeugen für solche Ambivalenzen innerhalb der bürgerlichen Entwicklung. Aufklärung und Geheimnis bedeuteten für sie keinen Widerspruch; das Geheimnis scheint im Gegenteil als eine organisatorische wie als eine symbolisch-kulturelle Größe bestimmte so-ziokulturelle Transformationspotentiale enthalten zu haben, die gerade unter den Bedingungen des Strukturwandels von der feudalabsolutistischen zur bürgerlichen Gesellschaftsordnung für die bürgerlichen Schichten und auch für einen Teil des Adels emanzipatorische Bedeutung erlangen konnten. '
Diese emanzipatorische Bedeutung besteht - so Schindler an anderer Stelle - in der Etablierung eines 'virtuellen Freiraum[s]" durch die Inszenierung des Geheimnisses, der ,,[n]ach innen Symbol einer handlungs- und vorurteilsentlasteten brüderlichen Begegnung der Menschen und damit Kristallisationskern einer neuen intersubjektiven Lebenspraxis, nach außen Ersatzöffentlichkeit und Ã-ffentlichkeitsersatz zugleich" werden konnte. Das 'Geheimnis" eröffnete gleichsam 'soziale Möglichkeitsräume praktizierter Aufklärung, die auf das Arkanum als auf eine mystifizierte Chiffre ihrer Autonomie solange angewiesen blieb, wie die gesellschaftlichen Bedingungen ihrer öffentlichen Durchsetzung noch nicht vollständig gegeben waren." In-nerhalb dieser MÃ-glichkeitsräume 'kündigte sich in spezifischen Variationen die Konstruktion einer neuen Subjektivität der Bürger als Menschen an."

   Um die Freiräume und Rückzugsmöglichkeiten aufrecht erhalten zu können und die erwünschte Emanzipation des Bürgers zu neuem humanen Dasein zu fördern, schienen strikte Organisationsformen und strenge hierarchische Strukturen notwendig zu sein. Durch autoritäre Führung schufen sich die geheimen Gesellschaften den Schutz und die Sicherheit, die nötig waren, um ihre aufklärerischen Ideale und ihre bürgerliche Utopie zumindest in begrenztem Rahmen verwirklichen zu können. Auch Agethen betont in diesem Zusammenhang ,,[d]ie eigentümliche Ambivalenz von Freiheit und Zwang, die in der Aufklärungsbewegung allerorten sichtbar wird, [sie] zeigt sich in den Utopien, im absoluten Staat und in den Geheimbünden in gleicher Weise. Alle Lebensbereiche sollen rationalisiert, ökonomisiert, das Kräftepotential maximiert werden. Dazu ist eine minutiöse, oft unscheinbare Disziplinar-technik nötig, die prüft, beobachtet, auswählt, unterwirft, normiert, straft, die nichts unbeobachtet, nichts durchgehen läßt, beständig an der Arbeit hält, Rechenschaft fordert, die ausgleicht, abstimmt, klassifiziert, homogenisiert [,..]." Die Merkmale der entstehenden bürgerlichen Leistungsethik, ideologischer Bodensatz der Aufklärung, kommen also auch bei der internen Organisationsform der geheimen Gesellschaften zum Tragen. Die Ãoberwindung ständischer Fesseln scheint nur durch die Verschärfung bürgerlicher Tugenden möglich zu sein und mündet alsbald in der Etablierung einer neuen Form von bürgerlichen Fesseln.
      Einen weiteren Grund für die Aufwertung des Geheimnisvollen und Verborgenen im späten 18. Jahrhundert sieht Agethen in der zunehmenden Ã-ffentlichkeit politischer und philosophischer Diskurse; ebenso wie neben dem expandierenden Buchmarkt die Briefkultur, also die Vorliebe für mehr private und intime Mitteilungsformen, florierte, gewinnen exklusive, elitäre, nicht-öffentliche Foren und Zirkel an Reiz. Die Gründungen geheimer Gesellschaften könnten also auch als Reaktion auf die immer weitere Kreise ziehende Forderung nach Ã-ffentlichkeit und Popularisierung verstanden werden, die allgemeine Lust am Geheimnis als 'eine Art Fluchtbewegung gegenüber dem totalen Publizitätsanspruch einer sich radikalisierenden Aufklärung." In einer Gesellschaft, die trotz Zensur und andauernder politischer Zwänge prinzipiell immer freizügiger und mitteilsamer wurde, mußte das Heimliche und Unausgesprochene unweigerlich verlockend wirken. 'Es war die Spekulation auf den Zeitgeschmack, komplementär zum Publizitätsanspruch der Medien gerade das Verborgene für das Attraktivere, das Wertvollere zu halten" - eine Tendenz, die sich - psychologisch und sozio-logisch durchaus erklärbar - bis in unsere Zeit gehalten und sogar zugespitzt hat.
      Doch trotz aller Erklärungsversuche und vermeintlich zutreffenden Existenzbegründungen blieben und bleiben die Geheimbünde ein mysteriöses - und vielfach kritisiertes - Phänomen; ob nun als Träger und Verbreiter aufklärerischer Gedanken oder als konspirative Hüter geheimen Wissens und verborgener Wahrheiten, die nur den Obersten eines jeden Bundes bekannt waren, - sie stellten ihre Zeitgenossen vor Rätsel und widersetzten sich einer eindeutigen Erklärung. Selbst die Mitglieder der Gesellschaften, die nur periphere Positionen innerhalb der Hierarchien und Machtstrukturen einnahmen, waren über die genauen Ziele und Intentionen ihrer Organisationen nicht vollständig unterrichtet und oftmals auf Mutmaßungen oder auf Spekulationen angewiesen, die die eigenen Vorstellungen und Bedürfnisse, die zu einem Beitritt geführt hatten, verallgemeinerten und subjektive Wünsche und Ideale als offizielle Beweggründe der Geheimbundtätigkeit objektivierten. Das Geheimnis - beispielsweise der Freimaurerei - erfüllte die Funktion einer 'zentralen Leerstelle, offen für Interpretationen verschiedenster Art." In dieser Hinsicht wurden das Geheimnis und seine strenge Bewahrung geradezu zu konstitutiven Elementen der geheimen Gesellschaften, die einen Zulauf von Intellektuellen und politisch und sozial interessierten Menschen garantierten. Jeder konnte in diesem 'inhaltlichen Vakuum" eigene individuelle Ziele auf institutioneller Basis angestrebt oder verwirklicht sehen; Erwartungen jeglicher Art ließen sich mit den vagen Ansichten über die wahre Natur der Bünde und mit den unausgesprochenen, weil oftmals nicht hinreichend definierten Absichten der Vereinigungen verbinden. Die Existenz und die Aktivitäten einer geheimen Gesellschaft konnten daher prinzipiell in viele verschiedene Richtungen gedeutet und von verschiedenen Interessen ihrer Mitglieder bestimmt werden. Ihre Funktion erschöpfte sich keineswegs in der Errichtung streng abgeschirmter ,,soziale[r] Möglichkeitsräume" mit dem alleinigen Zweck der Emanzipation des Bürgertums, ihre programmatische Flexibilität, die zuweilen an Unbestimmtheit grenzte, erlaubte vielmehr Mannigfaltigkeit der Intentionen und Reichtum an ideologischen Positionen. Und so erklärt sich auch die ambivalente Doppelstruktur von Aufklärung und Geheimnis - ohne dadurch freilich gerechtfertigt zu werden -, die das Geheimbundwesen des 18. Jahrhunderts prägte. Das Geheimnis, das die Gesellschaften umgab und ihren innersten Kern ausmachte, bot die Möglichkeit, eine Vielzahl unterschiedlicher Gesinnungen organisatorisch zu bündeln und den Trägern dieser Gesinnungen einen - wenn auch virtuellen, utopisch-fiktiven - Ort zur Verfügung zu stellen, an dem sie ihre Ãoberzeugungen nach
'demokratischen Prinzipien' im weitesten Sinne ausleben, beziehungsweise propagieren konnten.
      Schon die Bundesmitglieder selbst waren also nur Teil einer undurchschaubaren Organisation, die ihre geheimnisvolle Aura zu schützen und zu festigen wußte, um ihren spezifischen Charakter aufrecht zu erhalten, und trugen mit ihrer partiellen Unwissenheit und den daraus folgenden, teilweise divergierenden Deutungen ihrer Vereinigung und Selbstdeutungen ihrer Handlungsabsichten nach subjektiven Maßstäben dazu bei, die Funktionali-sierung des Arkanums als wichtiges Element sowohl der Konstitution als auch der Selbstinszenierung einer Gesellschaft zu perfektionieren. Sie wurden sozusagen zu ruhelosen Akteuren eines Spiels mit strengen Regeln und Vorschriften, dessen Ziel sie sich jedoch in gewisser Weise selbst und unabhängig voneinander definierten. Daran läßt sich ermessen, wie groß erst die Unkenntnis und die Verunsicherung der Außenstehenden angesichts der geheimen Bünde gewesen sein muß. Das Bedürfnis, mehr über die Geheimgesellschaften und ihre Agenten zu erfahren, ihre Motive und Absichten zu ergründen, stieß immer wieder auf lückenhafte Informationen oder widersprüchliche Angaben. Ein Nebel des Zwielichts und der Zweideutigkeiten lag zwischen den Gesellschaften und den Uneingeweihten und entzündete die Phantasie. Was sich nicht beweisen ließ, wurde ersetzt durch Erfindungen und Spekulationen. Ãobertriebene Vorstellungen und gedankliche Konstruktionen, ideologisch gefärbt, traten an die Stelle überzeugender Argumentationen und nachprüfbarer Fakten. Gerade weil die Beweislage so unbefriedigend war und durch allerlei Gerüchte und Halbwahrheiten angereichert werden konnte, entwickelte sich die Aufgabe, das Wesen der Geheimbünde aufzuklären und für die Mitmenschen einsichtig zu machen, zu einem reichen und kreativen Betätigungsfeld für politisch und poetisch interessierte Publizisten. Sowohl mit konkreten sozialen und aufklärerischen Absichten als auch mit mehr literarischen Ambitionen rückte man den rätselhaften Umtrieben der Gesellschaften zu Leibe und bereicherte die öffentlichen Debatten mit einer Flut von Schriften für oder gegen Bünde und Logen, Schriften, die - welche Intentionen sie auch immer verfolgen wollten, welchen literarischen oder dokumentarischen Stellenwert sie auch immer besitzen mochten - wiederum nur den trügerischen Schein verstärkten, der die Geheimbünde umgab. Der undurchdringliche Schleier, der Realität und Fiktion, Gerüchte und Tatsachen voneinander trennte, wurde durch die Vielzahl von Publikationen nicht etwa gelüftet, sondern noch undurchdringlicher und verdichtete sich zu einem Netz aus Pseudo-Enthüllungen, literarischen Deutungen, Legenden und fiktiven Erklärungsmustern. So kam es zu einem 'besondere [n] Wirklichkeitscharakter der geheimen Gesellschaften", der 'gleitende Ãobergänge zwischen einer lite-rarisch fiktionalen und einer nichtfiktionalen Behandlung dieses Themenbereichs [schuf]." Dieser spezifische Wirklichkeitscharakter rückte die Geheimbünde auf eine quasi-öffentliche Position, von der aus sie Politik, Kultur und Literatur gleichermaßen beeinflussen konnten. Ihre geheimnisvolle Ausstrahlung verlieh ihnen das Potential, nicht nur kraft ihrer tatsächlichen Eigenschaften und Ressourcen zu wirken, sondern auch allein durch die Aura, die sie selbst, ihre Kritiker und ihre vermeintlichen Aufklärer geschaffen hatten, zu beeindrucken und Einfluß zu nehmen.
      Das Geheimnis rief soziale Phantasien hervor, sowohl in den geheimen Gesellschaften selbst wie außerhalb. War schon die für den Historiker erkennbare Wirklichkeit der Bünde von fiktiven Momenten durchsetzt, geprägt von den ausschweifendsten Vorstellungen über deren Zweck und Beschaffenheit, umso mehr war es die öffentliche Diskussion. Die Mythologie der geheimen Gesellschaften, das, was man über sie dachte und sagte, besaß jedoch eine ähnlich starke, wenn nicht stärkere soziale Wirksamkeit als ihre faktische Existenz selbst.

   Auch Schindler stellt fest, daß 'letzten Endes [...] am Phänomen der geheimen Gesellschaften weniger seine unmittelbare politisch-faktische Wirksamkeit [interessiere] als der eigentümliche schwebende Realitätsgehalt seiner Fiktio-nalität." Daß die Phantasien über geheime Gesellschaften und die Gerüchte über deren Aktionspotential - auch heute noch - die tatsächlichen Einflußmöglichkeiten solcher Gruppierungen bei weitem übersteigen, versichert auch Göttert und stuft das Phänomen der Geheimbünde, mag es nun die Gestalt von Freimaurern, Illuminaten oder Scientologen annehmen, als unabtrennbaren Teil der aufgeklärten Moderne ein: 'Geheime Bünde sind der Schatten, den die moderne Welt nicht los wird. Doch sie waren auch niemals gefährlicher als ein Schatten: ein schwarzes Abbild, störend vielleicht, nicht zu greifen -aber ohne Wirkung."

   Erleichterte diese Konstellation - die gesellschaftliche Position der Geheimbünde zwischen Realität und Fiktion - einerseits die Ãobernahme der Geheimbundthematik in die literarische Produktion und erfreute dergestalt ein Publikum, das sich nach spannenden zeitgenössischen Stoffen und kurzweiliger Unterhaltung sehnte, so reizte sie andererseits die Menschen eines Zeitalters der Aufklärung zu immer neuen Anstrengungen, das Geheimnis der Freimaurer, der Illuminaten, der Rosenkreuzer oder ähnlicher Bünde zu lüften und deren interne Strukturen und Beweggründe definitiv zu enthüllen. Die Erforschung der Machenschaften dieser geheimen Organisationen, ihrer Rituale und - vor allen Dingen - ihrer Ziele und Absichten wurde zu einem zentralen Aspekt der Geistesgeschichte des späten 18. Jahrhunderts, eine Aufgabe, die Intellektuelle und Publizisten, Politiker und Dichter in unter-schiedlichen Formen und mit unterschiedlichen Geltungsansprüchen beschäftigte, die aber im Schatten der Französischen Revolution zusätzlich an Brisanz und Dringlichkeit gewann. Denn der Umsturz in Frankreich alarmierte die übrigen europäischen Länder und Dynastien, und Gerüchte über politische Konspirationen und revolutionäre Absichten der Geheimbünde entstanden schlagartig und verbreiteten sich in Windeseile. 'Während der Französischen Revolution [...]", so Voges, 'steigerte sich die Geheimbundfurcht zu einer regelrechten Hysterie." Die ersten Verschwörungstheorien waren schon in den frühen siebziger Jahren entstanden und von konservativen und reaktionären Kreisen gegen Aufklärer und Geheimbünde lanciert worden; nun, angesichts des blutigen Endes des ändert regime, verschärfte sich der ideologische und propagandistische Kampf gegen die vermeintlich revolutionären Kräfte. Gegner und Kritiker der geheimen Gesellschaften erhielten durch die Angst vor Revolution und Anarchie einen enormen Zulauf; Veröffentlichungen und Pamphlete brachten die Aktivitäten der Bünde in direkten Zusammenhang mit den Ereignissen in Frankreich und gössen somit Wasser auf die Mühlen der Verschwörungsangst und verstärkten den gegenaufklärerischen Affront gegen das Geheimbundwesen. Die Schriften eines Freiherrn von Göchhausen , eines Carl von Eckartshausen , eines Abbe Barruel , eines John Robison und zahlreicher anderer Gegenaufklärer und Publikationen wie beispielsweise die Wiener Zeitschrift oder die Eudämonia fanden weite Verbreitung, und ihre Theorien von konspirativen Machenschaften und revolutionären Umtrieben, die die Sicherheit ganz Europas bedrohten, fielen auf fruchtbaren Boden. LTnvorstellbare historische Ereignisse, Umwälzungen von gigantischen Ausmaßen, mit gesellschaftlichen und politischen Konsequenzen, die niemand vorhersagen konnte, forderten eine Erklärung - die Verschwörungstheorien lieferten Erklärungen und gaben so den fassungslosen Zeitgenossen mit der Erklärbarkeit der Ereignisse einen Anflug von Sicherheit zurück.
      Eine Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs und der daraus resultierenden Verunsicherung treibt die Menschen - dies gilt für die Vergangenheit wie für die Gegenwart - zur Suche nach einer Deutung von Phänomenen, die als existentiell wichtig oder gar bedrohlich empfunden und erfahren werden. Kausalität und bedeutungsvolle Zusammenhänge scheinbar disparater Ereignisse in der politischen Entwicklung eines Staates und der persönlichen Ent-wicklung eines Individuums stiften das Gefühl, Unerklärliches erklärbar machen zu können, - ganz egal, wie konstruiert und unrealistisch die unterstellten Kausalzusammenhänge und Verbindungen oftmals sind. Der psychologische Mechanismus der Rationalisierung vermittelt somit Sekurität und den Anschein von Kontrolle - oder zumindest die Gewißheit, potentiell auf rational faßbare Erscheinungen mit rational begründeten Maßnahmen reagieren zu können.
      Die Französische Revolution und die blutige Terrorherrschaft, die ihr folgte, verliehen dem allgemeinen Rationalisierungsprozeß des 18. Jahrhunderts neue Schubkraft. Die historischen Ereignisse untermauerten die Befürchtungen der Aufklärungsgegner mit konkreten Fakten und gaben einer massiven Aufklärungskritik überzeugende Argumente an die Hand. Gleichzeitig schufen sie einen neuen Mythos: Allgemeinere, kaum spürbare soziale Veränderungen, moderne geistesgeschichtliche und philosophische Strömungen und die revolutionären Geschehnisse in Frankreich - sozusagen der End- und Höhepunkt der Staats- und menschheitsgefährdenden Bemühungen subversiver Kreise - wurden allesamt als Folgen der konspirativen Tätigkeiten einer oder mehrerer geheimer Gesellschaften gedeutet und verurteilt. Als Symptome einer Verschwörung kamen unterschiedslos alle Phänomene des politischen und kulturellen Alltags in Frage, und je umfassender und nahtloser sich die Liste der vermeintlichen Aktionen und Anschläge gegen die Staatsordnung gestaltete, desto glaubhafter, weil bedrohlicher, erschien der Einfluß der Verschwörer. Die Revolution in Frankreich schien die Angst vor Konspirationen und das Verlangen, rationale Erklärungen für zunächst unerklärliche Bedrohungen zu finden, - zwei Tendenzen, die sich gegenseitig bedingen - auf die Spitze zu treiben; Verdächtigungen und Verschwörungstheorien erreichten den Siedepunkt und wurden durch öffentliche Debatten und Publikationen in ganz Europa zum Kochen gebracht. Das Feuer allerdings, das die Verschwörungstheorien beständig erhitzte und zum Ãoberkochen brachte, war nicht erst im Jahre 1789 entfacht worden. Dieses Feuer war und ist die Aufklärung selbst, die mit blendender Helligkeit das Dunkel der Unwissenheit durchdrang und mit sengender Hitze das Gemüt der Menschen entflammte, ihnen das unstillbare Bedürfnis nach Erklärung und Wissen einbrannte und sie gleichzeitig mit dem Zeichen der Angst vor unentdeckten Zusammenhängen und unerkannten Gefahren, die sich ihren forschenden Blicken entziehen und ihnen dadurch zum Verhängnis werden könnten, brandmarkte. Weil Verschwörungstheorien als individual- und sozialpsychologische Faktoren gesellschaftlicher Wahrnehmung und kognitiver Wahrnehmungsverarbeitung helfen, diese Angst zu besiegen und das Gefühl zu überwinden, unbekannten Mächten und Intrigen unvorbereitet ausgeliefert zusein, fanden und finden sie zahlreiche Anhänger und eifrige Verkünder. Darüber hinaus dienen sie auch als Kompensation für allgemeinere Ã"ngste und existentielle Krisen, die die Moderne als Tribut von den Menschen, die aus ihrer Unmündigkeit erwachen, fordert. Selbstverantwortliches Denken und Handeln in einer Welt, die durch das Rationalitätsprinzip definiert wird, sehen sich häufig mit dem Verlust objektiver Werte konfrontiert. Verläßliche Maßstäbe und Orientierungshilfen gehen im Strudel der Moderne unter, Beliebigkeit und Austauschbarkeit ideologischer Positionen und nur mehr subjektive Vorstellungen darüber, was richtig oder falsch ist, welche Wege beschritten werden müßten und welche Dinge Vorrang vor anderen genießen, können an deren Stelle treten und zu massiven Verunsicherungen führen. Die durch Aufklärungsbemühungen geprägte Zeit ist gekennzeichnet durch einen Zustand der Anomie, der nur selten und nur für begrenzte Zeit überwunden werden kann. Denn radikale Aufklärung bedeutet auch Relativierung, und die Moderne ist die Epoche der umfassenden Relativierung par excellence. Keine Ãoberzeugung, keine Ideologie, keine Philosophie hält diesem Relativierungs-druck lange stand. Das Individuum muß seinerseits den psychischen Druck, den die stets präsente Bedrohung durch Sinnkrise, Nihilismus und moralischethische Indifferenz erzeugt, abfangen und ausgleichen. Vorurteile und Verschwörungstheorien, Projektionen und Attributionen sind hierbei äußerst effektive Mechanismen, da sie auf simple, aber wirkungsvolle Art und Weise kognitive Kategorien bilden und aufrecht erhalten, die eine komplexe Welt strukturieren und somit als Lebens- und Handlungsraum für das Subjekt überschaubar und kontrollierbar machen. Sie vereinfachen die unendlichen Vernetzungen einer modernen Gesellschaft und können durch diese Simplifizierungen verständliche Erklärungen für vielfältige Phänomene liefern. Sie reduzieren das Raster zahlloser Grauwerte, das uns gesellschaftlich, kulturell und politisch umgibt, auf die klar voneinander zu unterscheidenden Farbwerte Schwarz und Weiß und schlagen somit eine Bresche in den Dschungel der avancierten Aufklärung, der das Feld menschlicher Entscheidungsfähigkeit hinsichtlich klarer ethischer Vorstellungen überwuchert und unzugänglich gemacht hat. Die Bresche im Dickicht kausaler Verknüpfungen und rationaler Argumente ist jedoch eine künstliche; sie täuscht Eindeutigkeit nur vor, sieht sich aber rechts und links weiterhin mit den undurchdringlichen, komplexen Strukturen einer modernen, aufgeklärten Welt konfrontiert, die sich - objektiv betrachtet - nicht auf Schwarz-Weiß-Werte reduzieren lassen, sondern Mehrdeutigkeiten, multilaterale Abhängigkeiten und unzählige Schattierungen und Nuancen des Lebens und seiner vermeintlichen Wertmaßstäbe aufweisen.
      Der Erfolg der Verschwörungstheorien im 18. Jahrhundert läßt sich also auch auf die allgemeine Angst vor den Veränderungen zurückführen, die mitder Ablösung von einer tradierten, überschaubaren Gesellschaftsform und der forcierten Entwicklung einer modernen Welt zusammenhingen. In diesem Sinne behauptet auch Voges, daß ,,[d]er Rückgriff auf Geheimbundmodell und Verschwörungsthese [...] entlastend für die gesellschaftliche Furcht vor der Modernität [wirkte]." Das Phantom der Moderne mit seinen Dissonanzen und Paradoxien, seinen anonymen Kräften und subjektgefährdenden Tendenzen gewinnt durch die gedankliche Konstruktion revolutionärer und konspirativer Gruppierungen Form und Gestalt, die zwar nicht real, aber kognitiv bewältigt werden können.
     

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