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Fiktion und realität

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» Grundbegriffe der gesellschaftlichen Ordnung

Grundbegriffe der gesellschaftlichen Ordnung



Recht
»Niemand ist so erhaben wie das Recht. Denn Gott ist wahrlich ein gerechter Richter.« Die Vorstellung, daß alles Recht in Gott seine Wurzel hat, war im Mittelalter Gemeingut. Im Prolog zum >Sachsenspiegel< heißt es: »Gott selber ist die Gerechtigkeit. Deswegen ist ihm das Recht lieb.« Auf solchen Aussagen gründete die Lehre vom guten alten Recht , derzufol-ge das Recht im Mittelalter als »heiliges Recht« immer schon vorgegeben war und von den Menschen nicht »gesetzt«, sondern nur »gefunden« wurde. Es gab danach keinen Unterschied zwischen subjektivem und objektivem, zwischen natürlichem und positivem Recht. Recht und Gerechtigkeitssinn haben ihren gemeinsamen Ursprung im Glauben an die göttliche Gerechtigkeit. Das Recht lebte in alten mündlichen Ãoberlieferungen, in der Erinnerung der weisen Männer, die es an die Nachgeborenen weitergaben. Jede Rechtsneuerung konnte als Wiederherstellung des alten Rechts angesehen werden. In diesem Sinn sagte Eike von Repgow in der Reimvorrede zum >Sachsen-spiegeh von seinem Werk: »Dieses Recht habe ich nicht selber ausgedacht; unsere ehrwürdigen Vorfahren haben es von Alters her auf uns gebracht. « So wenig die Ausstrahlungskraft solcher Rechtsvorstellungen in Zweifel gezogen werden kann, so deutlich ist doch auch, daß zwischen der religiös fundierten Rechtsidee und der Praxis des Rechtslebens eine große Diskrepanz bestand. Jedermann wußte, daß es nicht genügte, sich auf das alte Recht zu berufen, sondern daß man sein Recht nur bewahren konnte, wenn man es von jedem neuen Herrscher neu verbriefen ließ. Gerade im 12. Jahrhundert begann eine neue Periode der Rechtsgeschichte mit zahlreichen Kodifizierungen, die allenthalben neues Recht setzten: in Form von kaiserlichen Erlassen, Landfrieden, Fürstenprivilegien, Dienst- und Stadtrechten usw.

     

Solange es keinen staatlichen Verwaltungsapparat gab, bestand die öffentliche Ordnung fast ausschließlich in der Gerichtsverfassung. Wohl und Wehe der Menschen hingen weitgehend davon ab, ob und wie Recht gesprochen wurde. Recht zu sprechen und Frieden zu wahren, galt im Mittelalter als die vornehmste Herrscherpflicht. Wenn der Herrscher unfähig war, diese Aufgabe zu erfüllen, oder wenn er unerwartet starb, ohne daß die Nachfolge geregelt war, verbreitete sich Anarchie im ganzen Land. Angesichts der chaotischen Verhältnisse nach dem Tod Kaiser Heinrichs

VI.

im Jahr 1197 hat Walther von der Vogelweide die Menschen aufgerufen, sich an den Ordnungen des Tierreichs ein Vorbild zu nehmen. Wie unter den Menschen herrsche zwar auch unter den Tieren ein ständiger Kampf; »aber in einem beweisen sie Verstand: sie würden sich für nichtig halten, hätten sie nicht eine starke Gerichtsordnung geschaffen. Sie wählen Könige und kiesen Recht und setzen Herren und Knechte.« Die Errichtung einer festen Rechtsordnung wird hier als entscheidender Schritt zu einer funktionierenden Staatlichkeit beschrieben. Auch die mittelhochdeutsche Lehrdichtung wußte, daß ohne Recht kein geordnetes Leben möglich war: »Mehr als alles andere ist das Recht Maß, Gewicht und Zahl der Dinge. Ohne Recht kann niemand friedlich leben.«'
Recht verwirklichte sich in der Gerichtsgewalt des Königs und der großen Herren. Die Mahnung an die Richter, ihr Amt gerecht auszuüben und keinen Unterschied zwischen Armen und Reichen zu machen, findet sich allenthalben. Aber fast nie wird in diesem Zusammenhang erwähnt, daß ja nicht alle Menschen vor demselben Richter standen. Es gab im Mittelalter keine Gleichheit vor dem Gericht und kein Recht für alle. Sondern es gab eine verwirrende Fülle verschiedener Rechtskreise: Landrecht, Lehnsrecht, Stadtrecht, Dienstrecht, Hofrecht usw., die noch dazu von Landschaft zu Landschaft, von Herrschaft zu Herrschaft sehr unterschiedlich aussahen. Jeder Mensch lebte nach seinem Recht, aber auch das Recht des Einzelnen war nicht einheitlich, insofern er gleichzeitig in verschiedenen rechtlichen Bindungen stehen konnte.
      Herrschaft
Auf die Frage, wie Herrschaft entstanden ist und warum es Herren und Knechte gibt, hatte man im Mittelalter vielfach nur negative Antworten bereit. Die Ungleichheit der Menschen wurde entweder als Folge des Sündenfalls erklärt oder auf die Ermordung Abels durch seinen Bruder zurückgeführt oder -diese Erklärung hat die weiteste Verbreitung gefunden - auf Noahs Fluch über seinen Sohn Harn. Er sprach: »>Verflucht sei Kanaan und sein ganzes Geschlecht! Sie sollen Diener und unfreie Knechte meiner beiden anderen Söhne sein.< Nun gebt acht, meine lieben Freunde: auf diese Weise sind die Adligen entstanden und die Eigenleute.« Dahinter stand der aus der römischen Staatslehre bekannte Gedanke, daß die Menschen ursprünglich alle gleich gewesen seien. »Die Natur hat uns nicht mehr zugewiesen als dem Vieh auf der Weide. Sie hat uns alle Dinge gemeinsam gegeben. Dann aber nahmen einige Menschen für sich alleine, wovon viele hätten leben können.« Daß alle Herrschaft Gewalt und Unrecht voraussetzt, ist am deutlichsten von Elke von Repgow im >Sach-senspiegeh ausgesprochen worden: »Nach rechter Wahrheit hat Leibeigenschaft ihren Anfang von Zwang und von Gefangenschaft und von unrechter Herrschaft genommen, die man von alter Zeit her in unrechte Gewohnheit übergeführt hat und nun für Recht haben will.« Wie die adlige Gesellschaft, für die die meisten dieser literarischen Texte bestimmt waren, auf solche Gedanken reagiert hat, wissen wir nicht.
      Ganz anders als die Autoren im Mittelalter sieht die moderne Verfassungsgeschichte Entstehung und Wesen der Herrschaft an. Je mehr sich die Einsicht durchgesetzt hat, daß die Kategorien des modernen Staatsrechts untauglich sind, um die Verfassungswirklichkeit im Mittelalter angemessen zu beschreiben, um so wichtiger ist der Herrschaftsbegriff geworden. Die mittelalterliche Staatsform wird von den meisten Historikern mitdem Begriff »Adelsherrschaft« umschrieben. Damit ist gemeint, daß die eigentliche Macht über viele Jahrhunderte hinweg in der Hand einer relativ kleinen Gruppe hochadliger Familien gelegen hat, in die es kaum einen Aufstieg gab. Nach dieser Auffassung war die Kontinuität adliger Herrschaft von der frühen germanischen Zeit bis zur Ausbildung der Landesherrschaft im Spätmittelalter das wichtigste Merkmal der mittelalterlichen Verfassungsgeschichte. Daß Deutschland ein Königreich war, ist demnach von zweitrangiger Bedeutung gewesen, weil Königsherrschaft nur graduell und nicht wesensmäßig von der Herrschaft des Adels verschieden war.
      Adelsherrschaft war Herrschaft über Land und Leute. Mit germanischen Rechtsbegriffen unterscheidet man zwischen Munt und Gewere . Die Frage, ob die Fülle der unterschiedlichen Erscheinungsformen von Herrschaft im Mittelalter -Grundherrschaft, Kirchenherrschaft, Landesherrschaft usw. -aus einer gemeinsamen Wurzel erklärt werden kann, hat die neuere Forschung sehr beschäftigt. Otto Brunner und Walter Schlesinger haben darauf eine Antwort gegeben, die die moderne Auffassung der mittelalterlichen Verfassungsgeschichte entscheidend geprägt hat und die vielfach noch heute als gültig angesehen wird. Danach war das Haus Kern und Ausgangspunkt aller Herrschaft. Das Haus war ein Friedensbezirk, ein Bezirk eigenen Rechts, in welchem der Hausherr alle Gewalt über Personen und Sachen ausübte. Heute wird diese Auffassung und die ganze Vorstellung, daß in der Kontinuität von Herrschaft das Grundelement der mittelalterlichen Verfassungsgeschichte zu sehen sei, vor allem von Rechtshistorikern kritisiert. Für die weitere Diskussion dieser Fragen könnte auch die deutschsprachige Herrschaftsterminologie der mittelhochdeutschen Quellen, die noch nicht gründlich untersucht worden ist, eine wichtige Rolle spielen.
      Unbestritten ist, daß der Charakter staatlicher Herrschaft sich im Verlauf des hohen Mittelalters grundlegend verändert hat. Theodor Mayer hat dafür die einprägsame Formel gefunden, daß aus dem »Personenverbandstaat« des Frühmittelalters der »institutionelle Flächenstaat« der Neuzeit geworden sei. Das bedeutet, daß die Machtbasis des Herrschers in der älteren Zeit, neben seinem eigenen Grundbesitz, ein Geflecht persönlicher Abhängigkeitsverhältnisse war, während es später den Herrschern gelang, ein geschlossenes Gebiet herrschaftlich zudurchdringen, indem sie dort die meisten Herrschaftsrechte in ihrer Hand vereinigten. Dieser Prozeß wird auch als die Ausbildung der Landesherrschaft beschrieben oder historisch als die Entstehung der Territorialstaaten. Die Frage nach den Grundlagen der Landesherrschaft läßt sich nicht eindeutig beantworten. Sicherlich war die Grundherrschaft eine wichtige Voraussetzung; noch wichtiger waren offenbar die gräflichen Rechte, vor allem die hohe Gerichtsbarkeit. Aber es ist nicht möglich, die Landesherrschaft aus einem einzelnen Herrschaftsrecht abzuleiten. Ebensowenig läßt sich der Ausbau der Landeshoheit einfach als Usurpation von alten Königsrechten durch die Fürsten begreifen, obwohl es unbestreitbar ist, daß die Schwächung des Königtums in Deutschland ein wichtiger Faktor für den Machtzuwachs der Fürsten war. Sicher ist auch, daß eine Reihe von Königsrechten in die Landesherrschaft eingegangen ist. Die großen Reichsgesetze Kaiser Friedrichs

II.

zugunsten der geistlichen Fürsten und dann auch der weltlichen Fürsten machten die Ausübung der Hoheitsrechte über Gericht, Geleit, Münze, Zoll sowie Städte- und Burgenbau durch die Fürsten in ihrem Herrschaftsbereich für immer rechtsgültig. Die Regalien wurden zu wichtigen finanziellen Einnahmequellen für die Territorialherren, während Burgenbau und Städtegründungen sich als besonders wirksame Instrumente des Landesausbaus erwiesen. Den größten Widerstand gegen die Durchführung der neuen Form von Gebietsherrschaft leisteten die alten Adelsfamilien, von denen die meisten ihre Hoheitsrechte an die Landesfürsten verloren und in die Territorialstaaten integriert wurden. Es gelang dem Landadel jedoch fast überall, durch korporativen Zusammenschluß eine Teilhabe an der Herrschaft im Land zu gewinnen. Bereits in einem Reichsspruch des Jahres 1231 wurde von König Heinrich entschieden, daß kein Fürst oder »Landesherr« neue Gesetze erlassen dürfe, ohne »die Zustimmung der Vornehmen und Großen des Landes«9. In Bestimmungen dieser Art lagen die Anfänge der landständischen Verfassung.

     
Stand
»Gott hat drei Stände erschaffen: Bauern, Ritter und Geistliche.« Die Vorstellung, daß die Menschen nach ihrer Tätigkeit eingeteilt werden können in solche, die die Felder bestellen, solche, die kämpfen, und solche, die beten, war seit dem Ende des 10. Jahrhunderts verbreitet. »Dreigeteilt ist das Haus Gottes, das doch für eines gehalten wird. Die einen beten, andere kämpfen und andere arbeiten.« Das Aufkommen dieser Formel wird heute meistens als Indiz dafür gewertet, daß zu diesem Zeitpunkt die Ausbildung des niederen Adels, wenigstens in Frankreich, so weit fortgeschritten war, daß man terminologisch einen adligen Kriegerstand von der in der Landwirtschaft tätigen Bevölkerung abgrenzen konnte. Man darf dabei jedoch nicht vergessen, daß bereits die griechische Philosophie die Unterscheidung von Nährstand, Wehrstand und Lehrstand kannte und daß man im Mittelalter sehr wohl über die antiken Grundlagen dieses Ständeschemas informiert war. Im >Klagebuch< des berühmten Frauenfeindes Matheolus heißt es: »Ãobrigens haben schon unsere antiken Philosophen drei Stände festgestellt. Sie haben nämlich der Geistlichkeit die Verantwortung für die Glaubenslehre gegeben, damit sie die anderen zwei leite. Darauf folgt der bewaffnete Ritter, damit er das Gemeinwesen schütze; diesen beiden unterstehen die Bauern und die übrigen Laien, deren Arbeit den Lebensunterhalt für die beiden anderen Stände schafft.« Die hier vorgenommene hierarchische Stufung der drei Orden erklärt sich allerdings eher aus mittelalterlichen Wirklichkeitserfahrungen als aus der Kenntnis antiker Schriften. Der alte Gedanke, daß die drei Berufe im Prinzip gleichwertig seien, findet sich, etwa gleichzeitig, bei dem deutschen Spruchdichter Frauenlob: »Von Anfang an waren die Menschen in drei Gruppen geteilt, wie ich gelesen habe: Bauern, Ritter und Geistliche. Sie waren, jeder in seiner Ordnung, einander immer gleich an Adel und Abstammung.« Die Wirklichkeitsah allerdings anders aus: Jedermann wußte, daß Ritter und Bauern nicht »gleich an Adel und Abstammung« waren.
      Neben der Einteilung in Beter, Krieger und Landarbeiter gab es viele andere Möglichkeiten, die Menschen nach ihrem »Stand« zu gruppieren. Den meisten Gliederungen lag der biblische Gedanke zugrunde, der vor allem in den Briefen des Apostels Paulus formuliert worden ist, daß die Ordnung der Welt in Gott ruht und daß »ein jeglicher in seiner Ordnung« steht. Dieser Grundgedanke der christlichen Ständelehre eignet sich jedoch kaum als Modell für eine Beschreibung tatsächlich bestehender Unterschiede in der Gesellschaft. Der »Stand« im paulinischen Sinn bezeichnete nur das Stehen in einer großen gottgewollten Ordnung. »Stände« in diesem Sinn waren Männer und Frauen, Arme und Reiche, Geistliche und Laien, Sünder und Gerechte usw. »Ehestand« und »Stand der Unschuld« erinnern im Deutschen noch an diesen Wortgebrauch. Dieser Standesbegriff muß erst auf die geschichtliche Wirklichkeit bezogen werden. Dabei ist zu berücksichtigen, daß es im Mittelalter keinen einheitlichen Begriff für »Stand« gegeben hat. Man benutzte die lateinischen Wörter Status, ordo, corpus, conditio, gradus und in den deutschsprachigen Texten name, leben, e, reht, orden, art und ambet. Das deutsche Wort stant scheint erst im 14. Jahrhundert aufgekommen zu sein und wurde erst im 15. Jahrhundert für die Ständeordnung in den Ländern verwendet.
      Der Wirklichkeit näher kam die Einteilung der Menschen in »Mächtige« und »Arme« , die ebenfalls an biblischen Sprachgebrauch anknüpfen konnte. Auf deutsch sagte man dafür: riebe und arme oder herren und knechte. Die Unterscheidung von Herrschaft und Dienst war grundlegend für die mittelalterliche Gesellschaftsordnung. Noch deutlicher wurde die hierarchische Leiter, wenn man drei Stufen unterschied. Der deutsche >Lucidarius< kennt eine Einteilung in »Freie«, »Ritter« und »Eigenleute«15. Mit den »Rittern«, die zwischen Freiheit und Leibeigenschaft stehen, waren wahrscheinlich die Ministerialen gemeint. Andere Reihungen nannten »Fürsten, Ritter, Knechte« oder »Gra-fen, Freie, Dienstmannen«17. Man konnte die Reihe verlängern und die Begriffe variieren. Eine verbindliche Formel gab es nicht. Aber alle Aufzählungen sagten dasselbe aus: daß die A Menschen ihrem Rang und Stand nach nicht gleich waren, sondern daß es Hochgestellte und Niedriggestellte gab. Ein originelles Bild der Ständehierarchie hat, am Ende des D.Jahrhunderts, Berthold von Regensburg in seiner Predigt >Von den zehn Chören der Engel und der Christenheit gezeichnet. Entsprechend den zehn Engelchören habe Gott die Menschen in zehn Chöre geteilt, und wie bei den Engeln seien auch bei den Menschen die drei obersten Chöre über die anderen sieben gesetzt worden. »Die ersten drei Arten von Menschen, das sind die höchsten und die vornehmsten, die der allmächtige Gott selber dazu erwählt und bestimmt hat, daß die anderen sieben ihnen Untertan sein und ihnen dienen sollen.« Zu den höchsten gehörten nach Berthold von Regensburg 1. die Priester , 2. die übrigen Geistlichen und 3. »die weltlichen Richter, das heißt die Herren und Ritter, die da Witwen und Waisen beschützen sollen«19. Dieser dritte Chor umfaßte den ganzen weltlichen Adel: Kaiser und König, Herzöge, Freie, Grafen »und alle weltlichen Herren, die Ritter und Herren sind, und alle, denen unser Herrgott Gericht und Gewalt auf Erden gegeben und anvertraut hat«20. Die Liste der sieben dienenden Chöre ist deutlich von den gesellschaftlichen Gegebenheiten innerhalb der Stadt geprägt. Genannt werden 1. »alle, die Stoffe oder Kleider herstellen«21, 2. »alle, die mit eisernen Werkzeugen arbeiten und schaffen«22, 3. »alle, die sich mit Handel beschäftigen«23, 4. »alle, die Lebensmittel und Getränke verkaufen«24, 5. »alle, die das Feld bestellen« und 6. »alle, die sich mit Medizin beschäftigen«26. Der zehnte Chor der Men-sehen ist, wie der der Engel, von Gott abgefallen. »Das sind die Spielleute, Geiger und Trommler oder wie sie genannt werden, alle, die Gut für Ehre nehmen.«

   Wenn man sagt, daß die feudale Gesellschaft ständisch gegliedert war, so ist damit gemeint, daß die Menschen rechtlich nicht gleichgestellt waren. Die Stufungen, die sich aus der verschiedenen Höhe des Wehrgelds ergaben, wie es in den germanischen Volksrechten festgesetzt worden war, oder aus der unterschiedlichen Zuständigkeit der Gerichte, waren jedoch etwas ganz anderes als die ständischen Zusammenschlüsse des Spätmittelalters. Wenn vom »Herrenstand« oder vom »Bauernstand« der Karolingerzeit gesprochen wird, so verdeckt eine solche Terminologie, daß es im frühen und hohen Mittelalter eine die ganze Gesellschaft umfassende Ständeordnung nicht gegeben hat. Für die höfische Zeit des 12./13. Jahrhunderts beruft man sich meistens auf die Heerschildordnung des >SachsenspiegelsSchwabenspiegel< später den Einschildrittern zuwies, blieb im >Sachsenspiegel< unbenannt. Abgesehen davon, daß diese Ordnung weitgehend nur theoretische Bedeutung besaß, kann sie auch nicht als allgemeine Ständeordnung interpretiert werden, weil in ihr nur ein einzelner Aspekt, die Lehnsfähigkeit, erfaßt wurde; die landrechtliche Stellung blieb davon unberührt.
      Die Ausbildung einer festen Ständeordnung war ein Prozeß, der von oben nach unten verlief. Als erste Gruppe sind, bereits ? am Ende des 12. Jahrhunderts, die Fürsten zum Reichsfürstenstand geworden. Die weitere Ständebildung war dann aufs engste mit der Entwicklung der fürstlichen Territorien zu eigener Staatlichkeit verknüpft. Seit dem Ende des 13. Jahrhunderts trat in verschiedenen deutschen Ländern ein Herrenstand als korporativer Zusammenschluß des alten Adels hervor, meistens mit Einschluß der Ministerialität. In einigen Territorien hat es im 14. Jahrhundert unterhalb des Herrenstandes einen Ritterstand gegeben. Auch die Städte wurden von der Standesbildungerfaßt und erhielten einen Platz auf den Landtagen, wo die Stände gemeinsam gegenüber dem Landesherrn das Land vertraten. Zur Ausbildung eines Bauernstandes ist es dagegen nur an wenigen Stellen gekommen. Erst im Hinblick auf diese landständischen Verfassungen, diebisins 19. Jahrhundertbestanden, kann man von einer umgreifenden Ständeordnung sprechen.

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