Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Fiktion und realität

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Zum Vorgehen



Die höfische Literatur des hohen Mittelalters soll hier im Zusammenhang mit den gesellschaftlichen und kulturellen Erscheinungen gesehen werden, die den Lebensstil des Adels in dieser Zeit bestimmt haben. Es soll gezeigt werden, in welchem Maß der Literaturbetrieb der höfischen Zeit von den historischen Verhältnissen geprägt worden ist. Das architektonische Konzept der staufischen Burgen und Pfalzen mit dem großen Festsaal als gesellschaftlichem Mittelpunkt hat die Voraussetzung dafür geschaffen, daß die repräsentativen Formen des Hoflebens sich in großem Stil entfalten konnten. Davon hat auch die Literatur profitiert, denn die großen Festsäle waren der Ort, wo die Dichter ihr höfisches Publikum erreichten. Ohne die grundlegende Umgestaltung der Frauenkleidung durch die Erfindung des Schnitts im 12. Jahrhundert, durch den die neue Mode der eng anliegenden und die Körperformen betonenden Kleider möglich wurde, hätte sich das neue Rollenspiel der Geschlechter im höfischen Unterhaltungsbetrieb und die Kultur der höfischen Liebe schwerlich so reich entwickeln können. Erst durch die Einrichtung eigener Kanzleien an den weltlichen Fürstenhöfen am Ende des 12. Jahrhunderts wurde ein geregelter Schriftbetrieb etabliert, der den Dichtern eine kontinuierliche Arbeit ermöglichte. Das sind nur einige Beispiele für den Zusammenhang zwischen literarischer und gesellschaftlicher Kultur, ein Zusammenhang, der schon öfter gesehen, aber noch niemals dargestellt worden ist.
      Die Darstellung wendet sich nicht an Spezialisten. Sie hat den Charakter einer Einführung und soll auch für denjenigen verständlich sein, der über keine Fachkenntnisse verfügt.
      Ohne ein historisches Grundgerüst bleiben die kulturellen Phänomene unverständlich. Deswegen wird im ersten Kapitelein Ãoberblick über Aufbau und Organisation der Gesellschaft im hohen Mittelalter vorangestellt. Der historisch Gebildete, der solcher Hilfen nicht bedarf, kann diesen Teil übergehen. Das erste Kapitel gibt außerdem eine historische Erläuterung der Begriffe »ritterlich« und »höfisch« und ihrer Bedeutung für die Adelskultur der Zeit.
      Die höfische Kultur des hohen Mittelalters ist in Frankreich entstanden. Ihre Rezeption an den deutschen Fürstenhöfen wird im zweiten Kapitel dargestellt. Die sprachliche und die literarische Rezeption soll vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland gesehen werden. Dabei soll gezeigt werden, daß die Intensivierung der Verbindungen im Bereich der Wirtschaft und Bildung wesentlich zur Verbreitung der französischen Kultur beigetragen hat.
      Höfische Kultur ist historisch am besten als materielle Kultur nachweisbar. Das dritte Kapitel wird die Bereiche der Sachkultur behandeln, in denen sich der moderne Charakter der adligen Lebensformen am deutlichsten manifestiert hat: den Burgenbau, den Kleiderluxus, die ritterliche Bewaffnung und die Tafelsitten. Ãoberall soll der Zusammenhang zwischen der materiellen Prachtentfaltung und dem neuen höfischen Gesellschaftsstil herausgearbeitet werden.
      Das Zeremoniell höfischer Umgangsformen hat sich historisch nirgends so deutlich gezeigt wie bei den großen Reichsver-sammlungen und Hoffesten, die mit ungeheurem Aufwand gefeiert worden sind. Im vierten Kapitel soll das gesellschaftliche Protokoll dieser höfischen Großveranstaltungen beschrieben werden, -wobei auch die Organisation und die wirtschaftlichen Voraussetzungen in den Blick treten sollen. Schwertleiten und Turniere, die als charakteristische Formen des höfischen Festes gelten können, erfahren eine besondere Behandlung.
      Der ideologische Bezugspunkt der adligen Gesellschaftskultur war eine neue Konzeption von höfischer Vollkommenheit, die sich in der Gestalt des höfischen Ritters und in der Figur der höfischen Dame manifestiert hat und die der höfischen Liebe einen zentralen Wert zuerkannte. Im fünften Kapitel wird dieses höfische Gesellschaftsideal beschrieben. Dabei soll der Akzent einerseits auf die historischen Voraussetzungen des ritterlichen Idealbilds gelegt werden, andererseits soll gezeigt werden, wie weit die höfischen Idealvorstellungen auf die Gesellschaftspraxis zurückgewirkt haben.

     
Die moderne höfische Gesellschaftskultur ist von den Dichtern der Zeit fast immer verherrlichend und idealisierend dargestellt worden. Zusammen mit der Hofkultur entstand jedoch im 12. Jahrhundert auch eine neue Form der Hofkritik, die in erster Linie von Geistlichen getragen wurde, an der sich aber in wachsendem Maß auch Laiendichter beteiligt haben. Im sechsten Kapitel soll ein knapper Ãoberblick über die Anfänge der Hofkritik in Deutschland gegeben werden.
      Das letzte Kapitel über den Literaturbetrieb der höfischen Zeit geht von der Tatsache aus, daß der noch überwiegend analphabetisch lebende Laienadel im 12. Jahrhundert an seinen Höfen eine eigene Schriftkultur gefördert hat. Das Verhältnis von Mündlichkeit und Schriftlichkeit in der höfischen Gesellschaft tritt deswegen in den Mittelpunkt. Dabei soll die Rolle der fürstlichen Gönner und Auftraggeber, die gesellschaftliche Stellung der Dichter und die Zusammensetzung des höfischen Publikums dargestellt -werden. Außerdem soll gezeigt werden, daß sowohl mit mündlichen als auch mit schriftlichen Formen der literarischen Verbreitung und Vermittlung gerechnet werden muß.
      Die zeitliche Begrenzung auf das 12. und 13. Jahrhundert folgt der Periodisierung der Literaturgeschichte. Die Historiker neigen heute dazu, bereits um 1200 eine Epochengrenze zu ziehen und mit dem Tod Kaiser Heinrichs

VI.

im Jahr 1197 und der Doppelwahl von 1198 eine neue Epoche, das späte Mittelalter, beginnen zu lassen. Die Literarhistoriker dagegen verwenden den Begriff »hohes Mittelalter« für die ganze höfische Zeit, die im 12. Jahrhundert mit dem Hervortreten der weltlichen Fürstenhöfe als neuen Zentren der Literatur begann und die bis ans Ende des 13. Jahrhunderts reichte. Es ist verlockend, die gesellschaftlichen Zustände im 12. und 13. Jahrhundert mit Hilfe des sehr viel reicheren Quellenmaterials aus dem 14. und 15. Jahrhundert zu veranschaulichen. Die kulturgeschichtlichen Arbeiten, die so verfahren sind, haben zwar auf den ersten Blick an Farbigkeit gewonnen, haben aber letztlich nur zur Verwirrung des geschichtlichen Bildes beigetragen.
      Gegenstand der Darstellung sind die Verhältnisse in Deutschland. Es wäre gewiß ein großer Gewinn, wenn eine solche Arbeit komparatistisch angelegt wäre und sich auch auf Frankreich, das normannische England, Sizilien und Norditalien erstrecken würde, wo zur selben Zeit die höfische Kultur in hoher
Blüte stand. Aber dafür fehlen vorerst alle Voraussetzungen. Angesichts des starken französischen Einflusses in Deutschland ist es allerdings unerläßlich, den Blick immer wieder dorthin zu richten. Im fünften Kapitel, wo es um die Konzeption der höfischen Liebe geht, werden französische Belege in größerem Umfang beigezogen, da die deutschen Quellen kein ausreichend deutliches Bild vermitteln.
      Ãoberall wird versucht, die Aussagen der literarischen Texte anhand historischer Quellen zu überprüfen und zu verifizieren. Das hat zur Folge, daß an vielen Stellen Belege aus Dichtungen in deutscher Spra,che und Belege aus Geschichtswerken in lateinischer Sprache scheinbar unkritisch nebeneinanderstehen. Der methodischen Problematik einer solchen Darstellungsweise bin ich mir bewußt. Sie mußte in Kauf genommen werden, weil im Rahmen einer zusammenfassenden Darstellung nicht die Möglichkeit besteht, den historischen Aussagewert der poetischen Belege einzeln zu erörtern. Ebenso unangenehm ist es, daß immer wieder Einzelbelege und Einzelbeobachtungen als typische Zeiterscheinungen angesprochen werden, ohne daß dafür immer eine Begründung geliefert werden kann. Hier wird der subjektive Charakter der Darstellung am deutlichsten; denn es wäre natürlich möglich, mit Hilfe anderer Belegstellen ein anderes Zeitbild zu entwerfen. Manchem mögen diese Mängel so gravierend erscheinen, daß sich die Frage stellt, ob eine Arbeit, die damit behaftet ist, noch als sinnvoll angesehen werden kann. Letztlich steht aber jede zusammenfassende Darstellung vor ähnlichen Problemen, besonders wenn sie sich zum Ziel gesetzt hat, die Gegenstände und Vorgänge so weit wie möglich aus den Quellen zu belegen.
      Ein Hauptanliegen ist es, die Quellen selbst sprechen zu lassen. Auf diese Weise soll historische Anschaulichkeit gewonnen werden. Alle Zitate werden zweisprachig angeführt, im Wortlaut des Originals und in Ãobersetzung. Um die Darstellung überprüfbar zu machen, sind die Zitate mit Nachweisen versehen, über die das Quellen Verzeichnis Auskunft gibt. Auf Anmerkungen wird verzichtet. Was die Darstellung der Forschung verdankt, muß dem.Literaturverzeichnis entnommen werden, das zugleich zu weiterer Beschäftigung mit den Gegenständen anregen soll. Eine wichtige Rolle kommt den Bildern zu: sie sollen durch ihre eigene Evidenz des Sichtbaren das im Text Gesagte verdeutlichen.
     

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