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Friedrich schiller: der geisterseher

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» Despotismus der Aufklärung: Marquis von Posa, Illuminaten und Jesuiten
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Briefe über Don Karlos



Die Ausführungen zeigen, daß Schiller mit der literarischen Verarbeitung der Geheimbund- und Verschwörungsthematik im Geisterseher einen Trend der Zeit aufgriff und - knapp drei Jahre vor der Erstürmung der Bastille - im politischen Kontext popularisierte. Aber nicht nur in seinem Fortsetzungsroman, auch an anderer Stelle beschäftigte Schiller sich - in nuce - mit den potentiellen Einflußmöglichkeiten geheimer Gesellschaften auf Politik und Gemeinwesen. Mit der Figur des Marquis von Posa im Don Carlos schuf Schiller eine literarische Persönlichkeit, die eindrucksvoll die Ambivalenz der Geheimbünde und ihrer Absichten und Strategien verkörpert. Posa versucht, seinen jugendlichen Freund, den Kronprinzen von Spanien, in seinem aufgeklärten Sinne zu beeinflussen, um dadurch die politischen Geschicke des Landes indirekt mitzubestimmen. Seine Ziele mögen lauter und - aus moderner Sicht - bewunderungswürdig sein, und wer könnte sich seinem Postulat gegenüber dem König: "Geben Sie Gedankenfreiheit -" verschließen - doch die Mittel, mit denen er diese Ziele verwirklichen möchte, werden zu Auslösern der persönlichen Tragödie. Im Drama selbst werden die Hintergründe und die Tragweite der Aktionen des Marquis nicht ganz deutlich; daher überwiegen der sympathische Eindruck und die positive Ausstrahlung, die Posa zu einer durchaus charismatischen und einnehmenden Figur machen. In seinen Briefen über Don KariösT hat Schiller jedoch die Möglichkeit genutzt, explizit Stellung zu dessen Charakter zu beziehen, und seinen literarischen Entwurf dadurch nachträglich erheblich relativiert. Er deutet Posa darin als einen Menschen, der das Projekt der Aufklärung unter allen Umständen vorantreiben möchte und diesem Ziel alle persönlichen Gefühle und Bindungen opfert. Don Carlos wird für Posa zu einem idealen Anknüpfungspunkt,

Einfluß auf die zukünftige Regentschaft des Weltreichs Spanien zu nehmen; sein Freund ist er nur an zweiter Stelle. "Frühe denkt er [Posa] sich ihn [Carlos] als Königssohn, frühe drängt sich diese Idee zwischen sein Herz und seinen bittenden Freund. [...] Gefühle für Freiheit und Menschenadel waren früher in seiner Seele reif als Freundschaft für Karlos; dieser Zweig wurde erst nachher auf diesen stärkern Stamm gepfropft."
Posas Engagement für die gerechte Sache wird überschattet durch seine bedingungslose Hingabe an das politische Ideal, dessen gesellschaftliche Verwirklichung, so fern sie auch sein mag, keine Rücksicht nimmt auf einzelne Menschen, so nahe sie dem Marquis auch stehen mögen; dies betrifft auch den jungen Carlos, der sich seinerseits auf die Freundschaft des Älteren und auf dessen Führung verläßt. Doch in den Plänen Posas erfüllt der Prinz zunächst nur die Rolle eines ,,einzige[n] unentbehrlichefn] Werkzeug [s]"141. Der Begriff "Werkzeug" wird von Schiller an mehreren Stellen genannt und verdeutlicht die Absicht des Marquis, die Freundschaft zu Carlos für seine Zwecke zu funktionalisieren.' "Wo ist bei ihm das Interesse für den Prinzen nicht dem höhern Interesse für die Menschheit untergeordnet?" fragt Schiller im dritten seiner zwölf Briefe, die Antwort wohl wissend. "Fest und beharrlich geht der Marquis seinen großen kosmopolitischen Gang, und alles, was um ihn herum vorgeht, wird ihm nur durch die Verbindung wichtig, in der es mit diesem höhern Gegenstande steht." 43 Und: "Noch kennt er keinen andern und kürzern Weg, sein hohes Ideal von Freiheit und Menschenglück wirklich zu machen, als der ihm in Karlos geöffnet wird."
Die Hartnäckigkeit und Kompromißlosigkeit, mit der Posa sein großes Ziel verfolgt, läßt ihn einiges an Sympathie einbüßen; er ist eine ambivalente Figur, deren Motivation wohl anerkennenswert ist, deren Verhalten jedoch Ablehnung provoziert. Andre von Gronicka deutet Posa in seiner Charakterstudie als einen Idealisten, der - nur sein Ziel, "the utopian future of his dreams"145, vor Augen - die unmittelbare Gegenwart und mit ihr menschliche Gefühle und Verpflichtungen vergißt; er ist ein "despot of the idea"146, der sein Projekt im Verborgenen vorantreibt, seine Mitmenschen dabei wie Figuren in einem Spiel mißbraucht, um selbst gottähnlich seine große Vision zu verwirklichen. "Posa is not only determined to achieve his lofty goal but he must do it grandly. He must be the unchallenged master of the Situation, the only source of all activity, the inspired, superhuman mover of all things. Only thus can he satisfy his need of extreme self-assertion, his craving for power that is dangerously close to outright megalomania." Storz bezeichnet Posa entsprechend als "Träger einer weltpolitischen, nahezu messianischen Sendung" 4 und gleichermaßen als "ebenso glühenden wie herzenskalten Fanatiker" . Borchmeyer nennt ihn - im Zusammenhang mit der Analyse seines
Charakters in den Briefen über Don Karlos - gar einen "Robespierre [...] ante portas"150. Der Vergleich mit dem französischen Revolutionsführer, dessen Idealismus in Totalitarismus umschlug und zu blutiger Tyrannei wurde, mag nicht so abwegig erscheinen, doch Borchmeyer selbst schränkt ein, daß "der Marquis Posa der Briefe ein anderer ist als im Schauspiel."

   Welche konkrete Bedeutung die Briefe über Don Karlos auch immer für das Drama und die Interpretation der Figuren haben mögen, Schiller erkennt und exemplifiziert in ihnen die Gefahren eines blinden, fanatischen Idealismus. Ohne Rücksichtnahme auf die Lebenden, ohne Respekt vor dem Individuum, kann die beste Absicht, wertvolle Ideale politisch zu verwirklichen, zu inhumaner Diktatur verkommen.
      Ich halte für Wahrheit, 'daß Liebe zu einem wirklichen Gegenstande und Liebe zu einem Ideal sich in ihren Wirkungen ebenso ungleich sein müssen, als sie in ihrem Wesen von einander verschieden sind - daß der uneigennützigste, reinste und edelste Mensch aus enthusiastischer Anhänglichkeit an seine Vorstellung von Tugend und hervorzubringendem Glück sehr oft ausgesetzt ist, ebenso willkürlich mit den Individuen zu schalten, als nur immer der selbstsüchtigste Despot, weil der Gegenstand von beider Bestrebungen in ihnen, nicht außer ihnen wohnt, und weil jener, der seine Handlungen nach einem innern Geistesbilde modelt, mit der Freiheit anderer beinahe ebenso im Streit liegt als dieser, dessen letztes Ziel sein eigenes Ich ist.' Wahre Größe des Gemüts führt oft nicht weniger zu Verletzungen fremder Freiheit als der Egoismus und die Herrschsucht, weil sie um der Handlung, nicht um des einzelnen Subjekts willen handelt.
      Schiller legt hier - im Kontext der Charakterisierung des Marquis von Posa -dar, daß rücksichtsloses und menschenverachtendes Verhalten unabhängig von der zugrunde liegenden Gesinnung und den angestrebten Zielen ist. In diesem Sinne deutet Storz die Forderung Posas an den König, die ganze Welt nach Errichtung eines humanen, republikanischen Staats zu unterwerfen, als Vermessenheit, die die scheinbaren ideologischen Widersacher des Dramas, den Marquis und den Großinquisitor, auf eine Stufe stellt: "Posa postuliert für das Heil in der Zukunft, was der Großinquisitor für die Erhaltung des Bestehenden praktiziert." 5 Der Zweck heiligt allerdings niemals die Mittel. Gerade wenn der Zweck die Verwirklichung eines politischen Ideals, eines gedanklichen Konstrukts ist, liegt die Gefahr blinden Eifers auf Kosten anderer Menschen nahe.
      Und hier, deucht mir, treffe ich mit einer nicht unmerkwürdigen Erfahrung aus der moralischen Welt zusammen [...]. Es ist diese: daß die moralischen Motive, welche von einem zu erreichenden Ideale von Vortrefflichkeit hergenommen sind, nicht natürlich im Menschenherzen liegen und eben darum, weil sie erst durch
Kunst in dasselbe hineingebracht worden, nicht immer wohltätig wirken, gar oft aber, durch einen sehr menschlichen Übergang, einem schädlichen Mißbrauch ausgesetzt sind. Durch praktische Gesetze, nicht durch gekünstelte Geburten der theoretischen Vernunft soll der Mensch bei seinem moralischen Handeln geleitet wer-den.1

   Schiller beschließt den elften Brief mit der Warnung, "daß man sich in moralischen Dingen nicht ohne Gefahr von dem natürlichen praktischen Gefühl entfernt, um sich zu allgemeinen Abstraktionen zu erheben, daß sich der Mensch weit sicherer den Eingebungen seines Herzens oder dem schon gegenwärtigen und individuellen Gefühle von Recht und Unrecht vertraut als der gefährlichen Leitung universeller Vernunftideen, die er sich künstlich erschaffen hat - denn nichts führt zum Guten, was nicht natürlich ist."'

   Schillers Kritik an den Prinzipien einer radikalen Vernunftherrschaft, die sich in seinen Ästhetischen Briefen voll entfalten wird, ist mit diesen Worten bereits explizit formuliert; sie bildet auch den Hintergrund für die frühen literarischen Werke, für die Räuber, die Philosophischen Briefe und natürlich für den Geisterseher, 5 und so verwundert es kaum, daß er diesem Thema in seinen Briefen über Don Karlos so viel Platz einräumt. Viel wichtiger im vorliegenden Kontext ist jedoch eine Bemerkung Schillers, die den oben zitierten Worten über "praktische Gesetze" und "gekünstelte Geburten der theoretischen Vernunft" unmittelbar folgt. Er schreibt:
Nennen Sie mir, lieber Freund - um aus unzähligen Beispielen nur eins auszuwählen - nennen Sie mir den Ordensstifter oder auch die Ordensverbrüderung selbst, die sich - bei den reinsten Zwecken und bei den edelsten Trieben - von Willkürlichkeit in der Anwendung, von Gewalttätigkeit gegen fremde Freiheit, von dem Geiste der Heimlichkeit und der Herrschsucht immer rein erhalten hätte? Die bei Durchsetzung eines, von jeder unreinen Beimischung auch noch so freien moralischen Zweckes, insofern sie sich nämlich diesen Zweck als etwas für sich Bestehendes denken und ihn in der Lauterkeit erreichen wollten, wie er sich ihrer Vernunft dargestellt hatte, nicht unvermerkt wären fortgerissen worden, sich an fremder Freiheit zu vergreifen, die Achtung gegen Anderer Rechte, die ihnen sonst immer die heiligsten waren, hintanzusetzen und nicht selten den willkürlichsten Despotismus zu üben, ohne den Zweck selbst umgetauscht, ohne in ihren Motiven ein Verderbnis erlitten zu haben.1

   Schillers Anspielung auf das Geheimbundwesen seiner Zeit, namentlich auf die Illuminaten und deren Gründer Adam Weishaupt, denn niemand und nichts anderes ist wohl hier gemeint, ist kein zufällig gewähltes Beispiel.
     

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