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Friedrich schiller: der geisterseher

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Deutung des Fragments



So bleibt Schillers Geisterseher ein Fragment, und vielleicht liegt ja auch gerade darin sein Reiz für den heutigen Leser, beziehungsweise der Vorteil gegenüber anderen literarischen Werken mit gleichem oder ähnlichem Sujet -neben den direkten Fortsetzungen beispielsweise Cajetan Tschinks Geschichte eines Geistersehers. Aus den Papieren des Mannes mit der eisernen Larve , oder Carl Friedrich August Grosses Der Genius. Aus den Papieren des Marquis C. von G. -, die im Vergleich mit Schillers Roman geringschätzig als Trivialliteratur bezeichnet und somit künstlerisch abgewertet werden. Denn der fragmentarische Charakter des Geistersehers verstärkt und intensiviert die Wirkung der narrativen Konzeption, indem die der Handlung zugrunde liegenden Geheimnisse durch den Abbruch des Erzählens nicht restlos aufgeklärt werden können; die Ungewißheit über die Hintergründe und Umstände der rätselhaften Intrigen bleibt über die Lektüre hinaus bestehen. Daran ändern auch die Andeutungen nichts, die am Ende des Fragments zwar einen vorläufigen Abschluß des Komplotts gegen den Prinzen suggerieren und noch offen gebliebene Fragen beantworten - dabei allerdings neue brennende Fragen provozieren.

      'Freilich vermitteln jene Vorfalle, die am Schluß des Romans in Stichworten erzählt werden, noch einmal den ganzen Reiz des Geheimnisses und treiben die Spannung auf einen letzten Höhepunkt", so Bußmann über das Schein-Ende des Geistersehers. 'Eine Lösungsmöglichkeit lassen sie jedoch nicht erkennen, da sie zu unklar und verschwommen bleiben."

   Der Besondere des Romans entspringt gerade dieser Konstruktion, die sich zwar um einen Abschluß bemüht, ihr fragmentarisches und - in gewisser
Weise - offenes Ende allerdings nicht verleugnen kann. Der Spannung tut das indessen keinen Abbruch; sie ist dieser Romanform inhärent eingeschrieben. 'Daß das Fragment den Leser auch in Spannung verharren läßt, kommt davon, daß es eben Fragment ist", stellt Mitchell fest und weist anschließend auf einen Umstand der literarischen Gestaltung hin, der nicht unbedeutend ist : 'In diesem Fall heißt das, daß das Werk formlos ist. Man kann auch keine Grenze für die Erzählung voraussehen; sie könnte beliebig länger ausgeführt werden." Was hier zunächst negativ klingt, läßt sich auch positiv deuten: 'Der Erfolg des 'Geistersehers' beruht zum guten Teil darauf, daß er, als Fragment, dem Verstand einen ungelösten Rest, der Mystifikation eine Zuflucht ließ [...]."
Offenheit und Vieldeutigkeit werden zu Strukturprinzipien, die dem Leser nicht nur die Rolle des passiven Konsumenten eines in sich geschlossenen Textes zuordnen, sondern ihm die Möglichkeit bieten, sich und seine Vorstellungskraft bei der Rezeption, d.h. bei der sinngeleiteten Rekonstruktion und Reaktualisierung des fragmentarischen Textgebildes stärker einzubringen. Die literarisch gestaltete Verunsicherung, die zunächst den Protagonisten des Romans ergreift, überträgt sich in letzter Konsequenz auch auf den Rezi-pienten, dessen Erwartung einer Auflösung der Rätsel nicht erfüllt wird; es gelingt ein Brückenschlag von der Fiktion in den Bereich der Rezeption, der den Akt des Lesens und den Nachvollzug des literarisch ausgebreiteten Erfahrungshorizonts, der sich plötzlich zu einem real erlebten Erfahrungshorizont ausweitet, nachhaltig prägt und aufwertet.
      Storz bezeichnet den Geisterseher 'trotz seine[s] fragmentarischen Zu-stand[s]" als ,,ein[en] exemplarischefn] Repräsentanten] seiner Gattung." Versteht man unter der Gattung in diesem Fall nicht nur allgemein die Textsorte Roman, sondern spezieller den Typus des Geheimbundromans, so muß man diese Aussage korrigieren. Nicht trotz, sondern gerade wegen seines fragmentarischen Zustands, nicht obwohl, sondern gerade weil er unvollendet blieb, wurde der Geisterseher zum Vorbild und zum Prototyp des Geheimbundromans, der weitaus besser als alle abgeschlossenen Werke dieser Gattung die spezifische Dualität von Rationalismus und Irrationalismus, die Faszination an Unerklärlichem und das Gefühl der Bedrohung durch einen mächtigen, im Verborgenen agierenden Feind zu vermitteln vermag. Die Fiktion als Fragment sprengt den engen Rahmen eines sinnhaften Ganzen und wird zu einem rätselhaften Text, zu einem Diskurs der Rätsel, der als Analogie einer undurchschaubaren sozialen und politischen Wirklichkeit das Rätselhafte und Unerklärliche einer Epoche widerspiegelt. Einfache Kausalität wird aufgehoben zugunsten eines fragmentarischen Geflechts von Erklärungsansätzen, die einen Sinn - einen beliebigen, austauschbaren Sinn wo-möglich, nicht aber einen alleingültigen, definitiven Sinn - nur durch die Interpretation des Subjekts, durch die aktive Deutung eines Rezipienten erhalten. Das Fragmentarische, Unvollkommene gibt somit auf vollkommene Art und Weise den Zeitgeist wieder und konnte so zum prototypischen Vertreter einer literarischen Gattung werden, die mit dem Geheimnisvollen und dem Unbegreiflichen zeitgeschichtliche Erfahrung und existentielle Verunsicherung thematisiert.
      Die geheimnisvollen Geschehnisse, in die ein deutscher Prinz während eines Aufenthaltes in Venedig verwickelt wird, rollen also vor den Augen der Leser ab, ohne ihren versteckten Sinn, ihren bedeutungsvollen Zusammenhang direkt preiszugeben; das Mysteriöse bleibt auch am Ende mysteriös, obwohl einige der Intrigen und Schachzüge der Gegner des Prinzen am Ende des ersten Buches rational aufgeklärt werden. Aber selbst diese Aufklärung scheint ja nur ein Teil des undurchschaubaren Plans zu sein, den der Armenier entwickelt hat und durchführt, um den Prinzen in seinem Sinne zu manipulieren. Selbst strenge Logik und rationales Bewußtsein können den Aristokraten nicht davor bewahren, auf die Finten seines mächtigen Gegners hereinzufallen und sich schließlich ganz in dessen Gewalt zu begeben.
      Die Machenschaften, denen der Prinz zum Opfer fällt, erweisen sich als eine ungeheure Konspiration, eine umfassende Verschwörung, die planvoll und unerbittlich abläuft, ein präzises Uhrwerk schlau inszenierter Aktionen und nahezu diabolisch abgeschätzter Reaktionen, dessen Mechanismus außerhalb des Blickfelds und dadurch unbestimmbar bleibt, aber gleichwohl perfekt funktioniert. Mit genauer Menschenkenntnis und psychologischem Geschick werden die Köder ausgeworfen, die den Prinzen locken und verfuhren und ihn schließlich - scheinbar aus freiem Willen - in einen Entwicklungsprozeß zwingen, der ihn über rationalistische Skepsis hin zu religiösem Eifer führt. 'Man hatte seine [des Prinzen] Blößen durchschaut und die Leidenschaft gut berechnet, die man in ihm entzündet hatte."
Ebenso unwissend wie der Prinz und seine Freunde, gerät auch der Leser atemlos und ahnungslos in die konspirativen Umtriebe des Armeniers, wird gleichsam Opfer eines Plans, der genial und tückisch ist, unheimlich und bedrohlich. Das Individuum erscheint ohnmächtig angesichts einer Bedrohung, deren Ursprünge es nicht kennt, und hilflos einem Feind gegenüber, dessen Intentionen und Ziele zunächst unbekannt bleiben.
      Zwar sind die Absichten, die die Verschwörer hegen, von der Forschung gedeutet und interpretiert worden - es scheint sich um eine Konspiration jesuitischer Kräfte zu handeln, die den protestantischen Prinzen zum Katholizismus bekehren und zu einem Mord anstiften wollen, um ihm die Thronfolge zu ermöglichen und dadurch die Ansprüche und Interessen der katholischen
Kirche in seinem zukünftigen Reich abzusichern; so nennt Hettner beispielsweise den Geisterseher einen 'Tendenzroman gegen die jesuitische Propaganda, die in den letzten Jahrzehnten des achtzehnten Jahrhunderts wieder um so arglistiger und geschäftiger ihr unheimliches Wesen trieb, je mehr sie durch die großen Aufklärungskämpfe an Boden verloren hatte und verzweifelt um Leben und Tod kämpfte." Gleichwohl lassen sich diese Schlußfolgerungen nur mittelbar aus dem Text des Geistersehers - und nur mit einigem sozialgeschichtlichen Hintergrundwissen und biographischer Kenntnisse über den Autor - ziehen; zu undurchdringlich zeigt sich dem Leser die Verschwörung, als daß deren konkrete Ziele unmittelbar aus der Lektüre erkennbar wären. Die Abhängigkeit von textexternen Informationen bei der genaueren Bestimmung der dargestellten Konspiration zeigt auch Hettners weitere Charakterisierung des Romans: 'Schiller nimmt hier das Motiv wieder auf, das die letzte Gestaltung des Don Carlos fallengelassen oder doch nur zum Nebenmotiv herabgedrückt hatte. Es ist der Kampf gegen die Tyrannei der Kirche und des Pfaffenthums; und zwar mit unmittelbarster Beziehung auf die nächsten Tagesereignisse."

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