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Die höfische Gesellschaft als Forschungsproblem



In den neueren sozialgeschichtlichen Handbüchern kommt die höfische Gesellschaft des 12. und 13. Jahrhunderts meistens überhaupt nicht vor. Das hat seinen Grund darin, daß aus den lateinischen Geschichtsquellen, mit denen die Historiker zu arbeiten gewohnt sind, darüber kaum etwas zu erfahren ist. Die deutsche Geschichtsschreibung besaß im 12. Jahrhundert noch überwiegend ein klösterliches Gepräge; das kam in ihrem Blick auf die Wirklichkeit ebenso zum Ausdruck wie in ihren Wertungen. An Einzelheiten der weltlichen Gesellschaftskultur waren die Autoren in den meisten Fällen nicht interessiert. Mehr Informationen über die Gesellschaftskultur des Adels liefern andere Quellen. Dazu gehört der >Codex Falkensteinensis< vom Ende des 12. Jahrhunderts, in dem der gesamte Besitz der bayerischen Grafen von Neuburg-Falkenstein verzeichnet ist. Auf Burg Neuburg gab es damals » silberne Becher mit Deckeln und 5 Silberschalen ohne Deckel, 3 silberne Trinkgefäße mit Deckeln und 4 ohne Deckel, 2 silberne Löffel; ferner 15 Harnische, 8 eiserne Beinschienen, 60 Lanzen bzw. Spieße, 4 Helme, 6 Trompeten, 20 Federbetten, 3 Spielbretter, 3 Schachbretter und elfenbeinerne Figuren, die sowohl zum Brettspiel wie zum Schachspiel geeignet sind«11. Vergleicht man damit das Inventar der Gegenstände, die sich beim Tod Herzog Ottos von Kärnten auf der Burg Tirol befanden , dann wird deutlich, welche Entwicklung die Sachkultur an den deutschen Höfen im Verlauf des 13. Jahrhunderts genommen hat. Eine andere Quelle von außerordentlichem Wert sind die Reiserechnungen des Passauer Bischofs Wolfger von Erla aus den


Jahren 1203/04, die in der Germanistik berühmt sind, weil Walther von der Vogelweide in ihnen historisch bezeugt ist, die aber auch die zahlreichen gesellschaftlichen Kontakte bezeugen, die der Bischof auf seinen Reisen hatte, und die die Kosten seiner Hofhaltung bis ins einzelne belegen. Rechnungsbücher fürstlicher Haushalte gibt es sonst in Deutschland erst am Ende des 13. Jahrhunderts. Die Raitbücher der Grafen von Tirol, die seit dem Jahr 1288 mit großer Genauigkeit geführt wurden, und das oberbayerische Rechnungsbuch der Jahre 1291-1294 sind die frühesten Zeugnisse dieser Art. So wichtig diese historischen Dokumente sind, man bleibt doch im wesentlichen auf Zeugnisse anderer Art angewiesen, wenn man sich ein Bild von der höfischen Gesellschaftspraxis machen will: auf poetische Texte in deutscher Sprache und auf bildliche Darstellungen.
      Wer sich über die Sachkultur des hochmittelalterlichen Adels und über die gesellschaftlichen Umgangsformen im 12. und 13. Jahrhundert informieren will, muß die kulturgeschichtlichen Darstellungen des 19. Jahrhunderts zu Rate ziehen, vor allem das große zweibändige Werk des Prager Kunsthistorikers Alwin Schultz >Das höfische Leben zur Zeit der Minnesingers das 1889 in zweiter Auflage erschienen ist. Darin treten die Stärken und Schwächen der älteren Kulturgeschichte deutlich hervor. Der bleibende Wert liegt in der stupenden Materialfülle, die heute für den Einzelnen nicht mehr erreichbar ist. Schultz hat nicht nur die gesamte deutschsprachige Literatur des 12. und 13. Jahrhunderts exzerpiert und ausgewertet, sondern außerdem einen großen Teil der gleichzeitigen französischen Literatur sowie zahlreiche, zum Teil nicht leicht zugängliche lateinische Quellen. Was den Wert der Darstellung beeinträchtigt und was schließlich die Kulturgeschichte alten Stils in Mißkredit gebracht hat, ist die unkritische Interpretation des Belegmaterials. Zwei Verfahrensweisen sind besonders typisch für die methodischen Mängel der Quellenauswertung. Einmal wurde das, was von den Dichtern als merkwürdiger Ausnahmefall erzählt wurde, als etwas damals Ãobliches hingestellt und zum gesellschaftlichen Normalfall verallgemeinert. Zum anderen blieb der poetische Charakter der meisten Belege unberücksichtigt, so daß in naiver Weise als Wirklichkeit angesehen wurde, was in der Dichtung Teil eines idealisierten Gesellschaftsbildes war. Daraus erklärt es sich, daß die Darstellung von Schultz für den heutigen Leser den Beigeschmack unfreiwilliger Komik hat, wenn es zum Beispiel über die Eßgewohnheiten heißt:
»Man schmierte zwischen zwei Brotschnitten Kalbshirn oder zerkochte Zwetschken und buk das in Fett« ; oder über die Frauenkleidung: »Die Halsöffnung wurde durch eine Agraffe geschlossen, damit nicht ein Mann so leicht der Dame in den Busen greifen konnte« ; oder über die Bauern: »Ihre Feierstunden brachten sie damit hin, lang ausgestreckt auf der Erde zu liegen und das Ungeziefer sich absuchen zu lassen« ; oder über die Betten: »Die Betten sind entweder zweischläfrig und dann legte ein Ritter, der seine Dame nicht berühren will, ein bloßes Schwert zwischen sich und sie, oder sie sind nur für eine Person bestimmt, dann aber jedenfalls zusammengerückt« . Als große historische Darstellungsform hat die Kulturgeschichte das 19. Jahrhundert nicht überlebt; sie ist an ihren methodischen Mängeln zugrunde gegangen. Zwar ist das umfangreichste kulturgeschichtliche Werk, das von Heinz Kindermann herausgegebene >Handbuch der Kulturgeschichte^ erst in den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts erschienen; aber auch dieses Werk, gerade in dem für unser Thema maßgebenden Band >Deutsche Kultur im Zeitalter des Rittertums< von Hans Naumann , bezeugt den Verfall einer einstmals großen Disziplin, insofern nicht mehr die geschichtlichen Realien im Mittelpunkt standen, sondern »ideale Kulturziele«, die angeblich das gesellschaftliche Leben der Vergangenheit bestimmt haben. Die quellenferne, vom Mythos des staufischen Ritters getragene Darstellung von Hans Naumann hat weit über die Germanistik hinaus gewirkt und bestimmt in manchen historischen Nachschlagewerken noch heute das Bild von den gesellschaftlichen Verhältnissen im hohen Mittelalter. Diesem Bild entgegenzuarbeiten und die Auffassung der höfischen Kultur wieder auf die geschichtliche Wirklichkeit zurückzuführen, gehört zu den Zielen der vorliegenden Arbeit.
      Seit einigen Jahrzehnten bahnt sich in der Erforschung der mittelalterlichen Sachkultur ein bedeutsamer Wandel an. Die Mittelalter-Archäologie, die bis dahin fast ganz den Museen überlassen worden war, entwickelt sich zu einer selbständigen Wissenschaft mit eigenen Fachzeitschriften und Forschungseinrichtungen wie das Institut für mittelalterliche Realienkunde Ã-sterreichs in Krems. In Deutschland kommen wichtige Impulse vom Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München und vom Max-Planck-Institut für Geschichte in Göttingen, wo die Pfalzenforschung ihr Zentrum hat. In eine breitere Ã-ffentlich-keit wirkt diese neue Sparte der Mediävistik vor allem durch die großen Mittelalter-Ausstellungen der letzten Jahre, insbesondere durch die zum Teil hervorragend dokumentierten Ausstellungskataloge, die für die Kulturgeschichte eine Fülle wichtiger Informationen bereitstellen.
     

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