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Friedrich schiller: der geisterseher

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Das Allgemeine im Besonderen



Das Schicksal des Prinzen vollzieht sich im Spannungsfeld zwischen Rationalismus und Irrationalismus und spiegelt somit das existentielle Spannungsfeld des Menschen des 18. Jahrhunderts - und mithin der Moderne überhaupt -in konzentrierter Form wider. Seine geistige Entwicklung, die in ihrer Negati-vität nicht zwingend sein muß, reflektiert nichtsdestoweniger Typisches und Naheliegendes und kann somit als Modellfall des aufgeklärten Individuums und der ,,moderne[n] Seele mit ihrem unendlichen inneren Zwiespalt" angesehen werden. '[...] die eigentliche Leistung Schillers beruht darin", so Müller-Seidel, 'daß er die Analyse der individuellen Person mit der Analyse der Zeiterscheinung verknüpft: die Zersplitterung der Kräfte im Menschen korrespondiert mit der Zersplitterung nebeneinander existierender Kulturen und Subkulturen, denen es an Totalität mang elt." Ãober alles Individuelle,

Biographisch-Anekdotische oder Historisch-Faktische hinaus verkörpert der Prinz den Menschen schlechthin, dessen Suche nach metaphysischem Sinn, gesellschaftlicher Reputation und persönlichem Glück angesichts des neuzeitlichen Rationalisierungsprozesses und der damit verknüpften Sekundär-und Tertiärphänomene in allen Bereichen des Lebens problematisch geworden ist. Das fiktive Einzelschicksal profiliert sich als markante Skizze des anthropologischen Bildes einer Epoche und darüber hinaus als repräsentative Darstellung geistesgeschichtlicher Entwicklung allgemein mit nahezu prophetischen Zügen.
      In diesem Zusammenhang sind zwei Ã"ußerungen Schillers von Interesse, die sich zwar nicht explizit auf den Geisterseher beziehen, sondern auf das Verhältnis von Einzelschicksal und Menschheitsgeschichte einerseits und fiktive Biographie und historische Biographie andererseits, die jedoch mit dem Schicksalsentwurf des Prinzen von * * in Beziehung gesetzt werden können. In seinem Vorbericht zur Allgemeinen Sammlung historischer Memoires, die Schiller - angeregt durch die französische Collection universelle des memoires particuliers relatifs ä l 'histoire de France - seit 1790 herausgab, schreibt er:
Diese Gattung historischer Schriften, denen ihr Name schon bei vielen Lesern zur Empfehlung gereicht, hat den wichtigen Vorzug, daß sie zugleich den kompetenten Kenner und den flüchtigen Dilettanten befriedigt, jenen durch den Wert ihres Inhalts, diesen durch die Nachlässigkeit ihrer Form. [...] Daß es ein Augenzeuge -ein Zeitgenosse wenigstens - ist, welcher sie niederschrieb, daß sie sich auf eine einzige Hauptbegebenheit oder auf eine einzige Hauptperson einschränken und nie den Lebensraum eines Menschen überschreiten, daß sie ihrem Gegenstand durch die kleinsten Nuancen folgen, Begebenheiten in ihren geringzügigsten Umständen und Charaktere in ihren verborgensten Zügen entwickeln, gibt ihnen eine Miene von Wahrheit, einen Ton von Ãoberzeugung, eine Lebendigkeit der Schilderung, die kein Geschichtschreiber, der Revolutionen im großen malt und entfernte Zeiträume an einander kettet, seinem Werke mitteilen kann. Ãober die wichtigsten Weltbegebenheiten, die auf dem großen Schauplatz oft wie aus dem Nichts hervorzuspringen scheinen, wird uns in Memoires oft ein überraschender Aufschluß gegeben, weil sie Kleinigkeiten aufnehmen, die der Ernst der Geschichte verschmäht. Sie geben das Kolorit zu den nackten Umrissen des Geschichtschreibers und machen seinen Helden wieder zum Menschen, indem sie ihn durch sein Privatleben begleiten und in seinen Schwachheiten überraschen.
      Schiller beschreibt die Vorteile der Vermittlung historischer Fakten und Zusammenhänge durch die Memoires - und es sei an dieser Stelle an den gattungsbezogenen Untertitel des Geistersehers erinnert: Aus den Memoires des Grafen von O** - und betont dabei neben der Konzentration auf über-schaubare Handlungen, beziehungsweise der Konzentration auf eine Person, die im Mittelpunkt des Interesses steht, die Lebendigkeit der Darstellung, die durch Zeitgenossenschaft des Autors zu den geschilderten Sachverhalten gewährleistet sein soll und den Lesern die Lektüre anregend und unterhaltsam machen kann. Schiller denkt dabei vor allem auch an den Dilettanten, der nicht mit den Motiven eines fachmännischen Historikers an den Stoff herantritt, sondern zunächst auch das Vergnügen an einer spannenden Erzählung sucht. Die Berührungspunkte mit den fiktiven Memoiren des Grafen von O** liegen auf der Hand. Auch der literarische Erzähler verspricht durch die Veröffentlichung seiner privaten Erinnerungen 'einen willkommenen Aufschluß" über politische Ereignisse von bedeutender Tragweite und will das Anekdotische somit als Fundament und Erklärung für größere historische Zusammenhänge verstanden wissen. Die Geschichte des Prinzen läßt sich in diesem Sinne also durchaus als fiktives Dokument einer allgemeinen geschichtlichen Erfahrung deuten, und Schillers implizierte Empfehlung in der Einleitung zu der Memoirensammlung, das Individuelle als Repräsentation des Allgemeinen zu verstehen - das Einzelschicksal als Ausdruck einer Kollektiverfahrung -, liest sich wie eine nachträgliche Lektüreanweisung für den vermeintlich trivialen Fortsetzungsroman: 'Der Nutzen, den er [der Leser - M.H.] aus einer isolierten, wenn auch noch so anziehenden, noch so wichtigen Geschichtserzählung schöpfte, würde immer sehr geringe sein, wenn er das Einzelne nicht auf das Allgemeine zurückführen und fruchtbar anwenden lernte." Der Einzelfall muß als exemplarischer Fall einer historischen Epoche, als typisiertes Produkt sozialhistorischer Determinanten oder geistesgeschichtlicher Entwicklung erkannt werden.
      In einem Brief vom 10./11. Dezember 1788 an Caroline von Beulwitz unterscheidet Schiller zwischen der Wahrheit der Geschichte und einer ,,innre[n] Wahrheit", die er als 'philosophische und Kunstwahrheit" bezeichnet. Diese zweite Erscheinungsform der Wahrheit sieht er in literarischen Werken verkörpert, deren Figuren auf überzeugende und psychologisch stimmige Art und Weise gestaltet sind. 'Daß ein Mensch in solchen Lagen so empfindet, handelt, und sich ausdrückt ist ein großes wichtiges Factum für den Menschen; und das muß der Dramatische oder Romandichter leisten. Die innre Uebereinstimmung die Wahrheit wird gefühlt und eingestanden, ohne daß die Begebenheit wirklich vorgefallen seyn muß." Im Reich der literarischen Phantasie, sofern auch sie den Regeln der Wahrscheinlichkeit und der psychologischen Glaubwürdigkeit folgt, können sich also auch bedeutsame und wahre Erkenntnisse verarbeiten, ausmalen und -auf Seiten der Rezipienten - entdecken lassen. Ungehindert der historischen Faktizität mögen diese grundlegenden Wahrheiten in der Fiktion sogar an-schaulicher, exemplarischer hervortreten und sich deutlicher entfalten. 'Der Nutzen ist unverkennbar. Man lernt auf diesem Weg den Menschen und nicht den Menschen kennen, die Gattung und nicht das sich so leicht verlierende Individuum."
Eine fiktive Figur - wie beispielsweise der Prinz im Geisterseher - vermag daher zur Symbolfigur einer allgemeinen menschlichen Erfahrung zu werden; der Einzelcharakter und das individuelle Schicksal weiten sich aus zu menschlichem Denken, Fühlen, Handeln schlechthin und zum repräsentativen Bild des Menschen in seinem historischen, geistigen und kulturellen Umfeld. Die doppelte Stellvertreterfunktion der literarischen Fiktion für den historischen Fall einerseits und der individuellen Biographie für die allgemeine geschichtliche Entwicklung andererseits wird durch den Protagonisten des Geistersehers erfüllt, wobei der rein historische Rahmen durch den Effekt der symbolischen Aufladung und Bedeutungsentfaltung in allen Formen der Kunst nochmals überschritten wird. Die Spezifikationen des 18. Jahrhunderts scheinen ebenfalls nur mehr stellvertretende Funktionen für die verwirrende, verunsichernde, ja nicht selten beängstigende Erfahrung der Moderne generell einzunehmen. Die konkreten zeitgeschichtlichen Bezüge gehen auf im umfassenden Problemhorizont menschlicher Existenz und erfahren so eine künstlerische Deutung als Ausdruck der fundamentalen geistig-seelischen Erschütterung im Zeitalter der Aufklärung und des problematisierten Rationalismus, eine Transzendenz hin auf eine wahrhaft innere, philosophische Wahrheit.
      Weil die Problematik des Prinzen und die krisenhafte Zuspitzung seiner Sinnsuche unabhängig von den historischen Umständen und Details des Romangeschehens ihre Gültigkeit und Brisanz nicht verloren haben, vermag der Geisterseher auch heutige Leser nicht nur zu faszinieren, sondern auch unmittelbar zu berühren. Es geht dabei nämlich nicht nur um die Vermittlung historisch eingrenzbarer Sachverhalte, sondern um allgemeine anthropologische Fragestellungen, die die Moderne im ganzen und das Verhältnis des Menschen zu den spezifischen gesellschaftlichen und kulturellen Phänomenen dieser Moderne charakterisieren. Die Verschränkung von rationalen und irrationalen Prinzipien, die die Romanhandlung und die Verhaltensweisen der Figuren wesentlich bestimmt, - keine Erfindung Schillers, in seinem Roman jedoch paradigmatisch ausgearbeitet - hat in der Nachfolge zahllose Autoren und Künstler beeinflußt und der kulturellen Produktion in allen narrativen Medien bis auf den heutigen Tag wichtige ästhetische Impulse geliefert.
     

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