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Ritterbegriff und Ritterstand



Die ältere Forschung hatte in der Entstehung des Ritterstands die wichtigste Voraussetzung für die Entfaltung der Laienkultur und das Aufblühen der höfischen Dichtung gesehen. Daß diese Ansicht falsch war, kann als Ergebnis der Forschungsdiskussion der letzten Jahrzehnte über Grundlagen und Merkmale des Rittertums im hohen Mittelalter festgehalten werden. Wie die Realität des Rittertums zu erfassen und zu interpretieren ist, darüber ist jedoch noch keine Ãœbereinstimmung erzielt worden.

      Ritter - miles - chevalier
Unstrittig ist, daß der Zugang zum Verständnis des Rittertums über die Terminologie gesucht werden muß. Für die Historiker, die hauptsächlich mit lateinischen Quellen arbeiten, steht dabei das lateinische Wort miles im Vordergrund, das im 12. Jahrhundert den »Ritter« bezeichnete {militem facere = zum Ritter macheN), miles war ein altes römisches Wort, dessen Bedeu-tungsgeschichte bis zum hohen Mittelalter erst teilweise aufgehellt ist. Im klassischen Latein hieß miles »Soldat, Krieger«, wobei der Akzent darauf lag, daß der miles ein Fußsoldat war im Gegensatz zum Reiter und ein einfacher Soldat im Gegensatz zum Anführer. Außerdem lag in miles immer auch der Gedanke des Dienstes; militare hieß »Kriegsdienst tun« oder allgemein »dienen«. Diese Bedeutungskomponenten blieben das ganze Mittelalter hindurch lebendig. Im 10. und 11. Jahrhundert erhielt das Wort miles zwei neue Bedeutungsakzente, die für den Wortgebrauch der höfischen Zeit wichtig geworden sind. Einerseits konnte miles jetzt auch den adligen Vasallen, den Lehnsmann, bezeichnen. Man kann vermuten, daß die Verpflichtung der Vasallen zu militärischem Dienst den neuen Wortgebrauch begünstigt hat. Andererseits wurde es üblich, nicht mehr alle Krieger als milites zu bezeichnen, sondern nur noch diejenigen, die als schwergewappnete Reiter kämpften. Die Unterscheidung von milites undpedites lief der alten römischen Bedeutung von miles direkt zuwider, ohne diese gänzlich zu verdrängen. Vielleicht läßt sich die Bedeutungsveränderung daraus erklären, daß die Ausbildung einer schweren Reiterei in der Karolingerzeit aufs engste mit der Entwicklung des Lehnswesens und der Vasallität verbunden war. Die weitere Geschichte des Wortes miles läßt sich nicht mehr mit derselben Eindeutigkeit beschreiben, weil von nun an die verschiedenen Bedeutungen nebeneinander herliefen und vor allem weil bedeutende regionale Unterschiede den Wortgebrauch bestimmt haben. Für die Ausbildung des höfischen Ritterbegriffs war es von großer Bedeutung, daß das Wort miles im 12. Jahrhundert vereinzelt auf Mitglieder des hohen und höchsten Adels angewandt wurde. Daneben gewann miles eine besondere Bedeutung in bezug auf die Ministerialität. Seit dem Ende des 12. Jahrhunderts konnten die Wörter miles und ministerialis geradezu als Synonyme verwendet werden. Ob sich darin bereits der Aufstieg der Ministerialen zu einer adelsgleichen Position spiegelte oder ob das Wort miles eher die Dienstbindung der Ministerialen zum Ausdruck brachte, ist nicht leicht zu entscheiden. Wo es um den Rechtsstatus ging, blieben die Begriffe Adel und Ministerialität getrennt. In den Zeugenlisten der Urkunden wurde noch lange zwischen nobiles und ministeriales unterschieden. Erst im Verlauf des 13. Jahrhunderts - in manchen Gegenden etwas früher, in anderen später
- wurde es üblich, die Ministerialen generell als milites zu bezeichnen.
      Bei der Entfaltung seines hochmittelalterlichen Bedeutungsradius stand das Wort miles in einer noch nicht genügend erforschten Wechselwirkung mit dem französischen Wort chevalier und dem deutschen Wort ritter, die beide, ebenso "wie miles, aus einer niedrigen sozialen Sphäre stammten und denselben charakteristischen Aufstieg erlebt haben. Der Vergleich des Wortgebrauchs wird dadurch erschwert, daß sowohl chevalier als auch ritter fast ausschließlich in poetischen Texten bezeugt sind und daß die außerdichterische Verwendung der volkssprachlichen Wörter kaum zu erfassen ist.
      Chevalier ist aus spätlateinisch caballarius entstanden, das bereits in der Karolingerzeit nicht mehr den »Pferdeknecht« bezeichnete, sondern den »Mann zu Pferde«. Caballarii waren häufig Unfreie, die berittene Botendienste verrichteten. Die Beziehung zum Pferd, die das Wort miles erst sekundär entwickelt hat, war in chevalier von Anfang an gegeben. Das französische Wort begegnet zuerst nach 1100 in den älteren »Chansons de geste« . Die gründlichen Untersuchungen von Jean Flori über den Wortgebrauch im 12. Jahrhundert haben zu dem Ergebnis geführt, daß zunächst die militärische Bedeutung bestimmend war und daß daneben fast immer ein Element der Dienstbarkeit den chevalier gekennzeichnet hat. Als chevalicrs erscheinen in den französischen Epen sowohl große adlige Herren als auch einfache Soldaten: eine juristische oder soziale Gleichstellung aller Chevaliers ist nicht zu erkennen. Im Verlauf des 12. Jahrhunderts trat dann die moralische und religiöse Komponente des Worts allmählich deutlicher hervor. Aber erst um 1160 bis 1180, in den Versromanen von Chretien de Troyes, wurde das Wort chevalier zum Zentralbegriff des neuen höfischen Gesellschaftsideals.
      Das deutsche Wort »Ritter« ist seit der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts bezeugt. Da althochdeutsche Belege fehlen, kann man vermuten, daß das Wort eine Neubildung war, die wahrscheinlich von Anfang an unter dem Einfluß von miles und vielleicht auch schon von chevalier gestanden hat. Auf diese Weise dürften sich die auffälligen Ãœbereinstimmungen im Anwendungsbereich und in der Bedeutungsdifferenzierung erklären. Wie bei miles liegt der Hauptakzent einerseits auf der kriegerischen Betätigung und andererseits auf dem Dienstgedanken.

     
Wie bei chevalier ist die Verbindung zum Pferd bereits im Wort angelegt. In den Texten des 12. Jahrhunderts bezeichnete ritter meistens den einfachen Krieger oder den Dienstmann. Aber das Wort hatte auch sehr früh bereits einen auszeichnenden Sinn. Das wird am deutlichsten in der >Millstätter Genesis< , wo Potiphar, der ägyptische Feldherr und Oberbefehlshaber2, an den Joseph in Ägypten verkauft wurde, als »Ritter« bezeichnet wird: »Sie verkauften ihn sogleich einem Ritter Potiphar.« In der älteren Wiener Fassung hieß es an dieser Stelle: »einem Herrn mit Namen Potiphar«4. Unter der dazugehörenden Miniatur in der Millstätter Handschrift steht: »einem Fürsten Potiphar«5. Die Wörter ritter, herre und fürste scheinen hier bereits austauschbar zu sein. Aber es hat noch mehr als ein halbes Jahrhundert gedauert, bis der adlige Ritterbegriff sich durchgesetzt hat. Eine Loslösung von der militärischen Bedeutung ist zuerst für das Adjektiv ritterlich zu beobachten, das schon um 1170 in der Bedeutung »stattlich, schön, prächtig« begegnet, wenn es zum Beispiel von der Kleidung der Hofdamen hieß: »Sie trugen ritterliche Gewänder« oder wenn von den jungen Damen am Hof der Königin Candacis gesagt wurde, sie waren »gut gewachsen und schlank und ganz ritterlich, schön unter den Augen«7. Diese Belege stammen aus Texten, die nicht nach französischen Vorlagen gedichtet sind. Das könnte darauf deuten, daß das Wort ritter nicht erst durch den Einfluß von chevalier zu einem Adelsprädikat geworden ist. Aber erst in der Rezeption der Epen von Chretien de Troyes hat der höfische Ritterbegriff sich voll entfaltet. Seit dem >Erec< von Hartmann von Aue war jeder Fürst und jeder König, von dem die höfische Dichtung erzählte, »der allerwürdigste Mann, der je Ritternamen gewann«8.

      Adliges Rittertum
Aus dem alten römischen Soldaten- und Dienstwort miles ist im Mittelalter ein Adelsprädikat geworden. Ausgangspunkt dieser Entwicklung war sicherlich die militärische Bedeutung des Wortes. Seitdem miles den schwergepanzerten Reiterkrieger bezeichnete , konnten alle, die so in den Kampf zogen, milites heißen, vom König bis zum bezahlten Söldner. Während aber in bezug auf die einfachen Soldaten meistens die waffentechnische Unterscheidung zwischen Reiterei und Fußtruppen betont wurde, erhielt das Wort miles, wo es auf adlige Krieger angewandt wurde, fast immer einen moralischen und ideologischen Akzent. Das kam am deutlichsten in den schmückenden Adjektiven zum Ausdruck, die den adligen Herrn als »guten Krieger«, als »tapferen Krieger«, als »vornehmen Krieger« feierten. So konnte das Wort miles in Verbindung mit den Adjektiven probus, illustris, praeclarus, egregius usw. bereits in lateinischen Quellen des 11. Jahrhunderts auf Mitglieder des Hochadels Anwendung finden, ebenso wie in den volkssprachigen Texten des 12. Jahrhunderts der adlige chevalier mit den Prädikaten franc, gentil, noble, vaillant usw., der adlige ritter mit edele, guot, wert, gemeit usw. geschmückt worden ist. In ganz ähnlicher Weise konnte das mittelhochdeutsche Wort »Knecht« , das in seiner eigentlichen Bedeutung einer sehr niedrigen Sozialsphäre angehörte, in der Verbindung guoter kneht als auszeichnendes Kriegerwort auch für große Herren verwendet werden: »Karl der Große ist selber ein guter Knecht.«
Dieser Wortgebrauch läßt erkennen, daß das adlige Rittertum primär nicht ein sozialgeschichtliches, sondern ein ideologisches Phänomen gewesen ist. Erst als man begann, den Gebrauch der weltlichen Waffen moralisch zu rechtfertigen, wurde aus dem adligen »Krieger« ein »Ritter«. Die Anfänge lassen sich bis ins 10. Jahrhundert zurückverfolgen, nach Cluny, wo das Programm aufgestellt wurde, daß der adlige Krieger seine Waffen im Dienst der Kirche und der christlichen Religion führen sollte. Im 11. Jahrhundert erfuhr dieses Programm in der Gottesfriedensbewegung eine historische Konkretisierung. Im 12. Jahrhundert rückte die Kreuzzugsidee in den Mittelpunkt. Als »Soldaten Gottes« {milites DeI) und »Diener Chri-sti« zogen alle, die das Kreuz genommen hatten, in den Krieg. In diesem religiösen Sinn konnte der Dienstgedanke, der immer mit dem wzj/es-Begriff verbunden war, auch für die adligen Herren eine auszeichnende Bedeutung erlangen.
      Von dem religiösen Ritterbegriff her ist wahrscheinlich auch die Ritterterminologie der adligen Schwertleite zu erklären. Wenn ein großer Herr im 12. Jahrhundert »Ritter« genannt wurde, ohne schmückendes Adjektiv und ohne Bezugnahme auf den Kreuzzugsgedanken, so bezog sich das Wort darauf, daß er feierlich das Schwert geleitet hatte. Zum Zeremoniell der Schwertumgürtung gehörte ein Schwertsegen, der den »neuen Ritter« darauf verpflichtete, seine Waffen nur zu guten und frommen Zwecken zu führen . Der Ausdruck »zum Ritter machen« wurde unabhängig vom sozialen Rang des Kandidaten gebraucht. Der Rittertitel, den man mit der Schwertleite erwarb, war für die Söhne aus hochadligen Geschlechtern keine Rangbezeichnung, sondern ein Ehrenname.
      Die Ausbildung des Ritterstandes
Nach dem Sprachgebrauch der Quellen war ein miles-ritter im 12. Jahrhundert entweder ein Soldat, vorzüglich ein Reiterkrieger oder ein Ministeriale oder ein adliger Herr, der das Schwert geleitet hatte.
      Die ältere Forschung wollte die verschiedenen Erscheinungsformen des Rittertums aus einer ständischen Gemeinsamkeit erklären. Man sprach von einem »einheitlichen Ritterstand«, der alle umfaßt habe, die ritterlich kämpften, vom König bis zum letzten Ministerialen. Dieser Ritterstand sei zunächst ein Berufsstand gewesen, der sich später zu einem Geburtsstand gewandelt habe. Diese Vorstellung, die noch in manchen neueren Beiträgen zur Ritterforschung nachwirkt, konnte sich darauf berufen, daß schon im Mittelalter die Menschen nach ihren Berufen eingeteilt wurden und daß man dabei alle, die mit Waffen umgingen, zu einem Stand der »Krieger« zusammengefaßt hat . Außerdem konnte man darauf verweisen, daß es im Mittelalter auch schon die Begriffe ordo militaris und ordo equestris gegeben hat, die im Sinn von »Ritterstand« aufge-faßt werden konnten. Es ist jedoch zu bedenken, daß allen berufsständischen Einteilungen im Mittelalter ein stark theoretisches Element innewohnte. In Wirklichkeit war die mittelalterliche Gesellschaft nicht nach Berufsgruppen organisiert, solange sich eine geburtsständische Ordnung noch nicht durchgesetzt hatte; sondern von Anfang an war die Gesellschaftsstruktur hierarchisch. Der »Kriegerstand« der berufsständischen Einteilungen muß primär aus geistlichem Wortgebrauch verstanden werden: er diente hauptsächlich dazu, im Gegensatz zum »Klerikerstand« weltliches und kirchliches Leben zu unterscheiden. Eine konkrete Bedeutung erhielt der Begriff ordo militaris oder ordo militum erst im 12. Jahrhundert, als er einerseits zur Bezeichnung der neuen religiösen Ritterorden benutzt wurde und andererseits gleichbedeutend wurde mit ordo ministerialis und zur Umschreibung der Ministerialität diente.
      Die Ausbildung des Ritterstands vollzog sich nicht im Licht eines abstrakten Standesbegriffs, sondern vor dem Hintergrund bedeutender gesellschaftlicher Veränderungen, die in Frankreich anders verliefen als in Deutschland. In einigen Teilen Frankreichs setzte bereits im 11. Jahrhundert eine Umschichtung ein, in deren Verlauf eine Schicht, deren Mitglieder in den Quellen als »Ritter« bezeichnet wurden, sich als niederer Adel verfestigte und sich nach oben gegen die mächtigen »Chätelains« und nach unten gegen die bäuerliche Landbevölkerung abgrenzte. Eine entsprechende Gruppierung läßt sich in Deutschland nicht nachweisen. In den deutschen Urkunden blieb im Bereich der unteren Adelsränge die Unterscheidung zwischen »Edelfreien« und »Ministerialen« selbst dann noch bestehen, als die Ministerialen -jedenfalls die mächtigeren unter ihnen - schon längst eine adlige Lebensweise angenommen hatten. Erst im Verlauf des 13. Jahrhunderts - auch hier gab es bedeutende lokale Unterschiede, die nur zum kleinen Teil erforscht sind - verschwand der Begriff ministerialis aus den Urkunden, und die Kanzleien gingen nach und nach zu einer ?ra/es-Terminologie über, die offenbar nicht mehr auf die unfreie Herkunft des Betroffenen abhob, sondern auf seinen adligen Rang.
      Seit der Mitte des 13. Jahrhunderts wurden urkundliche Zeugnisse allmählich häufiger, in denen miles und militaris eine Qualität der Geburt bezeichneten: »von ritterlicher Abkunft« , »aus ritterlichem Geschlecht« , »aus ritterlichem

Stamm« 10. In dieser Terminologie dokumentierte sich, daß die Umwandlung der Ministerialität zum niederen Adel des späten Mittelalters und ihre Verschmelzung mit den Resten des alten freiherrlichen Adels begonnen hatte. Auf diese Weise ist der Ritterbegriff schließlich auch in Deutschland am unteren Rand des Adels zu einem Standesbegriff geworden. Die Ritter-bürtigen waren nach unten abgegrenzt gegenüber denen, die die Qualität der vornehmen Geburt nicht besaßen, nach oben gegen die hochadligen Familien, die sich jetzt »Herren« nannten. Wenn seit dem Ende des 13. Jahrhunderts in verschiedenen Territorien eine landständische Verfassung sichtbar wird, findet man unterhalb des »Herrenstands« einen »Ritterstand«, der hauptsächlich aus den Nachkommen der alten Ministerialenfamilien bestand. Allerdings ist die Entwicklung nicht einheitlich verlaufen. In Osterreich zum Beispiel, wo die Landesministerialen bereits in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts eine bedeutende Machtposition erreicht hatten, waren die »Ritter und Knappen«11, die im Landfrieden von 1281 zum ersten Mal als eigene Gruppe bezeugt sind, nicht mit den Landesministerialen identisch, sondern waren, unterhalb der »Landherren« - wie die großen Ministerialen in Österreich genannt wurden —, aus der Ministerialität kleinerer adliger Familien zusammengewachsen. Ungeachtet dieser landschaftlichen Unterschiede kann man jedoch sagen, daß der Ritterbegriff im 14. Jahrhundert zur Standesbezeichnung des niederen Adels geworden ist.

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