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Friedrich schiller: der geisterseher

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Der Bund der Illuminaten



Die Illuminaten, ihre politischen Ziele, ihre Organisationsformen und ihre verborgenen Tätigkeiten sorgten in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre für Aufsehen; nach ihrem Verbot und den Verfolgungen in Bayern seit 1785 waren sie zu einem aktuellen Thema von gesellschaftlicher Tragweite und zum Gegenstand einer Debatte geworden, die sich schon bald zu einer Grundsatzdiskussion über Formen der Aufklärung und deren moralische Legitimation ausweitete. Der Bund der Illuminaten, die 'berühmte[...] Chimäre der Zeit"162, exponierte sich unfreiwillig zum exemplarischen Fall, der die latente Widersprüchlichkeit in der Idee einer Geheimgesellschaft mit aufklärerischen Wirkungsabsichten paradigmatisch vor Augen führte.


     
   Initiiert von einem Universitätsprofessor zur Ãoberwindung der Jesuiten- und Fürstenherrschaft und getragen von vornehmlich im Dienste des Absolutismus stehenden Beamten, die hier ein ihnen adäquates moralisch-aufklärerisches Betätigungsfeld und Schutz vor öffentlicher Gewalt zugleich suchten, bildete er [der Geheimbund der Illuminaten - M.H.] den Höhepunkt aufklärerischer Entwicklung in Deutschland vor der Französischen Revolution. Denn indem er durch Errichtung eines Sittenregiments aufgeklärte Vernunft und Politik zu verbinden, die Gesellschaft nach moralisch-aufklärerischen Prinzipien umzuändern und einer kosmopolitisch republikanischen Ordnung den Weg zu ebnen suchte, zog er alle politische Konsequenz der deutschen Aufklärung, die ausschließlich auf die Reform des Staates orientiert war.

     
   Doch die Veröffentlichungen illuminatischer Schriften im Jahre 1787, die die strikten hierarchischen Strukturen des Bundes offenbarten, sorgten dafür, daß Zwielicht auf die aufklärerischen Ideale Weishaupts fiel, und regten die Diskussion an, ob es denn moralisch zu vertreten sei, mit den Mitteln der Unterdrückung und der diktatorischen Machtausübung für die Freiheit und Gleichheit der Menschen zu streiten. '[...] der Illuminatenbund krankte am gleichen Widerspruch wie der aufgeklärte Absolutismus. Wie dieser meinte, die Mündigkeit seiner Untertanen aus Staatsräson fördern zu können, ohne damit seine eigenen Grundlagen zu gefährden, so glaubte der Geheimbund, Freiheit und Gleichheit propagieren zu können, ohne seine Ordensstruktur dadurch in Frage zu stellen."
Diese Ordensstruktur jedoch stellte ihrerseits die aufklärerischen Ziele der Illuminaten in Frage; anstatt die Freiheit des einzelnen bereits im Bund selbst Wirklichkeit werden zu lassen, verlangte das System Weishaupts blinden Gehorsam und Unterwerfung. Um die Kontrolle über die Mitglieder der Organisation aufrecht erhalten und abweichende Gedanken schon frühzeitig er-kennen zu können, wurde ein engmaschiges Netz aus Ãoberwachungen und Bespitzelungen etabliert, das den einzelnen zum ständigen Objekt eigener und fremder Beobachtung und Prüfung machte. In diesem Zusammenhang wurde besonders das allgemeine Interesse des 18. Jahrhunderts an psychologischen Fragestellungen und an der Erforschung seelischer und geistiger Prozesse des Menschen zu einem wichtigen Faktor der Machtpolitik innerhalb des Illuminatenbundes. Das Wissen um Psychologie und die geistige Manipulation des Individuums kann zur alles beherrschenden Waffe, zum definitiven Lenkungs- und Kontrollmechanismus funktionalisiert werden und rückte somit in der Ordenspolitik an zentrale Stelle. Mit Hilfe psychologischer Kenntnisse ließ sich die Durchführung der sowohl nach innen als auch nach außen gerichteten Aufgaben und Absichten des Bundes erleichtern und darüber hinaus die Vision eines zukünftigen Staates konkretisieren, deren Bürger und Funktionäre zufriedene, seelisch ausgeglichene und daher psychologisch gesunde - aber natürlich auch psychologisch überprüfbare - Menschen sein sollten. 'Es ging bei den Illuminaten keineswegs primär um voyeuristische oder sadistische Ambitionen", stellt Agethen fest. Doch bekanntlich ist der Schritt von wohlmeinendem Interesse und wissenschaftlicher Neugier hin zu falschem Ehrgeiz und rücksichtsloser Anwendung, von idealistischer Theorie zu inhumaner Praxis nur ein geringer, und die Gefahr, erworbenes Wissen über den Menschen gegen den Menschen selbst in Anwendung zu bringen, ist jeglichem Erkenntnisgewinn inhärent. Hinsichtlich psychologischer Einblicke in das Wesen der Menschen und deren Umsetzung drohte der illuminatischen Praxis vor allem von Seiten des französischen Materialismus eine Verschärfung; die Vorstellung eines 'Phomme machine" , eines Menschen, der - einer kalkulierbaren Gesetzmäßigkeit folgend - quasi maschinell funktioniert und somit durch gezielte Einflußnahme gesteuert werden kann, kam auch den Plänen Weishaupts entgegen. Psychologie als umfassendes Instrument der Kontrolle und als Grundlage einer Gesellschaftsutopie, in der das Ideal einer aufgeklärten Menschheit in vereinter Harmonie und reibungslosem Gleichklang verwirklicht werden sollte, macht die Brisanz eines solchen Entwurfs deutlich. Denn was in den Augen der Illuminaten als paradiesischer End- und Höhepunkt sozialer und politischer Entwicklung erscheinen mag, präsentiert sich einem kritischeren Betrachter als ein durchaus unerfreulicher automatisierter Staatsapparat, in dem jeder Mensch die ihm zugewiesene Funktion erfüllen muß und für Individualität kein Platz mehr ist. Harmonie und Gleichklang, Gleichheit und Brüderlichkeit stünden in einem solchen System lediglich für das monotone Brummen maschineller Funktionalität und für die Austauschbarkeit identischer Schräubchen. Die Idee einer mächtigen und wirkungsvollen Maschine, die von einer zentralen Position ausmühelos zu kontrollieren sei, mochte Weishaupt gefallen und dem Illuminatenbund als Modell gedient haben, die praktische Umsetzung dieser Idee jedoch, ihre Rigidität und Seelenlosigkeit, die sich in den Kontroll- und Ãoberwachungsstrategien manifestierte, entlarvte sie als menschenfeindlich. Erneut zeigt sich hier jene 'eigentümliche Ambivalenz von Freiheit und Zwang, die in der Aufklärungsbewegung allerorten sichtbar wird"170, jene Mischung aus aufgeklärter Theorie und absolutistischer Praxis, die die Geheimbünde allgemein ihren Zeitgenossen gegenüber zu verdächtigen Gruppierungen machte und auch spätere Chronisten und heutige Wissenschaftler noch zu irritieren vermag.
      Ein starker Wille zu Uniformität, Hierarchie und Gehorsam sowie ein erstaunliches Ausmaß an kalter Ãoberlegung und berechnendem Kalkül stehen neben dem erklärten Ziel, die Aufklärung allgemein zu machen und die ursprünglichen Rechte der Menschheit wiederherzustellen. Fast scheint es, als wäre in der Janusköpfigkeit des Illuminatenbundes, dem Nebeneinander von humanem Ziel und rational-despotischen Mitteln, schon die Selbstzerstörung der Aufklärung vorweggenommen, wie Horkheimer/Adorno sie in der Dialektik der Aufklärung beschrieben haben.

     
   Die Irritation - auch in den eigenen Reihen - wurde verstärkt durch die Ãobernahme der Ordensstrukturen von dem erklärtermaßen gefährlichsten Feind der Illuminaten, den Jesuiten.
     

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