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Fiktion und realität

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Der Hof



Reiseherrschaft und Residenzbildung
Deutschland war im Mittelalter ein Königreich ohne Hauptstadt. Der König begann seine Herrschaft mit einem Umritt durch die verschiedenen Reichsteile, wo er die Huldigung der Großen entgegennahm und zu Gericht saß; und auch danachwar er, mitsamt seinem Hof, ständig unterwegs. Er übte die Herrschaft aus, indem er herumzog und auf den verschiedenen Stationen seines Weges, vor allem an den großen kirchlichen Feiertagen, die Fürsten und Bischöfe und die lokalen Gewalthaber um sich versammelte, die mit ihm zusammen Gericht hielten und ihn in allen wichtigen Fragen berieten. Nur während der Wintermonate blieb er meistens für längere Zeit an einem Ort. Seine Reiseroute wurde zum Teil durch aktuelle politische Konstellationen bestimmt, zum Teil auch durch die Vorliebe der Herrscher für bestimmte Plätze, zum größeren Teil jedoch durch die Lage der Kaiserpfalzen, der Bischofsstädte sowie der Orte, die zur »Königsgastung« {servitium regiS) verpflichtet waren. Besonders häufig haben sich die Könige in der Nähe ihres eigenen Hausguts aufgehalten oder dort, wo es Reichsgut in größerem Umfang gab, zum Beispiel in Goslar am Harz oder in Altenburg im Pleißenland. Um einen Eindruck von dieser Herrschaftsform zu vermitteln, genügt ein Blick auf das Itinerar des Kaisers für ein einziges Jahr. Im Mai 1182 feierte Friedrich I. das Pfingstfest in Mainz, wohin ein allgemeiner Reichstag berufen worden war, der von vielen Fürsten besucht wurde. Feierlicher Höhepunkt war eine Festkrönung des Kaisers und der Kaiserin am Pfingstsonntag und die anschließende Prozession in vollem Herrscherornat zum St. Alban Kloster. Im August 1182 fand ein Hoftag in Nürnberg statt, wo sich die Bischöfe von Bamberg, Freising, Münster und Hildesheim, die Markgrafen von Meißen und von der Lausitz, der Graf von Abenberg und andere Große um den Kaiser versammelten. Noch größer war die Zahl der Fürsten, die einen Monat später, zu Michaelis, im September 1182, den Reichstag von Regensburg besuchten, wo Friedrich I. den nach Deutschland geflohenen Herzog Friedrich von Böhmen wieder in sein Amt einsetzte. Im Oktober 1182 war der Kaiser in Augsburg, begleitet von seinen Söhnen, König Heinrich und Herzog Friedrich von Schwaben, und mehreren Bischöfen und Graten. Von dort begab sich Friedrich nach Erfurt, wo er im November 1182 den Streit zwischen dem Landgrafen von Thüringen und dem Kloster Hersfeld in Anwesenheit der Grafen von Gleichen, von Schwerin, von Kirchberg, von Schwarzburg, von Käfernburg und vieler anderer Herren schlichtete. Im Dezember 1182 fanden sich die Erzbischöfe von Magdeburg und von Bremen, der Herzog von Sachsen, die Markgrafen von Brandenburg, von Meißen und von der Lausitzzusammen mit anderen Mitgliedern des mittel- und norddeutschen Hochadels in Merseburg ein, wo der Kaiser wahrscheinlich auch Weihnachten feierte. Im Januar 1183 fand ein von mehreren Bischöfen und Grafen besuchter Hoftag in Altenburg statt. Im März 1183 war Friedrich I. wieder in Nürnberg und nahm dort die formelle Unterwerfung der Stadt Alessandria entgegen. Von dort reiste der Kaiser nach Eger, wo er eine neue prächtige Pfalz erbaut hatte. Pfingsten feierte er im Juni 1183 in Regensburg zusammen mit Herzog Otto von Bayern. Dann begab er sich nach Konstanz, wo bereits Ende Juni, in Anwesenheit zahlreicher geistlicher und weltlicher Fürsten, der große Reichstag begann, der in die Geschichte eingegangen ist, weil hier der »Konstanzer Friede« mit dem Lombardischen Städtebund abgeschlossen wurde, der den jahrzehntelangen Kampf um die Vorherrschaft in Norditalien beendete.
      Es ist nicht leicht, sich ein Bild davon zu machen, wie groß der Hofstaat war und wie seine Fortbewegung und Unterbringung organisiert wurde. In den historischen Quellen ist selten davon die Rede; man ist auf wenige Angaben angewiesen, die verschieden interpretiert werden können. Der Sächsische Annalist, der um die Mitte des 12. Jahrhunderts schrieb, bezifferte den täglichen Lebensmittelbedarf des kaiserlichen Hofs zur Zeit Ottos I. mit »1 Schweinen und Schafen, 10 Fuder Wein, 10 Fuder Bier, 1000 Malter Getreide, 8 Rinder, außerdem Hühner, Ferkel, Fische, Eier, Gemüse und vieles mehr«1. Das scheint genug für mehr als tausend Menschen und ist mit der Realität nur schwer in Ãœbereinstimmung zu bringen. Neuere Schätzungen rechnen jedoch damit, daß der reisende Kaiserhof mit dem ganzen Troß der Knechte und Bediensteten tausend Personen und mehr gezählt habe, was sehr hoch gegriffen zu sein scheint. Die Berechnung ist auch deswegen so schwierig, weil die Größe des kaiserlichen Gefolges offenbar bedeutenden Schwankungen unterlag. Die Untersuchungen von Oehler haben gezeigt, daß es unter den adligen Mitgliedern der Hofgesellschaft einen ständigen Wechsel gab und daß nur wenige Personen über einen längeren Zeitraum hindurch am Hof geblieben sind. In unruhigen Zeiten, wenn eine größere Anzahl von Soldaten zum Schutz des Zuges mitge-führt wurde oder wenn eine militärische Aktion geplant war, ist natürlich von viel höheren Zahlen auszugehen. Ebenso kann auf den großen Reichs- und Hoftagen, wo sich die Fürsten mit ihrem zahlreichen Gefolge um den Kaiser versammelten, die Zahl der Anwesenden in die Tausende gegangen sein. Von Erzbischof Albero von Trier wurde zum Beispiel erzählt, daß er bei solchen Gelegenheiten einen besonders großen Aufwand entfaltete. So hatte er, wie sein Biograph Balderich berichtete, 1149 auf dem Reichstag in Frankfurt einen Herzog und acht Grafen in seinem Gefolge, »dazu eine so große Zahl von Geistlichen und Rittern, daß sie alle, die es sahen, in Staunen versetzte«2. Er war »mit 40 Wohnschiffen« angereist, »nicht gezählt die kleinen Kriegsfahrzeuge, Lastkähne und Küchenschiffe«3. Die Erwähnung der Küchenschiffe läßt vermuten, daß die Versorgung ihres Gefolges mit Nahrungsmitteln von den Fürsten selbst organisiert worden ist. Ob dies die Regel war, ist jedoch ungewiß. Ein anderes Mal kam Erzbischof Albero »mit 500 Rittern« an den Königshof »und ließ in einem schier endlosen Wagenzug 30 Fuder Wein und Lebensmittel in unermeßlicher Fülle heranrollen«4. Diese Vorräte dienten nicht nur zur eigenen Versorgung, sondern wurden auch zu politischen Zwecken verwendet. Der Erzbischof beschenkte nämlich die am Hof versammelten Großen mit seinem Wein; »denn er wußte genau, daß, um zu siegen und die Seelen der Männer zu gewinnen, mit einem Vorrat an Wein und anderen Lebensmitteln mehr auszurichten war, als mit einem vieltausendköpfigen Heer von armen Schluckern«5. Nach der Angabe von Gislebert von Mons waren auf dem berühmten Mainzer Hoftag von 1184 insgesamt 70000 »Ritter« anwesend, »ohne die Kleriker und die Menschen verschiedenen Standes«6. Diese Zahl gilt als übertrieben; aber Gislebert von Mons war in Mainz selber anwesend, und er hat die Angabe, wie er betont, »nach wahrheitsgemäßer Schätzung« gemacht.

     

Das Reisekönigtum war in Deutschland besonders ausgeprägt; es war aber keine spezifisch deutsche Erscheinung. Auch die Könige von Frankreich und England waren ständig mit ihrem Hof unterwegs. Dort hat es jedoch schon früh eine kleine Zahl besonders bevorzugter Aufenthaltsorte gegeben, wo der König auch längere Zeit verweilte, und seit dem 12. Jahrhundert setzte ein Prozeß der Residenzbildung ein, indem sich bestimmte Teile der Hofverwaltung, wie das Hofgericht und das Urkundenarchiv, nach und nach von der Reisegesellschaft des Königs lösten und in Paris und in London seßhaft wurden. Derselbe Prozeß vollzog sich später in den deutschen Territorien. Ursprünglich wurden auch die Herzogtümer und Grafschaften nach dem Prinzip der Reiseherrschaft regiert; und noch in der Zeit um 1200 zogen die Fürsten, nicht anders als der König, die meiste Zeit hindurch in ihrem Land herum. Zur Ausbildung fester landesherrlicher Residenzen ist es erst im 14. Jahrhundert gekommen. Aber erste Ansätze zur Residenzbildung lassen sich in verschiedenen Teilen des Reichs bereits seit der Mitte des 12. Jahrhunderts erkennen, am frühesten im Herzogtum Sachsen, wo Heinrich der Löwe Braunschweig zu einem Mittelpunkt seines Herrschaftsbereichs ausbaute. Ihm folgte der Herzog von Österreich, Heinrich IL , der um 1170 in Wien eine neue Pfalz erbaute und sich dann, nach dem Ausweis der Urkunden, meistens dort aufgehalten hat. Im 13. Jahrhundert sind Anfänge einer Residenzbildung in Dresden, Gotha, Marburg, Landshut, München und an mehreren anderen Stellen zu beobachten. Dabei hat die Verbindung von Burg und Stadt überall eine große Rolle gespielt. Die Beziehungen waren allerdings nicht immer freundlicher Natur, weil die Anwesenheit des Hofes nicht nur die Stadtentwicklung gefördert, sondern zugleich auch die Ausbildung eigener städtischer Verwaltungsformen gehemmt hat. So haben sich zum Beispiel die Wiener, als 1236 die Reichsacht gegen Herzog Friedrich IL von Österreich vollzogen wurde, gegen ihren Landesherrn gestellt und darauf hingewirkt, daß Wien zur Reichsstadt erklärt wurde. Besonders heftig waren solche Auseinandersetzungen in den Bischofsstädten. Sie haben dort vielfach dazu geführt, daß der geistliche Stadtherr außerhalb seiner Metropole einen neuen Herrschaftssitz gegründet und von dort aus sein Bistum verwaltet hat.
      Der Aufbau fester Herrschaftsmittelpunkte war ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum Territorialstaat. Denn erst nachdemder Hof ortsfest geworden war, konnte sieb ein größerer Verwaltungsapparat entwickeln, der die Voraussetzung bildete für die staatliche Erschließung des Landes. Die Residenzbildung war aber auch für die Literaturgeschichte von großer Bedeutung, weil der ortsfeste Fürstenhof als gesellschaftlicher und kultureller Mittelpunkt eine große Ausstrahlungskraft entfaltete. Die Ortsgebundenheit des Hofs erlaubte neue Formen der fürstlichen Repräsentation, vor allem im Bereich der Architektur - der Ausbau des herrschaftlichen Wohnbaus zum Schloß begann in dieser Zeit - und auch neue Wege des literarischen Mäzenatentums. Davon haben vor allem die höfischen Epiker profitiert, die darauf angewiesen waren, über Jahre hinweg an einem Werk möglichst ungestört arbeiten zu können.

      Hofstaat und Hofgesellschaft
Ãœber die personale Zusammensetzung der Hofgesellschaft wissen wir nicht viel. Was die historischen Quellen darüber berichten, bezieht sich fast ausschließlich auf den Kaiserhof. Im Mittelpunkt standen immer die Person und die Familie des Herrschers. Obwohl die Anwesenheit von Frauen und Kindern nur ausnahmsweise erwähnt wird, kann man davon ausgehen, daß die Kaiserin in der Regel ihren Mann auf seinen Fahrten durch das Land begleitet hat. Wenn die Herrscherin längere Zeit vom Hof getrennt lebte, wie es zum Beispiel für Beatrix , die Gemahlin Friedrichs I., bezeugt ist, die sich öfter in ihren bur-gundischen Erblanden aufhielt, so muß offenbleiben, ob die Trennung dem Wunsch entsprach, sich dem beschwerlichen Reiseleben zu entziehen, oder ob andere Gründe dafür ausschlaggebend waren. Zum Hof gehörte weiter die zahlreiche Hofgeistlichkeit, die in der Hofkapelle organisiert war und die den täglichen Gottesdienst versah. Zu diesem Zweck wurden verschiedene kirchliche Gerätschaften mitgeführt: Tragaltäre, liturgische Gewänder, Meßbücher usw. Darüber hinaus nahmen die Hofkleriker eine Fülle verschiedener Aufgaben wahr: der Hofarzt war in der Regel ebenso ein Kaplan wie der Hofarchitekt und der Prinzenerzieher, und auch die diplomatischen Missionen wurden vielfach Angehörigen des geistlichen Standes übertragen. Das Personal der Hofkapelle war zum Teil identisch mit dem der Kanzlei, den Notaren und Schreibern, in deren Händen, unter der Leitung des Kanzlers, der gesamte

Schriftverkehr des Hofes lag. Es ist anzunehmen, daß die mobile Reichskanzlei auch über ein Urkundenarchiv verfügte, von dessen Umfang man sich aber nur schwer eine Vorstellung machen kann. Ferner gehörte zum reisenden Hof die eigentliche Hofverwaltung, deren wichtigste Ämter zur Zeit der Staufer-kaiser bereits in den bedeutendsten Ministerialenfamilien erblich geworden waren: Truchseß, Kämmerer, Marschall und Schenke; dazu kamen die Ämter des Küchenmeisters, des Forstmeisters, des Jägermeisters usw. Zu jedem Amt gehörte ein bestimmtes Personal. Man wird damit rechnen können, daß auch die nächsten Familienangehörigen der Ministerialen, die diese Hofämter innehatten, zur Hofgesellschaft gehörten. Dazu sind weiterhin die adligen Gäste zu zählen, die in wechselnder Zahl für eine kürzere oder längere Zeit den Hof des Herrschers besuchten und begleiteten, wie sich aus der Liste der Urkundenzeugen ablesen läßt. Um ein Vielfaches größer muß die Zahl der Diener und Reisigen gewesen sein, die für die untergeordneten Tätigkeiten und zum Schutz der Reisegesellschaft da waren.
      Die fürstliche Hofgesellschaft wird im Prinzip genauso strukturiert gewesen sein. Zu den wenigen Quellen, die darüber Auskunft geben, gehören die Reiserechnungsbücher des Bischofs Wolfger von Passau, die zwar keine Angaben über Größe und Zusammensetzung der reisenden Hofgesellschaft enthalten, aber ein lebendiges Bild davon vermitteln, wie groß und vielfältig der Personenkreis war, mit dem der Fürst und sein Hof auf der Reise ständig in Berührung kamen. Außer den Gästen und den verschiedenen Gesandtschaften und Boten fanden sich täglich ganze Scharen von Bittstellern und Unterhaltungskünstlern ein - der berühmteste unter ihnen war Walther von der Vogelweide —, die der Bischof mit Almosen und Geschenken bedachte. In diesen Rechnungsbüchern ist auch verzeichnet, welche Summen für die Unterbringung und Beköstigung des Hofs ausgegeben wurden. Noch genauere Angaben über die Organisation der fürstlichen Hofverwaltung und die Mitglieder der Hofgesellschaft findet man in dem Verzeichnis der »Amter des Hofs von Hennegau« , das am Anfang des 13. Jahrhunderts aufgeschrieben wurde . Vom Ende des 13. Jahrhunderts stammt eine Liste mit dem Titel: >Dies ist die herrschaftliche familia in Tiroh , die in den Raitbüchern des Grafen von Tirol überliefert ist und die etwa fünfzig Personen nennt, die zum
Verwaltungspersonal und zur Dienerschaft der gräflichen Hauptburg Tirol gehörten . Ãœber das Personal des Witteisbacher Herzoghofs gibt die bayerische Hofordnung aus dem Jahr 1294 Auskunft . Aufgrund der verschiedenen Angaben kann man schätzen, daß ein großer fürstlicher Haushalt im 13. Jahrhundert alles in allem, aber ohne die Gäste, etwa 100 bis 150 Personen umfaßte, wovon jedoch höchstens ein Viertel am Gesellschaftsleben der fürstlichen Familie teilgenommen haben dürfte.

      Das Wort »höfisch«
Wenn wir von der »höfischen« Kultur des hohen Mittelalters sprechen, so folgen wir dem Sprachgebrauch der Zeit. »Höfisch« war schon damals der Hauptbegriff für die adlige Gesellschaftskultur, die im 12. Jahrhundert an den großen Höfen entstanden ist. Offenbar war das Wort »höfisch« selbst eine Frucht dieser Kultur, denn es kommt erst seit der Mitte des 12. Jahrhunderts vor. Die ältesten Belege für hövesch oder hubisch stehen in der >KaiserchronikKönig Rother< auch das Abstraktum hövescheit , das ebenfalls von Anfang an das höfische Verhalten gegenüber den Damen bezeichnete: »Und er erreichte durch seine Höfischheit, daß die schöne Jungfrau ihrem Vater entfloh.« Im >König Rother< ist auch das Adjektiv hovebaere zum ersten Mal belegt . Zu trennen von diesem positiven Wortschatz der Höfischheit, der sehr schnell allgemeine Geltung erlangte und noch um verschiedene Ableitungen von hof und hövesch bereichert wurde , ist das Verbum höveschen und das davon gebildete höveschaere , die auch in bezug auf die Liebe, aber durchweg negativ, im Sinne von »den Frauen nachstellen« gebraucht wurden. In der >Kaiserchronik< hieß es von den Untaten Kaiser Heinrichs

I

V.

: »Er gab sich dem unsittlichen Leben hin: er ritt hofierend durch das Land und schändete vornehme Damen.« Diese Wörter höveschen und höveschaere kamen bald aus dem Gebrauch; sie waren offenbar Teile eines veralteten Wortschatzes.
      Auffällig ist, daß die ältesten Belege für das Zentralwort der neuen Kultur in literarischen Werken wie der >Kaiserchronik< und dem >König Rother< begegnen, die nicht nach französischen Vorlagen gedichtet waren. Das ist keine Stütze für die verbreitete Auffassung, daß hövesch und hövescheit als Lehnübersetzungen nach dem Vorbild der altfranzösischen Wörter cortois und corteisie gebildet worden sind. Unbestreitbar ist jedoch, daß die deutschen Wörter seit dem Ende des 12. Jahrhunderts in engem Kontakt mit der französischen Hofterminologie gestanden haben. In Frankreich wurden vilain und vüenie als negative Gegenbegriffe zu cortois und corteisie gebraucht; und nach diesem Muster sind auch in Deutschland dörperlich und dörperheit gebildet worden. Der Lautstand verrät, daß diese Wörter auf dem Weg über den Niederrhein, wahrscheinlich aus Flandern, in die hochdeutsche Dichtersprache gelangt sind. Außerdem ist die französische Terminologie auch direkt entlehnt worden: das Adjektiv kurteis und das Substantiv kurtoisie kommen kurz nach 1200 im >Parzival< von Wolfram von Eschenbach, im >Tristan< von Gottfried von Straßburg und im >Wigalois< von Wirnt von Grafenberg vor. Das französische Lehnwort vilän begegnet in der >Krone< von Heinrich von dem Türlin .
      Die Geschichte des Wortes »höfisch« und seiner Beziehungen zum romanischen Wortschatz ist noch weithin unerforscht. Aufhellung ist von Peter F. Ganz zu erwarten, der darauf hingewiesen hat, daß die deutsche Hofterminologie auch im Zusammenhang mit der lateinischen gesehen werden muß. Curia-lis war ein altes römisches Wort, das abererst seit dem 11. Jahrhundert häufiger benutzt wurde und nur allmählich die Bedeutung »höfisch« annahm. Erst im hohen Mittelalter wurde dazu das Substantiv curialitas gebildet, das nun neben urbanitas »Weitläufigkeit«, »feine Bildung«, »höfisches Wesen« bezeichnete und in dieser Bedeutung sowohl auf die französische wie auch auf die deutsche Hofterminologie eingewirkt hat . Im 12. Jahrhundert konnte curia-lis bereits als auszeichnendes Beiwort auf Frauen angewendet werden. Das Gegenteil von curialitas wurde mit simplicitas ru-sticana umschrieben. Es gab aber auch den begrifflichen Gegensatz von urbanitas und rusticitas , der bereits bei Quintilian zur Charakterisierung des fein gebildeten Redners gegenüber dem ungewandten Tölpel benutzt wurde .
      Die deutschen Wörter hövesch und hövescheit wurden im 13. Jahrhundert mitunter konkret auf die Institutionen des Hofes bezogen. »Wer am Hof ein gutes Benehmen zeigen will, der soll sich zuhause davor hüten, je etwas Unhöfisches zu tun; denn ihr müßt wissen, daß höfische Erziehung und höfisches Wesen die Frucht guter Gewohnheit sind.« In der Bedeutung »was zum Hof und zur höfischen Gesellschaft gehört« konnten hövesch und hövescheit auf alle zeremoniellen Umgangsformen und auf die ganze materielle Ausstattung des adligen Lebens angewandt werden, auf Kleider, Waffen, Pferde. »Hört von schöner Höfischheit eines Pferdes, das sie ritt.« Meistens trat jedoch die soziologische Bedeutung von hövesch hinter der ideologischen zurück. »Höfisch« wurde zum Programmwort für ein Gesellschaftsideal, in dem äußerer Glanz, körperliche Schönheit, vornehme Abstammung, Reichtum und Ansehen mit edler Gesinnung, feinem Benehmen, ritterlicher Tugend und Frömmigkeit verbunden waren. Im Sinne einer solchen Harmonie ist wohl auch das Wort vom »höfischen Gott« zu verstehen, das Hartmann von Aue benutzt hat, als Erec einen grausamen Riesen tötete; »er stach ihn tot auf die Erde nieder, wie es der höfische Gott wollte.«

  

In der Wissenschaftssprache ist »höfisch« ein ungenaues, ein verwaschenes Wort. Das liegt hauptsächlich daran, daß die geistesgeschichtliche Literaturwissenschaft das Wort von der historischen Gegebenheit des Hofes gelöst und auf eine »Idee« des Höfischen bezogen hat, die inhaltlich mit dem Glanz des staufischen Kaisertums gefüllt wurde. Wenn man nicht gänzlich auf das Wort verzichten will, tut man gut daran, die verschiedenen Bedeutungsaspekte so konkret wie möglich zu fassen.
      Erstens bleibt »höfisch« ein literarhistorischer Begriff, der auf den Hof als den gesellschaftlichen Ort der Literatur hinweist. Wenn diese Literatur als »höfische« Literatur charakterisiert wird, so ist gemeint, daß es Hofliteratur war, hervorgebracht von Hofdichtern, die auch »höfische« Dichter genannt werden können, und bestimmt für ein Hofpublikum beziehungsweise ein »höfisches« Publikum. In diesem Sinn kann der Begriff »höfische« Literatur benutzt werden, um eine bedeutende Tradition der europäischen Literaturgeschichte, von der Spätantike an, zu bezeichnen, wie in dem Titel von Reto R. Bezzolas großem fünfbändigen Werk >Die Ursprünge und die Ausbildung der höfischen Literatur im Abendland< , das sieben Jahrhunderte europäischer Hofliteratur, von 500-1200, behandelt. Man kann diese Tradition »höfischer« Literatur bis ins 18. Jahrhundert weiterverfolgen, solange der Hof einen prägenden Einfluß auf die literarische Entwicklung hatte. Es empfiehlt sich jedoch, begrifflich zu unterscheiden zwischen der Tradition abendländischer Hofliteratur und der spezifischen historischen Erscheinung der »höfischen« Literatur des hohen Mittelalters, die in Deutschland in der Mitte des 12. Jahrhunderts mit der Rezeption der »höfischen« Literatur aus Frankreich begann und die um 1300 zu Ende ging.
      Zweitens kann »höfisch«, entsprechend dem mittelhochdeutschen Wortgebrauch, auf die verschiedenen Aspekte des neuen Gesellschaftsideals bezogen werden, also auf den ganzen Bereich der »höfischen« Kultur. Im Mittelpunkt stand die Figur des »höfischen« Ritters, der sich »höfisch« kleidete, sich »höfischer« Umgangsformen befleißigte und eine »höfische« Gesinnung an den Tag legte. Hier gewinnt das Wort »höfisch« einen ausgesprochen ideologischen Charakter, der besonders hervortritt, wenn von »höfischer« Liebe als dem zentralen Wert des neuen Gesellschaftsideals und von »höfischer« Tugendhaftigkeit gesprochen wird.
      Drittens behält »höfisch« auch als literarischer Gattungsbegriff einen eigenen Sinn. »Höfische« Epik und »höfische« Lyrik waren die Hauptformen der Dichtung, die an den großen Höfen gefördert wurde. Während diese Terminologie für die Lyrik unproblematisch ist, wird für die Epik des 12. Jahrhunderts meistens zwischen »vorhöfischen«, »frühhöfischen« und »hochhöfischen« Texten unterschieden. Diese Terminologie, die das Wort »höfisch« nur als Stilbegriff benutzt, verdeckt jedoch die Tatsache, daß auch die »vorhöfischen« Epen, wie die >Kaiserchronik< und das >RolandsliedEneit< eine neue Form der »höfischen« Epik begann, könnte man dadurch Rechnung tragen, daß man diese Werke, im Anschluß an den französischen Begriff >roman cour-tois

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