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Die Wirtschaft



Die wirtschaftliche Entwicklung
Seit dem 11. Jahrhundert erlebte Europa eine wirtschaftliche Expansion von bedeutenden Ausmaßen, die erst in der großen Wirtschaftskrise des 14. Jahrhunderts ein Ende fand. In dieser Zeit hat sich die Bevölkerungszahl verdoppelt bis verdreifacht. Auch im hohen Mittelalter hat es schlimme Mißernten und Hungersnöte gegeben; und von den enormen Schwankungen der Getreidepreise waren vor allem die kleinen Leute betroffen. Aber im ganzen haben sich offenbar die Lebensbedingungen der meisten Menschen in dieser Zeit verbessert. Das hing damit zusammen, daß durch die Entwicklung der Geldwirtschaft auf allen Gebieten ein größerer wirtschaftlicher Spielraum entstand.
      Das Recht, Münzen zu prägen, war ein altes Königsrecht. Bereits seit dem 9. Jahrhundert haben die Könige dieses Recht an Bischöfe und Klöster verliehen. Als dann auch die weltlichen Großen anfingen, in ihren Herrschaftsgebieten eigene Münzen zu schlagen, kam es im 12. Jahrhundert zu einer bedeutenden Vermehrung des Geldumlaufs. In den großen Privilegien der Jahre 1220 und 1232 zugunsten der geistlichen und weltlichen Fürsten hat Kaiser Friedrich

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die Münzhoheit der Fürsten anerkannt. Um diese Zeit hat es in Deutschland schon etwa 500 Münzstätten gegeben. Geprägt wurden hauptsächlich Silberpfennige und Halbpfennige in vielen lokalen Spielarten. Das größte Ansehen besaß der Kölner Pfennig. Nicht selten wurde Finanzpolitik durch die laufende Verschlechterung des Silbergehalts betrieben. Reiche Silbervorkommen gab es vor allem am Harz, in der Nähe von Goslar. Der Versuch der salischen Kaiser, dort die Reichsherrschaft auszubauen, ist am Widerstand des sächsischen Adels gescheitert. Im 12. Jahrhundert begann der Silberbergbau bei Freiberg in Sachsen, bei Frisach in Kärnten, im Lavanttal, im Südschwarzwald, in Schlesien und in Böhmen. Nicht zuletzt dank ihrer reichen Gold- und Silbervorkommen waren die Könige von Böhmen am Ende des 13. Jahrhunderts die reichsten Fürsten in Deutschland.
      Die Vermehrung des Geldes kam in erster Linie der städtischen Wirtschaft zugute. Aber auch die Landwirtschaft hat davon profitiert. Die Bauern konnten ihre Produkte jetzt auf dem Markt verkaufen und gewannen auf diese Weise die Mittel, umdie Abgaben und Dienste, die sie ihrer Herrschaft schuldeten, mit Geld abzulösen. Die steigende Nachfrage nach Nahrungsmitteln, bedingt durch die steigenden Bevölkerungszahlen, führte zu einem Anstieg der Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse und damit zu einer Verbesserung der wirtschaftlichen Situation der Bauern. An vielen Stellen wurde der landwirtschaftliche Anbau erweitert und intensiviert. Davon zeugt eine große Zahl von Wüstungen, ländlichen Siedlungen, die in späteren Jahrhunderten wieder aufgegeben worden sind. Viele neue Siedlungen entstanden in den bis dahin nur dünn besiedelten Mittelgebirgen und vor allem östlich von Elbe und Saale, auf altem slawischen Siedlungsland. Die deutschen Siedler wurden zum Teil von den slawischen Fürsten ins Land gerufen, zum Teil wurden sie auf Initiative der deutschen Landesherren angesiedelt, die auf diese Weise ihre Herrschaft nach Osten ausdehnten. Die großen ostdeutschen Territorien haben so ihre historische Gestalt gewonnen.
      Das hohe Mittelalter war auch eine Zeit großer technischer Fortschritte. In der Landwirtschaft hatte die Einführung des schweren Pflugs die größten Folgen. Mit dem alten Hakenpflug konnte die Erde nur aufgerissen werden; der neue Scharpflug wendete die Schollen um und machte eine bessere Ausnutzung des Bodens möglich. Wo es die Bodenverhältnisse erlaubten, setzte sich die Dreifelderwirtschaft durch: während man vorher die Felder jedes zweite Jahr brach liegen gelassen hatte, wechselte man jetzt im Dreijahresrhythmus zwischen Sommerfrucht, Winterfrucht und Brache, wodurch sich Ertragsverbesserungen von bis zu fünfzig Prozent ergaben. Durch die Erfindung einer neuen Zugvorrichtung wurde das Pferd neben dem Ochsen zum wichtigsten Gespanntier; seit es üblich wurde, die Pferdehufe mit Hufeisen zu beschlagen, waren Pferde auch auf steinigem Boden gut zu gebrauchen. Von großer wirtschaftlicher Bedeutung war die Ausnutzung der Wasserkraft. Getreidemühlen gab es schon lange; erst im hohen Mittelalter lernte man jedoch, die Kraft des Wasserrades auch für andere Wirtschaftszweige nutzbar zu machen, für die Bierbrauerei, für die Textilherstellung und für die Metallerzeugung. Schmiedehämmer und Blasebalge wurden jetzt mit Wasserrädern betrieben. Die ersten Gerbmühlen sind im ^.Jahrhundert, die ersten Sägemühlen zu Anfang des 13. Jahrhunderts bezeugt. Die Windmühle kam aus Persien nach Europa, die Kurbel aus China, ebenso das Spinnrad, das zum ersten Mal

1280 in Speyer bezeugt ist. Auch das Papier war eine chinesische Erfindung; seine Herstellung wurde auf dem Weg über die Araber in Europa bekannt. Die ersten Papiermühlen gab es im 13. Jahrhundert in Italien. Im 13. Jahrhundert wurden auch die Gewichtsuhr und die Brille erfunden. Viele technische Neuerungen kamen der Kriegführung zugute. Die moderne ritterliche Waffentechnik der Lanzenreiter hatte die Einführung des Steigbügels und die Entwicklung eines Sattels mit hohem Sattelbogen und festem Brustgurt zur Voraussetzung. Die Armbrust wurde im 11. Jahrhundert von den Arabern übernommen; neue Belagerungsmaschinen mit großen zielsicheren Schleudern wurden im 12. Jahrhundert bekannt. Das Schießpulver wurde im 13. Jahrhundert aus Ã"gypten eingeführt. Bereits 1258 wurde in Köln mit Raketen geschossen.

      Handel und Gewerbe
Von größter Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung im hohen Mittelalter war das Aufblühen der Städte. Im 12. Jahrhundert gab es etwa 250 Städte in Deutschland; im 13. Jahrhundert waren es bereits über 2000. Die meisten waren Zwergstädte mit wenigen tausend Einwohnern. Die einzige Großstadt in Deutschland war Köln mit etwa 30000 Einwohnern und einem Areal von 400 ha; 1180 begann man mit dem Bau der großen Mauer. Köln und Regensburg, die damals bereits auf eine ehrwürdige Geschichte zurückblicken konnten, waren auch die bedeutendsten Handelsstädte. Bereits im 13. Jahrhundert erwuchs ihnen Konkurrenz durch die Neugründungen, durch Lübeck, das 1143 von dem Grafen von Holstein gegründet und 1158 von Heinrich dem Löwen bestätigt worden war, und durch Nürnberg, dessen Entwicklung durch das Privileg Kaiser Friedrichs IL vom Jahr 1219 wesentlich gefördert wurde.
      Die wirtschaftliche Tätigkeit in den Städten lag in den Händen von Kaufleuten und Handwerkern. Das Zusammenleben zahlreicher Menschen an einem Ort und der wirtschaftliche Austausch zwischen Stadt und Land eröffneten den Handwerkern Absatzmöglichkeiten, die es vorher nicht gegeben hatte. Das Stadtrecht von Straßburg aus der Mitte des 12. Jahrhunderts bezeugt, daß damals nicht nur Bäcker, Schuster, Schmiede und Zimmerleute tätig waren, sondern daß es schon Gewerbe gab, die für einen gehobenen Bedarf arbeiteten: Handschuhma-eher, Kürschner, Sattler, Schwertfeger usw. Kennzeichnend für die Entwicklung des Handwerks in der Stadt war die starke Differenzierung der gewerblichen Tätigkeit. Bereits im 12. Jahrhundert kamen so spezialisierte Berufe wie Tuchsche-rer, Färber und Becherer vor. Besonders in den reich entwickelten Wirtschaftszweigen der Textil- und Metallverarbeitung haben sich im Lauf der Zeit viele Spezialgewerbe herausgebildet. In Nürnberg hat es im 14. Jahrhundert über 1200 Meister gegeben, die in 50 verschiedenen Berufen arbeiteten. Diese Entwicklung hing mit der eigentümlichen Organisation des Handwerks in den Städten zusammen. Schon sehr früh haben sich die Vertreter einzelner Berufszweige zu Interessengemeinschaften zusammengeschlossen, die »Gilden« oder »Zünfte« genannt wurden. Die ältesten Einungen dieser Art waren die Zunft der Fischhändler in Worms und die der Schuhmacher in Würzburg . Es hat allerdings mehrere Jahrhunderte gedauert, bis das gesamte Handwerk zünftisch organisiert war. Die Zünfte waren keine reinen wirtschaftlichen Zweckverbände, sondern erfüllten auch wichtige Aufgaben des religiösen und des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Im Verlauf der Zeit trat ihr obrigkeitlicher Charakter immer deutlicher zutage: sie kontrollierten die Preise und Löhne, die Menge des verarbeiteten Materials und die Art und Weise der Herstellung. Wo es den Zünften, wie in Nürnberg, nicht gelang, Anteil an der Stadtregierung zu gewinnen, unterlagen sie einer strengen Aufsicht durch den Rat.
      Das dynamische Element im Wirtschaftsbetrieb der Stadt war der Handel, besonders der Fernhandel, der in den verkehrsgeographisch günstig gelegenen Städten seit dem 12. Jahrhundert einen großen Aufschwung erlebte. Bei der allgemeinen Unsicherheit der Verkehrswege und angesichts der Gefahren, denen der Warenverkehr besonders in fremden Ländern ausgesetzt war, barg der Fernhandel immer ein großes Risiko; er eröffnete jedoch auch Gewinnchancen, die die der Handwerker um ein Vielfaches übertrafen. Den großen Kaufmannsfamihen ist es in vielen Fällen gelungen, in die oberste Schicht der ratsfähigen Geschlechter aufzusteigen.
      Ein wirksames Mittel, den Durchgangshandel zu binden, war der Niederlage- und Stapelzwang. Auswärtige Kaufleute wurden genötigt, ihre Waren für eine bestimmte Zeit in der Stadt feilzubieten; oder es wurde ihnen überhaupt verboten, sie selber weiterzutransportieren; auf diese Weise ging der Weiter-transport in die Hände der eigenen Kaufmannschaft über. In Köln gelang es den Kaufleuten, den Stapelzwang im ^.Jahrhundert gegen starke Widerstände durchzusetzen. Diese Maßnahme hat wesentlich dazu beigetragen, die wirtschaftliche Vormachtstellung der Stadt zu befestigen. In Wien wurde der Stapelzwang durch das neue Stadtrecht vom Jahr 1221 eingeführt.
      Von Deutschland aus lief der Fernhandel in alle Richtungen. Zeugnisse dafür sind die Niederlassungen deutscher Kaufleute im Ausland. Bereits im 12. Jahrhundert besaßen die Kölner Fernhändler ein festes Haus in London, die Gildenhalle; um 1200 gab es in Novgorod ein eigenes Kontor der deutschen Gotlandfahrer, den Petershof; 1228 ist der »Fondaco dei Tedes-chi« in Venedig zum ersten Mal bezeugt; auch auf den Messen der Champagne hatten die deutschen Kaufleute eigene Häuser . Der Warenaustausch war sehr vielfältig. Köln handelte vor allem mit Textilien und Metallwaren; auch der Weinhandel hatte dort ein Zentrum. Lübeck wurde mit dem Heringshandel groß. Ãober die Ostsee wurden Tuchwaren exportiert und Pelze, Wachs, Honig und Bernstein importiert. Aus England und Flandern kamen hochwertige gefärbte Wollstoffe, während die eigene deutsche Tuchproduktion, hauptsächlich gröberes Wollzeug und Leinwand, auch nach Italien und in andere Länder ging, zusammen mit Waffen, Metallen und Glaswaren. Aus Italien kamen dafür die Produkte des Orienthandels: Gewürze und Spezereien, Seide, Baumwolle, Elfenbein und andere Luxusgüter.
      Der moderne Kaufmann des 13. Jahrhunderts ist nicht mehr selber gereist, sondern hat seine Geschäfte von seinem Kontor aus geleitet und dort die Bücher geführt. Die Verschriftlichung des Wirtschaftsbetriebs war von großer Bedeutung für die gesamte Kultur der Stadt. In Italien hat man zuerst gelernt, Geld-und Warenkonten gesondert zu führen und mit Hilfe dieser doppelten Buchführung den Stand der Geschäfte besser zu überblicken. Das Kreditwesen und der bargeldlose Zahlungsverkehr haben eine rasche Entwicklung genommen. Bereits im 13.Jahrhundert wurden die meisten großen Vermögen mit Geldgeschäften gemacht.
      Die wirtschaftlichen Grundlagen der Herrschaft
Der Gedanke, daß es zu den Pflichten eines guten Herrschers gehörte, für das wirtschaftliche Wohlergehen in seinem Land zu sorgen, war im hohen Mittelalter lebendig. Die Gründung von Städten, die Einrichtung neuer Märkte, Bestimmungen über Verkehrseinrichtungen, Münzen oder Zölle und andere Hoheitsakte, die die Wirtschaft betrafen, wurden nicht selten damit begründet, daß sie dem öffentlichen Wohl dienten. »Zum allgemeinen Nutzen« ließ der Bischof von Passau im Jahr 1143 eine Brücke über den Inn bauen. Damit »auf nützliche Weise für das Wohl des ganzen Landes Vorkehrungen getroffen werden«2, bestätigte Kaiser Friedrich I. im Jahr 1165 die Freiheit der Schiffahrt auf dem Rhein. »Aus Sorge um das gemeine Wohl« erließ Kaiser Friedrich IL im Jahr 1236 ein Jahrmarktsprivileg für Lübeck. Um Teuerungen und Hungersnöten vorzubeugen, wurde im Reichslandfrieden von 1152 bestimmt: »Nach dem Festtag Maria Geburt soll jeder Graf sich sieben Männer guten Rufs wählen und bei jeder Landschaft umsichtig verfügen und nützlich bestimmen, zu welchem Preis nach den Zeitverhältnissen das Getreide verkauft werden soll.« Vorkehrungen dieser Art zur Sicherung der Lebensmittelversorgung sind im 13. Jahrhundert auch in verschiedenen Städten getroffen worden.
      Maßnahmen, die das gemeine Wohl beförderten, sind in vielen Fällen auch für die Finanzkassen der Herrscher von Nutzen gewesen. Gerade aus dem 12. Jahrhundert gibt es zahlreiche Beispiele dafür, daß Wirtschaftsförderung zur Befestigung und zum Ausbau des eigenen Herrschaftsbereichs betrieben wurde. Die Siedlungspolitik erwies sich dabei als ein ebenso wirksames Instrument wie Städtegründungen und Klosterstiftungen. Auswärtige Kaufleute wurden privilegiert, um sie ins Land zu ziehen und dadurch die eigenen Märkte dem Fernhandel zu öffnen. Die wachsende Wirtschaftskraft der Städte entwickelte sich zu einer wichtigen Einnahmequelle für die Landesherren.
      Im Mittelalter gab es keine allgemeinen Steuern. Die Abga-ben, die erhoben wurden, betrafen immer nur einen bestimmten Personenkreis und gründeten sich auf besondere Rechtsverhältnisse. Die »Bede«, das mittelalterliche Wort für Steuer , hieß eigentlich »Bitte«, »Gebot« und dann erst »Abgabe«. Im 13. Jahrhundert wurden solche Abgaben regelmäßig von den königlichen Städten gefordert. In den fürstlichen Territorien setzte sich die Vorstellung durch, daß allgemeine Landessteuern nur bei besonderen Anlässen erhoben werden durften: wenn der Landesherr in Gefangenschaft geriet, wenn sein Sohn das Schwert leitete oder wenn die Tochter heiratete.
      Die wirtschaftlichen Grundlagen der Königsherrschaft waren die Regalien und die Tafelgüter. Unter Regalien versteht man finanziell nutzbare Hoheitsrechte; die Tafelgüter waren die geschuldeten Aufwendungen zur Gastung des Königs und seines Hofs. »Regalien sind: öffentliche Wege, schiffbare Flüsse, Häfen, Uferrechte, Verkehrsrechte, die gemeinhin Zölle heißen, Münzen, Gewinne aus Strafen und Bußen, erledigte Güter, die Leistung von Hand- und Spanndiensten, Wagen und Schiffen, die außerordentliche Abgabe für die überaus glückliche Heerfahrt der königlichen Hoheit, die Befugnis, Amtsleute einzusetzen zur Wahrung der Gerechtigkeit, Wechselstuben, Pfalzen in den Städten, Einkünfte von Fischwassern und Salinen.«' Diese Sätze stammen aus den sogenannten >Ronkali-schen Beschlüssen des Jahres 1158, mit denen Kaiser Friedrich I. die Oberhoheit des Reiches über die norditalienischen Städte wiederherzustellen suchte. Die Italienpolitik des Kaisers war zeitweilig so erfolgreich, daß, nach dem Zeugnis von Rahewin, »der Staatskasse jährlich etwa 30000 Talente zuflössen«6.
      Da der König nicht über einen eigenen Beamtenapparat verfügte, konnte er viele Hoheitsrechte nicht selber nutzen. Davon profitierten die lokalen Gewalthaber, in erster Linie die Fürsten, die in ihren Herrschaftsbereichen nach und nach die meisten Regalien in ihre Verfügungsgewalt nahmen. Die Fürstenge-setze Kaiser Friedrichs

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von 1220 und 1232, die den formellen Verzicht des Kaisers auf die Ausübung dieser Rechte in den fürstlichen Territorien beinhalteten, haben nur die faktische Entwicklung nachvollzogen. Wie groß die finanzielle Bedeutung war, die den Regalien im 13. Jahrhundert zukam, ist daran abzulesen, daß zum Beispiel in Osterreich bis zu 50 Prozent der landesfürstlichen Einnahmen aus Zöllen stammten.
      Die Entwicklung der Geldwirtschaft hat auch die wirtschaftliche Situation der großen Hofhaltungen entscheidend verändert. Der ständig steigende Geldbedarf machte die Erschließung neuer finanzieller Quellen nötig. Bereits im 12. Jahrhundert sind Herrschaftsrechte in großem Umfang, durch Verleihung oder Verpfändungen, in finanzielle Einkünfte umgewandelt worden; und diese Entwicklung hat sich im 13. Jahrhundert fortgesetzt. Vor allem die Städte waren in der Lage, durch Geldzahlungen wirtschaftliche Vorteile zu erkaufen. So konnte Lübeck im Jahr 1226 durch die jährliche Zahlung von 750 Mark an den König neben anderen Privilegien die Verfügung über die Münze und die Befreiung von Zöllen erwerben. Auch Verträge wurden in die Form von Privilegien gekleidet, um Geldzahlungen dafür fordern zu können. Ohne Bezahlung gab es keine Belehnungen und keine Ernennungen mehr. Ganze Herrschaften wurden verkauft. So hat Kaiser Friedrich I. im Jahr 1179 von seinem Onkel, Herzog Weif

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, für eine bedeutende Summe einen großen Teil des alten schwäbischen Hausbesitzes der Weifen erworben. Die Aussicht auf große Einnahmen eröffnete manchmal der Krieg, wenn es gelang, den Gegner zur Zahlung von Kontributionen zu zwingen oder wenn Gefangene gemacht wurden, für die hohe Lösegelder zu erzielen waren. Im Jahr 1227 geriet der dänische König Waldemar IL in der Schlacht von Bornhöved in die Gefangenschaft des Grafen von Schwerin und mußte sich nach langen Verhandlungen für 25000 Silbermark freikaufen. Der Erzbischof Gerhard I. von Mainz hat im Jahr 1257 5000 Mark aufgebracht, um aus der Gefangenschaft Herzog Albrechts I. von Braunschweig loszukommen. Das höchste Lösegeld- 150000 Mark-ist 1194 für den englischen König Richard Löwenherz gezahlt worden. Die Kriege waren aber auch für die Sieger sehr kostspielige Unternehmungen, denn die Heere bestanden nur noch zum Teil aus Verbänden, die nach Lehnsrecht aufgeboten wurden, oder aus Ministerialen. Viele Vasallen lösten ihre Verpflichtungen zum Kriegsdienst lieber mit Geldzahlungen ab.

     
Die meisten Kriege wurden statt dessen mit Söldnertruppen geführt. Vor allem die finanzstarken Könige von England und Frankreich haben große Söldnerverbände in ihren Dienst genommen. Auch Kaiser Friedrich I. hat in Italien mit Söldnern Krieg geführt; und die deutschen Reichsfürsten haben ebenfalls Söldner angeworben. Unter dem Druck ihrer finanziellen Verpflichtungen waren die Fürsten nicht selten zur Aufnahme von Krediten genötigt, zu deren Sicherung Einkünfte verschiedener Art verpfändet wurden. Als Geldgeber wurden vor allem die reichen italienischen Handelshäuser in Anspruch genommen .
      Welche Rolle das Geld in der großen Politik bereits um 1200 gespielt hat, zeigen die Bestechungsgelder, die nach dem Tod Kaiser Heinrichs

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an die deutschen Fürsten gezahlt wurden, um die Wahl des neuen Königs zu beeinflussen. Während die staufische Partei um Philipp von Schwaben davon profitierte, daß der reiche sizilianische Thronschatz von Heinrich

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nach Deutschland gebracht worden war, wurde die Wahl des Weifen Otto

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vor allem mit englischen Geldmitteln -Otto

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war ein Neffe des englischen Königs - finanziert. Der Kölner Erzbischof Adolf von Altena soll ebenso wie Herzog Heinrich I. von Brabant für seine Wahlhilfe »unendliche Gelder vom englischen König« erhalten haben. Für 8000 Mark soll der Erzbischof Johann 1. von Trier für die weifische Partei gewonnen worden sein . »9 Mark« hat der Kölner Erzbischof angeblich erhalten, als er zu Philipp von Schwaben überging. Für 8000 Mark wechselte der Landgraf Hermann von Thüringen 1198 zu den Weifen über: »Er [Otto

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] gab ihm wohl 8000 Mark, damit er ihm aufrichtig Treue schwor zu treulichem Beistand.« Die Rückkehr zur Seite Philipps von Schwaben im Jahr 1199 ließ sich der Landgraf mit Reichsgut in Thüringen bezahlen.
      Auf dem Mainzer Hoffest des Jahres 1184 wurde die Bedeutung der dort versammelten Fürsten an der Größe ihres Gefolges gemessen . Ein Jahrhundert später hat man die Fürsten nach der Höhe ihrer Finanzmittel eingeschätzt. In der

Beschreibung Deutschlands^ die im Anschluß an die Kolmarer Annalen überliefert ist, heißt es über die weltlichen Kurfürsten: »Einer ist der Herzog von Sachsen, und der hat 2000 Mark an Einkünften. Einer ist der Pfalzgraf, das ist der Herzog von Bayern, und der hat 20000 Mark an Einkünften, 5000 von der Pfalzgrafschaft und 15000 vom Herzogtum. Einer ist der Markgraf von Brandenburg, und der hat 50000 Mark. Einer ist der König von Böhmen, und der hat 100000 Mark.« Mögen diese Zahlen auch ohne jede Gewähr sein; sie geben doch ein gutes Bild von der wirtschaftlichen Machtverteilung in Deutschland am Ende des 13. Jahrhunderts.
     

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