Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Fiktion und realität

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Dichtung als Geschichtsquelle



Das Quellenmaterial, aus dem die höfische Kultur des hohen Mittelalters rekonstruiert werden muß, umfaßt verschiedene Bereiche der Ãœberlieferung:
1. Literarische Texte in deutscher Sprache bilden die umfangreichste und wichtigste Quellengruppe. Dazu gehören hochfik-tionale Texte, wie Minnelieder und höfische Epen, mit einem eigenen Wirklichkeitsanspruch, der in ihrer poetischen Form begründet ist, außerdem lehrhafte Dichtungen, politische Spruchdichtung, Reimchroniken und ähnliche Werke, die direkt auf außerliterarische Wirklichkeit Bezug nehmen. Je höher der Grad der Fiktionalität ist, um so größer sind die methodischen Schwierigkeiten bei der realgeschichtlichen Auswertung der Texte.
      2. Bildliche Darstellungen sind die zweitwichtigste Quellengattung. Wir besitzen Malereien in Form von Handschriftenminiaturen und Wandfresken, plastische Darstellungen in Stein, Holz und Metall und mit Bildern geschmückte Gebrauchsgegenstände aus verschiedenem Material. Für die höfische Kultur sind die Siegelbilder besonders wichtig. Für die Bilder stellen sich dieselben Probleme der Auswertung, wenn man sie als Zeugnisse der Gesellschaftskultur betrachtet, wie für die literarischen Texte. Die Schwierigkeiten sind sogar noch größer, weil die Produktion der bildlichen Darstellungen noch weitgehend in Händen von Angehörigen kirchlicher Institutionen lag. Die großartigste Bildquelle des 12. Jahrhunderts stammt aus dem elsässischen Kloster Hohenberg. Es sind die Miniaturen zum >Lustgarten< der Äbtissin Herrad von Landsberg . Wir besitzen allerdings nur noch die Kopien; das Original ist 1870 verbrannt.
      3. Die materielle Hinterlassenschaft aus dem hohen Mittelalter bildet eine reiche, erst teilweise erschlossene Quellengruppe. Was davon der adligen Laienkultur zugeordnet werden kann, ist wenig im Vergleich zu den kirchlichen Altertümern. Unbe-schädigt erhalten geblieben sind nur ein paar Kunst- und Gebrauchsgegenstände: Schachfiguren, Trink- und Gießgefäße, Spiegel, Beutel, Gürtelschnallen, Kerzenhalter, Holzkästchen usw. Vieles ist nur bruchstückhaft auf uns gekommen. Einen hohen Zeugniswert besitzen die Grabungsfunde und die Ruinen der profanen Bauwerke, der Burgen und Pfalzen des 12. und 13. Jahrhunderts, von denen keine die Zeiten unbeschädigt überdauert hat.
      4. Historische Quellen in lateinischer Sprache spielen bei der Erschließung der höfischen Kultur eine geringere Rolle, weil die Verfasser der Chroniken und Annalen das Gesellschaftsleben des weltlichen Adels weitgehend ausgeblendet haben. Diese Feststellung gilt jedoch nur für Deutschland, während in Frankreich und England die moderne dynastische Geschichtsschreibung und das hofkritische Schrifttum von Johannes von Salisbury, Petrus von Blois und anderen wichtige Aufschlüsse über die Lebensverhältnisse an den Höfen vermitteln; diese Aufschlüsse können auch für das historische Verständnis der kulturellen Situation in Deutschland genutzt werden.
      Die höfischen Dichter haben Tausende von Versen auf die Beschreibung von Waffen, Kleidern, Zelten, Burgen, Pferden, Zweikämpfen, Turnieren, Empfängen, Mahlzeiten, Hoffesten usw. verwandt. Das geht so weit, daß die höfischen Romane wie poetische Handbücher der adligen Gesellschaftskultur wirken. Sie sind wohl auch so verstanden worden. Das Publikumsinteresse an Dichtungen im französischen Stil muß enorm groß gewesen sein, und dieses Interesse war sicherlich nicht nur auf die Handlung gerichtet, sondern ebenso auf die Gesellschaftsdarstellung, der von den Dichtern so viel Platz eingeräumt wurde. So unrealistisch die runde Tafel war, an der König Artus die edelsten Ritter um sich versammelte, und so märchenhaft die Kämpfe gegen Drachen und Riesen ausgestaltet wurden, in ihrer Darstellung gesellschaftlicher Einzelheiten waren die Dichter offenbar auf Genauigkeit und Aktualität bedacht. Idealisierungstendenzen und Detailrealismus sind keine Gegensätze. Selbst an Stellen, wo die poetischen Beschreibungen ins Phantastische zu entgleiten scheinen, wenn von Zaubergeräten und wunderbaren Automaten die Rede ist, bleibt die konkrete Wirklichkeitsgrundlage erkennbar. Im >Straßburger Alexander< wird zum Beispiel von einer solchen Maschine im Schloß der Königin Candacis erzählt: »Mitten in ihrem Palast war auf ihren Befehl ein schönes Tier aufgestellt worden, das bestandganz aus rotem Gold. Dies herrliche Tier glich einem Hirsch. Vorn am Kopf hatte es tausend Hörner, und auf jedem Hörn saß ein wunderbarer Vogel. Auf dem Tier saß ein wohlgestalteter Mann, der zwei Hunde führte. Er hatte ein Hörn an seinen Mund angesetzt. Unten im Keller lagen vierundzwanzig Blasebälge. Jeden dieser Blasebälge bedienten zwölf starke Männer. Wenn sie die Bälge in Bewegung setzten, sangen die Vögel vorne auf dem Tier, der Mann blies sein Hörn und die Hunde bellten. Außerdem brüllte dann das wunderbare Tier wie ein Panther.« Orgelbäume mit singenden Vögeln wurden auch in anderen Dichtungen beschrieben, im Jüngeren Titureh , und im >Trojanerkrieg< von Konrad von Würzburg . Solche Apparate hat es im 12.und 13. Jahrhundert, soweit wir wissen, weder in Deutschland noch in Frankreich gegeben. Aber in Byzanz waren ähnliche Geräte schon im 10. Jahrhundert bekannt. Bischof Liudprand von Cremona hat sie dort im kaiserlichen Palast gesehen, als er im Jahr 949 im Auftrag des Kaisers in Byzanz war: »Vor dem Kaiserthron stand ein eherner, aber vergoldeter Baum, dessen Zweige erfüllt waren von Vögeln verschiedener Art, ebenfalls von Erz und vergoldet, die die Stimmen verschiedener Vögel gemäß der Art eines jeden ertönen ließen. Der Thron des Kaisers aber war so künstlich erbaut, daß er bald niedrig, bald größer und dann hoch erhaben schien. Löwen von ungeheuerer Größe, ich weiß nicht ob aus Metall oder aus Holz, aber mit Gold überzogen, standen gleichsam als Wächter des Thrones, indem sie mit dem Schweife auf den Boden schlugen und mit offenem Rachen und beweglicher Zunge ein Gebrüll erhoben.« Liudprand deutete an, daß ihm die Mechanik dieser Geräte vertraut war. Die Erzählungen der höfischen Dichter rücken in ein anderes Licht, wenn man annehmen darf, daß es den Zuhörern nicht unbekannt war, daß es Apparate gab, die sich künstlich bewegen ließen und die Geräusche hervorbringen konnten.
      Die Frage nach dem historischen Zeugniswert der literarischen Texte läßt sich nicht theoretisch beantworten. Wenn man sich auf den Standpunkt stellt, daß prinzipielle methodische Bedenken einen direkten Rückschluß von fiktionalen Aussagen auf außerliterarische Wirklichkeit verbieten, so ist dagegen nicht viel einzuwenden. Diese methodischen Bedenken haben dazu geführt, daß die höfische Kultur des 12. und D.Jahrhunderts weitgehend aus dem Blickfeld der Forschung verschwunden ist. Wenn man sich jedoch davon überzeugt, daß wichtige Aspekte sowohl der Gesellschaftsgeschichte als auch der Literaturgeschichte im hohen Mittelalter verborgen bleiben, sofern man die Auswertung von ästhetisch strukturierten Texten ablehnt, wird man das Bedenkliche, das dem Umgang mit poetischen Zeugnissen anhaftet, in Kauf nehmen und dadurch auszu-gleichen suchen, daß man die methodische Unsicherheit der Schlußfolgerungen überall mitreflektiert.
      Der Grad der Unsicherheit richtet sich nach dem jeweils erfragten Gegenstandsbereich:
Im Bereich der adligen Sachkultur sind die Schwierigkeiten am größten. Auf der einen Seite gibt es viele Details, die nur literarisch bezeugt sind. Auf der anderen Seite kann niemals mit Sicherheit nachgewiesen werden, daß eine nur literarisch belegte Einzelheit auch in Wirklichkeit existiert hat. Für den Burgenbau und die historische Waffenkunde müssen die Aussagen der Dichter an den Ergebnissen der archäologischen Forschung kontrolliert werden. Für das Kleidungswesen und die Eßge-wohnheiten sind bildliche Darstellungen zur Ergänzung und Kontrolle heranzuziehen. Auch die Bilder waren Kunsterzeugnisse mit einem eigenen Wirklichkeitsanspruch. Die Ãœbereinstimmung von Texten und Bildern läßt jedoch in vielen Fällen einen Schluß zu, wenn schon nicht auf reale Gegenstände, so doch auf das, was damals im Bereich der Sachkultur als vorbildlich angesehen wurde. Ein Meisterstück höfischer Beschreibungskunst ist der Auftritt der Prinzessin Isolde am irischen Königshof im >Tristan< von Gottfried von Straßburg. Der Dichter hat die Schönheit ihrer Erscheinung beschrieben, die herrlichen Kleider, den aufrechten Gang, den stolzen Blick und die feine Haltung der Hände: »Da, wo sich die Tassein befanden, war eine feine Schnur aus weißen Perlen befestigt, in die die Schöne ihren linken Daumen geschlagen hatte. Die Rechte hielt sie etwas tiefer, dort, wo man — ihr wißt es wohl - den Mantel schließen soll, und hielt ihn auf höfische Weise mit zwei Fingern zusammen.« Daß in dieser Gebärde höfische Gesinnung und adliges Selbstbewußtsein zum Ausdruck kamen, bezeugen Siegelbilder französischer und deutscher Fürstinnen aus dem 12. und D.Jahrhundert, auf denen der Griff in die Tasselschnur als repräsentative Geste 'wiederbegegnet . Auch die Großplastik hat dieses Motiv übernommen. Ebenso wie Isolde faßt die Markgräfin Reglindis im Westchor des Naumburger Doms mit der einen Hand in die Tasselschnur und hält mit der anderen den Mantel zusammen .
      Für das Zeremoniell der höfischen Umgangsformen geltendieselben Bedenken, soweit es um faktische Einzelheiten, etwa der Turnierpraxis, geht. In diesem Bereich kann die Evidenz der literarischen Texte durch Berichte in historischen Quellen über Hoffeste, Turniere und Schwertleiten ergänzt werden. Der Quellenwert der literarischen Zeugnisse ist um so höher, je mehr der Blick auf die Normen des gesellschaftlichen Verhaltens gerichtet wird. Auch dafür ein Beispiel. Wolfram von Eschenbach hat die Hungersnot im belagerten Belrapeire geschildert: »Der Mangel an Lebensmitteln machte, daß sie Hunger litten. Sie hatten weder Käse noch Fleisch noch Brot. Sie stocherten nicht in den Zähnen und sie befetteten auch nicht beim Trinken den Wein mit ihrem Mund.« Daß die Ritter in Belrapeire höfische Anstandsregeln befolgten, weil sie nichts zu essen hatten und somit gar nicht gegen diese Regeln verstoßen konnten, war ein Witz, der von den Zuhörern nur dann richtig verstanden werden konnte, wenn allgemein bekannt war, daß man bei Tisch nicht mit dem Messer in den Zähnen stochernsollte und daß man den fettigen Mund abwischen sollte, bevor man trank. Diese beiden Regeln finden sich, neben vielen anderen, in der ältesten deutschen Tischzucht, die unter dem Namen Tannhäuser überliefert ist und die wahrscheinlich aus der Mitte des 13. Jahrhunderts stammt. »Ihr sollt nicht mit Messern in den Zähnen stochern.« »Bevor ihr trinkt, wischt den Mund ab, damit ihr das Getränk nicht befettet.« Aus den witzigen Bemerkungen im >Parzival< kann man erschließen, daß in Deutschland bereits um 1200 Vorschriften für das Benehmen bei Tisch bekannt waren, die sonst durch keine andere Quelle bezeugt sind. Ob solche Vorschriften auch eingehalten wurden, ist eine ganz andere Frage.
      Das höfische Gesellschaftsideal hat seinen Niederschlag fast ausschließlich in der Dichtung gefunden. Die neue Konzeption von höfischer Vollkommenheit in Rittertum und Liebe kann unmittelbar aus der Analyse der literarischen Texte gewonnen werden. Die kontroverse Diskussion über den Begriff und die Wesensmerkmale der höfischen Liebe zeigt jedoch, daß es nicht leicht ist, das ideale Konzept aus dem Handlungs- und Argumentationszusammenhang der fiktionalen Texte herauszusondern. Noch schwieriger ist der Rückschluß auf die außerliterarische Wirklichkeit, der auch in diesem Bereich erfolgen muß, weil die poetischen Idealbilder nur dann als Aspekte eines neuen Gesellschaftsideals in Anspruch genommen werden können, wenn sich die gesellschaftliche Relevanz des dichterischen Entwurfs aufzeigen läßt. Ein solcher Nachweis wird jedoch nur in Ausnahmefällen gelingen. Daß die Dichtung tatsächlich das gesellschaftliche Selbstbewußtsein des Laienadels beeinflußt hat, ist zum Beispiel konkret daran zu erkennen, daß man die eigenen Kinder nach literarischen Gestalten benannte und daß die Turnierpraxis nach dem Vorbild literarischer Modelle umgestaltet wurde. Dabei bleibt jedoch vielfach unklar, in welchem Umfang die Mitglieder der höfischen Gesellschaft den literarischen Idealen nachzuleben bemüht waren. In diesem Punkt ist Skepsis angebracht.
      So unterschiedlich der Zeugniswert literarischer Texte in den verschiedenen Bereichen der Gesellschaftskultur ist, die Art ihrer Aussageweise bleibt überall gleich. Die Ebene der Realität, zu der sie sich direkt in Beziehung setzen lassen, ist nicht die


Wirklichkeit der materiellen Gegenstände oder der faktischen Vorgänge, sondern die Wirklichkeit der Vorstellungen, Erwartungen und Wünsche, die Wirklichkeit des gesellschaftlichen Bewußtseins und der kulturellen Normen.
      Die Frage nach den Wirklichkeitsgrundlagen der Dichtung stellt sich aber noch in einer anderen Form. Die höfischen Dichter haben meistens nach französischen Vorlagen gearbeitet und haben viele Einzelheiten der Gesellschaftsdarstellung aus ihren französischen Quellen übernommen, weil offenbar das adlige Publikum in Deutschland gerade daran interessiert war. Dabei ist nicht immer deutlich, ob die Dichter ein französisches Gesellschaftsbild zeichnen wollten, oder ob die deutschen Zuhörer die dargestellten Einzelheiten des Gesellschaftslebens als Teile ihrer Wirklichkeit wiedererkennen sollten. Wahrscheinlich haben beide Gesichtspunkte eine Rolle gespielt. Wenn ein Dichter zum Beispiel von der literarischen und wissenschaftlichen Erziehung seines ritterlichen Helden berichtete, so dürfte er selber genauso gut wie sein Publikum gewußt haben, daß literarisch gebildete Fürsten in Deutschland eine große Seltenheit waren, während die Fürstenerziehung in Frankreich im 12. Jahrhundert schon vielfach eine wissenschaftliche Ausbildung miteinschloß . In anderen Fällen kann man wahrscheinlich machen, daß die französischen Gegenstände, von denen die Dichter sprachen, tatsächlich in Deutschland vorhanden oder jedenfalls bekannt waren. Eine technische Neuerung am Ritterhelm war die barbiere, eine Metallplatte mit Atemlöchern, die zum Schutz der unteren Gesichtshälfte vorne am Helm befestigt wurde . Die frühesten Zeugnisse stammen aus Frankreich. In Deutschland kommt dieser Gegenstand zum ersten Mal auf einem Siegelbild des Herzogs Leopold

VI.

von Österreich aus dem Jahr 1197 vor. Fast gleichzeitig begegnet in dem - nach 1195 verfaßten - >Lanzelet< von Ulrich von Zatzikhoven der erste literarische Beleg in Gestalt eines französischen Lehnworts: »So wurde der kühne Iwe-ret durch seine barbiere geschlagen, so daß der tapfere Held aus Mund und Nase zu bluten begann und das Blut den Kinnschutz herunterlief.« Das deutet darauf, daß Wort und Sache zusammen übernommen worden sind. Natürlich kann weder das österreichische Herzogssiegel noch die >Lanzelet

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