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Fiktion und realität

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Die hierarchische Struktur der Gesellschaft



Der König
Seiner Staatsform nach war Deutschland im Mittelalter eine Wahlmonarchie. Gewählt wurde der König theoretisch vom »Volk« , tatsächlich von den »Großen« des Reichs . Eine formelle Regelung des Wahlverfahrens gab es nicht. Das Vorrecht, beim Wahlakt - der Kur - die erste Stimme abzugeben, wurde von den rheinischen Erzbischöfen, hauptsächlich von dem Kölner, beansprucht. Daß bei der Wahl des Königs einer kleinen Zahl geistlicher und weltlicher Fürsten ein Vorrang zukomme, stand schon im >Sachsenspiegek Im 13. Jahrhundert hat sich daraus allmählich das Kurfürstenkollegium entwickelt, das 1356 in der >Gol-denen Bulle< Kaiser Karls

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als Wählergremium endgültig institutionalisiert worden ist. Von Anfang an wurde in Deutschland das Wahlprinzip eingeschränkt durch das Geblütsrecht der Königsdynastie. Wenn ein männlicher Erbe da war, ist die Wahl durch die Fürsten häufig nur eine Zustimmung zur Nachfolge gewesen. Nach der Wahl wurde der König auf den Thron erhoben und gekrönt. Um 1200 herrschte die Vorstellung, daß der König in Aachen - dort stand der Thron Karls des Großen - gekrönt werden solle, und zwar vom Erzbischof von Köln. Als Wahlort hat sich später Frankfurt am Main durchgesetzt.
      Das deutsche Königtum war eine Fortsetzung des fränkischen, speziell des ostfränkischen Königtums. Seit der Mitte des 11. Jahrhunderts war »König der Römer« der offizielle Titel des deutschen Königs; darin wurde die Verbindung des deutschen Königtums mit dem römischen Kaiser-tum zum Ausdruck gebracht. »König der Deutschen« ist der deutsche König fast nur von ausländischen Autoren genannt worden. Aber die Bezeichnung »Deutsches Königreich« wurde gelegentlich auch in der Reichskanzlei benutzt. Zusammen mit den Königreichen Italien und Burgund gehörte das deutsche Königreich zum »Römischen Reich« {Imperium RomanuM). Als Kaiser nannte sich der deutsche König imperator Romanorum und augustus. Seit der Kaiserkrönung Ottos I. im Jahr 962 besaßen die deutschen Könige einen Anspruch auf das römische Kaisertum. Viele Probleme der mittelalterlichen Reichsgeschichte haben in dieser Doppelfunktion ihren Ursprung. Um Kaiser zu werden, mußte der König sich in Rom vom Papst krönen lassen. Bereits im 12. Jahrhundert hat jedoch Friedrich I. den Kaisertitel geführt, bevor er in Rom gekrönt wurde. Später entwickelte sich die Vorstellung, daß der zum deutschen König Gewählte zugleich »Erwählter Römischer Kaiser« sei. Zum letzten Mal ist im Jahr 1452 ein deutscher König, der Habsburger Friedrich I

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, in Rom vom Papst zum Kaiser gekrönt worden.
      Der König war oberster Gerichtsherr und oberster Lehnsherr, er bot zur Heeresfolge auf und verfügte über das Reichsgut. Sichtbarer Ausdruck königlicher Macht und Würde waren die Herrschaftszeichen, vor allem die Reichsinsignien, die bei der Krönung und bei festlichen Anlässen getragen wurden. Dazu gehörten Krone, Szepter, Lanze, Schwert, Reichsapfel, Armspangen, Festgewänder und Reichsheiligtümer, die der König in seinem Schatz aufbewahrte. Unter den Stauferkaisern diente die Burg Trifels in der Pfalz zeitweilig als Aufbewahrungsort für die Reichsinsignien; seit dem 15. Jahrhundert waren sie ständig in Nürnberg, heute befinden sie sich in der Wiener Schatzkammer. Kostbarstes Stück ist die achteckige Reichskrone mit ihrem reichen Schmuck an Bildern und Edelsteinen und mit dem charakteristischen Bügel, der sich von der Stirnplatte zur Nak-kenplatte wölbt. Die Krone gilt als Werk des 10. Jahrhunderts; der Bügel stammt aus dem 11. Jahrhundert. Welche Bedeutung den Herrschaftszeichen zukam, zeigte sich, wenn Zweifel über die Legitimität des Herrschers bestanden. Nach der Doppelwahl des Jahres 1198 hat der Staufer Philipp von Schwaben die Rechtmäßigkeit seines Königtums nicht zuletzt darauf gestützt, daß er mit den echten Insignien gekrönt worden sei. In der Spruchdichtung Walthers von der Vogelweide spielt dieser Ge-danke eine wichtige Rolle: »Die Krone ist älter als der König Philipp.«
Der Glanz des staufischen Kaisertums unter Friedrich I. und Heinrich

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kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Machtgrundlage des Königtums in Deutschland damals bereits stark reduziert war. Im 13. Jahrhundert wurde das deutsche Königtum zum Spielball ausländischer Mächte. Bereits Otto

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kam als Kandidat des englischen Königs auf den Thron. Friedrich IL war seiner Geburt und Sprache nach Italiener und wurde vom Papst lanciert. 1257 wählten die deutschen Fürsten, in erneuter Doppelwahl, einen König von Kastilien und einen Prinzen von Cornwall zu deutschen Königen. Erst mit Rudolf von Habsburg begann ein neuer Abschnitt in der Geschichte des deutschen Königtums. Seine reale Machtgrundlage war seitdem die Hausmacht der zur Regierung gelangenden Fürstenhäuser.

      Die Fürsten
Die Regierungsgewalt des Königs unterlag im Mittelalter vielfachen Beschränkungen. Zu allen wichtigen Entscheidungen mußten die Großen des Reiches ihren »Rat« geben. Diese »Großen« waren eine nicht genau abgrenzbare Gruppe der bedeutendsten Hochadelsfamilien, deren Mitglieder der König auf Reichstagen und an hohen Kirchenfesten um sich versammelte oder die sich längere Zeit an seinem Hof aufhielten. In ihren Händen lagen die erblich gewordenen Amtsherrschaften der Herzöge, Pfalzgrafen, Landgrafen und Grafen. Außerdem gehörten dazu die Inhaber der hohen Kirchenämter: die Erzbischöfe und Bischöfe, sowie die Ã"bte und Pröpste der Reichsklöster und Reichsstifter. Neben der eigenen regionalen Herrschaftsposition war Teilhabe an der Reichsgewalt das Kennzeichen dieser fürstlichen Magnaten. Je schwächer das Königtum wurde und je mehr sich sein Schwerpunkt im 12. Jahrhundert nach Italien verlagerte, um so entschiedener wurden die Geschicke in Deutschland von den Großen des Reichs bestimmt. Daß sie selbständig mitauswärtigen Mächten verhandeln konnten, zeigt den Grad der Unabhängigkeit.
      In der Auffassung und Zusammensetzung dieser kleinen Gruppe der Mächtigsten trat gegen Ende des 12. Jahrhunderts ein bedeutsamer Wandel ein: die Reichsfürsten bildeten von nun an einen eigenen Stand. Im Jahr 1184 wurde von Kaiser Friedrich I. ein Vertrag geschlossen, der die Erhebung des Grafen von Hennegau in den Rang eines Reichsfürsten vorsah. Das war der erste Vorgang dieser Art. Die Abgrenzung erfolgte nach lehnsrechtlichen Kategorien: nur wer vom König selbst belehnt wurde, zählte dazu. Um 1200 gab es in Deutschland 15 bis 20 weltliche Reichsfürsten und etwa 80 geistliche Reichsfürsten . Diese Zahlen sind später geringfügig gewachsen. Bereits im 13. Jahrhundert hat sich aus dem Reichsfürstenstand noch einmal eine kleine Gruppe herausgelöst: die sieben Kurfürsten, die bei der Doppelwahl des Jahres 1257 zum ersten Mal als alleinige Königswähler in Erscheinung traten. Wer dazugehörte und wieviele Kurfürsten es geben sollte, war lange strittig. Meistens wurden die sieben Fürsten genannt, die schon im >Sachsenspiegel< als Inhaber der Erzämter erscheinen: die drei rheinischen Erzbischöfe von Köln, von Mainz und von Trier und als weltliche Fürsten der Pfalzgraf vom Rhein, der Markgraf von Brandenburg, der Herzog von Sachsen und der König von Böhmen.
      Für den weiteren Verlauf der mittelalterlichen Geschichte war es von größter Bedeutung, daß die Reichsfürsten zu Landesherren geworden sind. An sich war die Sammlung von Hoheitsrechten in einer Hand und die intensive herrschaftliche Durchdringung größerer Gebiete kein besonderes Kennzeichen von Fürstenherrschaft. Alle, die Herrschaft ausübten, haben den Landesausbau nach demselben Prinzip betrieben, der König ebenso wie der nichtfürstliche Adel; und nicht alle, die zu Landesherren geworden sind, waren Reichsfürsten. Trotzdem gehören Fürstenstand und Landesherrschaft aufs engste zusammen. Denn die bedeutenderen Territorien, die sich allmählich zu eigener Staatlichkeit entwickelten, waren sämtlich in der Hand von Fürsten. Besonders kräftig haben sich die neuen Länder im östlichen Teil von Deutschland entwickelt, in den österreichischen Herzogtümern, in Bayern, Meißen, Brandenburg, Pommern und Mecklenburg. Im Bereich der alten Herzogtümer Schwaben, Franken und Sachsen dagegen haben sich nur wenige großräumige Herrschaften ausbilden können. Beson-ders im Südwesten entstand eine Vielzahl kleinerer Landesherrschaften, die die deutsche Landkarte im Spätmittelalter so bunt gemacht haben. Viele von ihnen haben ihre Souveränität bis ins 19. Jahrhundert bewahren können.

      Der nicht-fürstliche Adel
Die Familiengeschichte der hochmittelalterlichen Adelshäuser, auch der fürstlichen Geschlechter, läßt sich nur in ganz wenigen Fällen über das 11. Jahrhundert zurückverfolgen. Das hängt offenbar damit zusammen, daß erst in dieser Zeit aus lockeren Familienverbänden, die sich, unabhängig vom Prinzip der Sohnesfolge, jeweils an den angesehensten Mitgliedern der weiteren Verwandtschaft orientierten, allmählich klar abgrenzbare Adelsgeschlechter mit einem ausgeprägten Bewußtsein ihrer Eigenständigkeit geworden sind. Dieser Wandel spiegelt sich am deutlichsten in der Namensgebung. In der älteren Zeit führten die Adeligen nur einen Vornamen; es gab noch keine Familiennamen. Zur Bezeichnung der Verwandtschaft benutzte man entweder die in einem Familienverband häufig wiederkehrenden Namen, die sogenannten »Leitnamen« , oder den Namen eines gemeinsamen Stammvaters . Erst im 11. Jahrhundert kamen die adligen Doppelnamen auf, die die Herkunft angaben. Mit Ausnahme der Weifen, die ihre Familiengeschichte bis in die Karolingerzeit zurückführen konnten, trugen alle deutschen Adelshäuser des Hochmittelalters Familiennamen des neuen Typs, die von Ortsnamen abgeleitet sind . Darin bezeugte sich, daß das Kennzeichen adliger Abstammung jetzt nicht mehr in der Verwandtschaft mit anderen Personen gesehen wurde, sondern in der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Ort, dem Stammsitz und Herrschaftsmittelpunkt der Familie. Die neuen Adelsnamen sind fast alle von Burgnamen gebildet. Zuerst kam es vor, daß sich die Mitglieder einer Familie nach verschiedenen Burgen benannten. Aber überall ist ein Name fest geworden, und von diesem Zeitpunkt an läßt sich die Genealogie der Adelshäuser klar überblicken. Für die Identität der adligen Familie war die Verbindung mit ihrem Hauskloster, wo sich häufig die Grablege der Stifterfamilie befand und wo die frühesten Aufzeichnungen der Hausgeschichte entstanden, besonders wichtig. Familienüberlieferun-gen und Ahnengedenken haben das Selbstbewußtsein der Adelshäuser gestärkt. Im 12. Jahrhundert fing man an, die Schilde und andere Teile der ritterlichen Ausrüstung mit Bildern und Zeichen zu versehen, die nicht nur Schmuck sein sollten, sondern als Kennzeichen ihrer Träger dienten. Das war der Beginn des Wappenwesens. Es hat allerdings noch lange gedauert, bis die neuen Wappen zu unverwechselbaren Familienabzeichen geworden sind. Die Umstrukturierung des Adels stand in historischem Zusammenhang mit der Intensivierung der Herrschaftsformen und der herrschaftlichen Erschließung ganzer Gebiete. Klostervogtei und Burgenbau erwiesen sich dabei als besonders wirksame Instrumente. Grundsätzlich verlief der Ausbau der Adelsherrschaften in derselben Richtung wie die Territorialisierungsbestrebungen der Könige und Fürsten. Einigen gräflichen und freiherrlichen Familien ist der Schritt zur Landesherrschaft tatsächlich gelungen . Die Mehrheit des alten Adels konnte jedoch gegenüber der wachsenden Macht der Fürsten ihre eigenständige Herrschaftsposition nicht behaupten. Es gelang den Fürsten vor allem mit Hilfe der Landfriedensgesetzgebung, das Fehderecht des Adels entscheidend zu beschränken und schließlich ganz zu beseitigen. Der nicht-fürstliche Adel verlor so nach und nach seine Hoheitsrechte und wurde landsässig.

      Die Ministerialität
Zur herrschaftlichen »Hausgenossenschaft« wurden alle gezählt, die zu einer Herrschaft gehörten und die persönlich unfrei waren. Innerhalb dieser großen Gruppe der »Dienstbaren« und »Knechte« gab es jedoch bedeutende Abstufungen. Die Chronik des elsässischen Klosters Ebersheim unterschied eine »dreifache« Familie der Straßburger Bischofskirche: »erstens die familia der Ministerialen, die auch die rechtmäßige ritterliche familia heißt«2. Von ihr sagte der Chronist: »Sie ist so vornehm und wehrhaft, daß sie durchaus dem freien Stand verglichen werden kann.« Zweitens gab es »die familia der Zinsbaren und der zur Arbeit Verpflichteten«4; drit-tens »die der Knechte und der Zinser«5. Dieser Teil der Ebers-heimer Chronik ist in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts geschrieben worden. Die Ministerialität erscheint hier als die oberste Schicht der Unfreien innerhalb der herrschaftlichen familia. Die moderne Geschichtswissenschaft bestätigt das Urteil des Chronisten, daß die Unfreiheit der Ministerialen im 13. Jahrhundert kaum noch von Freiheit zu unterscheiden war und daß die Mitglieder dieser Gruppe bereits als »adlig« bezeichnet werden konnten.
      Die rechtliche Abgrenzung der Ministerialen innerhalb der familia und die Kodifizierung ihres Sonderrechts reichte bis ins 11. Jahrhundert zurück. Man kann im Hinblick darauf von einer Standesbildung der Ministerialität sprechen. Ein einheitliches Ministerialenrecht hat es jedoch nicht gegeben; ihre Rechtsstellung wechselte von Herrschaft zu Herrschaft. Im >Sachsenspiegel< heißt es: »Nun wundert euch nicht darüber, daß dieses Buch so wenig über das Recht der Dienstleute sagt. Es ist nämlich so mannigfaltig, daß niemand es ganz überblik-ken kann. Unter jedem Bischof, jedem Abt und jeder Ã"btissin haben die Dienstleute besonderes Recht.« Das unter Bischof Günther von Bamberg niedergeschriebene Dienstrecht der Bamberger Ministerialen von 1061/62 war einer der ältesten Texte seiner Art. Darin wurde festgehalten, daß die Ministerialen nur zu vornehmen Diensten herangezogen werden durften: zum Kriegsdienst als Panzerreiter und zum Hofdienst als Truchseß, Kämmerer, Marschall oder Schenke . Andere historische Quellen bezeugen, daß einige Ministerialen schon sehr früh im Besitz von echten Lehen waren. Woher sich dieser so stark privilegierte Personenkreis rekrutierte, ist ein alter Streitpunkt der Forschung. Meistens nimmt man an, daß die Ministerialen zum größten Teil aus niedrigeren Schichten der familia aufgestiegen seien. Es gibt jedoch auch zahlreiche Zeugnisse für den Eintritt freier Adliger in die Ministerialität. Eine Urkunde König Konrads I

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für das Kloster Corvey vom Jahr 1147 nannte die beiden so unterschiedlichen

Wege in die Ministerialität nebeneinander. Dort wurde freien Leuten die Erlaubnis erteilt, »sich selbst zu Ministerialenrecht in das Eigentum des Klosters zu übergeben«, und andererseits wurde bestimmt, daß »der Abt die Macht haben soll, aus dem niedrigsten Stand der Liten und der Zensualen Ministerialen zu machen«8.
      Die vornehmste Ministerialität war die des Königs. Daneben haben die Bistümer und die großen Stifter früh eigene Ministe-rialitäten ausgebildet. Als die weltlichen Fürsten im 11./ 12. Jahrhundert dazu übergingen, ihre Hofverwaltung nach dem Vorbild des Königshofs zu organisieren, wurden auch dort die Hofämter eingerichtet und mit Ministerialen besetzt. Die Salierkaiser des 11. Jahrhunderts haben offenbar als erste die Ministerialität bewußt als Instrument ihrer Politik benutzt, indem sie ihren Ministerialen wichtige Verwaltungsaufgaben und die Wahrnehmung von Herrschaftsfunktionen übertrugen. Zu den Vorwürfen, die von Seiten der Fürsten gegen Kaiser Heinrich

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erhoben wurden, gehörte es, daß er »die niedrigsten Menschen ohne vornehme Vorfahren zu höchsten Ehren emporgehoben habe, sich mit ihnen Tag und Nacht berate und darauf sinne, den hohen Adel womöglich ganz auszurotten«9. Ungeachtet solcher Widerstände haben die Stauferkaiser die sa-lische Ministerialenpolitik fortgesetzt und ausgebaut. In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts lag die Reichsverwaltung und die Heeresführung weitgehend in den Händen der großen Reichsministerialen, die in Einzelfällen zu fürstengleichen Positionen aufgestiegen sind. Eine Gestalt wie Werner von Bolan-den, der als Ministeriale Lehnsherr von mehr als hundert Vasallen war, ist eine Ausnahmeerscheinung gewesen, ebenso wie der Reichstruchseß Marquart von Annweiler, der als Herzog der Romagna einer der Großen in Italien wurde. Aber in ihnen verkörperten sich die die hierarchische Ordnung sprengenden Aufstiegsmöglichkeiten, die die ministerialischen Funktionen ihren Trägern in Ausnahmefällen boten.
      Ebenso wie die Konige und Kaiser haben auch die Fürsten sich der Ministerialität als Herrschaftsinstrument bedient. Als


Leiter der zentralen Hofverwaltung in den entstehenden Territorien, als Hüter der landesfürstlichen Burgen, als Beauftragte der Fürsten in den Städten hatten die Ministerialen wesentlichen Anteil am Ausbau der Landesherrschaft; und auch in den Ländern wuchs zusammen mit ihren Aufgaben ihr Einfluß und ihre Macht. Obwohl es innerhalb der Ministerialität große soziale Unterschiede gegeben hat, wird man sagen dürfen, daß die bedeutenderen Ministerialen schon in der Zeit um 1200 ihrer Lebensweise nach kaum noch vom alten Adel zu unterscheiden waren. Das Aussterben zahlreicher altadliger Familien im 13. Jahrhundert hat dann dazu geführt, daß der prozentuale Anteil der Ministerialität am landsässigen Adel immer größer wurde. Rechtlich blieben die nobiles und die ministeriales allerdings noch lange getrennt. Erst im 14. Jahrhundert sind die Ministerialen mit den Resten kleinerer freiherrlicher Familien zum niederen Adel verschmolzen.

      Die Stadtbevölkerung
Städte gab es in Deutschland schon seit der Römerzeit; aber erst im hohen Mittelalter sind sie zu einem bestimmenden Faktor der Gesellschaftsgeschichte geworden. In der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts berichteten historische Quellen mehrfach von Unruhen in den alten Bischofsstädten. Besondere Aufmerksamkeit erregten die Vorgänge in Köln, wo die Bürger im Jahr 1074 die Residenz ihres Stadtherrn, des Erzbischofs Anno IL , besetzten und ihn zur Flucht aus der Stadt zwangen. Der Erzbischof kehrte wenig später mit Waffengewalt zurück und strafte die Einwohner mit grausamer Härte. In anderen Städten hatten die Bürger mehr Erfolg, wie in Cambrai, wo sie im Jahr 1076 »eine Kommune beschworen« , wobei »sich alle gegenseitig durch Eid dahingehend verpflichteten, dem Bischof die Rückkehr nach Cambrai zu verwehren, wenn er nicht die getroffene Schwurvereinigung anerkennen würde«10. Solche »Schwureinungen« werden als der entscheidende Schritt zur Ausbildung eines eigenen städtischen Rechts betrachtet. Um dieselbe Zeit traten die Städte auch zum ersten Mal politisch handelnd hervor. Als

Kaiser Heinrich

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im Jahr 1073 von den Fürsten mit Absetzung bedroht wurde, fand er in Worms Unterstützung: die Wormser vertrieben ihren Bischof und öffneten dem Kaiser die Stadt. Er dankte es ihnen mit dem Zollprivileg, das zu den frühesten Zeugnissen kaiserlicher Städtepolitik gehört. Auch später haben die Kaiser meistens eine städtefreundliche Politik verfolgt.
      Das Recht auf Selbstverwaltung, das die Bewohner der alten Bischofsstädte in langwierigen Auseinandersetzungen erkämpfen mußten, wurde den neu gegründeten Städten meistens schon von Anfang an zugestanden. In der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts begann in Deutschland eine Periode der Städtegründungen, durch die die Zahl der vorhandenen Städte bald vervielfacht wurde. Eines der frühesten Beispiele war die Gründung von Freiburg i. Br. durch Herzog Konrad von Zähringen im Jahr 1120. Die Gründungsurkunde ist erhalten, in der der Herzog seinen neuen Bürgern zusagte, ihnen keinen Vogt vorzusetzen, der nicht von ihnen gewählt wäre, und in der er ihnen das Recht zubilligte, ihre Streitigkeiten untereinander nach ihren eigenen Rechtsgewohnheiten zu entscheiden. Städtegründer waren im 12. Jahrhundert die Könige und die großen Fürsten. Viele fürstliche Neugründungen sind zu Territorialstädten geworden, während die Gründungen der Könige ebenso wie die Mehrzahl der alten Bischofsstädte, deren Bewohner sich die Freiheit von ihren geistlichen Stadtherren erkämpft hatten, später in den Rang freier Reichsstädte aufgestiegen sind.
      Kennzeichnend für die Rechtsform der Stadtbewohner war der Begriff der städtischen Freiheit. Städtische Freiheit meinte vornehmlich, daß die Bürger frei waren von Grundhörigkeit. Der Grundbesitz wurde ihnen von dem Stadtgründer in freier erblicher Leihe übertragen, ohne sie weiter zu Abgaben und Diensten zu verpflichten. Dazu kamen die persönlichen Freiheitsrechte wie Freizügigkeit und freie Verfügung über das eigene Vermögen und Erbe. Den Bewohnern der alten Bischofsstädte wurden diese städtischen Freiheiten durch königliche Freiheitsbriefe verliehen: 1111 an die Bürger von Worms, 1114 an die von Speyer. Der Rechtsgrundsatz »Stadtluft macht frei« besagte, daß ein Höriger, der in die Stadt zog, über Jahr und Tag persönlich frei wurde, wenn er nicht vorher von seinem Herrn zurückgefordert worden war. Durch das Prinzip der Rechtsgleichheit aller Bürger unterschied sich das

Stadtrecht grundsätzlich von den anderen Rechtskreisen, die hierarchisch geordnet waren. Die Gleichheit des Rechts bedeutete allerdings nicht, daß die Stadtbevölkerung eine Gesellschaft von Gleichgestellten war.
      In fast allen Städten hat sich früh eine dünne Oberschicht von der übrigen Bevölkerung abgesetzt. Dieser Stadtadel, der häufig in festen Häusern residierte, die zum Beispiel in Regensburg heute noch zu sehen sind, und der entscheidenden Einfluß auf die städtische Politik und Verwaltung gewann, stand fast überall in engen gesellschaftlichen und verwandtschaftlichen Beziehungen zum Landadel und rekrutierte sich in den süd- und westdeutschen Städten hauptsächlich aus Ministerialen, denen die Stadtherren wichtige Ã"mter in der Stadt übertragen hatten. Ihre Nachfahren bildeten die ratsfähigen Familien, aus denen die Mitglieder des städtischen Rats gewählt wurden, der die Stadt regierte und der aus seinen Reihen den Schultheißen wählte. Erst im H.Jahrhundert haben sich die Zünfte gegen das Regiment des Rats erhoben. In einigen Städten, wie in Straßburg, gelang es ihnen, das Patriziat der alten Familien zu verdrängen; in anderen, wie in Augsburg, gewannen sie Anteil am Rat; in einigen, wie in Nürnberg, behielten die Geschlechter die Oberhand.
      Nicht jeder, der in der Stadt wohnte, war ein Bürger. Vielfach war das Bürgerrecht an Grundbesitz in der Stadt gebunden. Wer neu zuzog, mußte ein Bürgergeld bezahlen, um zum Bürgereid zugelassen zu werden. Die Mehrheit der Bürger waren Kaufleute, von denen einigen der Aufstieg in das Patriziat der Ratsfähigen gelang, und Handwerker, die sich fast überall in Zünften organisierten. Die kein Bürgerrecht besaßen, lebten als »Beisassen« oder als »Einwohner« in der Stadt. Es gab aber auch eine breite städtische Unterschicht der Dienstboten, Tagelöhner, Bettler und Armen, die an den städtischen Freiheiten keinen Anteil hatten.

      Die ländliche Bevölkerung
Man schätzt, daß im hohen Mittelalter etwa 90 Prozent der Bevölkerung in abhängiger Position auf dem Land lebten. Die meisten Bauern waren persönlich unfrei. Sie unterstanden der Hausgewalt und dem Hofrecht ihres Grundherrn, dem sie zu Diensten und Abgaben verpflichtet waren. Es gab auch freie
Bauern im Mittelalter, vor allem in den Alpenländern und in Friesland. Ihre Zahl hat sich seit dem 12. Jahrhundert bedeutend erhöht, denn bei der Rodung und Besiedlung von bislang unbewohntem Land wurden keine neuen Grundherrschaften gebildet, sondern das neugewonnene Land wurde den Bauern meistens zu erblichem Besitz übergeben. Im Altsiedeiland blieb demgegenüber die grundherrschaftliche Hörigkeit und Leibeigenschaft noch lange erhalten. Die Situation der Landbevölkerung ist jedoch mit dem Begriff der Unfreiheit nur unzureichend umschrieben. Denn »frei« und »unfrei« waren relative Begriffe; es gab eine breite Skala persönlicher und sachlicher Abhängigkeiten, und es gab innerhalb der grundherrlichen fa-milia ganz bedeutende Abstufungen. Ein Meier, der einen größeren Wirtschaftsverband beaufsichtigte, und ein armer Tagelöhner unterstanden zwar beide dem Hofgericht des Grundherrn; ihrem sozialen Status nach hatten sie jedoch nichts gemein.
      In einem langsamen Prozeß, der sich über Jahrhunderte hinzog, veränderte die Grundherrschaft allmählich ihren Charakter. Immer mehr adlige Herren gaben den landwirtschaftlichen Eigenbetrieb auf und lebten nur noch von den Einkünften, die ihnen aus ihrem Landbesitz zuflössen. Die persönlichen Dienste der hörigen Bauern auf dem Herrenhof, die nicht mehr benötigt wurden, sind meistens in Geldzahlungen umgewandelt worden. Bei diesem Prozeß sind allerdings bedeutende regionale Unterschiede in Rechnung zu stellen. Im ganzen hat sich dadurch wohl die Stellung der abhängigen Landbevölkerung, vor allem durch den Wegfall der drückenden Frondienste, verbessert. Man sollte aber nicht das satirisch verzerrte Bild, das Neidhart in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts von den reichen Bauern entwarf, für ein Abbild der Realität halten; und man sollte nicht glauben, daß die stolzen Worte des alten Meier Helmbrecht über die Würde des Bauernstands dem Selbstbewußtsein der Landbevölkerung entstammten. Die Bauern bei Neidhart und im >Helmbrecht< waren Kunstfiguren, auf das adlige Hofpublikum hin konzipiert. Auch wenn es unter den Bauern einigen Wohlstand gegeben hat, war doch die Masse der Landbevölkerung den Wechselfällen des Lebens besonders hart ausgesetzt.
     

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